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ÄRZTE Der kühne Jupp

Der Freiburger Mediziner Joseph Keul soll die deutschen Leistungssportler aus dem Drogensumpf führen. Von Doping versteht Keul eine Menge.
Von Hans Halter
aus DER SPIEGEL 5/1999

Den kleinen Medicus Keul nennen seine Freunde »Jupp«. Die anderen sprechen vom »Gummigreis«, weil er trotz seiner 66 Jahre noch so beweglich ist - physisch, psychisch und verbal.

Obwohl der Freiburger Professor eigentlich auf einem Lehrstuhl für Sport- und Leistungsmedizin sitzt und die Abteilung Rehabilitative und Präventive Sportmedizin leitet, rotiert er nimmermüde durch Länder und Kontinente: Das muß so sein, denn Keul ist beim Deutschen Tennis Bund der »Referent für Sportmedizin und Dopingfragen«; er »kooperiert« mit dem Skiverband, war Leitender Arzt der Leichtathleten, und um die Radrennfahrer kümmern sich gleich zwei seiner ärztlichen Untergebenen.

Zugleich ist der weißhaarige Mediziner seit 1960 bei jeder Olympiade dabei, seit 1980 als Chefarzt. Er hilft dem Deutschen Sportbund auch als Vorsitzender des Wissenschaftlich-Medizinischen Beirats. Und im Mai letzten Jahres wählten ihn seine Kollegen zum Präsidenten des »Deutschen Sportärztebundes«. Der ist mit Keuls Hilfe inzwischen umgetauft in »Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention«, damit auch Nichtärzte Mitglied werden können, zum Beispiel Chemiker.

Das macht Sinn. Profisportler und Hochleistungsathleten werden auf ihrem Weg zum Sieg mittlerweile von vielen Akademikern begleitet, denn es geht um großes Geld, viel Prestige und neuerdings wieder um die »Doping-Hysterie« (Keul).

Von Doping versteht Keul eine Menge. Deshalb war er Vorsitzender der Anti-Doping-Kommission des Bundesinstituts für Sportwissenschaft. Ganz stolz hat die Aktiengesellschaft Deutsche Telekom im August verlautbart, es sei ihr gelungen, den vielseitigen Professor auch noch als Vorsitzenden der neuen Kommission »Dopingfreier Sport« des Telefonkonzerns zu verpflichten. Telekom fürchtet, der eine oder andere ihrer prominenten Radler könnte wie so viele Tour-de-France-Kollegen auf Abwege und in den Drogensumpf geraten. Da sei Keul vor.

Zur Beruhigung des Telefon-Managements hat der mundflinke Sportarzt öffentlich geschworen, daß keiner der stolzen und schnellen Profiradler irgend etwas mit Doping zu tun habe. »Alle Mitglieder des Teams Deutsche Telekom

* Mit dem Tennis-Daviscup-Kapitän Carl-Uwe Steeb und Radprofi Jan Ullrich beim Workshop eines Pharmakonzerns in Hamburg 1997.

sind hundertprozentig dopingfrei. Dafür bürge ich.«

Als sei das nicht schon wunderbar genug, hat Keul mit einem zweiten Schlag das imageschädigende Sportproblem Doping en passant gesundgeschrumpft. »Die Hälfte aller Dopingfälle«, verkündete der Wissenschaftler zum Jahresausklang öffentlich, »beruht auf Mißverständnissen und Irrtümern.«

Für diese kühne Behauptung blieb Keul jeden Beweis schuldig. Selbst den Radfahrern verschlug Keuls frohe Botschaft die Sprache. Nur alte Keul-Kenner erkannten in der überraschenden Mitteilung das bewährte Konzept der Vorwärtsverteidigung. Die praktiziert der ehemalige Mittelstrekkenläufer seit 38 Jahren.

