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»Der Günter is'n Kamikaze«

aus DER SPIEGEL 9/1991

Des Präsidenten Stimme zittert. »Da kommt der Trainer«, sagt Günter Eichberg ergriffen und will den jugoslawischen Fußballehrer Aleksandar Ristic demonstrativ herzen. Der schüttelt jedoch nur flüchtig die ausgestreckte Hand und drängt sich schnell vorbei: »Tag, Herr Eichberg.«

Konsterniert schaut der Präsident des FC Schalke 04 seinem Untergebenen nach, der sich hartnäckig gegen eine Verbrüderung wehrt, obwohl das vertrauensselige »Du« seinem Chef so wichtig ist. Damit signalisiert der Klinikbesitzer Eichberg, 44, gern, daß er zu den Großen im deutschen Fußball gehört.

Ob »Günter« (Netzer) oder »Berti« (Vogts), ob »Uli« (Hoeneß) oder »Udo« (Lattek) - die Kickerprominenz kann gar nicht so schnell flüchten, wie sich der fraternisierende Emporkömmling auf sie stürzt. Auch Ristic wird das »Du« erwischen, da ist sich Eichberg sicher: »Das kommt schon noch.«

Nirgendwo wird einer schneller Volksheld als in Gelsenkirchen-Buer, auf Schalke.

Nicht ohne Grund hat Eichberg den siebenmaligen Deutschen Meister, der Papst Johannes Paul II. als Mitglied führt und bei dem Bundeswirtschaftsminister Jürgen Möllemann im Verwaltungsrat jobbt, für seine Personality-Show ausgewählt. Ein »Intellektueller, der alles über Adenauer gelesen hat«, so seine Lebensgefährtin, muß schließlich auf das »richtige Image« achten.

Eichberg tut's, indem er vor Kameras gern Pfeife raucht, Hände schüttelt, bis der letzte Fotograf das Blitzlicht weggepackt hat, oder für ein Exklusiv-Foto das teure Schuhwerk im Morast des Parkstadions ruiniert.

Für ein Fernsehporträt ließ er sich kürzlich bei seiner halbjährlichen Fastenkur ("Die Pilschen, Sie wissen schon") am Bodensee bei Massage und Malventee filmen. Der ehemalige Bundesligatrainer Hermann Gerland, ein echter Junge des Kohlenpotts, hat im TV-Beitrag einen »unglaublichen Selbstdarsteller« gesehen und sich »für den deutschen Fußball geschämt«.

Wie Generaldirektor Haffenloher aus der Fernsehserie »Kir Royal« ("Ich scheiß' dich zu mit meinem Geld") zieht Eichberg durch die Liga, elektrisiert von der Erkenntnis, daß man mit genügend Bargeld wenigstens im Fußball noch berühmt und bewundert wird. So hat der Präsident inzwischen acht Millionen Mark in den Zweitligaklub investiert und zahlt zudem einige Spielergehälter aus eigener Tasche.

Ausgerechnet in einer Stadt, die unter 12,8 Prozent Arbeitslosigkeit leidet, und bei dem Verein, dessen Mythos der einstige Schalker Stürmer Ernst Kuzorra damit begründete, daß hier »Fußball und Arbeit Brüder waren«, hat seit zwei Jahren ein Neureicher die Richtlinienkompetenz. Gequält registrieren die Experten, wie naiv nun auf Schalke das Profigeschäft betrieben wird.

Zur Posse geriet die Verpflichtung des jugoslawischen Stürmers Radmilo Mihajlovic, den Eichberg mit einer Million Mark Jahresgage, einem Mercedes 500 SLC und einer edel möblierten Wohnung vom Deutschen Meister Bayern München in die Zweitklassigkeit lockte. Mihajlovic, der die Bayern vor anderthalb Jahren 1,8 Millionen Mark gekostet hatte, in 34 Spielen aber nur vier Tore schoß, wurde so zum bestbezahlten Fußballer Deutschlands. Eichberg überwies drei Millionen Mark Ablöse - und Hoeneß högte sich hinterher öffentlich: Der im Privatjet angereiste Präsident hätte es so eilig gehabt, daß er glatt »eine halbe Million mehr bezahlte«, als zuvor mit Schalke-Manager Erwin Kremers ausgehandelt worden sei.

Solch teure Einkaufstouren sind Eichbergs Spezialität. Als er einen Trainer suchte, flog er zu Udo Lattek nach Barcelona, zechte mit dem Meistermacher, bot ihm eine Mark pro Stadionbesucher - und bekam eine Abfuhr. Auch Otto Rehhagel, Karlheinz Feldkamp und Rainer Bonhof mochten nicht beim Präsidentendarsteller anheuern. Da köderte Eichberg den populären Jugoslawen Ristic mit 720 000 Mark Jahresgehalt. Und dessen Arbeitgeber Fortuna Düsseldorf erhielt obendrein 300 000 Mark für die Freigabe. Dabei wußte die ganze Branche, daß die Düsseldorfer ihren eigenwilligen Coach nur zu gern loswerden wollten.

