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RALLYES Der Wüstensohn

Im Januar will Sven Quandt, Sohn des Großindustriellen Herbert Quandt, mit seinem X-Raid-Team das Rennen von Lissabon nach Dakar gewinnen. Seine Familie ist mehr als 20 Milliarden Euro schwer und notorisch verschwiegen. Er ist der Einzige aus dem Clan, der das Rampenlicht sucht.
aus DER SPIEGEL 50/2007

Mit der rechten Hand legt er das Satellitentelefon auf die Konsole, in der linken hält er eins seiner drei Handys, und mit den Knien steuert er den Wagen über die Straße. Alles bei Tempo 160. Es ist der zweite Tag der UAE Desert Challenge, die Rallye führt in fünf Etappen durch die Vereinigten Arabischen Emirate, die Luft flimmert, es sind 40 Grad, Kamele dösen in der Sonne. Sven Quandt ist auf dem Weg zu einer Brücke, die in der Nähe der Oase Liwa liegt, er fährt jetzt mit 70 durch einen Kreisverkehr, der Wagen kippt fast aus der Kurve, dann beschleunigt er, bis die Tachonadel auf 190 gezittert ist und ein Kipplaster vor ihm erschreckt zur Seite hüpft. Sven Quandt sitzt völlig entspannt am Steuer.

Er ist Gründer, Besitzer, Manager des X-Raid-Teams, und vorhin hat er per Funk erfahren, dass eins seiner Autos knapp in Führung liegt, und deshalb will er schnell zu dieser Brücke, denn von dort kann man beobachten, wie die Rallye-Piloten durch die Wüste rasen.

Sven Quandt parkt seinen Wagen am Straßenrand und steigt aus. Am Horizont erkennt man Staubwolken, die schnell näher kommen. Er spannt den Brustkorb und zieht Luft durch die Nase, wie es Wanderer gern machen. »Ich liebe die Wüste«, sagt er, »die Weite, die Ruhe.« In diesem Moment sieht er seinem Vater sehr ähnlich, er hat dessen Nase, die Augen, das Kinn, er hat denselben schläfrig-musternden Blick wie Herbert Quandt, der Großindustrielle aus Bad Homburg, der 1960 die Bayerischen Motoren Werke übernahm, den maroden Autobauer sanierte und zum Weltkonzern formte. Sven Quandt ist sein ältester Sohn, das vierte von sechs Kindern, er stammt aus zweiter Ehe. Sven Quandt zückt eine Stoppuhr.

Kurz darauf rast ein weiß-grüner BMW unter der Brücke durch, Startnummer 208, Drei-Liter-Turbodiesel, Sechs-Gang-Getriebe, 275 PS, sechs Zylinder, 3000 Kubik. Einen Augenblick bleibt seine Drehzahl auf dem Kamm, dort also, wo der Motor sein höchstes Drehmoment hat. Das Gebrüll ist ohrenbetäubend.

»Einssiebzehn Vorsprung«, sagt Quandt, er trägt die Zeit mit Bleistift in eine Tabelle ein. »Und die Dünen kommen noch. Da

sind wir am stärksten.« Er klatscht zweimal kurz, setzt sich ins Auto, fährt weiter.

Fünf Geländewagen gehören zu seinem Team, vier BMW X3 und ein X5, Quandt ist das Zentralhirn des Rennstalls. Er hält sich für einen »verrückten Workaholic«, 35 Wochen im Jahr ist er unterwegs, in den letzten drei Monaten hatte er zehn Tage frei. Er beschäftigt 22 Ingenieure, Mechaniker, Fahrer, aber es fällt ihm schwer, Verantwortung abzugeben. »Am liebsten mache ich alles selbst: die richtige Tankmenge berechnen, Fehler suchen, dokumentieren, ausmerzen.« Stundenlang kann er sich mit Stoßdämpfern befassen, mit der Höhe des Reifendrucks. »Ich suche die Autos ständig nach Verbesserungen ab«, sagt er.

Die Arbeitswut, das technische Interesse, die Detailversessenheit - auch da ist er ganz der Vater. Der Alte war fast blind, darum ertastete er sich in der Fabrik die Autos, lauschte den Motorengeräuschen und kontrollierte auch mal persönlich den Zug der Handbremse. »Ich denke noch oft daran, was mein Vater mir mit auf den Weg gegeben hat«, sagt Sven Quandt.

