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Auftaktgegner Kanada: Angriff der "Big Red"

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DFB-Gegner Kanada Die Roten wollen Revanche

Gleich zum WM-Auftakt treffen die deutschen Frauen auf ihren härtesten Gruppengegner: Kanada. Obwohl Weltklassestürmerin Christine Sinclair außer Form ist, spielt das Team unter Trainerin Carolina Morace erfolgreich wie nie. Auslöser für den Aufschwung: eine Pleite gegen Deutschland.

Es war ein Debakel. Nach einem 0:1-Halbzeitrückstand ließ sich Kanada in der zweiten Hälfte vorführen. Innerhalb von 30 Minuten kassierte das Team vier weitere Tore. Die 0:5-Pleite im Freundschaftsspiel gegen die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft im September 2010 schmerzt Carolina Morace noch immer.

"Das war ein anderes Spiel", sagt Kanadas Trainerin vor der WM-Auftaktpartie gegen die DFB-Auswahl am Sonntag (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in Berlin. Die 47-Jährige weiß: So bitter das Ergebnis aus dem vergangenen Herbst auch war, es hat mit dem aktuellen Niveau ihres Teams nichts mehr zu tun. Unter Morace haben sich Kanadas Frauen vom unbedeutenden Außenseiter zu einem der vielversprechendsten Teams der Welt entwickelt.

Seit der Niederlage gegen Deutschland gewann die Mannschaft 18 von 23 Spielen, zuletzt den WM-Test gegen Nordkorea (2:0). Innerhalb der vergangenen neun Monate verlor Kanada nur zweimal - gegen WM-Mitfavorit USA (1:2) und Schweden (0:1). Im November holte Kanada den Gold Cup, die mittel- und nordamerikanische Meisterschaft. "Seither wissen wir, dass wir jeden auf der Welt schlagen können", sagt Morace, die aus den "Big Reds" ein großes Team machen will. Niemand scheint für diese Aufgabe besser geeignet als die Italienerin.

Morace ist die Silvia Neid Italiens

Schon mit 14 Jahren debütierte Morace in der italienischen Nationalmannschaft. Als sie 1999 aufhörte, hat sie in 150 Länderspielen 105 Treffer erzielt. In der Liga wird sie zwölfmal Meister, holt vier Pokalsiege und schießt mehr als 500 Tore. Die Rechtsanwältin gilt als unbequem und durchsetzungsstark. Morace ist inzwischen eine der prägendsten Figuren im Frauenfußball.

Im Februar 2009 übernahm sie Kanadas Fußballfrauen und veränderte seitdem den Stil der Mannschaft radikal. Vor allem taktisch hat das Team bereits große Fortschritte gemacht. Während ihr Vorgänger, der Norweger Even Pellerud, auf lange Bälle in die Spitze setzte, lässt Morace schnelle, kurze Pässe spielen. In der Fifa-Weltrangliste  ist Kanada Sechster, so gut standen die Fußballfrauen noch nie. Entsprechend hoch sind die Ziele bei der WM: Morace will besser abschneiden als 2003, damals wurde Kanada Vierter.

Das ist ambitioniert. Und dennoch: Kanadas Entwicklung nötigt Respekt ab, auch dem Gegner am Sonntag. Die deutsche Co-Trainerin Ulrike Ballweg sagt: "Das Team hat seit dem Trainerwechsel zu Caroline Morace eine Riesen-Entwicklung genommen. Sie werden uns 90 Minuten lang das Leben schwermachen." Klar ist: Wenn es in der Vorrundengruppe A ein Team gibt, das die DFB-Auswahl ärgern kann, dann Kanada. Nigeria und Frankreich sind nur Außenseiter.

Top-Torjägerin Sinclair steckt in der Formkrise

Dabei ist ausgerechnet der größte Star der kanadischen Auswahl derzeit überhaupt nicht in Form. Christine Sinclair ist eine der besten Angreiferinnen der Welt. Die 28-Jährige, die bei Western New York Flash neben der Brasilianerin Marta stürmt, hat in 158 Länderspielen 116 Treffer erzielt. Eine sensationelle Quote.

Doch in der WM-Vorbereitung traf Sinclair kein einziges Mal. Im kanadischen Lager sorgt sich dennoch niemand. "Ich habe schon so viel erlebt und im Fußball eigentlich schon alles mitgemacht. Ich treffe wieder, vielleicht schon gegen Deutschland", sagt Sinclair. Kanada kann seine Angreiferin in Top-Form gut gebrauchen. Die Bilanz gegen den Titelverteidiger ist desaströs: In bisher neun Spielen setzte es neun Niederlagen mit insgesamt 34 Gegentoren.

Es ist Moraces Verdienst, dass Kanada seit der 0:5-Niederlage gegen Deutschland auch in der Abwehr deutlich besser steht. Rekordtorhüterin Karina LeBlanc (88 Einsätze) hat seitdem nur elf Gegentore kassiert, die Abwehr um Candace Chapman wird inzwischen nicht mehr nur als "robust" bezeichnet.

"Wir waren Leichtathleten. Carolina hat aus uns Fußballerinnen gemacht", sagt Sinclair. Ein Lob, das auch von ihrer 20-jährigen Sturmkollegin Jonelle Filigno (vier Tore und drei Vorlagen beim Gold Cup) oder der erfahrenen Mittelfeldspielerin Brittany Timko kommen könnte.

Das Verhältnis zwischen Trainerin und Mannschaft ist außergewöhnlich. Anfang des Jahres verkrachte sich Morace mit dem kanadischen Fußballverband. Sie forderte bessere Strukturen, mehr Geld und mehr Kompetenzen. Als sich der Verband weigerte und damit drohte, sie rauszuschmeißen, antwortete das Team auf seine Weise.

Man werde die WM boykottieren, wenn Morace gehen müsse. Inzwischen sind die Differenzen ausgeräumt, Morace soll bis zur Heim-WM 2015 bleiben. "Sie ist der Hauptgrund, warum wir besser sind als bei den vergangenen Turnieren", sagt Sinclair. Bei der WM soll Deutschland das als erste Mannschaft zu spüren bekommen.