Der Heidelberger Sportsoziologe Gerhard Treutlein - er gilt als ethisch motiviert und wird, da er kein Arzt ist, nie in Versuchung geführt, ein Rezept auszuschreiben oder zur Spritze zu greifen - kennt die Methode und ist verstimmt: »Kaum wird in der Dopingszene auch nur ansatzweise etwas offengelegt«, melde sich Keul zu Wort und »verharmlose«. So kann man es sehen. Keul hat eben ein gutes Verhältnis zur sportlichen Höchstleistung, den Topathleten und den Pretiosen der Pharmaindustrie. Dieser Dreieinigkeit gefallen die Lehrsätze des Freiburger Gelehrten, zum Beispiel über das Teufelszeug Anabolika: »Jeder, der einen muskulösen Körper haben und männlicher wirken möchte, kann Anabolika nehmen« (1970).

Hübsch liest sich auch Keuls Statement über das aus menschlichen Leichen gewonnene Somatotropin (STH), ein Wachstumshormon der Hirnanhangdrüse, das seit den achtziger Jahren gern gespritzt wird. »Völlig unverständlich« sei ihm, erklärte Keul 1983, »worauf die Angaben beruhen, daß Somatotropin die Leistungsfähigkeit fördere«.

Die Gedopten müssen Keuls »FAZ«-Leserbrief übersehen haben, jedenfalls leben viele Ex-Sportler heute mit markanten Profilen und auf großem Fuß: Die illegalen STH-Injektionen trugen einige zum Sieg, anderen brachten sie nur die Nebenwirkungen ein - unter STH wachsen Kinn, Stirn und Füße. Schuhe muß mancher Athlet jetzt drei Nummern größer wählen.

Das STH-Doping, welches laut Keul gar nichts bringt, ist immer noch en vogue. Bei der Tour de France 1998 fanden sich im Koffer des verhafteten »Chef-Pflegers« Willy Voet 82 Ampullen STH, diesmal dank des wissenschaftlichen Fortschritts aus gentechnischer Produktion.

Den guten Eindruck, den der Doktor Keul von den Anabolika hatte - die eigentlich nur für Schwerkranke gedacht waren und medizinisch längst als riskante Pharma-Oldies gelten -, hat der Wissenschaftler Keul sich lange bewahrt. »Die generelle Behauptung einer Schädigung durch anabole Hormone« sei »nicht gerechtfertigt«, erkannte er 1976. Mehr noch: 1997 war er sich ganz sicher, »daß die anabolen Steroide eine Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit bewirken«. Der Hammerwerfer Walter Schmidt hat unter Eid versichert, er habe von Keul Anabolika bekommen.

»Im Namen des Volkes« hat das Bezirksberufsgericht für Ärzte in Freiburg in einem Urteil vom September 1992 für wahr erkannt, daß der Olympiaarzt Keul den Athleten 1976 in Montreal Spritzen »nicht nur zur Verhinderung von Krämpfen, sondern auch zur Leistungssteigerung gegeben« hat. Das Gericht: »Mit den Spritzen war also Doping möglich.« Die Ampullen enthielten Vitamin B1 und die Chemikalie Thioctacid. Normalerweise spritzt das ein Arzt nur Diabetikern mit chronischen Nervenschäden.

Als Mannschaftsarzt der deutschen Olympioniken in Seoul hat Keul 1988 noch ganz andere pharmakologische Mirakel bestaunt, mit großen Augen vor allem die amerikanische Sprinterin Florence Griffith-Joyner. »Wenn man ihren Stimmbruch hört, ihren Haarwuchs, die veränderte Fettverteilung und ihren männlichen Habitus sieht, dann wird man diesen Verdacht nicht los«, sinnierte Keul, daß die attraktive Schwarze wie der berühmte Sprinter Ben Johnson mit Anabolika gedopt sei. Auf die Frage, ob den deutschen Sportlern die »gewinnbringenden Mittelchen« fehlten, antwortete der offizielle Dopingbekämpfer: »Wenn Sie wollen, kann man das so sagen. Es ist sicher ein Nachteil für unsere Mannschaft, daß wir diese Substanzen nicht einnehmen.«

