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Der Poltergeist

Der Franzose Balestre, Präsident des Motorsport-Weltverbandes, schafft sich jedes Jahr neue Feinde. Jetzt hat er es mit ganz Monaco verdorben. *
aus DER SPIEGEL 49/1984

Das kann doch nicht wahr sein«, schimpfte der frühere Rallye-Weltmeister Walter Röhrl, »daß die Rallye Monte Carlo zwei Deppen zum Opfer fällt, nur weil die sich dick haben.«

Mit Röhrl heulte die ganze Rennbranche auf. Denn Jean-Marie Balestre, 63, der Präsident des Internationalen Motorsport-Verbandes Fisa, landete in einer lange währenden Funktionärs-Fehde einen Tiefschlag: Die Rallye Monte Carlo, in jedem Januar ein Höhepunkt der Saison, soll 1985 überhaupt nicht stattfinden, der Grand Prix von Monaco nur als Rennen ohne Weltmeisterschafts-Prädikat.

Damit traf Balestre vor allem seinen Widersacher Michel Boeri, den Präsidenten des Automobilklubs von Monaco. Doch mit Monaco solidarisierten sich die Großen des Rallye-Gewerbes. Anneliese Abarth, die Witwe des früheren Rennfahrers und Konstrukteurs Carlo Abarth, sammelte Rallye-Stars wie Weltmeister Stig Blomquist, die Französin Michele Mouton, die Finnen Hannu Mikkola und Ari Vatanen sowie Röhrl, den viermaligen Monte-Sieger, in einer »Initiative zur Erhaltung der Monte«.

»Wir müssen dafür sorgen«, schworen die Rebellen, »daß dieser selbstherrliche Balestre abgesetzt wird.« Röhrl gab zu bedenken: »So eine Veranstaltung in der Region Südfrankreich ist zu dieser toten Zeit schließlich ein Wirtschaftsfaktor, der nicht einfach ignoriert werden kann.« Experten schätzen den Gesamtumsatz entlang der Rallye-Route auf mehr als 30 Millionen Mark.

Das Formel-1-Rennen schöpft noch einmal zehn Millionen Mark ab. Nach Meinung des Schotten Jackie Stewart ist »dieses Rennen immer das beste Aushängeschild für Autorennen schlechthin« gewesen. »Ich kann nicht glauben, daß erwachsene Männer nicht in der Lage sind, sich auf einen vernünftigen Weg zu einigen.«

Es geht vordergründig schlicht um Geld: Der Automobilklub von Monaco und sein Präsident überließen die TV-Rechte für den Großen Preis am 19. Mai 1985 nicht Balestres Fisa, sondern verscherbelten sie günstig zu 2,5 Millionen Dollar an den US-Konzern ABC.

Das stand am Beginn des Zwistes. Der über diesen Alleingang erboste Balestre macht nicht nur Front gegen Monacos Grand Prix, er besann sich kurzerhand auf sein Zweitamt als Präsident des französischen Automobil-Verbandes und strich die seit 1911 ausgetragene Monte-Carlo-Rallye. Denn sie führe, begründete Balestre, über die Straßen von 43 französischen Departements. Dafür verlangte er eine Million Franc (330 000 Mark) an seine Verbandskasse. Empört verweigerten die Monegassen.

»Diese einsame Entscheidung ist nur der vorläufige Höhepunkt der Profilneurose eines Funktionärs«, schrieb die »Süddeutsche Zeitung«, »der jedes Augenmaß für den Sport, den er vertritt, verloren zu haben scheint.«

Balestre reizte das Spiel mit der Verbandsmacht seit je. Mit seinem jüngsten Streich trachtet er vor allem Boeri zu maßregeln, der sich vermessen hatte, ihn vom Fisa-Vorsitz verdrängen zu wollen.

Seit der frühere Journalist und Autonarr Balestre, der noch einen Jeep Baujahr 1944 chauffiert, die Fisa-Präsidentschaft übernommen hatte, duldete er keinen Opponenten mehr. Unterstützung gewährt ihm fast nur noch sein Freund Robert Hersant, mit dem zusammen er die Automobil-Zeitschriften »L'Auto-Journal« und »Sport-Auto« verlegt.

Kaum hielt Balestre das Verbands-Steuer, fuhr er schon zum ersten Angriff im Formel-1-Krieg gegen den Chef der Konstrukteurs-Vereinigung (Foca), Bernie Ecclestone, auf. »Balestre ist wie Hitler«, verglich Ecclestone. »Alle hatten vor ihm gewarnt, aber niemand tat etwas gegen ihn.« Ecclestone unternahm etwas: Er kündigte eine Gegen-Weltmeisterschaft der Foca an und startete in Spanien das erste wilde Rennen.

