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DOPING Der Vorkämpfer

In Turin steht Italiens erfolgreichster Fußballclub vor Gericht, in Florenz Europas Radfahrer-Elite. Treibende Kraft bei der Jagd auf Doping-Sünder ist ein rastloser Staatsanwalt. Auch beim Olympia-Skandal um Ski-Langläufer Johann Mühlegg setzte er die Fahnder in die Spur.
aus DER SPIEGEL 10/2002

In Kupfer geritzt prangt das Leitmotiv der italienischen Justiz an der Stirnwand des Gerichtssaals 47, direkt über dem Richter: »Das Gesetz ist für alle gleich.«

So manche der Notabilitäten, die in den kommenden Monaten im Turiner Palazzo di Giustizia in den Zeugenstand müssen, hätten das wohl kaum für möglich gehalten. Doch sie ahnten nicht, dass es in Italien einen Staatsanwalt gibt, der diesen Spruch aus dem juristischen Poesiealbum wörtlich nimmt: Raffaele Guariniello, 61.

Der zierliche Signore, bei der Staatsanwaltschaft in Turin für Umwelt und Gesundheit zuständig, sorgt sich um Getränkedosen, die Metallpartikel absondern, um verunreinigtes Trinkwasser, um die gefährlichen Nebenwirkungen von Anti-Zellulitis-Pillen - und seit über drei Jahren um Betrug im Sport.

Erst Guariniellos Kampagne gegen den Griff zu verbotenen Mitteln hat das Bewusstsein für einen wirksamen Kampf gegen das Doping geschärft. Amtskollegen in Florenz animierte er etwa zu jener Razzia beim Giro d'Italia, bei der Ermittler im Juni vergangenen Jahres erstmals das neue Blutdopingmittel Nesp im Gepäck von Radfahrern entdeckten.

Dessen Einnahme wurde, weil die Entwicklung von Nachweisverfahren beschleunigt worden war, jüngst bei den Olympischen Winterspielen dem für Spanien startenden Ski-Langläufer Johann Mühlegg zum Verhängnis. Die Zeitungen schrieben vom größten olympischen Doping-Skandal seit dem Anabolika-Fall Ben Johnson 1988 in Seoul.

Die Entdeckung von Salt Lake City markierte auch einen Wendepunkt im bis dato so einseitigen Duell zwischen den Schummlern und ihren Häschern. Bisher glich diese Jagd dem Rennen von Hase und Igel: Kaum hatten Wissenschaftler neue Tests zum Aufspüren gängiger Mittel gefunden, konterten die Manipulierer mit dem jeweils allerletzten Schrei aus der Apotheke.

Der Fall des Allgäuers Mühlegg, der eine seiner drei Goldmedaillen abgeben musste und nun einer Sperre entgegensieht, lag anders: Gerade erst war die Novität auf dem Markt, da konnten die Kontrolleure sie auch schon aufstöbern. Mühlegg hatte damit wohl nicht gerechnet.

Vorkämpfer Guariniello konnte auch im Fußballsport ähnliche Aufregung verbreiten. Da klagt der rührige Staatsanwalt den Geschäftsführer von Juventus Turin, Antonio Giraudo, als auch Riccardo Agricola, den Chefmediziner des Vereins, wegen Sportbetrugs an. Im Fadenkreuz steht auch ein Apotheker. Jahrelang sollen sie die Chancen der Mannschaft mit Pillen, Spritzen und Tropfen illegal verbessert und die Gesundheit der Spieler gefährdet haben.

Über hundert Zeugen sollen nun vor dem Turiner Strafgericht aufmarschieren: Mediziner, Verbandsfunktionäre, Trainer und Athleten. Dutzende Sportprominente, nicht nur von Juventus, wurden vorab befragt, darunter Giovanni Trapattoni, ehemals Coach beim FC Bayern München, der längst im Ruhestand befindliche Diego Maradona oder Inter Mailands Topstar Christian Vieri.

Die Beweislast ist erdrückend. 40 000 Seiten Material hat Staatsanwalt Guariniello über die medizinische Versorgung der Fußballprofis zusammengetragen: Krankenblätter, Vernehmungsprotokolle, Laborbefunde. Die hat er fürs Gericht auf 20 000 Seiten eingedampft als Belege für seine Behauptung, der ehrenwerte Fußballclub verdanke seine Erfolge mehr der pharmazeutischen Industrie als dem Trainingsfleiß seiner Spieler - in der durchforsteten zweiten Hälfte der neunziger Jahre hatte Juve dreimal die italienische Meisterschaft und einmal die Champions League gewonnen.

Für Guariniello ist der Griff zu chemischen Mitteln »Betrug«, denn die Siegchancen der konkurrierenden Vereine würden dadurch »total verzerrt«. Unerheblich ist für ihn, ob die Präparate auf Dopinglisten stehen. Er stützt seine Kampagne auf Gesetz Nummer 401 vom Dezember 1989, das es so nur in Italien gibt: Es stellt jegliche Manipulation und jeden widernatürlichen Eingriff in einen sportlichen Wettbewerb als Betrug unter Strafe.

