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Der Bundesliga schneller Brüter

aus DER SPIEGEL 17/1977

Ein Bus fuhr ab - und HSV-Manager Peter Krohn landete wieder einmal prompt auf seinem Lieblingssportplatz: in den Schlagzeilen. Dort tummelt er sich seit einer guten Woche mit jener Mischung aus Selbstmitleid und Zufriedenheit (viel Feind, viel Ehr!), die dem ersten und bisher einzigen Berufsmanager der Fußballbundesliga eigen ist wie seinem Verein die Trikolore Blau-Weiß-Schwarz.

Daß der Bus in Madrid zu einer vom Manager anberaumten Flutlichtprobe im Atlético-Stadion mit zwölf Minuten Verspätung abfuhr, ohne auf den zurückgebliebenen Trainer und die mit ihm verspäteten Spieler Kargus und Volkert zu warten (Krohn: »Die hätten ja mit dem Taxi nachkommen können!"), wirkt bestenfalls wie die Schulausflugs-Querele eines Mädchen-Pensionats.

Doch kurz darauf verputzte nicht nur Spaniens Tabellenführer Atlético den Hamburger Sportverein mit 3:1 (was die Europapokal-Hoffnungen der Hamburger auf ein Minimum reduziert), nicht nur verloren die »Krohn-Juwelen« ein gutes Stück Hoffnung auf den Uefa-Cup im nächsten Jahr durch eine 2:3-Niederlage beim abstiegsbedrohten Saarbrücken, sondern Kuno Klötzer, seit vier Jahren erfolgreicher Trainer des norddeutschen Spitzenvereins, warf über dem Madrider Bus-Ärger das Handtuch. Er kündigte.

Aber nicht einmal diesen unheimlich starken Abgang wollte Krohn dem jahrelang von ihm Gedeckelten lassen. Krohn: Nicht Klötzer habe gekündigt, sondern er habe bereits am 16. März ("An meinem Geburtstag -- das halte ich für ein gutes Omen!") mit Rudi Gutendorf einen Klötzer-Nachfolgevertrag ausgehandelt und unterschrieben.

So kann »Ritter Kuno« zwar grollend, aber nicht unbesiegt von der Hamburger Walstatt ziehen, auf der seit Jahren seine ungleichen Duelle gegen den Manager mit Generalvollmachten ein Abseits-Entertainment des deutschen Fußballvolks bilden.

Wenn Peter Krohn recht hat, dann waren die Schimpfduette zwischen dem eloquent-sämigen Manager und seinem kantig wortverlegenen Trainer nicht nur die Sahne auf der allwöchentlichen Bundesliga-Punkte-Diät, sondern Ausdruck eines Generationswechsels im deutschen Fußball.

Turnvater Jahn gegen Sportbusiness und -- Management à la Caesars Palace in Las Vegas -- so jedenfalls möchte Krohn den Konflikt sehen, und er glaubt, daß er als »Pionier der Zukunft« wie alle Neuerer viel und ungerecht zu leiden habe.

Krohn, dessen flinke Intelligenz nur ab und zu über seinen Selbstdarstellungszwang zu straucheln droht, hat gewiß als erster Bundesligaverantwortlicher erkannt, wie Deutschlands Freizeittöter Nr. 1 seine gutgeölten Maschinen der Vergnügungsindustrie immer noch hinter einem altfränkischen Selbstverständnis schamvoll zu kaschieren sucht -- ein emotionsgeladenes Kraftwerk hinter klirrenden Butzenscheiben.

Diese überkommene Mischung aus Lokalpatriotismus und Stammtischvereinsmeierei, aus männerbündischen Turnerideen und Ehrenstatuten mönchischer Amateure ("Elf Freunde sollt ihr sein!") ist ja vor Jahren in den großen Bundesligaskandalen explodiert, als sich viel Geld und gute Worte nicht mehr unter einen Hut bringen ließen.

Noch heute zieht ein nostalgischer Hauch jener guten alten Zeit durch Fußballreportagen, wenn manche Sportreporter deutsche Jungs in internationalen Begegnungen, etwa gegen Italiener, darob bemitleiden, daß sie es da mit knallharten internationalen Profis zu tun hätten. Als ob es die deutschen Spieler für ein »Vergelt"s Gott« täten!

Krohn, so viel ist sicher, hat mit wenig Takt und viel publizistischem Gespür in dieser Fußballbewußtseinsspaltung eine Marktlücke aufgetan -- und sie mit Krohn gefüllt.

Klappern jedenfalls gehört für ihn nicht nur zum Geschäft, sondern ist das Geschäft.

Mal steckt er seine Profis zum Matsch- und Knochenduell in babyrosa Trikots. mal verschenkt er leerbleibende Volksparkstadionplätze an Ärzte und Schüler. Mal verspricht er, den Pokalsieger HSV am Hamburger Dammtorbahnhof mit echten Elefanten zu empfangen (was am Tierschutz oder an der Polizei scheitert), mal spendiert er den Fußballbräuten und -frauen Kaffee und Kuchen.