Dank privater Initiativen ist der Nachteil inzwischen vielfach ausgeglichen, die sichtbaren Aknepickel der sportlichen Damen beweisen es. Jeder Fernsehzuschauer kann sich davon ein eigenes Bild machen. Trotz dicken Make-ups sieht die Kinnpartie vieler Sportlerinnen, die ihre Pubertät längst hinter sich haben, so aus, als hätte die »Bravo« ein besonders gruseliges Akne-Modell engagiert. Pickel bei Frauen sind eine obligate und äußerlich sichtbare Nebenwirkung der Anabolika; Haarausfall, Furunkulose und dunkle Hautstreifen kommen als weitere kosmetische Probleme hinzu. Die verdeckten Veränderungen - vor allem Lebertumore und Gefäßverengungen - sind hingegen tödlich gefährlich.

Die deutsche Siebenkämpferin Birgit Dressel schluckte in ihrem Todesjahr gleich zwei Anabolika, »Stromba« und »Megagrisevit« (SPIEGEL-Titel 37/1987). Sie wurde 26 Jahre alt. Als Florence Griffith-Joyner im September letzten Jahres plötzlich im Alter von 38 Jahren starb, warnte Olympia-Arzt Keul vor »bloßen Spekulationen«. Der Wissenschaftler, der die monströse Athletin einst so konturenscharf im Blick hatte, erkannte jetzt: »Man kann diesen tragischen Fall nicht automatisch mit Anabolikaeinnahme in Verbindung bringen, das sind alles unbewiesene Vermutungen.«

Nennenswerte Initiativen, die Zusammenhänge zwischen Hochleistungssport, Doping und frühem Tod aufzuklären, haben die deutschen Sportärzte bisher nicht zustande gebracht. Weil zwischen dem Leben im hellen Licht und dem Exitus eines längst vergessenen Athleten gewöhnlich zwei Jahrzehnte liegen, ist der Nachweis schwierig. Er wird in den nächsten Jahren einfacher zu führen sein, denn die Zahl der Anabolikatoten wird deutlich zunehmen.

Keul glaubt das nicht. »In den meisten Sportarten«, sagt der Sportärzte-Präsident, gebe es überhaupt »kein Doping«. Zudem hinterlasse Hochleistungssport »keine dauerhaften Schäden« - eine abstruse Behauptung an- gesichts der Sportunfallstatistik, der ausgezahlten Versicherungssummen und der Tatsache, daß jeder zweite orthopädische Patient ein lädierter Sportsfreund ist. Mit dem »Leistungstennis« sollen Kinder, rät Keul unbeirrt, bereits mit »acht Jahren beginnen«.

Wer sich nicht fürchtet, findet Bestätigung auch in den anderen Weisheiten des Freiburger Arztes: Epo, die Droge zum Blutdoping, sei bei »richtiger Anwendung ungefährlich« und außerdem bisher nicht nachzuweisen; Testosteron, das männliche Geschlechtshormon, habe bei Männern »keinerlei Nebenwirkung«; Koffein sollte man aus den Dopinglisten streichen. Überhaupt, meint Keul, müsse die Zahl der verbotenen Drogen reduziert werden.

Auch die angedrohten Strafen will der Arzt deutlich herabsetzen. Seit langem ist sein »Ziel« der »mündige Athlet, der alle Möglichkeiten kennt und dann selbst entscheidet, wie er sich verhalten will«.

Vor solchem Laisser-faire gruselt es immer mehr Sportfunktionäre. »Einige Ärzte im Hochleistungssport haben offenbar vergessen, daß es ethische Grundprinzipien gibt«, kritisiert Prinz Alexandre de Merode, Präsident der Medizinischen Kommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), die Weißkittel: »Wir müssen die Athleten vor sich selbst schützen.«

Die Bilanz des deutschen IOC-Mitglieds Thomas Bach, früher Olympiasieger im Florettfechten, ist noch deprimierender: »Mein Vertrauen in die Ärzte im Umfeld der Sportler ist gleich Null.« HANS HALTER

* Mit dem Tennis-Daviscup-Kapitän Carl-Uwe Steeb und RadprofiJan Ullrich beim Workshop eines Pharmakonzerns in Hamburg 1997.

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