In Guariniellos Rechtsverständnis ist auch der Einsatz von Schmerzmitteln oder Muskel aufbauenden Eiweißpräparaten Sportbetrug. So misst der Ankläger auch den Zeugenaussagen von zwei der weltbesten Fußballprofis enorme Bedeutung bei: Ronaldo, Inter Mailands dauerverletzter Wunderstürmer aus Brasilien, erzählte, wie er bei der Weltmeisterschaft 1998 regelmäßig mit hohen Dosen des Schmerzmedikaments Voltaren ins Spiel geschickt wurde. Zinedine Zidane, inzwischen zu Real Madrid gewechselter Ballkünstler aus Frankreich, beichtete, welche Mengen des Aufbaumittels Kreatin er bei seinem früheren Club Juventus so schluckte und was er außerdem per Spritze und Tropf bekam.

Guariniello verfolgt eine Mission. Es liege ihm fern, sagt er, Virtuosen wie Ronaldo oder Zidane zu kriminalisieren. Ihm gehe es »um die Taten, nicht um die Täter«. Er wolle das Verhalten der Menschen ändern, »nicht strafen«. Fast 35 Jahre ist er Staatsanwalt in Turin - noch nie hat er jemanden in Untersuchungshaft geschickt.

Der Mann funktioniert anders. So deckte er auf, dass das Labor des Nationalen Olympischen Komitees von Italien (Coni) nur Phantom-Untersuchungen vornahm. Es fand keine Doping-Spuren, weil es sie nicht finden wollte. Guariniello war es auch, der dem Radsport-Heroen Marco Pantani nachwies, sich mit dem Blutauffrischer Epo auf Touren gebracht zu haben.

Zwar wurde Pantani im Berufungsverfahren freigesprochen, »weil«, so Guariniello, »damals noch unterschiedliche Interpretationen des Gesetzes möglich waren«. Aber dafür bekam Italien Ende des Jahres 2000 ein eindeutiges Gesetz, das nun Sportler, Betreuer und Mediziner mit Haftstrafen bis zu sechs Jahren bedroht - Europas härteste Anti-Doping-Regelung.

Auch bei Staatsanwälten in anderen Städten zeigte Guariniellos Kampagne Wirkung. Er sensibilisierte, interessierte und aktivierte Kollegen, man tauschte Daten und Erkenntnisse aus: Plötzlich wurde die Grauzone des Sports von zahlreichen Scheinwerfern beleuchtet. Zum Coup geriet die Razzia beim Giro d'Italia, dem neben der Tour de France bedeutendsten Radrennen der Welt. Auf Anordnung der Staatsanwaltschaft in Florenz stürmten vorigen Sommer plötzlich Hunderte von Polizisten die Hotelzimmer der Fahrer und Betreuer in San Remo und beschlagnahmten Berge von dubiosen Medikamenten, kistenweise Spritzen sowie tragbare Kleinlabors zur Selbstanalyse. Die Auflistung dessen, was allein beim deutschen Radsport-Idol Jan Ullrich gefunden wurde, soll vier Protokollseiten füllen.

Die römische Tageszeitung »La Repubblica« behauptet unter Verweis auf Dokumente der Staatsanwaltschaft, in der umfangreichen Ullrich-Apotheke seien auch sechs verbotene Substanzen gefunden worden. Ullrichs Teamarzt Lothar Heinrich erklärte, es handele sich um Medikamente, »die gestattet waren« oder »deren Einnahme durch ärztliches Attest erlaubt ist«.

Gegen 85 Radprofis, Betreuer und Sportmediziner ermittelt seither die Staatsanwaltschaft Florenz. Mitte Januar haben die Anhörungen begonnen, erst letzte Woche wurde der Italiener Alberto Elli, ehemaliges Mitglied des Team Telekom, eineinhalb Stunden vernommen. In Kürze wird entschieden, wer angeklagt wird.

Erstmals entdeckten Fahnder bei dieser Blitz-Durchsuchung von San Remo das so genannte neue Epo: Aranesp, zehnmal stärker in der Wirkung als das herkömmliche Erythropoetin, aber theoretisch auch dreimal so lange im Körper aufzuspüren. Das neue Mittel zur Verbesserung des Sauerstofftransports in die Muskeln, eigentlich für Dialyse-Patienten entwickelt, soll auch in den Ampullen gewesen sein, die man beim Italiener Dario Frigo, damals Führender in der Gesamtwertung, fand.

Das vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) akkreditierte Testlabor in Sydney hatte da schon begonnen, an einem Analyseverfahren für Nesp zu forschen. Der Hersteller des Medikaments, der Biotechnologiekonzern Amgen, kam der Bitte um Kooperation zunächst nicht nach. Die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada hatte die Firma ersucht, zur Überführung von Dopern in das Präparat eine Markierungssubstanz einzusetzen.

