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Fußball »Der war mal ein Star«

Je größer die Glanzzeiten, desto problematischer das Karriereende. Diese Grundregel des Profigeschäfts bestätigt sich auch bei Lothar Matthäus. Der Kapitän des FC Bayern und der Nationalelf schaffte zum zweitenmal nach einer schweren Verletzung ein Comeback - und muß erkennen, daß seine Kollegen ihn gar nicht wiederhaben wollen.
aus DER SPIEGEL 6/1996

In »Bodo''s Backstube« hat Lothar Matthäus ein Heimspiel. Hier, in einem der Zentren der Münchner Schickis und Schicki-Gucker, kann er sich wohl fühlen. Zwischen Bussis und Baiser fühlt er sich sicher vor den Neidern und Intriganten, »die mich um meinen guten Ruf bringen wollen«.

In dem Cafe in der Münchner Innenstadt ist keiner, der ihn, wie Bundestrainer Berti Vogts kurz vor Weihnachten, einer »Ego-Fraktion« zuordnet. Niemand, der wie Mitspieler Thomas Helmer die Rückkehr des Lothar Matthäus in die Nationalmannschaft nur unter der Bedingung gutheißt, daß der »nicht auf seine eigenen Rechte pocht«.

In Bodo''s Backstube tankt Lothar Matthäus Kraft, den Fährnissen eines Fußballers vor dem Karriereende zu widerstehen, hier spricht der 34jährige Rekordnationalspieler über sich immer noch am liebsten in der dritten Person. »Ein Lothar Matthäus läßt sich nicht abschieben, an einem Lothar Matthäus wird niemand vorbeikommen«, verkündet er trotzig sein Credo. Klar und fest ist dabei seine Stimme und so laut, daß auch an den Nebentischen jedes Wort zu verstehen ist.

Doch gleich darauf erweist sich die vermeintliche Stärke als äußerst fragil. Schon die Lektüre einer Tageszeitung kippt den einst von der Boulevardpresse als »Torminator« Gepriesenen aus dem Gleichgewicht. Die Schlagzeile, in der Vogts den Kollegen Jürgen Klinsmann »als besten Botschafter« lobt, macht ihm schwer zu schaffen. Fast angewidert knüllt er das Blatt zusammen, »man sollte eben keine Zeitung lesen«.

Das Weltbild des Lothar Matthäus ist ganz offensichtlich aus den Fugen geraten. Hat er nicht alles Lob der Welt verdient? Mit seiner immer noch immensen Willenskraft überwand er die Folgen eines Achillessehnenrisses vom Januar 1995. Monatelang hatte er allein trainiert, war nach 297 Tagen Pause vorzeitig wieder zurückgekehrt, um seinem FC Bayern nun als »Integrator« (Abendzeitung) aus der herbstlichen Krise zu helfen. Und auch das ist ihm gelungen.

Gequält, sagt Matthäus, habe er sich, weil man nach der Verletzung in den Medien seine Karriere schon für beendet erklärt habe: »So tritt ein Lothar Matthäus nicht ab.«

Auch Matthäus, obwohl nach Selbstauskunft »strotzend vor Selbstbewußtsein«, braucht noch jenes »Futter für das Selbstwertgefühl«, das der Essener Sportpsychologe Ulrich Kuhl dafür verantwortlich macht, wenn alternde Sportler um jeden Preis versuchen, das Karriereende hinauszuzögern.

Doch Kränze band ihm dafür keiner. Statt dessen muß er nahezu täglich erfahren, daß Lothar Matthäus aus der Mode gekommen ist. Nicht er, sondern Jürgen Klinsmann ist der Star, der Liebling der Nation. Das hat zuletzt auch der Kollege Jean-Pierre Papin festgestellt: »Matthäus? Der war mal ein Star.«

Irritiert sieht sich der Weltmeister von 1990 von Vogts auf eine Stufe mit Stefan Effenberg, der Persona non grata des deutschen Fußballs, gestellt. Im Oktober feierte Bild, mit der er seit Jahr und Tag aufs engste verbandelt ist, bereits seinen Rücktritt - wenn auch ein wenig vorschnell. Und zu allem Überfluß lief ihm schließlich Gattin Lolita davon.

»Ich denke weiter positiv«, sagt er mehr stereotyp als tapfer. Doch mitunter scheint ihn die Ahnung zu befallen, daß das allein nicht mehr reicht. Als sei er auf der Suche nach Verbündeten, schlich Matthäus auf der Spieler-Party nach dem Münchner Hallenturnier im cognacfarbenen Anzug durch den Saal und begegnete selbst seinen schärfsten Kritikern mit Freundlichkeit.