Um Ideen und Worte nie verlegen, spielt Krohn in der Öffentlichkeit abwechselnd Muhammad Ah ("Wir werden Deutscher Meister!") und einen den Fußball milde belächelnden Ästheten ("Wer zwei und zwei addieren kann, versteht auch genug vom Fußball«, so Krohn einst in der Sportschau).

Er ist dabei, man darf ihm das glauben, ehrlich erstaunt, wenn ihm seine publizistischen Pirouetten als pure Egozentrik ausgelegt werden.

Doch erachtet er für angebracht normal, daß der Stadionsprecher. nach einer 2:O-Halbzeitführung gegen MTK Budapest, den über dreißigtausend Zuschauern mit bewegter Stimme verkündet, dies sei das schönste Geburtstagsgeschenk für Dr. Krohn -- ein Glücklicher ist einfach ein gutes Omen.

Einem, der daneben wie Kuno Klötzer mit dem Verein die Knochenarbeit macht, mag das schon die ohnehin spärliche Sprache verschlagen. Hier, wo alles noch nach dem alten Rezept verläuft, daß der Ball rund sei, ein Spiel neunzig Minuten dauere und die Spieler dem Trainer brav »an die Hand gehen«, mußte der Manager-Tatendrang wirken wie Operndiva-Gebaren unter Landsknechten.

Klötzer (Krohn über ihn: »Ich mag ihn, obwohl er der alte Turnlehrer-Typ ist. Er genießt schon allein Sympathien, weil er Kuno heißt") wollte das Lagerfeuer -- Krohn (Klötzer über ihn: »Bei mir hätte er nicht mal den B-Trainer-Schein gemacht") wollte das Feuerwerk solange die Kasse stimmte, gab das zwar Slapstickeinlagen nach dem Muster Pat und Patachon, aber es blieb folgenlose Gaudi, eben Kino für die Fans.

Doch der Scheinkrieg trog. Krohns Harmonie-Verlangen war von Anfang an auf Klötzers Ende aus, da der Manager, wie alle Menschen, die mit der Welt im Frieden leben wollen, da, wo er es konnte, weniger sich und mehr die Welt danach einzurichten suchte.

Klötzer mußte das Opfer sein. Wer denn sonst?

Die Spieler? Krohn ist viel zu klug, um nicht zu wissen, daß sie das »Herzstück« seines »totalen Managements« sind. Zwar dankt man es Operndirektoren, daß sie den Tenor mit dem geschmeidigen Belcanto geholt haben, aber man feiert die Tenöre. Und Krohn, mit dem Opernintendanten Everding verglichen, goutiert den Vergleich.

Wenn die Zuschauer im Volksparkstadion »Rudi! Rudi!« rufen, dann wird Krohn es seinem Torwart Kargus gerne und überzeugt nachsehen, daß dieser ihn nach dem Madrider Zwischenfall mißmutig angenommen hatte. Tenöre braucht man, also liebt man sie.

Das Publikum? Zwar vernimmt der Generalmanager geschmerzt, wenn ihn die launische Menge nach Niederlagen anbuht oder mit Schneebällen attackiert. Aber er weiß, daß er und seine Artisten ohne die langbeschalten Fans in der Westkurve nicht nur ratlos, sondern brotlos wären. (Eben jene Treuesten der Treuen verbrannten kürzlich. beim Sieg über den Erzgegner Bayern München, eine Bayernfahne, nachdem sie vorher einen der Ihren im begeisterten Gedränge zu Tode getrampelt hatten.)

So sagte Krohn, über die HSV-Zukunft befragt, nachsichtig wie ein milder Vater: »Wir werden künftig mit vier Sturmspitzen spielen, denn das Hamburger Publikum, so ist es nun einmal, will Tore sehen.«

Die Presse? Zwar fühlt sich Krohn als ihr Schmerzensmann und hat daher auch ein Geheimnis entdeckt: Bundesliga-Ärger gibt es nur in Städten mit Boulevard-Presse -- in Köln, München, Hamburg, Berlin, Frankfurt: Da auch er die Ereignisse erzeugt, die er braucht, darf er da als Experte gelten.

Doch was wäre eine Schlacht ohne deren Chronisten? Noch in seinen publizistischen Verleumdern lebt Nero, wie sonst hätte Rom gebrannt. Und so widmet Krohn sich der Presse, den Medien, scheut weder Auftritte noch Mühen: Als wollte er durch Omnipräsenz nachholen, was er dadurch versäumte, daß er nach dem Madrider Knatsch noch drei Tage bei seiner Schwester in Spanien blieb und Klötzer damit alle Mitleidschleusen widerstandslos öffnete.

