Zur Ausgabe
Artikel 95 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Schach Der Irrsinn ist zurück

Seit dem Ende der Ära Bobby Fischer mangelte es der Profiszene an illustren Spinnern. Gata Kamsky und Vater Roustam schließen die Lücke.
aus DER SPIEGEL 5/1995

Nigel Short hatte sich auf einen stilvollen Abend gefreut, als er nach einer Partie im spanischen Linares Größen der Schachwelt zum Dinner traf. Plötzlich hastete ein Mann durch das gediegene Restaurant direkt an den Tisch des Vize-Weltmeisters.

Den ersten Teil seiner lautstarken Beschimpfung ertrug Short noch widerspruchslos. Als sein Gegenüber jedoch drohte: »Ich bring'' dich um«, alarmierte der verängstigte Brite die Polizei, die den Tobenden auf die Wache bat.

So wurde aktenkundig, was Roustam Kamsky, Vater des derzeit hoffnungsvollsten Schachtalents Gata Kamsky, 20, unter Fürsorge versteht. Nachmittags hatte Short gegen Gata gespielt und ihm - vom fortwährenden Husten des Erkälteten gestört - ein Glas Wasser empfohlen. Der Vater sah darin einen Regelverstoß ("Short hat Gata abgelenkt"), der Gewalt rechtfertige.

Besessener als Tennisväter und Eislaufmütter wütet der Tatar durch die Turniersäle der Welt. Morddrohungen gehören inzwischen zu Roustam Kamskys Repertoire: Einem Journalisten, von dem er sich falsch beschrieben fühlte, wollte er auflauern, um ihn niederzustechen.

Wehe, wenn Kamsky kommt. Robert Rice, Präsident der Profiorganisation PCA, fürchtet: »Er ist imstande, alle erdenklichen bizarren Dinge zu tun und zu sagen.«

Nicht einmal der eigene Sohn ist vor dem ehemaligen Boxer sicher. Nach einer Niederlage gegen die Ungarin Judit Polgar erhielt Gata eine schallende Ohrfeige. Den ehemaligen Weltmeister Michail Tal barmte es: »Armer Junge.«

Der Erfolg, glaubt Vater Kamsky, gibt ihm recht. Im vergangenen Jahr besiegte Gata nahezu die komplette Schachelite, war hinter Champion Garri Kasparow zweitbester Spieler der Welt. Der jähzornige Alte trieb den schüchternen Jungen, der Brillengläser wie Glasbausteine trägt, als einzigen Spieler gleich in beiden Weltmeisterschaftszyklen bis in die Endrunde.

Vom kommenden Wochenende an bestreitet der kleine Kamsky das Halbfinale um den Titel des Weltschachbundes Fide. Gegner im indischen Sanghi Nagar ist der Russe Walerij Salow; der Sieger kämpft im Sommer gegen Anatolij Karpow oder Boris Gelfand, die das zweite Halbfinale austragen. Bereits Anfang März trifft Kamsky im PCA-Kandidatenfinale auf den Inder Viswanathan Anand. Der Sieger fordert im September in Köln PCA-Champ Garri Kasparow heraus.

Schafft der Wunderknabe den Sprung auch nur in eines der Finals, ist dem zuletzt allenfalls noch von Liebhabern beachteten _(* 1971 beim Schaukampf gegen den ) _(Amerikaner Larry Evans (r.). ) Brettsport wieder weltweites Medien-Interesse sicher: Gata, den Experten mit dem bizarren Amerikaner Fischer vergleichen, macht geniale Züge; Roustam sorgt für die Skandale, die in den letzten Jahren fehlten.

Wie einst Fischer, Boris Spasski, Anatolij Karpow und Wiktor Kortschnoi erheben die Kamskys mit Besessenheit und Verfolgungswahn das Irrationale zum Ideal. »Freunde kosten Zeit und lenken ab«, lautet Kamskys Credo, »wir haben Feinde.« Vor allem der Haß auf Kasparow ("Er ist Stalinist") macht den Rückfall in die Zeit des Kalten Krieges deutlich, als Schach den Konflikt der Weltpolitik symbolisierte.

