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TENNIS Der Menschenreparierer

Seit Monaten begleitet ein geheimnisvoller Deutscher die Schweizer Weltklassespielerin Patty Schnyder: Rainer Harnecker sieht sich als Wunderheiler. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft. Er soll eine krebskranke Frau fahrlässig bis zu deren Tod behandelt haben.
aus DER SPIEGEL 15/1999

Patty Schnyder legt den Schläger zur Seite, und der Mann, der am Rand des Spielfelds steht und sie nicht aus den Augen läßt, reicht ihr frisch gepreßten Orangensaft. Vor dem Training hat sie frisch gepreßten Orangensaft getrunken, und danach wird sie es auch tun. Im Badezimmer des Hotels, in dem sie während der Turniertage einquartiert ist, sieht es aus, als habe sie ein Obstgeschäft geplündert. Kilo von Orangen lagern in Tüten und warten darauf, ausgepreßt zu werden. Vier bis fünf Liter trinkt Schnyder am Tag. Denn Rainer Harnecker, der Mann, der nicht mehr von ihrer Seite weicht, will es so.

So war es im Februar in Hannover, im März in Key Biscayne, vorige Woche auf Amelia Island - und so wird es auf Sicht auch bleiben. Denn Patty Schnyder, 20, aus Bottmingen bei Basel und Nummer zehn der Tennisweltrangliste, scheint so ziemlich alles zu tun, was Harnecker anordnet: Sie hat ihre Eßgewohnheiten radikal umgestellt und ist zur Veganerin mutiert; sie hat ihren Coach Eric van Harpen gefeuert und dessen Nachfolger Vito Gugolz gleich hinterher; sie hat sich von ihrem Physiotherapeuten getrennt; sie hat ihren Freund verlassen; und sie hat mit ihren Eltern gebrochen. Vater Schnyder konstatiert erschüttert: »Das ist nicht mehr unsere Patty, die wir kennen.«

Die Fassungslosigkeit, mit der die Szene den abrupten Wandel in der Persönlichkeit der einst so biederen Patty Schnyder verfolgt, gibt einen Blick frei auf die Schwachstellen in der Glitzerwelt des Profitennis: Der gnadenlose Konkurrenzkampf erschwert soziale Kontakte.

Defiziten an Verständnis, Zuspruch und Geborgenheit beugen viele Spielerinnen vor, indem sie in einem Kordon aus Familienmitgliedern um die Welt tingeln. So führen Venus und Serena Williams bei ihren Auftritten die halbe Verwandtschaft im Schlepptau. Die Weltranglisten-Erste Martina Hingis steht permanent unter der Kuratel ihrer Mutter, und über Wohl und Wehe der blonden Anna wacht Mama Kurnikowa.

Patty Schnyder indes, die voriges Jahr im Tennis-Zirkus mehr als drei Millionen Mark verdiente, tourte ohne Unterstützung um den Erdball. Mit dem langjährigen Trainer van Harpen hatte sie sich nichts mehr zu sagen; die Eltern bleiben aus beruflichen Gründen meist in der Schweiz; und selbst ihr Manager Töns Haltermann, der sich als »guten Freund« seiner Klientin bezeichnet, war oft unabkömmlich: Der Hamburger hatte sich um sein Examen in Betriebswirtschaft zu kümmern.

So war der Weg frei für einen wildfremden Menschen, der Patty Schnyder die Hand reichte - für Rainer Harnecker, ein »Dr. Mabuse« (Zürcher »Sport"), gegen den nun die Staatsanwaltschaft in Kempten ermittelt.

Es ist ein warmer Tag im letzten Spätherbst auf Mallorca, als Schnyder zum erstenmal Harnecker erlebt. Sie trainiert für mehrere Tage mit Nachwuchsspielerinnen auf der Anlage Eric van Harpens in Cala Ratjada.

Eingeführt in die Runde wird Harnecker von Frieder Schömezler. Der arbeitet zu dieser Zeit als Physiotherapeut von Patty Schnyder. Schömezler, 1992 und 1998 kurzzeitig Trainer beim Fußball-Zweitligaclub Stuttgarter Kickers, gilt als Freund Harneckers.

Dessen Vorstoß in den Tenniszirkel scheint generalstabsmäßig geplant. Hausherr van Harpen hält sich für mehrere Tage in Deutschland auf, so daß Harnecker die Athletinnen ungestört in seinen Bann ziehen kann: Nach deren Berichten predigt er frisch gepreßten Orangensaft, trockene Nudeln und trockenen Reis und behauptet, er habe mit dieser Diät krebskranke Menschen kuriert. Namen nennt er nicht. Auch junge Leistungssportler, die am Anfang ihrer Karriere stehen, tönt Harnecker, profitierten von seiner Erfahrung.

Die Teenager sind hingerissen. Es klingt verlockend, was Harnecker sagt, und es klingt verlockend, wie er es sagt. Sein Blick kann stechend sein, aber auch sehr sanft, und zuweilen gleicht sein Redestrom einer warmen Dusche. Bereits am nächsten Tag stellen mehrere Spielerinnen ihren Speiseplan um. Minderjährige Mädchen machen mit, die Wochen später fast magersüchtig sind.

