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FUSSBALL Der Firlefranz

Die Kicker-Ikone Franz Beckenbauer ist der mächtigste Mann im deutschen Fußball. Mit ständig wechselnder Meinung ist er allgegenwärtig - und wird deshalb kaum noch ernst genommen. Beim FC Bayern München halten manche den Präsidenten für ein Sicherheitsrisiko.
aus DER SPIEGEL 50/1998

Günther Jauch stellt die Frage der Nacht. Was, er muß das jetzt wissen, war heute mit Lothar Matthäus los?

Beckenbauer seufzt und beginnt mit einem bayerischen »Joa«. »Man kennt den Lothar«, sagt er. Und dann erklärt er das Problem, das der Lothar mit Manchester United hatte: »Der Stock, äh, der Druck der Mannschaft von Manchester ist immer größer geworden, der Lothar hat sehr gut angefangen, er hat dann die gelbe Karte bekommen, und das hat ihn ein bißchen beschäftigt, denn er hat ja schon in Bröndby die gelbe Karte bekommen, und das heißt, daß er gegen Barcelona nicht spielen darf, und wer den Lothar kennt, der weiß, das wurmt ihn, diese Ungerechtigkeit, und deswegen war er vielleicht nicht mehr ganz so konzentriert.«

Das kann Jauch so aber nicht stehenlassen. Er sagt nur ein Wort: »Trotzdem.«

Und dann wird Lothar Matthäus eingeblendet, man kennt den Lothar, und Lothar Matthäus sagt natürlich, daß ihm die gelbe Karte so was von egal war. »Gut«, findet Beckenbauer jetzt, »Lothar hat die Fehlerkette in Gang gebracht.«

Damit wäre das geklärt. Jauch und Beckenbauer lächeln froh und können überleiten zu ihrem allerliebsten Running Gag, zu Beckenbauers »Freunden von Rosenborg Trondheim« (Jauch), was total ironisch gemeint ist, weil Beckenbauer nichts schlimmer findet als Fußballclubs wie Rosenborg Trondheim. Selig wie die zwei Chinesen der »Harald Schmidt Show« kichern die beiden darum in ihre dicken gelben Mikrofone hinein.

So kichern sie immer, so parodieren sie sich selbst. Denn Günther Jauch, 42, ist als Mann, der für RTL immer wieder mittwochs die Champions League präsentiert, die Karikatur jenes klugen Journalisten, der er bei »stern TV« sein kann - und Franz Beckenbauer, 53, beweist an diesen Abenden auf erstaunlich drastische Weise, daß er mittlerweile so ziemlich das Gegenteil jenes Fußballweisen ist, den die Nation seit Jahrzehnten ehrt.

Franz Beckenbauer ist der mächtigste Mann im deutschen Fußball. Er ist Präsident des FC Bayern, Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Kolumnist bei »Bild« und sonstwo (in England beispielsweise: »Why Germany will always win the war of nerves"). Er ist Buchautor ("Tour de Franz") und Kommentator bei RTL und Premiere. Er soll die Weltmeisterschaft 2006 ins Land holen und wirbt für Opel, Warsteiner, Adidas, Würth und E-Plus: »Is' denn heut' scho' Weihnachten?« Der Multi-Mann ist allgegenwärtig, weil er als einziger Journalist der Republik die Arbeit eines Präsidenten beschreibt, der er selber ist. Doch je größer sein Einfluß, desto mehr Unsinn verzapft er.

Beckenbauer, Haare weiß, Krawattenknoten tadellos, entlarvt sich zunehmend als eine Art lebendige Boulevardzeitung. Er ist unterhaltsam, aber er redet heute dies und morgen das Gegenteil, ohne sich dem Verdacht auszusetzen, eine eigene Meinung zu vertreten. Daher wirkt er nicht mehr wie der Kaiser von einst, sondern eher wie ein Hofnarr, ein Firlefranz, der in den bedeutenden Gremien der Fußballwelt und selbst in der Chefetage des FC Bayern Befremden auslöst.