Soviel Anbiederung hat er bislang nicht nötig gehabt. 16 Jahre tummelt sich Matthäus inzwischen im Fußballgeschäft und wähnte sich stets in seinem Zentrum. Er benahm sich, als sei er der geborene Star, der sich alles erlauben kann. Dabei mußte er sich alles, selbst sein spätes Image als eine der großen Leitfiguren des deutschen Fußballs, hart erkämpfen - oder es wurde ihm einfach angedichtet.

Als die amerikanische Fotografin Annie Leibovitz den Profi 1990 für Werbeaufnahmen ablichten wollte, erfand sie Matthäus neu: einen lässigen Italo-Macho, der die aufgetragene Schmuddeligkeit selbstbewußt zum Markenzeichen erhebt. Der Bluff wurde vor allem von einem als reine Wahrheit verstanden: von Matthäus. Für ihn war es der Aufbruch in _(* Am 8. Januar 1994 in Crans ) _(Montana. )

die Welt des Chic und der Pomade: »Jetzt benutze ich Haar-Gel.«

Mehr als ein Jahrzehnt wußte Matthäus mit seiner schnörkellosen Dynamik auf dem Rasen zu begeistern. Daher fielen seine atem- und inhaltslosen Statements beim Aufstieg vom fränkischen Raumausstatter zum Weltstar des Sports nicht weiter ins Gewicht.

Immer wieder behauptet er, »nicht gerne im Rampenlicht zu stehen«. Doch selbst seine Liaison mit dem Schweizer TV-Sternchen Lolita Morena wurde von ihm coram publico zelebriert; sogar der damals eineinhalbjährige Sohn Loris wurde in Frack und Zylinder in die Gesellschaft eingeführt. Die Kollegen lästerten zwar über den »Traumhochzeiter«, verstummten aber sofort, wenn »der Lothar« den Raum betrat.

Und auch als er sich bei Reisen mit der Nationalelf als einziger ein Einzelzimmer ausbedungen hatte, mokierte sich niemand, wenn er vor laufenden Kameras mitteilte, er wolle »keine Sonderrechte beanspruchen«.

Doch nun schwindet der Bonus des einstigen Weltfußballers, der ihn lange vor nachhaltiger Kritik an seiner Selbstgefälligkeit schützte. Keines seiner Fettnäpfchen wolle er ausgelassen wissen, sagt Matthäus. Er stehe zu all seinen Fehlern - »aber wo ich Fehler bei Vogts gemacht habe, kann ich nicht erkennen«. Ähnlich naiv hatte er schon das Eheende kommentiert: »Ich habe sie doch mit kostbarem Schmuck verwöhnt, kannte ihre Dessous-Größen und habe ihr einen Ferrari in die Garage gestellt.«

Bei der Rückschau auf sein Verhältnis zum Bundestrainer steht Matthäus neben Naivität auch noch Selbstverliebtheit im Wege. »Ich habe Vogts immer geholfen, ich habe ihm bei den Fans den Rücken gestärkt, ich habe ihn vor den Journalisten geschützt«, behauptet Matthäus und redet über das Gute im Lothar, bis er allen auf die Nerven geht. Daß die nun eingeleitete Abschiebung des 122maligen Nationalspielers auch Resultat solchen Verhaltens ist, kommt Matthäus nicht in den Sinn. Eine Annäherung, die in einem Gespräch mit dem Bundestrainer versucht werden soll, erscheint schwierig. Vogts wirft Matthäus vor, bei der WM in den USA Eigeninteressen in den Vordergrund gestellt und Interna an seine Freunde von der Bild-Zeitung weitergegeben zu haben. Außerdem habe er aus falschem Ehrgeiz die Schwere seiner Verletzung verschwiegen und damit die Siege gegen Südkorea und Belgien gefährdet.

Matthäus interpretiert dieselben Vorfälle ganz anders: Die Bild-Leute habe er so davon abgehalten, auf Vogts loszugehen. Und daß er verletzt spiele, zeige doch nur, daß er sich unermüdlich in den Dienst der Mannschaft stelle.