Anfang Januar startet er mit seiner Crew bei der Rallye Dakar, das ist die wichtigste, schwerste Rallye der Welt. Sie beginnt in Lissabon, 9273 Kilometer sind es zum Ziel, es geht durch Portugal, Marokko und Mauretanien in den Senegal, unterwegs herrschen im Auto Temperaturen wie in der Sauna, 15 Tage dauert die Fahrt, sie führt über Geröllpisten, durch Treibsand, Wadis, vermintes Gelände, auf der Strecke lauern Sandstürme, Rebellen, Fata Morganen.

Siebenmal hat Quandt als Fahrer versucht, die Rallye Dakar zu gewinnen, nun will er es als Teamleiter schaffen, nein, er muss es schaffen. »Das ist meine Triebfeder, mein Ziel«, sagt er im Auto, beim Vorbereitungsrennen in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Sven Quandt biegt rechts ab, Richtung Saudi-Arabien, kurz vor der Grenze liegt das Ziel der Etappe. Er sagt, er sei vor 16 Jahren das erste Mal in den Emiraten gewesen und Abu Dhabi gefalle ihm besser als Dubai, »weil es konservativer ist«.

Sven Quandt ist 51 Jahre alt, ein durch und durch rationaler Mensch, der Wert legt auf Pünktlichkeit, Disziplin und Zuverlässigkeit. Er redet sanft, er kann gut zuhören und sieht gar nicht aus wie ein Autofanatiker, der früher selbst Rallyes gefahren ist. Eher wie ein Erdkundelehrer auf Klassenreise: Die grauen Haare sind zum Seitenscheitel gekämmt, er trägt eine randlose Brille, ein Oberhemd mit kurzen Ärmeln und blaue Bermudashorts. Er hat blasse Beine. Gürtel und Armbanduhr sind farblich aufeinander abgestimmt, beides ist orange. »Ich bin kein Pastell-Typ«, sagt er.

Das Rallye-Team ist sein Hobby, er zahlt einen Teil des Budgets aus eigener Tasche. Wie viel Geld steckt er in X-Raid?

Er linst in den Rückspiegel und sagt: »Access denied.«

Angeblich beträgt der Etat fünf Millionen, stimmt das?

»Kein Kommentar.«

Die Quandts, das ist ein deutscher Wirtschaftsmythos, eine der letzten bedeutenden Unternehmerdynastien des Landes, sie sind genauso verschwiegen wie reich.

Und sie sind sehr reich, zusammen kommen sie auf über 20 Milliarden Euro. Sven Quandts Stiefmutter Johanna, sein Halbbruder Stefan und seine Halbschwester Susanne Klatten halten 46,6 Prozent der BMW-Aktien, Stefan gehört außerdem die Management-Holding Delton, und Susanne kontrolliert den Chemiekonzern Altana. Sven Quandt hat 1978 vorzeitig Wertpapiere des Batterieherstellers Varta geerbt, bei dem er schon mit 23 im Aufsichtsrat saß. 60 Millionen hat er auf dem Konto, sehr viel Geld, trotzdem könnte man meinen, er sei zu kurz gekommen.

Auf die Frage, ob sein Vater das Eigentum fair aufgeteilt hat, antwortet er: »Können Eltern überhaupt gerecht sein?«

Sven Quandt arbeitet als sein eigener Vermögensverwalter, kauft und verkauft Firmen, mal ist es eine für Autositze, dann eine für Fertigungssteuerung oder Hafengeräte. Er lebt in Trebur, 20 Kilometer südöstlich von Mainz, auf einem Bauernhof, im alten Kartoffelkeller befindet sich der Pool, in der Diele glänzt ein gelber Porsche 968 Turbo S, von dem es nur 14 Stück gibt. In Trebur steht auch das Basislager des Rallye-Teams, ein dreistöckiger Büroklotz aus Glas.

Sven Quandt ist das einzige Mitglied der Familie, das öffentlich auftritt, er findet, für den Chef eines Rallye-Teams gehört das zum Geschäft. Vom Rest seiner Sippe werde es »akzeptiert und respektiert«. Sagt er. Aber was heißt das schon? Sven Quandt hat sich entschlossen, aus der Wagenburg auszubrechen, er ist kein Verstoßener, aber er gehört nicht mehr richtig dazu, zum Clan, und er ist sich dessen bewusst, denn er hat eine feine Nase für Wirkung.