Der Weltmeister ist die zentrale Figur in Roustam Kamskys Theorie von der Weltverschwörung. Als die Kamskys noch in Leningrad wohnten, klagte der Vater, Kasparow habe aus Konkurrenzgründen »Gata schon fertiggemacht, als der noch zwölf war«. Aus Angst habe Kasparow den Schachverband, das Regime, ja jeden Sowjetbürger gegen sie aufgebracht: »Die ganze UdSSR war gegen uns.«

Nicht allein der Feldzug gegen den Weltmeister trieb die Kamskys in die Isolation. Trainer, die sich einst um das Ausnahmetalent kümmern wollten, verzweifelten nach wenigen Wochen am Vater: »Dieser Mensch steht daneben, weiß alles besser und redet über Dinge, von denen er nichts versteht.«

In den USA verscherzte sich das Duo brachiale schon bald nach der Umsiedlung 1989 alle Sympathien, als es auch den US-Schachverband verdächtigte, Kamskys Aufstieg stoppen zu wollen. Daß der Uramerikaner Benjamin Franklin Schach einst als »Quell sittlicher Bildung« lobte, ficht Roustam nicht an: »Alles Mafia, alles Ganoven.«

Seit Monaten versucht er nun, der PCA eine Unterschlagung von Preisgeld nachzuweisen. Sein Plan, die Offenlegung der Bilanzen gerichtlich zu erzwingen, scheiterte bisher. Bis zur Verhandlung hatte Kamsky drei Anwälte verschlissen, die ihm einhellig vom Prozeß abgeraten hatten, dann wurde er von der Richterin abgewiesen.

Entschlossen wacht Roustam Kamsky darüber, daß niemand seinem Sohn zu nahe kommt. Bei Turnieren kocht er meist selbst, da er der offiziellen Verpflegung mißtraut. Zumindest aber sorgt er dafür, daß beide allein am Tisch sitzen. Vom Rahmenprogramm hält er seinen Sohn ("Gata muß üben, er hat keine Zeit") ebenso fern wie vom Telefon: »Ich rede für ihn.«

Der Vater antwortet bei Interviews, bestimmt Speiseplan wie Tagesablauf und liest dem Sohn mit den schwachen Augen aus Schachbüchern vor. Gata hat keine Freunde, treibt kaum Sport, geht nicht ins Kino. Fernsehen ist auf eine Minimaldosis reduziert. Auf die Frage, was er außer Schachspielen gern machen würde, antwortet er: »Schachspielen.«

Gata, sagt sein Übervater stolz, »ist rein wie Glas«. Im Alter von acht Jahren hatte er seinen Sohn zum Schach gebracht, obwohl der »erst nicht wollte«. Seitdem trainiert er den Filius bis zu 14 Stunden am Tag, bisweilen assistiert von den Großmeistern Roman Dzindzichashvili und John Fedorowicz - sofern Geld im Haus ist.

Gatas Einkünfte (1994 etwa 100 000 Dollar allein aus PCA-Turnieren), klagt der Vater, hätten postwendend die Trainer kassiert. In der Hoffnung, einen Ölscheich als Sponsor zu gewinnen, entdeckten Vater und Sohn den Islam, die Religion ihrer Vorväter, und ließen sich die Schädel rasieren - die chronische Geldnot blieb.

Dennoch kaufte Roustam Kamsky in Erwartung großer Siege und potentieller Geldgeber ein Haus in Brooklyn auf Kredit. Um Geld bei der Renovierung zu sparen, mußte der feingliedrige Knabe sogar eine Spitzhacke in die langen, zarten Finger nehmen, den verwilderten Garten aufreißen und etliche Kubikmeter Erde bewegen. Weil jetzt die Hypotheken drücken, »muß Gata einfach Weltmeister werden«.