Das hat sicherlich damit zu tun, daß Beckenbauers größte Begabung, die Fähigkeit, in jedem Stadion besser zu sein als alle anderen, ihm nicht mehr zur Verfügung steht, seit er den Rasen verlassen hat. Er war ja früher kein anderer Mensch; er stellte sich schon in den Siebzigern vor, »daß aus dem gleichen Boden eine Blume, aber auch eine Brennessel sprießen kann. Sollte etwa mein Bruder eine Brennnessel sein«? Beckenbauer las Konfuzius, glaubte an die Wiedergeburt und wünschte sich, in einem künftigen Leben ein Kind auszutragen. Die »FAZ« meldete: »Früherer Teamchef plant Comeback als Frau.«

Doch damals wurde jede Peinlichkeit samstags grandios korrigiert. Letztlich galt der Mann, der »Kaiser Franz« heißt, seit ihn mal ein Fotograf neben einer Büste des Kaisers Franz Joseph knipste, als kompetent, weil er als Libero und später als Trainer bewies, daß er malochen kann.

Diese Balance machte ihn zum Liebling der Medien, zu einem deutschen Weltstar ohne Konkurrenz. Wenn eine Beckenbauer-Mannschaft gewann, galt hinterher ihm das Lob. So ist er irgendwann ein Mann für alle Fragen und damit für alle Ämter geworden. Manchmal irritiert ihn das; manchmal verläßt er das Münchner Olympiastadion vor dem Abpfiff und schimpft auf die Meute, die ihm folgt: »Was fragt's immer mich?«

Sie fragen ihn, weil er antwortet. Werbemenschen lieben ihn dafür. Doch der Preis des Quassel-Ruhms ist, daß Beckenbauer in den inneren Zirkeln der Sportpolitik seit einiger Zeit nicht mehr richtig ernst genommen wird.

Kaum ein Funktionär begriff, wieso Beckenbauer kurz vor der Wahl des neuen Weltverbands-Präsidenten vom europäischen Kandidaten Lennart Johansson abrückte und sich für dessen Rivalen Joseph Blatter aussprach; Blatter ist unter anderem ein Gegner der deutschen WM-Bewerbung. Als dann in der Nacht vor der Wahl reichlich Geld in Briefumschlägen durch Pariser Hotels getragen worden sein soll und am nächsten Tag Blatter gewann, sagte Beckenbauer: »Das wird alles viel zu wichtig genommen.«

Auch die Frage, ob bei Weltmeisterschaften weiterhin 32 Mannschaften oder, wie früher, nur noch 16 oder 24 Nationen mitmachen dürfen, ist für die Sportpolitik heikelstes Terrain. Beckenbauer legt sich durchaus fest, allerdings gleich auf beide Positionen. »Diese Inspiration, diese Leichtigkeit« der »Exoten« bejubelt er und will 32 Teilnehmer. Dann schläft er eine Nacht, und am Morgen ist dieselbe Aufblähung des Turniers ein einziger Alptraum. »Zu viele mit viereckigen Füßen« sind dabei, wer will das alles sehen? »Einige Spiele hätten auch neben dem Stadion auf einem Sandplatz stattfinden können.«

So geht das ständig, mal linksrum, mal rechtsrum. Beckenbauer hält die WM-Bewerbung für »wirklich wichtig«, schwänzte indes den Termin der DFB-Oberen bei Kanzler Gerhard Schröder. Er nannte den mächtigen Ligaausschuß des Fußball-Bundes einen »Lachsack« und wies den Bayern-Vertreter Fritz Scherer an, nicht mehr zu kandidieren; dann kandidierte er selbst für das Amt des DFB-Vizepräsidenten.

