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FOOTBALL Des Trainers General

Was hat der Frankreichfeldzug der Deutschen Wehrmacht mit dem amerikanischen Footballspiel gemeinsam? Beinahe alles. *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Am 10. Mai 1940, morgens ab 5.35 Uhr, rollten drei Panzerdivisionen der Deutschen Wehrmacht über die luxemburgische Grenze. 123 Stunden später griff Frankreichs Premier Paul Reynaud zum Telephon und meldete seinem Kampfgenossen Winston Churchill nach London: »Wir sind geschlagen.«

Als ein Beispiel für den gefürchteten deutschen »Blitzkrieg« ging diese Panzeroffensive durch die Ardennenausläufer in die Geschichte ein; sie begründete den Ruhm des Panzergenerals Heinz Guderian, dessen Taktik der schnellen Panzervorstöße den Westfeldzug entschied - und sie änderte für immer die Spielstrategie eines amerikanischen Nationalsports, des Football.

Über den merkwürdigen Zusammenhang zwischen einem deutschen Generalshirn und den Gepflogenheiten der mit Gitterhelmen und ausgepolsterten Schultern aufgetakelten Footballspieler berichtete jetzt der ehemalige US-Sportjournalist William Barry Furlong. In der Hauszeitschrift der Smithsonian Institution erzählt Furlong - 46 Jahre danach -, wie damals der amerikanische Football Trainer Clark Shaughnessy die Durchschlagskraft deutscher Panzervormärsche auf die Spielzüge beim Football übertragen habe: »Eines der bizarrsten Beispiele für die Verpflanzung von Ideen in der neuzeitlichen Kulturgeschichte«, so nenn es der Autor Furlong in seinem späthistorischen Rückblick.

»Etwas Besonderes im amerikanischen Sport«, so Furlong, sei dieser Shaughnessy gewesen: »Ein Athlet mit kreativem Verstand, zudem zeitlebens besessen vom Football-Spiel. Der gelernte Jurist war 1933 als Spezial-Trainer für Angriffs-Spielzüge zur Football-Mannschaft der University of Chicago gestoßen.

Noch in den 30er Jahren hatte Shaughnessy beispielsweise ein besonderes Vokabular entwickelt, dessen 1700 Einzelwörter nur Eingeweihten verständlich waren: Die von Shaughnessy trainierte Mannschaft konnte die Wortfetzen deuten, die ihnen der Quarterback, beim Football eine Art flankenschlagender Libero, vor jedem Angriff zuschrie; als Spielmacher befiehlt der Quarterback, wohin die Spieler freilaufen, welchen Gegner sie blockieren sollen.

Schon in seinen ersten Trainerjahren hatte Shaughnessy beim Ersinnen von Spielzügen Anregung beim Kriegshandwerk gesucht. So wandte er etwa Entfernungsbestimmungen der Artillerie an, um den Bogenflug des eiförmigen Footballs beim Paß in den freien kaum zu berechnen und seinen Spielern zu verdeutlichen.

Shaughnessy sah auch sonst Football als eine Art Kriegsspiel an, bei dem zwei »Armeen« um das 4500 Quadratmeter große Stück Gelände kämpfen, mit dem Ziel, sozusagen die eigene Flagge, nämlich den Football, beim Gegner aufzupflanzen. Die angreifende Elf muß bei ihrem Bemühen, den Ball im gegnerischen Hinterland, der »Endzone, zu deponieren ("touchdown"), die ihr in der Frontlinie ("line of scrimmage") gegenüberstehende Mannschaft überwinden.

Bevor sich Shaughnessy mit den Ideen Guderians vertraut machte, war es gängige Football-Taktik gewesen, daß die Angreifer nach Art mittelalterlicher Burgtorrammer mit Muskelkraft und purer Körpermasse die gegnerische Mannschaft zurückzudrängen suchten.

Diese in den 20er und 30er Jahren übliche Taktik auf dem Feld schien dem Football-Theoretiker Shaughnessy vergleichbar mit den Grabenkriegsschlachten

im Ersten Weltkrieg, bei denen langsame, wuchtige Angriffe mit geringem Geländegewinn die Regel waren.

Kennzeichen auch des US-Footballs war damals vor allem das stundenlange Hin- und Hergeschiebe, bei dem wenig Tore - »touchdowns« - vorkamen. »Drei Meter vorwärts und eine große Staubwolke«, war eine oft gehörte Beschreibung eines Angriffszuges.

Es war ein Spiel, in dem - wenn die Mannschaften etwa gleich stark waren - wenig passierte. Auf der Suche nach neuen Ideen, die den Football aus dieser Stagnation befreien könnten, stieß Shaughnessy auf ein Werk des damals noch unbekannten europäischen Kriegstheoretikers Guderian. Titel: »Achtung Panzer!«

1937 war außerdem ein Aufsatz Guderians erschienen, den Shaughnessy gleichfalls las. In beiden Veröffentlichungen ging es um Guderians Konzept vom Bewegungskrieg. Mit dem Einsatz schneller Panzer, die gleichsam als Speerspitze hinter die gegnerische Front vorstoßen, müsse der Feind überrascht, irritiert, in seiner Kampfmoral gelähmt und schließlich vernichtet werden - so die Idee. Ein Kernsatz Guderians: »Wir wollen für eine kurze Zeitspanne die feindliche Verteidigung in der gesamten Tiefe des Raumes beherrschen.«

Der Satz, der (für moderne Ohren) auch von Sepp Herberger gesprochen sein könnte, faszinierte den Football-Trainer Shaughnessy. Gebannt wartete er auf die praktische Anwendung Guderianscher Strategie. Als dann, 1940, der deutsche West-Feldzug zum schnellen Erfolg führte, zögerte Spiel Planer Shaughnessy, der inzwischen das Training der Mannschaft an der kalifornischen Stanford University übernommen hatte, nicht länger: Die Spielzüge, die er seinem Stanford-Team einpaukte, entsprachen exakt der Theorie Guderians und der erfolgreichen Operation der Deutschen Wehrmacht.