Er legt keinen Wert auf den Dunstkreis der Großen, gefällt sich aber in der Rolle des Souveräns, und er besitzt ein Gespür für das Demonstrative, das in der Stille liegen kann. Er liebe es, sagt er, bei einer Rallye in Jeans und dreckigem T-Shirt ein Luxushotel zu betreten »und zu sehen, wie die Leute reagieren«.

Abends um neun sitzt er im Zeltlager an einem Klapptisch, er starrt in einen Laptop und analysiert den Rennverlauf. Das Biwak, in dem die Rallye-Teams übernachten, steht am Fuß einer 80, 90 Meter hohen Düne, am Rand der Wüste Rub al-Chali. In einem Container wartet ein libanesisches Buffet auf Quandts Fahrer: pürierte Kichererbsen, marinierte Hühnerschenkel.

Unter einem blauen Sonnensegel schrauben die Mechaniker an den Rallye-Autos rum, die mit einer mobilen Hebebühne aufgebockt sind, bis morgens um zwei werden sie am Gitterrohrrahmen aus Flugzeugstahl, an der Karosserie aus Kohlefaser hämmern, montieren, zurren.

Quandt postiert sich breitbeinig vor seiner Mannschaft. »Kontrolliert alles doppelt. Morgen haben wir einen harten Tag. Gute Arbeit bis hierher. So darf es weitergehen. Ich danke euch.« Er sagt das bedeutungsschwer, mit vielen Pausen.

Dann geht er zu seinem Fahrer Nassir al-Attija, legt ihm eine Hand auf die linke Schulter und gratuliert ihm mit einem Kopfnicken zum Tagessieg.

Nassir al-Attija ist der Fahrer mit dem größten Potential im Team, er hat, wie Quandt meint, ein »Gefühl für Sand«, ist aber ein Draufgänger. Bei der letzten Rallye Dakar lag er auf dem dritten Platz, dann kassierte er 129 Strafminuten, weil er zweimal ein Tempolimit ignoriert hatte. Quandt bestand darauf, dass Attija die Geldbuße selbst zahlt. »Wenn man mit dem Firmenwagen geblitzt wird, übernimmt das ja auch nicht der Arbeitgeber.«

Attija kommt aus Katar, er ist der Vetter des Königs dort, und bei den Olympischen Spielen 2004 wurde er Vierter im Tontaubenschießen. Seine Beifahrerin ist die Schwedin Tina Thörner, es ist das erste Mal im Rallye-Sport, dass eine Europäerin einem Araber diktiert, wo es langgeht und welche Kurve er wie schnell fahren soll.

Sven Quandt hat eine Affinität zu Piloten, die keiner auf der Liste hat oder nicht mehr, er mag Fahrer, die nicht schon ihre Kindheit auf der Kartbahn verbracht haben. Seine einzigen Bedingungen sind Leidenschaft und Loyalität, »der Rest kommt dann von allein«.

Guerlain Chicherit, der zweite Fahrer bei X-Raid, hängt gerade am Tropf, das Gesicht kreidebleich, die Augen glasig, weil er auf der Etappe zu wenig getrunken hat und dehydriert ist. Als er im Ziel war, fiel er aus dem Wagen wie ein CrashtestDummy. Chicherit ist Franzose und 29, mit 15 war er Landesmeister im Judo, er spielt Violine und ist vierfacher Weltmeister im Freeride Ski, bei dem man aus einem Helikopter springt und den Berg runterjagt. Seine erste Rallye fuhr er vor fünf Jahren.

Dritter Mann ist Bruno Saby, der nach dem Tod von Colin McRae ins Team rückte. McRae, der erfolgreichste Rallye-Fahrer überhaupt, stürzte im September mit einem Hubschrauber ab. Auch Saby ist Franzose, drei Jahre lang saß er für Volkswagen im Auto, 2006 schob VW ihn ab.

Saby, 58, ist ein kleiner, sympathischer Mann. Bei der Etappe heute ist ihm nach sieben Kilometern der Motor verreckt, jetzt hockt er bei Kaffee und Baklava, blättert in der Ergebnisliste. Dann sagt er: »Bei VW gab es nur Arbeit, nichts als Arbeit. Bei Herrn Quandt geht es viel familiärer zu.«

Quandt lädt seine Fahrer zu sich nach Hause zum Essen ein, und es kommt vor, dass er bei einem Rennen zwei Mann in seinem Hotelzimmer übernachten lässt, weil sonst alles ausgebucht ist. Der Boss schläft dann auf dem Sofa.

