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FUSSBALL Der Anschein von Volksnähe

Schalke-Manager Rudi Assauer versteht sich als letzter Klassenkämpfer der Bundesliga. Doch so wie die Konkurrenz in München und Dortmund schmerzt auch ihn die neue Aggressivität des Publikums: Die Fans mögen keine Kicker, die arrogant und abgehoben sind.
Von Klaus Brinkbäumer und Jörg Kramer
aus DER SPIEGEL 50/1999

Das Dümmste, was einem Macher widerfahren kann, ist Machtlosigkeit. Wenn Rudi Assauer wie immer die Knie gegen die Schreibtischkante drückt, den Kopf zurücklegt, Tee aus dem Becher mit der Aufschrift »Rudi der Ruhmreiche« schlürft, wenn er dann seinen unvermeidlichen Zigarrenstumpen neu ansteckt, tief im Nebel die Handkante durch die Luft sausen lässt, dann soll auch was passieren. Aber wenn dann nichts passiert? Keine Änderung, kein Fortschritt?

Assauer, 55, nennt diesen Zustand »Seuche«. Seuche ist dann, »wenn du dir den Finger in der Nase abbrichst, wenn Sachen passieren, die gar nicht möglich sind und bei denen du trotz intensivster Ursachenforschung nicht auf den Punkt kommst, und da kannste dann trainieren, machen, üben, sprechen und musst doch möglichst ruhig bleiben«.

Dieser Tage ist es wieder so. Der rauchende Macher von Schalke 04 sitzt machtlos in seiner Wolke im ersten Stock in der Geschäftsstelle des Bundesligaclubs und wartet unruhig auf das Ende der Seuche.

Eigentlich mag er ja genau dieses am Fußball: dass keiner den Erfolg kaufen kann, nicht mal Uli Hoeneß einen Champions-League-Titel, weil am Ende der Ball rollt, wie er will. Gemein ist jedoch, dass die Seuche so ausgiebig ausgerechnet Assauer plagt, der sich doch als Mann der Basis, als letzter Klassenkämpfer der Bundesliga versteht. Das geht ihm »mächtig auf den Pinn«. Hat er denn etwas falsch gemacht?

Er hat eine Menge Trainer entlassen und schließlich den Niederländer Huub Stevens gefunden, »einen ganz ehrlichen Kerl mit viel, viel Verstand inner Birne«. Dann hat er die Arena »auf Schalke« angeschoben, dieses »Jahrhundertobjekt«, das »358 Millionen Mäuse« kosten wird und 2001 fertig sein soll. Schließlich hat er die Mannschaft, die letztes Jahr lausig wie lange nicht spielte, mit exquisiten neuen Profis bestückt. Aus Holland, Dänemark, Ghana und Polen.

Und? Die Mannschaft hat von sieben Heimspielen dieser Saison erst eines gewonnen. Und die Zuschauer im Parkstadion pfeifen den Abwehrspieler Nico van Kerckhoven aus, weil er für das neue Schalke steht. Der Belgier muss mit dem Pech leben, sieben Millionen Mark Ablöse gekostet und den beliebten Michael Büskens aus der Stammelf verdrängt zu haben. Büskens, seit sieben Jahren im Club, steht aber für das alte Schalke.

Mächtig aufgeregt hat sich Assauer über den Umgang des Publikums mit dem Angestellten van Kerckhoven: »So ist das nicht mehr mein Schalke«, polterte er und drohte mit Rücktritt. Denn van Kerckhoven, so ahnt der Manager, ist nicht die eigentliche Zielscheibe: »Vielleicht meinen die Leute den Stevens und mich.«

Womit Assauer wohl nie gerechnet hätte: Ihn und die ungeliebten Konkurrenten aus Dortmund und München plagt dasselbe Problem. Der Fan muckt auf. Zwischen der Basis und den kickenden Millionären stimmt die Kommunikation nicht mehr. Ausgerechnet bei den drei Bundesligisten mit dem stärksten Anhängerpotenzial haben sich Käufer und Verkäufer der Ware Fußball entfremdet.

Beim FC Bayern München führte eine 0:1-Schlappe im Lokalduell gegen den TSV 1860 zu empfindlichen Verwerfungen. Kapitän Stefan Effenberg sprach den Bayern-Zuschauern das Recht ab, »uns so zu kritisieren« - und wurde auf der vereinseigenen Internet-Homepage prompt als »Anführer der Arroganz« gescholten.

Zwar beeilte sich Club-Vize Karl-Heinz Rummenigge, in die Öffentlichkeit zu streuen, man habe Effenberg deshalb zur Räson gerufen. Beim nächsten Heimspiel rollten die Tribünenbesucher dennoch ein unmissverständliches Transparent aus: »Wir verzeihen nicht!«

Dass Bayern-Profis wie Markus Babbel das Gemaule von jenseits des Rasens »nicht

nachvollziehen« können, mag daran liegen, dass müde Arbeitssiege in der Champions League mitunter dem Club zweistellige Millionenbeträge versprechen, während Niederlagen im früher so heißblütig umkämpften Derby nicht viel mehr kosten als ein paar Sympathien. Der Zuschauer im Stadion, dessen Eintrittsgeld heutzutage eine zu vernachlässigende Größe im Vereinsbudget darstellt, sei vielleicht mit »einem Hunderter Statistengage« ruhig zu stellen, empfahl die »Süddeutsche Zeitung« spitz.