Patty Schnyder zögert. Sie fühlt sich zunächst überrollt von Harneckers Präsenz. Doch nach dem Jahreswechsel entscheidet sie sich. Bedingungslos folgt sie von nun an Rainer Harnecker und läßt dabei niemals die Vermutung aufkommen, als machten sie die kruden Ansichten und offenkundigen Widersprüche ihres Begleiters mißtrauisch: »Er ist mein Fitneßberater und Mentaltrainer.« Vito Gugolz, ihr letzter Tenniscoach für wenige Tage, stellt nach seiner Entlassung resigniert fest: »Patty ist blind.«

Dabei wäre Skepsis mehr als angemessen. Seine Vergangenheit verschleiert Harnecker, und seine Beweggründe verschwinden hinter einem Berg von Gedankenmüll.

Nur soviel ist klar, seit es Harnecker im Windschatten von Patty Schnyder an die Öffentlichkeit drängt: Der Mann wähnt sich auf einer Mission. Er könne, so prahlt er gern, die Menschheit von allerlei Übel befreien - von Krebs, von Aids, von Multipler Sklerose, von Bluthochdruck und von Diabetes.

Der selbsternannte Wunderheiler nimmt es mit der Wahrheit nicht allzu genau. Gelegentlich kommt es vor, daß sich Harnecker als »Mediziner« vorstellt - dabei hat er nicht einmal den Heilpraktikerlehrgang beendet, zu dem er sich einst an der Paracelsus-Schule in Kempten eingeschrieben hat.

Auch will er im Besitz eines Patents sein für ein nach ihm benanntes Verfahren, das unter anderem »permanentes Einatmen durch die Nase und Ausatmen durch den Mund« rechtlich schützt. Zwar ist, wie das Deutsche Patentamt bestätigt, unter dem Aktenzeichen DE 195 16 433 A1 ein Antrag für die »Harnecker-Methode« notiert, doch lautet aus München die eindeutige Antwort: »Nie bewilligt.«

Den Guru von eigenen Gnaden ficht derlei Ungemach nicht an. Viel lieber schwadroniert er von seiner Selbsterfahrung, die ihn auf den Weg der Erkenntnis zum »Menschenreparierer« brachte.

Im Alter von 17 Jahren, das hält Harnecker in einem abstrusen Rechtfertigungsschreiben fest, habe sein »Sportlerende« gedroht: »Arthrose in Hüfte und beiden Kniegelenken.«

Ein Jahr will er sich auf Krücken humpelnd »seinem Schicksal ergeben« haben, bevor er aufbegehrte und sich zur Selbstheilung entschloß: »Ich verschlang Anatomiebücher, diskutierte mit Dutzenden von Ärzten, studierte die Bewegungsabläufe unserer Extremitäten«, und siehe da: Nach einem sechs Jahre dauernden Eigenversuch »ohne jegliche Medikamente« geschah, so will er glauben machen, »das Wunder« - er konnte wieder laufen.

Das war der Beginn seiner »Laufbahn als zellreproduzierender Wissenschaftler«, einer »von mir verwendeten Berufsbezeichnung«. Er habe, schwadroniert er, alles »innerhalb von langen Jahren herausgefunden. Das ist also auch total fundiert«. Denn, so erteilt Harnecker sich selbst die Absolution zu Fragen der Akupunktur: »Wenn Schulmediziner sagen, daß sie das haben und das können, dann kann ich das auch sagen.«

Harnecker bedient sich eines Verfahrens, das in Deutschland nur anerkannten Heilpraktikern zusteht: der sogenannten Baunscheidtismus-Methode, die den Körper mittels einer Nadelrolle entgiften soll. So habe er, brüstet sich Harnecker, Kranke zuhauf kuriert, »das habe ich 100fach bewiesen«.

Doch nun könnte Rainer Harneckers obskure Selbstbeweihräucherung ein jähes Ende finden: Seit dem 24. März interessiert sich die Staatsanwaltschaft in Kempten für ihn. Schwerwiegende Vorwürfe sind gegen ihn in der Strafanzeige unter dem Aktenzeichen 200 Js 5813/99 formuliert.

Die Behörde ermittelt wegen fahrlässiger Tötung und schwerer Körperverletzung mit Todesfolge, unterlassener Hilfeleistung, Betrugs, wegen Mißbrauchs von Titeln sowie wegen Nötigung.

Jean Puscher, 48, sitzt in einem Sessel ihres Wohnzimmers in Mauerstetten bei Kaufbeuren. Mehr als ein halbes Jahr ist vergangen, seit ihre Tante, die ehemalige Bundeswehr-Angestellte Gita M., an Krebs gestorben ist. Betroffen blickt Jean Puscher zu Boden, wenn sie darüber redet, und ihre Stimme stockt. Denn sie ist der Überzeugung, daß Harnecker verantwortlich ist für den qualvollen Tod ihrer Tante.