Die Teams von Mitsubishi und Volkswagen sind seine härtesten Rivalen, es ist ein ungleicher Kampf, sie verfügen über mehr Geld und mehr Personal. Das Budget von VW liegt bei rund 25 Millionen Euro, 80 Mann schickt das Werk zur Rallye Dakar, 4 Rennautos, 10 Service-Wagen, 11 Lkw, 3 Busse, im Gepäck sind 10 Stromaggregate,

1000 Malaria-Tabletten, 150 Ampullen Augentropfen, 1600 T-Shirts, 25 Tonnen Material und Ausrüstung.

BMW liefert für Quandt den Motor, die Frontscheibe, die Spiegel und den Kühlergrill. Warum bittet er seine Familie nicht, im großen Stil bei ihm einzusteigen?

Quandt schweigt.

Und sagt dann, er setze lieber auf »die Komponente Mensch« im Duell mit Volkswagen. Sein Vorteil sind 17 Jahre Rallye-Erfahrung. »Ich weiß, wie sich ein Rennen anfühlt. Ich weiß, wie die Fahrer denken.«

Sven Quandt ist mit Motorsport aufgewachsen, sein Vater ist Bootsrennen gefahren, von Cannes nach Monte Carlo, er stand nicht selbst am Ruder, er konnte ja kaum sehen, sondern kauerte vorn im Rumpf und half, das Boot durch Gewichtsverlagerung zu manövrieren.

Mit 14 fing Sven Quandt an, Mofas der Nachbarskinder zu frisieren, dann jobbte er in einer Autowerkstatt, um seinen tiefergelegten Audi zu finanzieren. »Wenn man erst einmal Benzin im Blut hat«, sagt Quandt, »geht das nie wieder raus.« Im Unimog ist er 1988 von München nach Johannesburg gefahren, drei Jahre später saß er als Co-Pilot im Rallye-Auto, als Fahrer holte er 1998 den Weltcup, in der Klasse der seriennahen Typen. »Ich bin immer kalkuliert gefahren«, sagt er. »Ich habe immer das gemacht, was ich gerade erreichen musste, und im letzten Lauf musste ich gewinnen, und dann habe ich halt gewonnen.«

Sven Quandt besitzt eine Rechenschieber-Mentalität, er hat Betriebswirtschaft studiert, aber heute würde er Jura wählen, »weil man das jeden Tag braucht«. Und dann erzählt er mit feinem Lächeln, wie er in Ghana, bei einem Geschicklichkeitstest, Palmen umsägen sollte: »Ich habe die Aufgabe logisch durchdacht, habe überlegt, wo ich den Keil setze, wohin der Baum kippt. Ich habe die Palmen akademisch gefällt.«

Ende September lief in der ARD eine Dokumentation, es ging darin um die Nazi-Vergangenheit der Quandts, um Zwangsarbeiter, die in einer Firma des Wehrwirtschaftsführers Günther Quandt Akkumulatoren gebaut haben für U-Boote, Torpedos, Raketen und Flugzeuge, es ging auch um ein KZ auf dem Grundstück des Afa-Zweigwerks in Hannover-Stöcken. »Wir müssen endlich mal versuchen, das zu vergessen«, sagt Sven Quandt in dem Film. »Wie kann ich dafür verantwortlich sein? Habe ich da gelebt? Nein.« Und er sagt: »Dunkle Seiten gibt es in jeder Familie.«

Nur er hat sich in der Dokumentation zu Wort gemeldet, sonst kein Quandt, wieder eine Rebellion, wieder grenzt er sich ab. Er ist doch ein strategisch denkender Mann, warum hat er diese Sätze gesagt?

»Wollten wir nicht über Motorsport reden?«

Würde er noch mal über die Rolle seiner Familie im Dritten Reich sprechen?

»Ich habe das Interview so nie gegeben. Da ist kunstvoll geschnitten worden.«

Sollte das stimmen, wieso geht er dann nicht rechtlich gegen den Journalisten vor?

»Wie viel Zeit habe ich, und wie viel Zeit kostet mich das?«

Sven Quandt will sich auf das konzentrieren, was für ihn zählt. Morgens um sieben lehnt er im Zeltlager in Abu Dhabi an einem Rallye-Auto, er sieht müde aus, die Sonne geht auf, und Quandt liest im Roadbook, in dem die wichtigsten Streckenmerkmale der nächsten Etappe aufgelistet sind. Ein schlanker fahler Mann im Sand, ein Wüstenfuchs. MAIK GROßEKATHÖFER

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