Auch in Dortmund kriselt es seit Monaten zwischen Fan und Fußballer. Ihr »Ersatz-Sandsack«, wie ein Insider formuliert, heißt Michael Skibbe. Für die Dauerkarteninhaber verkörpert der temperamentschwache Trainer jenen nüchternen Ergebniskick, der Freunden der Rasenmaloche zwangsläufig verdächtig vorkommt. »Wir woll''n euch kämpfen sehn«, gemahnte die Südtribüne, und ein anderes Plakat machte deutlich, dass es die Geschäftemacherei ist, die das Publikum mehr vergrätzt als eine unglückliche Niederlage: »Ehrliche Arbeit statt Börsengang«.

Die Borussia hat jüngst die Umwandlung der Profiabteilung in eine Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) beschlossen. Der Fußball, gibt Manager Michael Meier zu, sei zuletzt öffentlich »nur noch als Geldmaschinerie rübergekommen«.

Das hat Folgen: Für gewöhnlich pilgern Borussen-Anhänger in Kompanie-Stärke zum Training ihrer Elf. Vor dem Uefa-Cup-Spiel gegen Glasgow jedoch bemühten sich vorige Woche gerade mal 19 Unentwegte in den Westfalenpark. Club-Chef Gerd Niebaum versucht, den Protest vom Verein auf die Spieler umzulenken, die er als eigentlich Verantwortliche ansieht: »Wer eine dicke Brieftasche hat, wird gleichgültig gewissen Dingen gegenüber.«

Mögen sich Münchner wie Dortmunder vorigen Dienstag mit ihren Siegen auf internationalem Terrain auch etwas Luft verschafft haben - in den Wirtschaftswunderclubs der Bundesliga schwelt ein klassischer Konflikt: Wie modern, so lautet die Preisfrage, kann man werden, ohne die Wurzeln zu verlieren?

Der Vorsitzende des Dachverbands aller Schalke-Fanclubs erhielt im vergangenen Monat so viele empörte Briefe über das Gehabe von Spielern und Vereinsführung, dass er ein Gespräch mit Rudi Assauer suchte. Der erneuerte zwar seine Philosophie, dass »Fußball ohne Publikum tot ist«; dass auf Schalke gefälligst samstags gespielt werden müsse, weil der Zuschauer statistisch aus 107 Kilometern Entfernung anreise; und dass die Champions League ein Wettbewerb sei, von dem der Fußballinteressierte wisse, »dass es Zirkus ist«.

Aber kann er den Lauf der Welt aufhalten?

Manager wie Assauer leiden sehr am Fußball in diesen Zeiten. Assauer leidet, weil er den Fußball so liebt, und er liebt den Fußball, weil der ihn groß gemacht hat, damals, als Fußball im Ruhrgebiet noch Religion war. Damals, in den fünfziger Jahren, pölte Rudi Assauer im Katzenbusch von Herten mit seinen Kumpels, »wir ham uns da unseren eigenen Platz gezimmert, mit Latten zwischen den Bäumen«. Der Ball war aus Gummi, denn der Rudi kam von ganz unten: Vater war Stellmacher, eine Art Zimmermann, Mutter Hausfrau, und wenn mal Geld da war, gab es freitags zu Hause Schellfisch mit Senfsoße, Armeleuteessen. »Dass das heute eine Delikatesse ist, ich glaub''s nicht.«

Mit 14 verließ Assauer die Schule, lernte Stahlbauschlosser und ging zur Abendschule. Und dann - sein Schlüsselerlebnis - war an einem Mittwoch das Endspiel der Landesmeister, FC Barcelona gegen Benfica Lissabon; da fragte der Rudi seinen Pauker, wie denn überhaupt die Quote sei in der Abendschule. Von 40 Jungs kämen 3 durch, sagte der Herr Lehrer, »und da sollte ich dabei sein«? Rudi warf die Tasche in die Ecke, guckte Fußball, 3:2 für Benfica. Und von da an wollte er nur noch Fußballer werden.

Er kam in Auswahlmannschaften und in die Zweite Liga West mit der Spielvereinigung Herten und verdiente 50 Mark pro Monat und 5 Mark pro Punkt. 1964 dann zu Borussia Dortmund, Jüngster beim Europacupsieg, 307 Bundesligaspiele, eine ordentliche deutsche Profikarriere.

»Ich bin dankbar«, sagt Assauer, der Romantiker, »und ich sage jedem Spieler, der sich heute bei mir über irgendwas beschwert: Du wirst erst das heulende Elend kriegen, wenn im Stadion die Lichter angehen, und du bist nicht mehr dabei.«

Assauer wurde Manager, erst in Bremen, wo er in der Zweiten Liga den damals reputationsschwachen Trainer Otto Rehhagel verpflichtete, und dann in Schalke, wo sie ihn 1986 nach fünf Jahren entließen. Wenigstens weiß der Mann, der 1993 wieder ins Amt zurückkehrte und den sie »Rasierer-Rudi« nennen, seitdem, was er seinen Trainern antut, wenn er sie rausschmeißt.