Ein eigenartiges Verhältnis wie das zwischen Vater und Sohn Kamsky hat viele Schachkarrieren bestimmt. Der Freudianer Reuben Fine, in den dreißiger Jahren einer der weltbesten Spieler, sah im König, »unersetzbar, aber schwach und schutzbedürftig«, den Penis des Knaben. Die Niederlage, also der Fall des Königs, erzeuge Kastrationsangst. Des Gegners König stehe für den Vater, den der ödipal gepolte Knabe vernichten wolle. Schon 1931 schrieb der Psychoanalytiker Ernest Jones: »Das unterbewußte Motiv, welches die Spieler antreibt, ist der grausige Wunsch nach Vatermord.«

Hat einer seinen Vater früh verloren, vermuten Psychologen eine andere Variante: Weil die Phantasie vom Vatermord scheinbar Wirklichkeit wurde, laste ein unbewußter Schuldkomplex auf den jungen Spielern, die sich, quasi als Selbsttherapie, intensiv mit Schach befassen. Die Weltmeister Spasski, Fischer und Kasparow wuchsen ohne Vater auf.

Im Fall Kamsky haben Beobachter jedoch eine ganz pragmatische Erklärung: Schach bedeutet für Gata Erholung; nur am Brett sei der Knabe vor dem alten Herrn sicher.

Allerdings ist Gatas Spiel von der väterlichen Ideologie geprägt. Unberechenbar, wie auf der Flucht vorm Rest der Welt, hetzt er die Figuren über die Felder. Einen eigenen Stil hat der Junior aber nicht kultiviert: »Ich will eine generelle Richtung vermeiden, ich ändere mein Spiel dauernd.«

Besonders irritiert die Konkurrenz die psychische Stabilität des Vatersöhnchens. Mit unbewegter Miene sitzt er stundenlang da, selbst gegen Routiniers zeigt er keine Nerven: »Vaters Unterstützung hilft mir, nicht nervös zu werden.«

PCA-Präsident Rice glaubt, daß Roustam Kamsky sich »wie ein Monster aus dem Krieg der Sterne mit negativer Energie auflädt«. Hinter der rohen Art vermutet Rice kaltes Kalkül. Was der Sohn am Brett nicht dürfe, besorge der Vater: bei zartbesaiteten Gegnern die Unsicherheit zu schüren.

Psychologische Kriegführung gehört seit jeher zum Schach. Nasebohren, Schmatzen, kaum unterdrücktes Rülpsen, Rempeln gegen den Spieltisch, halblaute Selbstgespräche - jede Art, den Gegner zu irritieren, ist den Profis recht.

Und Roustam Kamsky steht fest in dieser Tradition. Vor dem PCA-Halbfinale in Linares verlangte er vom Veranstalter, eine Mauer zwischen den beiden Spieltischen zu errichten. Weil die Forderung ebenso abgelehnt wurde wie Kamskys Ansinnen, getrennte Wege zur Toilette zu bauen, lauerte der Vater jedem Spieler beim Austreten auf. »Sie haben sich geheime Zeichen gegeben«, argwöhnt Roustam noch heute. »Paranoide Züge, Märtyrerkomplex«, attestierte ihm dagegen der Technische Direktor des Turniers im Abschlußbericht.

Daß die rüde Taktik dennoch fruchtet, befürchtet vor allem der Stab des empfindsamen Anand. Rastlos versuchen seine Betreuer, ihn mit mentalem Training auf die im März anstehende Psychoschlacht einzustimmen. Doch Anands führender Berater, der Deutsche Frederic Friedel, fürchtet: »Er stemmt sich dagegen, aber innerlich nimmt ihn die aggressive Masche mit.«

Ist der Inder erst einmal ausgeschaltet, wähnen sich die Kamskys fast am Ziel. Gata, hofft der Vater, werde dann im Finale den Erzfeind Kasparow »zerquetschen wie eine Fliege«. Y

* 1971 beim Schaukampf gegen den Amerikaner Larry Evans (r.).

Zur Ausgabe
Artikel 95 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.