So versuchte sich der »Sonnenkönig vom Kohlenpott« (Bild) die Macht im berühmtesten Klub der Republik zusammenzukaufen, wollte sich »die Krone ganz alleine aufsetzen«. Doch betrübt stellt er fest, daß »mir immer welche ans Bein pinkeln, obwohl ich hier soviel reinstecke«.

Günter Siebert, einer von Eichbergs Vorgängern im Amt und wie kein zweiter auf Schalke in der Lage, die Stimmung zu treffen, nennt den Besitzer von sieben Privatkliniken, in denen vornehmlich Krampfadern behandelt werden, geringschätzig »Professor Brinkmann«. Und der von Eichberg entlassene Trainer Peter Neururer, noch immer Idol der Fans, sieht den Luxussanierer bereits »geteert und gefedert«, sollte der fest eingeplante Bundesligaaufstieg im Sommer mißlingen.

Eichberg war scheinbar messiasgleich aufgetaucht, als im Januar 1989 selbst hartgesottene Fans den Abstieg in die Oberliga Westfalen fürchteten. In der Kasse, so Klubfaktotum Charly Neumann, »war nich' ma' mehr Geld für Waschpulver«.

Doch der Auftritt des zackigen Medizinmannes aus Düsseldorf war generalstabsmäßig vorbereitet. Via Mittelsmann hatte er sich erkundigt, wie seine Chancen im maroden Schalke stünden. Die Garde der mächtigen Altschalker, die um ihren Klub fürchteten, gab ihm praktisch eine Wahlgarantie.

Großzügig akzeptierten die Traditionalisten die mühsam konstruierte Nähe des Neuen zum Revierklub, die sich auf Eichbergs »starken Drang« zum Fußball, seinen Vater, einst »der heißeste Schalker«, und seine Großmutter gründete, die in einer Bergmannsfamilie in Haltern unweit von Gelsenkirchen aufwuchs. »Wir dachten«, so der Verwaltungsratsvorsitzende Volker Stuckmann, »da kommt der Weihnachtsmann.«

Als erste Amtshandlung übernahm Eichberg 300 000 Mark an Spielergehältern. Dann ging er daran, sich wie einen Markenartikel im Schalker Milieu zu präsentieren. Seine Reden würzte er mit »dat« und »wat«. Und als wäre er in der Glückauf-Kampfbahn zur Welt gekommen, jettete er für 5000 Mark aus dem Karibik-Urlaub eigens zur Beerdigung von Kuzorra. Weil die Trauerfeier bei seiner Ankunft aber schon beendet war, wurden eiligst die blauweiße Fahne, der Gelsenkirchener Oberbürgermeister und ein Fotograf zurückgeholt, um die tiefe Betroffenheit des Präsidenten nachzustellen.

Auch als die Fans bei seinem ersten Besuch in der Vereinskneipe Bosch mit ihm nicht über die »Weltanschauung Schalke« philosophieren wollten, sondern nur über feines Tuch und den Chauffeur im Jaguar vor der Tür spotteten, lernte Eichberg schnell. Jetzt läßt er sich erst nach Hause fahren, wo er in Jeans schlüpft, um »nicht als Geldsack« beschimpft zu werden.

Intern aber beseitigte der einst mittelmäßige Läufer des SV Arminia Gütersloh populäre Alt-Schalker. Den bei den Fans beliebten Neumann, der für den Bild-Fotografen die bei einer Niederlage vergossenen Tränen in der Redaktion noch einmal weinte, vertrieb er aus dem Verwaltungsrat. Nach reichlich Pils diktierte der smarte Eichberg dem im Schalker Intrigenspiel sonst so routinierten Original das Rücktrittsgesuch auf eine Serviette.