Als solcher möchte er sich nun um den deutschen Fußball an und für sich kümmern. Jedoch: Was will er? Der deutsche Fußball ist, einerseits, »nach wie vor an der Spitze. Ob er jetzt an erster, zweiter oder dritter Stelle ist, ich glaube, das machen Nuancen aus« - aber Spitze ist er, »des is kloar«. Obwohl, andererseits müssen sich mindestens alle Strukturen ändern, weil es ja um die Zukunft geht, und darum muß der Nachwuchs besser werden, »wo ist er denn, der Nachwuchs«? Deutschland ist »meilenweit von der Spitze entfernt«, und »wenn wir nicht aufpassen, werden wir auf dem Niveau von Albanien wach«.

Es waren nicht einmal solche Widersprüche, die dazu führten, daß auch in der Bayern-Zentrale an der Säbener Straße zu München inzwischen die Zweifel am Kaiser wachsen. Für geschäftsschädigend hält man dort eher, was Beckenbauer über das wichtigste sportliche Ziel des Clubs einfiel: »Was ist schon so eine Scheiß-Meisterschaft? Wir legen überhaupt keinen Wert auf Titel.«

Völlig egal auch, daß man sich im Verein darauf geeinigt hatte, die Personalpolitik im stillen zu betreiben. Mancher Spielertransfer wurde schon in Beckenbauers Hausblatt »Bild« diskutiert, bevor er abgeschlossen war; Wutausbrüche ("Ihr seid eine Scheiß-Mannschaft") sorgen bei Manager Uli Hoeneß und Vizepräsident Karlheinz Rummenigge für nachhaltige Irritationen. Und hin und wieder gibt es auch im Fußball diffizile Angelegenheiten wie zum Beispiel das Ringen um das neue Stadion, das sich die Bayern wünschen.

Daß Beckenbauer auf der Jahreshauptversammlung 1997 eine neue Arena versprach und 1998 von den Mitgliedern ausgepfiffen wurde, weil er nun im Olympiastadion bleiben will, entging dem Strategen Hoeneß nicht. Neulich riet CSU-Stadtrat Franz Forchheimer dem Präsidenten, sich zu informieren, »bevor er so etwas Dummes sagt. Allmählich verliert er Ansehen«.

Öffentlich schwärmen die längst zu Diplomaten gereiften Kameraden Hoeneß und Rummenigge weiterhin von ihrem Obersten. Aber es gibt Menschen in der Geschäftsstelle, die erzählen, daß die Troika brüchig und das Klima gestört sei. Beckenbauer habe zwei V-Männer in der Zentrale sitzen, die ihn in bis zu 20 Telefonaten am Tag über Fehler der Angestellten informierten. Hoeneß und Rummenigge wiederum hielten Beckenbauer für ein Sicherheitsrisiko.

Die Konkurrenten vernehmen es genüßlich. Sie reden über Beckenbauer mittlerweile mit jener Mischung aus Mitleid und Respekt vor den Leistungen von einstmals, die vielen Senioren vertraut ist.

Rudi Assauer, Manager von Schalke 04, erzählt von der »Lichtgestalt«, die »14 Tage vor der Wahl eine Partei hätte gründen können und Kanzler geworden wäre« - Beckenbauer sollte bloß jetzt, da er DFB-Weihen hat, »eine kleine Bremse einbauen«. Da er es nicht tut, behält Assauer seine ehrliche Meinung über den Fernseh-Vielredner »lieber für mich«.

Willi Lemke, Assauers Kollege aus Bremen, findet ja auch, daß Beckenbauer »freundlich, lieb und nett« sei und damit all das ausstrahle, »was Uli Hoeneß abgeht«. Doch wenn der Kaiser neben Jauch auf dem Bildschirm erscheint, sucht Lemke fix nach dem nächsten Spielfilm. Der »Franz genießt besondere Rechte«, sagt der Dortmunder Manager Michael Meier, »aber falls sich das einer von uns erlauben würde, wäre es schnell vorbei für den«.