Amgen lehnte ab, weil alle klinischen Tests hätten wiederholt werden müssen. Der Konzern stellte aber Expertisen zu Nesp zur Verfügung - etwa Antikörpertests zum Aufspüren des Moleküls.

Mit Hilfe der so entwickelten Nachweismethode wurde Mühlegg zum ersten geahndeten Blutdoping-Fall bei Olympischen Spielen. Erst zwei Tage nach der Eröffnungsfeier in Salt Lake City hatte die Medizinische Kommission des IOC beschlossen, den neuen Test gleich anzuwenden. Dann handelten die Kontrolleure ganz gezielt: Bei der unangekündigten Trainingskontrolle zwei Tage vor seinem letzten Rennen waren die Metaboliten des Aranesp-Wirkstoffs Darbepoetin bei Mühlegg noch nicht abgebaut.

Radsportler wären den Fahndern zu diesem Zeitpunkt vermutlich nicht ins Netz gegangen. Deren internationaler Verband UCI hatte Ende Januar an alle Profi-Teams einen Warnbrief versandt: Die Nachweisbarkeit von Aranesp, hieß es in dem Schreiben, sei »leichter als die von klassischem Epo«.

Der Dopingjäger Guariniello fühlt sich nicht mehr allein auf seiner Mission. Morgens um sieben steht er auf, um acht ist er im Büro. Mittags speist er kurz mit der Familie. Danach geht es zurück, bis sieben, in den Justizpalast. Eine Stunde Sport, Abendessen, um neun ist er wieder im Büro, bis eins oder zwei in der Nacht.

Politische Parteien haben oft versucht, ihn zu ködern, haben mit dem Bürgermeisteramt oder einem Parlamentssitz gelockt. Er hat stets, höflich lächelnd, abgewinkt: »Jeder muss seine Arbeit machen.«

Gleich zu Beginn seiner Karriere legte sich Guariniello mit Fiat-Boss Agnelli an, dem damals mächtigsten Mann des Landes. Dessen Autokonzern, so entdeckte der Staatsanwalt, hatte illegal, mit Hilfe geschmierter Polizisten, Dossiers über Beschäftigte, Gewerkschafter, Journalisten angelegt - politische Einstellung, Freundschaften, sexuelle Vorlieben.

In erster Instanz wurde Fiat dafür verurteilt, später erledigte sich das Verfahren in den langsamen Mühlen der italienischen Rechtsprechung: Die Sache verjährte, aber die Dossiers verschwanden.

Wenig später hatte Guariniello Fiat schon wieder am Wickel. Da ging er gegen das firmeneigene Krankenhaus vor, weil es sich nicht an geltende Gesetze und Normen hielt. Am 7. Mai 1989, Italien stockte der Atem, beorderte er zum ersten und einzigen Male den legendären Autokönig und Multimilliardär Gianni Agnelli als Beschuldigten in einen Gerichtssaal.

Natürlich kam Agnelli aus der Sache ungeschoren heraus, andere Fiat-Verantwortliche büßten für ihn. Aber Guariniello war auch diesmal nicht verärgert: »Der Prozess hat die Missstände beseitigt und klar gemacht, dass manches nicht mehr geht.«

Das will er auch im Sport vermitteln: Doping ist kein Kavaliersdelikt, keine lässliche Sünde für Spitzensportler, sondern Schwindel, Betrug, ein Verbrechen.

Um die Akteure davon zu überzeugen, dass die chemischen Helfer ihre Gesundheit ruinieren, sitzt Guariniello seit einigen Jahren an einer eher naturwissenschaftlichen Recherche: Er zählt, analysiert und systematisiert Krankheits- und Todesfälle von Radfahrern und Fußballspielern.

Die Studie ist noch nicht ganz fertig, vorläufige Zwischenergebnisse aber sind dramatisch: Fußballer haben danach ein 35 Mal höheres Risiko, an Leukämie oder Leberkrebs zu sterben als der Bevölkerungsdurchschnitt.

Und auch eine andere Krankheit, so Guariniello, treffe Kicker auffallend häufig: die tödliche Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). »0,01 Fälle hätten wir statistisch in der Gruppe der von uns untersuchten Fußballer finden dürfen«, sagt Guariniello, »wir fanden aber 35.« Für ihn ist die Ursache klar: Doping.

Dass die gefährlichen Mixturen und Spritzen im Sport so verbreitet sind, mag allerdings nicht jeder glauben. Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi zum Beispiel, Eigentümer und Präsident des AC Milan, erklärte »das ganze Gerede über Doping« schlicht zu einem »Komplott der politischen Linken«.

So war es nur konsequent, dass Berlusconi den früheren Coni-Chef Mario Pescante, der abtreten musste, nachdem Guariniello in dessen Labors die getürkten Kontrollen aufgedeckt hatte, zum Staatssekretär machte - zuständig für Sport.

MAIK GROßEKATHÖFER, HANS-JÜRGEN SCHLAMP

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