Blieb also Opfer nur Klötzer, dargebracht auf dem Altar der Bewegung, den sich Krohn aus Angst vor dem Stillstand errichtet hat.

Denn Krohn ist, wo fast alle des dauernden Fortschreitens müde geworden sind, ein hemmungsloser Progressist, der sich und seinem Verein Bewegung verordnet; egal wohin, Stillstand ist Tod. Kaum aus Spanien zurück, schüttelt er die Niederlagen aus seiner bunten Krawatte und wittert Morgenluft.

In Spanien, bei Atlético, hat er die Zukunft gesehen. Sie hat auch schon einen Namen: Individualismus. Die deutschen Konditionsmaschinen der Bundesliga werfen den rechten Erfolg nicht mehr ab.

Also: Wenn dich dein linker Flügel stört, dann reiß ihn aus! Wie allen schnellen, vorschnellen Denkern und Brütern sind ihm Halbheiten verhaßt. Fußball, das ist für ihn ein jeweils brandneues System, aber bitte total. Wie er das und die neuen Individualisten unter einen Hut bringt, bleibt sein Geheimnis. Er schwärmt denn auch von Atléticos Individualisten, die »wie auf einen Knopfdruck am Schaltbrett« alle auf einmal aus ihrer Tändelei in wilde Action umgeschaltet wurden. Individualismus oder die Revue der Zigfeld-Girls.

Wie er überhaupt die Widersprüche in seiner Suada übertönt und überstürzt -- so als hätte er Angst, ihrer gewahr zu werden: Klötzer, so verrat er beinahe widerstrebend, habe nichts für den Nachwuchs getan, nur zu wahr; Krohn, Sekunden später: Vor einem kräftig zahlenden Publikum könne man keine Niemands, also keinen Nachwuchs spielen lassen.

Krohns Glanz und Elend ist es, daß er meistens wirklich alles besser weiß. Sprunghafte, widersprüchliche Ideen stoßen sich bei ihm an keinem Vorurteil -- es sei denn an dem, daß er keins hat. Er wähnt sich daher gewiß frei von Ideologien, darin allen Erfolgsideologen ähnlich, leistet sich statt dessen eine Handvoll Sentimentalitäten -- die heutigen Kicker sollen es besser haben als sein Vater, der bei einem HSV ohne Weltniveau ackern und bolzen mußte. Noch die Uwe-Seeler-Jahre haben für ihn bestenfalls jenen Heimwerker-Glanz, auf den er gefühlig-mitleidig zurückblickt wie ein studierter Bergbauernbub auf seine analphabetische Großmutter und ihre Knoblauch-Kochrezepte.

Bisher jedenfalls, im Erfolg ("Es waren die erfolgreichsten Jahre in der Geschichte des HSV"), hat ihm niemand gesagt, daß Besserwissen für den Manager nur dann ein Vorteil ist, wenn er es (manchmal) für sich behalten kann.

Daß er beim 1:3 in Madrid nachträglich am Trainer herumkrittelte« indem er (nach Tische weiß man"s besser) nun nicht verstehen wollte, warum Klötzer nach dem 1:1-Ausgleich keinen Stürmer gegen einen Abwehrspieler eintauschte, begründet er so: »Wo jeder Stammtisch zum Fußball seine Meinung sagen darf -- soll ich da schweigen?« Er hat recht -- und er soll doch schweigen, will er kein hochdotierter Stammtisch sein.

Jetzt aber kommt Rudi Gutendorf, der zuletzt Tennis Borussia Berlin publicity-wirksam vor dem Abstieg nicht bewahren konnte, im Gegenteil. Gäbe es den Meister nach unten, Gutendorf hätte ihn kreiert in diesem Jahr.

Gutendorf hat Krohn-würdige Schlagzeilen in Berlin gemacht. Abstieg hin oder her. Er hat, wegen einer Finanzkrise des TB-Vereins, seinen teuren Sportwagen verhökert, hat im Pokalspiel gegen Köln einen Schlagerstar gegen Nationalstürmer Dieter Müller aufgestellt, der, peinliche Niederlage hin oder her, Sportjournalisten zu den hämischsten Metaphern der Saison beflügelte. Es war ein Klappern, wenn auch kein Geschäft nach Punkten.

Der Krohn-verwandte Gutendorf, den sein künftiger Manager zu den fünf Trainern in Deutschland zählt, die ein System, wenn auch nur ein Abwehr-System, erfunden hätten (daher der Name »Riegel-Rudi"), soll nun beim HSV vier Angriffsspitzen fröhlich in Trab halten, die deutsche Meisterschaft gewinnen und vor allem das Kunststück fertigbringen, sich mit seinem Manager die Schlagzeilen zu teilen.

Im Augenblick sind sie beide nur darin eindeutig deutsche Meister. Sonst jedoch, wie man es dreht und wendet, bestenfalls zweite.

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