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SCHIESSEN Deutsches Jägerlatein

Noch nie hatten die Bundesschützen so viele Medaillen-Chancen wie in Los Angeles. Doch auf dem Schießstand brachten sogar Mäuse die Deutschen aus dem Rhythmus. *
aus DER SPIEGEL 32/1984

Der amerikanische Kleinkaliberschütze Ed Etzel spürte den zunehmenden Wind rechtzeitig. Er schoß fast so schnell wie mit einem Maschinengewehr. Dann nickte er zufrieden, stand auf und packte die Waffe ein. Mit 599 Ringen war er Olympiasieger geworden.

Sieben Stände weiter lag der Deutsche Werner Seibold immer noch auf der Pritsche, rieb sich den hochgewehten Sand aus den Augenwinkeln und wartete auf günstigeren Wind. Doch der drehte und wurde immer stärker. »Es ist eine Katastrophe«, fluchte Seibold. Mit 589 Ringen blieb ihm nur Platz 25.

»Ich hatte euch doch gesagt, daß ihr schneller schießen sollt«, schimpfte Bundestrainer Walter Schumann. Schütze Ulrich Lind rechtfertigte sich: »Ich hatte die falsche Munition.« Statt mit der Wettkampfmunition hatte er mit Trainingsblei gefeuert.

Pistolenschütze Gerhard Beyer, am Ende auf Platz 25, fummelte nervös an seiner Waffe herum und meinte: »Der Abzug ist defekt.« Als auch die Luftgewehrschützin Silvia Sperber zu oft danebengeschossen hatte, schob Trainer Schumann die Schuld auf die Fernsehreporter:

»Das ganze Jahr kümmert ihr euch nicht um uns, und hier macht ihr uns verrückt.«

Die merkwürdigste aller Ausreden fand der bundesdeutsche Trapschütze Peter Blecher. Mäuse hatten die Elektrokabel der Anlage angefressen, so daß der Wettkampf vier Stunden lang unterbrochen werden mußte. »Danach war ich ganz aus dem Rhythmus«, sagte Blecher allen Ernstes.

Das Jägerlatein der Bundesschützen glaubten nicht einmal die eigenen Olympiafunktionäre. »Mit den widrigen Umständen mußten ja die anderen auch fertig werden«, erklärte kühl Helmut Meyer vom Bundesausschuß Leistungssport.

Dabei hatten die Deutschen das Wettschießen noch nie so aussichtsreich aufgenommen wie diesmal. Die Scharfschützen aus der UdSSR und DDR, auf den Jahresweltbestenlisten 1984 fast überall an der Spitze, fehlten wegen des Olympiaboykotts.

»Wir haben uns optimal vorbereitet«, versicherte Bundestrainer Schumann vor der Abreise nach Los Angeles. Noch im vergangenen Frühjahr waren die Deutschen mit ihren Olympiakandidaten nach Kalifornien gereist, um auf dem von der schwäbischen Firma Spieth errichteten Schießstand zu üben.

Zurück in Deutschland, trainierten die Bundesschützen in extremer Hitze, um kalifornische Temperaturen zu ertragen. Silvia Sperber übte täglich im Heimatort Penzing auf dem Speicher unter erhitzten Dachplatten. »Das Wasser lief mir nur so herunter«, berichtete sie. Aber auf dem Schießstand in Kalifornien war die Halle mittlerweile mit einer Klimaanlage ausgestattet worden. Es herrschten eher kühle Temperaturen.

Zwar besaßen die Deutschen beim Schuß Blendschutzbrillen gegen das oft flimmernde Sonnenlicht, doch die Betreuer wußten nie, zu welcher Zeit die Sonne am ungünstigsten stand.

»Auf den Schießständen im Prado-Park haben unsere Trainer leider völlig den Überblick verloren«, rügte Olympiafunktionär Meyer. Immer seltener inspizierten die deutschen Oberschützen vor Ort die Lage.

Oft konnten die Betreuer ihren Schützen nicht einmal sagen, wieviel Ringe die Konkurrenten erzielt hatten. Meist verließen sie sich auf Verlautbarungen des Wettkampfbüros. Aber jene Angaben wiesen Fehler auf oder waren überholt.

»Noch nie«, wunderte sich Schütze Blecher, »habe ich im olympischen Dorf so viele als Sportler getarnte Funktionäre beim Flanieren gesehen.«

Als jegliche Medaillenhoffnung dahin zu sein schien, als die meisten Bundesschützen schon die Koffer zur Abreise packten, traf das jüngste Mitglied der Mannschaft, Ulrike Holmer, 16, doch noch mitten ins Ziel. Sie gewann im Kleinkaliberschießen - stehend, knieend und liegend - die Silbermedaille.

Von sich aus hatte Ulrike Holmer alles richtig gemacht. »Ich schoß so früh am Morgen, als noch kein Wind störte und die Sonne nicht blendete.«

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