Die Führungsspitze des Klubs wurde vom Krampfader-Experten mit »Menschen meines Vertrauens« besetzt. Eichbergs Jugendfreund Heribert Bruchhagen mußte die Geschäftsstelle »höfisch« organisieren. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Johannes Rau hat sich Schalke als »Katalysator für eine neue und liebenswerte menschliche Gemeinschaft« sicher anders vorgestellt. Dabei strebt auch Eichberg »nach Harmonie« - die er dann erreicht sieht, wenn alle Welt ihn bewundert. Er möchte gern als »positiver Verrückter« gelten, der mal ein paar Millionen für Fußball »raustut«, mal morgens um zwei eine Ente brät, was seine Lebensgefährtin »echt spontan« findet. Überhaupt weiß sie: »Mein Günter is'n Kamikaze.«

Eichberg dimensioniert eben gern groß. Den Bau einer Superhalle mit Schiebedach für 50 000 Zuschauer setzt er mit »locker 270 Millionen« an. Auch wenn die Stadt den Bau noch gar nicht genehmigte und die Deutsche Bank nach einer Wirtschaftlichkeitsprüfung abriet, verkündet er: »Das Ding steht 1994.«

Der Traum vom stilvollen Lebemann wurzelt tief. Schon als Schüler kämpfte er als Jüngster in der Klasse stets um Anerkennung, »da mußte ich mich durchboxen«. Mit 20 leitete er eine Betriebskrankenkasse, verlor als Teilhaber an einem Gütersloher Vergnügungszentrum einige Millionen, wollte Lokalfernsehen in Bielefeld etablieren und arbeitete als Kurdirektor im sauerländischen Olsberg.

1981 eröffnete er seine erste Klinik und begann seinen Kreuzzug gegen die Krampfadern. Dabei lernte er die vermögende Immobilienhändlerin Christa Paas, 52, kennen, die den schneidigen Günter »erst für den Oberarzt hielt, wie bei Courths-Mahler«. Gemeinsam herrschen sie heute über das Eichberg-Imperium, in dem 500 Angestellte jene Kranken betreuen, die von eigenen »Venomobilen« gezielt vor den Werkstoren von Siemens, Henkel oder Mercedes-Benz aufgespürt werden.

Als »der Laden irgendwann lief«, wollte Günter Eichberg endlich seinen unterdrückten Spieltrieb und die Liebe zum Fußball befriedigen, »ein Lebensdefizit« ausgleichen. Und wo ginge das schöner als auf Schalke, dem traditionellen Zuhause der Profilneurosen?

Der »Professor Windmacher« (Sport-Bild) kündigte eine beispiellose Serie von Star-Einkäufen an, die allesamt scheiterten. Sogar der Kameruner Roger Milla, der bei der Weltmeisterschaft im letzten Jahr in Italien durch vier Tore mit anschließender Lambada-Einlage an der Eckfahne auffiel, »war im Busch verschwunden« (Eichberg), als der Präsident zur Vertragsunterzeichnung bat.

Gelang dennoch mal ein Einkauf, dann bezahlte er ihn meist zu teuer. Den Kölner Mittelfeldspieler Günter Schlipper, den selbst für 50 000 Mark kein Klub ausleihen mochte, kaufte Präsident Eichberg ("Ich mußte den Fans doch einen präsentieren") für 780 000 Mark.

2,4 Millionen Mark investierte er in die sowjetischen Kicker Alexander Borodjuk und Vladimir Ljuty und kalkulierte kühn, daß Borodjuk nach der Weltmeisterschaft »10 Millionen wert« sei. Doch Schalkes Neuer spielt übervorsichtig, da er wegen akuter Bänderschäden stets fürchten muß, den Platz als Sportinvalide zu verlassen. Ljuty (Jahresgage: 400 000 Mark) wurde reamateurisiert, um einen Ausländerplatz für Mihajlovic frei zu machen - was sich der Russe mit 100 000 Mark extra honorieren ließ.

Erleichtert haben die Fans inzwischen registriert, daß der Fußball-Laie Eichberg sein Bundesliga-Monopoly nicht auf Klubkosten betreibt. Wo einst Kuzorra und Fritz Szepan den weltberühmten »Schalker Kreisel« erfanden, hat Eichberg einen postmodernen Geldkreislauf aufgebaut: Der Klinikbesitzer Eichberg bürgt bei der Schalker Hausbank für jene Kredite, mit der die FC Schalke 04 Marketing GmbH (Gesellschafter mit 50 000 Mark Einlage ist Eichberg) Fußballer einkauft, um diese Spieler schließlich dem Klubchef Eichberg zu schenken - und zwar mit »schuldbefreiender Wirkung«.

Ob Eichberg seinen Einsatz angesichts der monatlichen Kosten des Klubs von einer Million Mark jemals zurückbekommt, ist mehr als fraglich. Aber darüber mag der Präsident öffentlich nicht sprechen. »Es geht doch vor allem um Spiel und Spaß hier im Revier«, sagt er betont heiter. Sobald aber die Mikrofone abgeschaltet sind, verkündet Eichberg sein wahres Credo: »In Schalke kaufe ich mir Lebensfreude. Nein, stop, ich erwerbe sie - das klingt besser.«

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