Gerichtstermine und Geheimverhandlungen standen fortan häufiger auf dem Programm als Grand-Prix-Rennen. Als Balestre eine Verhandlung anberaumte, boykottierten ihn 19 Fahrer. Der Poltergeist der Formel 1 verhängte 2000 Dollar Strafe über jeden. »Er brüllte uns an«, berichtete Alan Jones, »als seien wir dumme Jungen.«

Im März 1981 schlossen die Parteien einen Waffenstillstand. Er hielt kein Jahr. Balestre verpaßte den interviewfreudigen Fahrern einen Maulkorb. Im Januar 1982 boykottierten die Stars deshalb das Training zum Großen Preis von Südafrika. Gegenschlag des Präsidenten: Geldbußen für insgesamt 29 Fahrer.

Nun hatte es Balestre auch mit Enzo Ferrari verdorben, der beträchtlichen Einfluß auf das Grand-Prix-Geschäft ausübt. Der Italiener teilte Balestre kühl mit, er verweigere die Strafgelder im Namen seiner Fahrer. Als Balestre vorgab,

er verstehe kein Italienisch, hielt ihm Ferrari öffentlich vor: »1953 haben Sie mich noch als Journalist in perfektem Italienisch interviewt und den Artikel unter einem anderen Namen veröffentlicht.«

Den Argentinier Carlos Reuteman traf gar eine 10 000-Dollar-Strafe, nur weil er nicht, nach seinem Rücktritt, zur WM-Preisverteilung nach Paris geeilt war. »Ich ignoriere Balestre«, sagte Niki Lauda. »Wenn er irgendwo auf dem Siegerpodest auftaucht, übersehe ich ihn einfach.«

Das ist nicht einfach, denn der Präsident sonnt sich gern im Glanz der Sieger und nimmt dafür gelegentlich Champagner-Duschen in Kauf, die Gewinner über den ungeliebten Funktionär versprühen. Längst überläßt Ecclestone dem Franzosen die Schau. Dafür läßt Balestre die Foca Ecclestones inzwischen gewähren: »Nur ein Schwachkopf ändert seine Meinung nie.«

Entlastung tat not, denn eine weitere Front fordert Balestres Energie: Die italienische Zeitung »Autosprint« druckte einen Artikel »Die Soldaten des Führers« nach, der am 1. und 2. März 1944 in der französischen Zeitung »Devenir« erschienen war. Autor: »Jean Balestre, Soldat der SS.«

Den französischen Journalisten Jean-Pierre Dubreuil verklagte Balestre auf eine Million Franc Wiedergutmachung, weil der in seinem Buch »Die goldenen Boliden« (erschienen Anfang 1984) zu beweisen versucht hatte, daß er tatsächlich der SS angehört habe: Ein Photo zeigt Balestre in SS-Uniform, Personalpapiere und Tagesbefehle wiesen ihn als Schützen (Dienstnummer 10248) aus. Er soll Franzosen vor allem in der Normandie, der Bretagne und in der Bourgogne rekrutiert haben.

Das Gericht wies Balestres Klage ab und erlegte ihm die Prozeßkosten auf. Es gewährte ihm jedoch ein Schmerzensgeld von 5000 Franc, weil das Buch entgegen dem französischen Recht in das Privatleben des Fisa-Präsidenten eindringt.

Claude Bourillot, der Vorgänger Balestres als Präsident des französischen Automobilsport-Verbandes, bat in einem Brief vom 18. November Francois Mitterrand, Balestre wegen seiner undurchsichtigen Vergangenheit den Rücktritt nahezulegen, um weiteren Schaden von der Republik abzuwenden.

»Das sind schließlich Dinge«, so Bourillot, »die sehr viele französische Widerstandskämpfer zur Weißglut treiben.« Auch Balestre hatte sich nach dem Kriege als Widerstandskämpfer eintragen und eine Rente zuerkennen lassen.

Doch mit dem Schlag gegen Monte Carlos Traditionsrennen, den Grand Prix und die Rallye, hatte er sein Tempo offensichtlich überhöht. Denn jetzt macht die französische Autoindustrie gegen den Präsidenten mobil. »Es ist schlimm, wenn der Automobilsport enthauptet wird«, wetterte Jean Todt, Sportdirektor von Peugeot, »schlimm für die Wirtschaft, die Industrie und den Sport.«

Citroens Sportchef Guy Verrier will am Mittwoch dieser Woche gegen Balestre um die Präsidentschaft im französischen Verband antreten. Und nach einer Abwahl im eigenen Land, hofft die Opposition, könnte sich Balestre in der Fisa kaum länger halten.

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