Doch Vogts und den Nationalmannschaftskollegen geht es auch um das Wie. Auf ihren Kapitän angesprochen, erklären sie ihre Vorbehalte gern, indem sie Episoden wie diese erzählen: Bei der WM hatten sich Vogts und Matthäus zu einem Gespräch verabredet. Doch der Kicker legte sich auf die Massagebank und tönte durch das Hotel: »Der Berti kann jetzt kommen, wir können dann die Aufstellung durchgehen.«

In der DFB-Zentrale wird ein Agreement zwischen beiden favorisiert: Der Bundestrainer bittet seinen Kapitän, weiterzumachen; doch der erklärt seinen Rücktritt und wünscht als großer Sportsmann der Nationalelf viel Erfolg bei der Europameisterschaft - und entgeht so einem Rauswurf. Doch da mag »der Lothar Matthäus« nicht mitspielen, »dazu bin ich zu ehrlich«.

Damit zwingt er Vogts eine Entscheidung auf, die den neuen Frieden in der DFB-Auswahl gefährdet. Die behutsame Abschiebung des hölzernen Vorstoppers Jürgen Kohler und der öffentlich akzeptierte Rauswurf des renitenten Stefan Effenberg haben das Team stabilisiert. Aber erst die Verletzung seines Kapitäns bot die Chance, jene Kameradschafts-Philosophie erfolgreich auszuleben, die Vogts so behagt und die auch Klinsmann und der Dortmunder Matthias Sammer favorisieren.

Matthäus will herausgefunden haben, daß die alten Kameraden ihn deshalb gar nicht wiederhaben wollen. Die Namen seiner Widersacher mag er nicht nennen, verweigert aber bei Klinsmann ebenso demonstrativ ein Dementi, wie er den Bayern-Kollegen am Morgen beim Training mit Nichtbeachtung gestraft hat.

Bei den Vogts-Harmonikern würde ein wiedererstarkter Matthäus allenfalls als mitzuziehendes »Problemkind« (Vogts) akzeptiert. Doch nur ein gewöhnlicher Kicker zu sein ist im Koordinatensystem des Lothar Matthäus nicht vorgesehen. »Ich denke, ich bin eine gute Führungskraft«, sagt er.

Dieser Irrglaube hatte Vogts schon unmittelbar nach der WM 1994 bewogen, auf Matthäus zu verzichten (SPIEGEL 29/1994). DFB-Präsident Egidius Braun, gegen dessen Funktionärsehre es ging, daß ein Rekordnationalspieler »auf diese Weise abgeschoben wird«, machte den Rauswurf rückgängig.

Im schwelenden Konflikt darf sich Matthäus gewichtiger Unterstützung sicher sein. Neben Braun setzt sich auch Vogts-Vorgänger Franz Beckenbauer für seinen Duz-Freund ein: »Lothar gehört in die Nationalelf, keine Frage.«

Der aber macht sich schon mal Gedanken über die Zeit ohne Ball. »Werbung etwa« oder »ein Mittelding zwischen Trainer und Manager, Teamchef also«, möchte er machen, nur ja nichts am Schreibtisch. Den DFB könne er, ohne den Funktionären zu nahe zu treten, sicher glänzend repräsentieren, »mehr Türen öffnen bei eventuellen Sponsoren kann ich mit meinem Namen doch besser als die«.

Den Test hat er schon gemacht. Beim Skilauf in Crans Montana habe er in den Weihnachtsferien am Lift zwei Geschäftsleute getroffen, »da hätte ich gleich zwei Trainingslager für den FC Bayern in erstklassiger Lage abschließen können«. Das Leben nichts als ein einziger Small talk? »Man muß mit den Leuten reden, ich kann reden.«

Auch bei seinem Lebensentwurf als ehemaliger Fußballer will Matthäus für sich nur das Beste: Beckenbauer zu sein ist das Ziel. »Als Fußballer war er nie mein Vorbild«, sagt Matthäus, »was er danach gemacht hat, ist für mich erstrebenswert.« Doch die Defizite gegenüber dem diplomatischen Allrounder des Weltfußballs spürt er. »Der Franz ist souverän, das bin ich noch nicht.«

Dem glaubt er mit einem Rekord abhelfen zu können, der ihm in den Statistik-Bibeln einen Platz für die Ewigkeit sichert. Matthäus möchte gern »der einzige deutsche Fußballer sein, der bei fünf Weltmeisterschaften dabei war«. Doch dazu müßte er 1998 bei der WM in Frankreich noch spielen.

Wie soll das gehen, wo er dann doch schon 37 Jahre alt wäre und womöglich schon bald für untauglich erklärt wird? Wenn die Nationalmannschaft, sagt Lothar Matthäus, ohne »einen Lothar Matthäus« eine schlechte Europameisterschaft spiele, und es klingt, als wünsche er sich das, »dann heißt anschließend der Trainer nicht mehr Vogts«.

»Man muß mit den Leuten reden, ich kann reden«

* Am 8. Januar 1994 in Crans Montana.

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