Es war natürlich jahrelang so, daß Beckenbauer gerade von seiner Nonchalance lebte; er plauderte und schien über den Dingen zu stehen - ein idealer Festredner. In seinem ersten Jahr bei RTL war er sogar bestens informiert, weil er damals auf direktem Weg von Europas wichtigsten Fußballplätzen kam und über die Spieler ziemlich viele Geschichten erzählen konnte, die sonst kaum jemand wußte. Das schafft heute nur noch Günter Netzer; Beckenbauer sitzt in Kitzbühel und damit weit weg von der Quelle.

Inzwischen erfleht Jauch für ein Spiel »eine Note zwischen 1,0, sehr gut, und 6,0, ungenügend«, und Beckenbauer sagt: »Ich würd' sagen, irgendwo dazwischen.« Es kommt vor, daß er sich vor dem Spiel »ein frühes Tor« wünscht und nachher klagt, das Tor sei »zu früh« erzielt worden.

Dann verkündet er: »Morgen werden Tore fallen.« Jauch: »In der laufenden Spielzeit?« Beckenbauer: »In der laufenden Spielzeit.« Denn das ist »ein Vorkommnis, das nicht alle Tage vorkommt«.

Nicht jeder darf so etwas gleich im Fernsehen sagen; daß Beckenbauer es darf, liegt daran, daß sein Manager Robert Schwan den Sohn eines Postobersekretärs aus München-Giesing, der es vom Versicherungskaufmann bis zum Fußball-Weltmeister brachte, mit Geschick in diese Position gehievt hat. Meist spielte Schwan dabei Doppelpaß mit der »Bild«-Zeitung, und die rief, wenn ein Posten frei war, den nationalen Notstand aus, aus dem - »Franz, hilf« - nur Beckenbauer wieder herausführen konnte.

Es war vermutlich Beckenbauers Glück, daß es in den Jahren seines Aufstiegs keine Kolumnen gab, kein Privatfernsehen, keinen Jauch. So blieb von der Ikone mystisch verhüllt, was heute vom öffentlichen Beckenbauer als blanker Nonsens aus jedem Bildschirm quillt.

Nichts läßt er aus - mit dem Kompagnon Jauch hält er sogar Völkerkundeunterricht ab. Man erzählt halt, was man so erlebt hat, und folgert, daß Reisende in den Orient »Ohrenstopfen oder sonstwas mitnehmen« sollten: Lärm und Radau »sind halt so die Gepflogenheiten in der Türkei« (Beckenbauer), wo sich nur der Präsident von Besiktas Istanbul 14 Jahre im Amt halten konnte. Beckenbauer: »Das ist Weltrekord in der Türkei.«

Genaugenommen kämpfen die zwei Komiker mit der Kalamität, daß sie Herbergers Satz vom runden Ball alle paar Wochen auf ungefähr viereinhalb Stunden Fernsehunterhaltung blähen müssen. So etwas gebiert vermutlich zwangsweise die reine Leere. Beckenbauer: »Ich denke, der Ball ist immer länger.« Oder: »Man spielt ja nicht allein, man spielt gegen elf Gegner.«

Soll das nun immer so weitergehen, künftig, wenn die Champions League erweitert wird, gar zweimal pro Woche? Beim FC Bayern zumindest haben einige Menschen schon darüber nachgedacht. Vielleicht, diese Theorie wurde an der Säbener Straße diskutiert, läßt sich der Kaiser ja ganz zum DFB wegloben.

Da würde er durchaus hinpassen. DFB-Präsident Egidius Braun ist schließlich selbst ein Mann, der schon mal sagt, daß »meine Meßlatte nicht mehr so lang« ist. Der Herr ist 73, und in drei Jahren könnte Beckenbauers Zeit kommen.

Der Kaiser verhält sich vorerst clever wie immer und dementiert: »Ich kann mit Sicherheit ausschließen, eines Tages nicht DFB-Präsident zu werden.«

KLAUS BRINKBÄUMER

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