Guderian hatte bei seinem Vormarsch auf Sedan die nachrückende Infanterie nicht abgewartet. Das Fußvolk hätte den Durchbruch nur verlangsamt.

Ganz ähnlich verzichtete Shaughnessy auf die bis dahin hinter der Angriffsformation placierten Rückraumspieler, weil sie den Vorwärtsdrang des angreifenden Spieler- nicht unterstützen - sie erschienen ihm nun (wie dem Guderian die Infanterie) als Hemmklötze des Vorstoßes.

Und wie Guderian bei seiner Offensive die Hauptmacht seiner Panzerverbände auf den schmalen Durchlaß zwischen Ardennen und dem nördlichen Endpunkt der Maginot-Linie konzentriert hatte, so wählte auch Shaughnessy jeweils einen schmalen Durchlaß in der gegnerischen Abwehrreihe, durch den der Ballträger nach vorne stoßen sollte (siehe Graphik).

Voraussetzung dafür war allerdings - in Stanford wie in Frankreich -, daß die gegnerische Verteidigung mit einem Verwirrspiel ausgetrickst und ausgedünnt wurde. Gegen Frankreich hatte dies die Heeresgruppe B übernommen. Sie war nach Belgien und Holland einmarschiert und hatte damit in Frankreich stationierte Truppenteile der Alliierten nach Norden gelockt.

Auch diesen Schachzug übertrug Shaughnessy aufs Spielfeld: Unmittelbar vor dem Angriff ließ er einen Spieler knapp hinter der Angriffsformation seitwärts in Richtung einer Außenlinie traben. Diesen freien Mann und möglichen Ballfänger, der gegenüber den niederhockenden Mitspielern den Vorzug hatte, bereits in Bewegung und damit schneller im gegnerischen Rückraum zu sein, mußte der Gegner mit möglichst mehreren Spielern decken. So wurde die gegnerische Formation zwangsläufig geschwächt.

Zur weiteren Verwirrung der gegnerischen Verteidigung stellte Shaughnessy dem Spielmacher (Quarterback) drei Spieler bei, die mit oder ohne Ball nach vorne rechts, links oder durch die Mitte ausbrachen und ähnlich wie die deutschen Truppen in dem Marschbefehl Zum Kanal« nur ein Ziel kannten: den Durchbruch zur gegnerischen Endzone.

Der Erfolg der neuen »Blitzkrieg«-Strategie auf dem Football-Feld war sensationell. In neun von zehn Spielen war die Stanford-Mannschaft im Jahr zuvor vernichtend geschlagen worden - jetzt gewann Shaughnessy mit nahezu unveränderter Mannschaft sämtliche Spiele und die begehrte Meisterschafts-Trophäe »Rose Bowl«.

Die Sportpresse feierte die neue Taktik begeistert »Bei einem der Touchdowns, schrieb das Fachmagazin »Sports Illustrated« schon nach dem ersten Guderian-Spiel, »ging alles so schnell, daß man annehmen kann, die gegnerische Mannschaft hat den Ball nicht einmal gesehen.

Noch im selben Jahr wurde Shaughnessy wieder aus Kalifornien abgeworben. Die Profi-Mannschaft »Chicago Bears« verpflichtete ihn als Berater. Schon Shaughnessys erster Einsatz bei der Betreuung der Bären brachte den erhofften Erfolg. Im Spiel gegen die »Washington Redskins (gegen die Chicago im Vorjahr noch mit 3:7 ohne einen einzigen Touchdown verloren hatte) zogen die Bären die bis dahin »größte Schau der Liga ab (Furlong). Sie gewannen mit 73:0. »Football at its best«, kommentierte damals bündig die »New York Times.«

Shaughnessys »Blitzkrieg-Taktik« gehört inzwischen zum Repertoire aller

Football-Trainer. Wie es damals zu dem Schlachtplan-Transfer gekommen war, blieb jahrzehntelang unbekannt.

Ex-Sportreporter Furlong spekuliert über die Gründe der Zurückhaltung. »Shaughnessy«, meint Furlong »konnte schließlich im Zweiten Weltkrieg nicht umhergehen und erzählen, er habe seine große Idee, die den amerikanischen Football revolutionierte, einem Nazi-General zu verdanken.

[Grafiktext]

FOOTBALL-BLITZKRIEG Für den Westfeldzug 1940 entwickelte die deutsche Wehrmacht folgende Strategie: Die Heeresgruppe B zog durch ihren Einmarsch in Holland und Belgien gegnerische Verteidigungs-Truppen nach Norden. Panzerkeile durchstießen die ausgedünnte Front zwischen Maginot-Linie und Ardennen und rollten bis zum Kanal. US-Trainer Shaughnessy übertrug die »Blitzkrieg«-Strategie auf den American Football: Ein Spieler lockt durch ein Ablenkungsmanöver nach außen gegnerische Verteidiger aus dem Abwehrzentrum. Das ermöglicht einem Angriffskeil aus einem Spieler oder mehreren Angreifern, die ausgedünnte gegnerische Verteidigungslinie zu durchbrechen. NIEDERLANDE Amsterdam Rotterdam BELGIEN Dünkirchen FRANKREICH Allierte Heeresgruppe B Panzerkeil (Guderian) Maginot-Linie

[GrafiktextEnde]

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