Nach einer Operation, bei der ihr im Sommer 1997 die rechte Brust amputiert worden ist, lernt Gita M., damals 63 Jahre alt, Rainer Harnecker kennen. Er habe sich ihrer Tante als 60jähriger vorgestellt, berichtet Puscher, und gesagt, er sehe nur so jung aus, weil er sich ausschließlich von frisch gepreßtem Orangensaft ernähre.

Gita M. ist tief beeindruckt von dem Mann, der ihr weismacht, nur er könne sie von ihrem Krebsleiden heilen. Eine Chemotherapie helfe ihr nicht weiter. Sie solle den Kontakt zu Ärzten abbrechen und sich ihm anvertrauen. Wenn sie sich sechs Wochen lang nur von frisch gepreßtem Orangensaft ernähre, werde sie gesund.

Tatsächlich, so Puscher, gibt sich die Schwerstkranke Harneckers Verheißung hin. Literweise trinkt sie den Fruchtsaft, andere Nahrung lehnt sie weitgehend ab. Wenn sie von ihrer Nichte darauf angesprochen wird, reagiert sie unwirsch. Gita M. besteht darauf: »Rainer ist der einzige, der mir helfen kann.«

Auf den zugesicherten Behandlungsplatz in einer anerkannten Krebsklinik in Rosenheim verzichtet sie. Statt dessen reist sie immer wieder für mehrere Tage heimlich an den Chiemsee, wo sie Harnecker trifft.

Der selbsternannte Erlöser, so soll Gita M. Vertrauten berichtet haben, sei mit dem Nadelroller über das Krebsgeschwür gefahren und habe den Körper dann mit einer unbekannten Tinktur eingeschmiert. Das Geschwür nimmt erschreckende Ausmaße an. Es wuchert und bildet Metastasen an der Wirbelsäule. Puscher erinnert sich: »Da war nur noch schwarzer Schorf und außen ein roter Herd.«

Im Sommer 1998 ist Gita M. mit ihren Kräften am Ende. Am 29. Juli wird sie in das Städtische Krankenhaus Kaufbeuren eingeliefert, wo sie am folgenden Tag stirbt. Als Harnecker erfährt, daß ein Krankenwagen Gita M. abgeholt hat, soll er gesagt haben: »Dann bin ich hier ja wohl nicht mehr nötig.«

Daß sich jetzt Strafverfolger um den Todesfall kümmern, kann Harnecker nicht nachvollziehen. »Diese Frau wollte ja, daß ich ihr helfe.« Er habe doch »nichts Schlimmes getan«.

Nach dem Tod ihrer Tante setzt sich Jean Puscher mit dem Gesundheitsamt Kaufbeuren in Verbindung. Es ist nicht das erstemal, daß der Behörde der Name Rainer Harnecker unterkommt. Bereits im November 1996 war das Amt über die Umtriebe des Wunderheilers informiert worden.

Die Großmutter eines magersüchtigen Mädchens hatte besorgt angefragt, weil ihre Enkelin von einem Scharlatan mit einem Nadelroller behandelt würde. Harnecker, so heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme, sei in die Behörde zitiert und »eingehend über die Rechtslage informiert« worden.

Diese wachsweiche Ermahnung paßt ins Bild. Denn: Selbst die Kaufbeurer Ärzteschaft wußte bestens Bescheid über die Behandlungsmethoden Harneckers, wie der Internist Dr. Peter Gleichsner bestätigt.

Das Fitneßzentrum »Via Sola« (zu deutsch: der einzige Weg), das im ersten Stock der beige getünchten Alten Weberei in Kaufbeuren liegt, ist seit Jahren ein beliebter Treffpunkt vieler sportlicher Mediziner. »Ein ganz toll durchdachtes Bewegungsprogramm«, betont Gleichsner - entwickelt von Harnecker, betrieben von seiner Frau und deren Kompagnon. Hier war Harnecker in seinem Element. Er salbaderte vor den Doktoren über seine Heilfähigkeiten; gelegentlich bat er Kunden zur Behandlung in ein Hinterzimmer. »Was da war, wissen wir alle nicht«, erklärt Gleichsner.

Er selbst konnte es irgendwann an seiner Tochter begutachten. Die junge Frau kam weinend nach Hause, nachdem Harnecker sie wegen eines blockierten Halswirbels mit dem Nadelroller behandelt hatte. Sie hatte Striemen am Hals, am Nacken und am Rücken, und sie blutete. Gleichsner vermutete, daß Harnecker das Gerät vorher nicht desinfiziert hatte. Er beließ es bei einer Drohung: »Wenn das noch mal vorkommt, gibt es Krach.«

Daß sich die Staatsanwaltschaft dem Fall Harnecker mit mehr Elan annimmt, als es das Kaufbeurer Gesundheitsamt getan hat, dafür möchte Jean Puscher sorgen.

Dienstag dieser Woche wird das Paar Harnecker/Schnyder zum Fed-Cup - dem Davis-Cup-Äquivalent des Damen-Tennis - in Zürich erwartet. Jean Puscher will sich Harnecker medienwirksam in den Weg stellen. MICHAEL WULZINGER

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