»Rasierer-Rudi« hatte jahrelang ein etwas grob geschnitztes, aber für seine Branche ideales Image: Er entscheidet blitzschnell, arbeitet wie geisteskrank für seine große Liebe Schalke und kämpft dabei stets für die Jungs in der Nordkurve, die »treu im Regen stehen und immer löhnen«.

Dieses Image rührt unter anderem daher, dass Assauer sich mit Zigarre in der Sauna knipsen lässt; dass er »Bild« nach jeder privaten Trennung darüber informiert, es gehe »nur eins: Schalke oder Familie«, und da entscheide er sich natürlich für Schalke. Dass er eine 30 Jahre jüngere Geliebte mit den Worten verabschiedet, »die Alte« habe zwar keine Ahnung von Fußball, sei aber sonst »unheimlich in Ordnung«.

Darum schwärmt dann »Bild« vom letzten Macho der Bundesliga. Tatsächlich aber wurde so aus Assauer eine Art Harald Juhnke des Fußballs. Einer, dem nach eigenem Urteil zuweilen »der Gaul durchgeht«, wenn er wie neulich Torwart Mathias Schober öffentlich rüffelt oder in der Umkleidekabine »mit einem gezielten Spannstoß« das Mobiliar traktiert.

Es gibt aber auch Leute in der Schalker Geschäftsstelle, die seine vielen Rücktrittsdrohungen inzwischen als »ziemlich abstrakt« verspotten und sagen, »der Volksheld ,Assi''« sei ein Medienprodukt. Der Mann sei zwar bauernschlau, heißt es, und ein Fachmann, wenn es um Spieler und Trainer geht, doch die entscheidende kaufmännische Arbeit erledigten längst Geschäftsführer Peter Peters und Vizepräsident Josef Schnusenberg. Und die führen den Club längst nach denselben Prinzipien wie der verhasste Nachbar Borussia Dortmund, der am Mittwoch zum Ruhrgebietsschlager nach Gelsenkirchen kommt.

Das wissen die Fans - und nehmen Assauer seinen Kreuzzug gegen Heuchelei, Werteverfall und Ausverkauf nicht mehr ab. Denn Schalke will ja genau wie Borussia Dortmund nach oben, verpflichtet deshalb genau wie Borussia Dortmund jede Menge ausländischer Spieler; und deshalb ist Assauer - genau wie der langjährige Profi und heutige Sportmanager Michael Zorc bei Borussia Dortmund - so etwas wie das gute Gewissen eines Unternehmens, das die Volksnähe fürs Geschäft braucht. Oder eben den Anschein von Volksnähe.

Das ist Assauers Rolle bei Schalke; es ist das Problem von Fossilien aus der Gründerzeit der Liga, dass sie im Millionenspiel ihren Platz finden und dort auch noch glaubwürdig erscheinen müssen - was freilich eher gegen das Geschäft als gegen das Fossil spricht.

Seine zweite Amtszeit begann Assauer ja damit, dass er den Club, der während der Ära des Klinikbesitzers Günter Eichberg vom schnellen Geld ganz besoffen war, gründlich ausnüchterte. »Damals«, so Assauer, »gab es hier Bierdeckelverträge und Serviettenverträge, und wir hatten dann die ganzen Personalkosten am Bein.«

Einmal kam zum Beispiel eine Rechnung von BP ins Haus, 5000 Mark. »Haben wir im Parkstadion eine Cessna versteckt?«, fragte Assauer und lernte, dass es bei Schalke eine Einrichtung namens »Tankkarten« gab: »Jeder konnte frisch, fromm, fröhlich tanken und dann auch noch seine Verwandten bedienen, und alle trugen sie dabei natürlich Schalke im Herzen.« Assauer strich die Tankkarten und bekam sofort einen Anruf von Udo Lattek, der schon lange nicht mehr Trainer in Schalke war: »Assi, das kannste doch nicht machen.« Da sprach Assauer: »Udo Lattek, du hast keinen Charakter.«

Es war eine harte Zeit, aber angeblich eine ehrliche. Assauer und Peters bauten über 13 Millionen Mark Schulden ab, und die Mannschaft gewann trotzdem 1997 den Uefa-Cup. Die Schwierigkeit war, nach dem Triumph den Weg in die Zukunft zu finden; Idealist und Manager zugleich zu sein.

Rund drei Jahre gibt Assauer sich noch für sein Experiment, dann will er sich einen Kotten im Münsterland kaufen. »Dort am Kamin mit Kumpels ein Bierchen trinken und dreimal die Woche auf Schalke fahren und gucken, wie es hier so geht.«

KLAUS BRINKBÄUMER, JÖRG KRAMER

* Mit Trainer Huub Stevens (l.).

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