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»Die anderen müssen das Zittern kriegen«

SPIEGEL-Redakteur Teja Fiedler über den deutschen Leichtathletik-Profi Patriz Ilg *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Schon am letzten Wassergraben springt er als erster ab. Spürt die quietschende Nässe in seinen Laufschuhen nicht, als er leichtfüßig aus der Landung heraus antritt, Tempo zulegt, das Keuchen der Gegner hinter sich leiser und leiser hört, dafür den Jubel der aufgesprungenen Zuschauer immer lauter. Das Herz rast, und die Lunge platzt fast, aber die Ziellinie kommt näher, und nichts kann mehr passieren, nichts. Jetzt reißt er die Arme hoch. Durch und Sieg und Glück und Erschöpfung.

»Wirklich, so intensiv stelle ich mir das vor jedem großen Rennen vor, fast wie im Film«, sagt Patriz Ilg mit einem schüchternen Lächeln, »da schwitz' ich dann richtig vor Begeisterung.«

In Hüttlingen bei Wasseralfingen schlägt es ein Uhr an einem sonnigdunstigen Herbsttag, das Pfefferrahm-Steak auf dem Tisch vor dem einzigen Weltmeister des Ostalb-Kreises wird langsam kalt und ein respektvoll wartender, versprengter Tourist mit Autogrammwunsch langsam ungeduldig. In der Wirtsstube »Zum Lamm« läuft Lehrer Ilg wieder einmal die Herren Mahmoud, Maminski, Reitz, Marsh und Diemer mental und verbal in Grund und Boden, jene Athleten, die mit ihm auf der 3000-Meter-Hindernis-Strecke den Ton angeben.

»Und das Schöne ist, daß ich für diese Vorstellungen gewisse Anhaltspunkte habe«, sagt Ilg - abgeschlossene Mechanikerlehre und zweiter Bildungsweg - mit jetzt eher selbstzufriedenem Grinsen.

Ein paarmal schon hat der 27jährige seine Träume Wahrheit werden lassen: 1982 bei den Europameisterschaften in Athen, ein Jahr später bei den Weltmeisterschaften in Helsinki und in diesem Sommer beim Europacup in Moskau. Ilg startete, spurtete und siegte - ungefährdet ab dem letzten Wassergraben, ganz wie in seinen Vorab-Phantasien.

»Wenn ich am Start stehe, muß ich wissen: Ich gewinne. Ich und kein anderer. Wer sich im Geiste damit zufriedengibt, daß er nur vielleicht Erster werden kann, hat schon verloren.« Demütig ist er nicht, der Fachlehrer für Werken und Sport, wenn es um seine Weltklasse geht. »Die anderen müssen das Zittern kriegen, sobald sie mich sehen.«

Ilg ist ein »winner«, ein Siegertyp aus dem Lehrbuch der Sportpsychologie, den keine Zweifel ankränkeln über seine Stärke: »Wenn ich ein Rennen nur mit Weltrekord gewinnen kann, dann muß ich eben Weltrekord laufen.« Im Kopf verliert dieser Mann nie.

Er muß es nur schaffen, am Start zu stehen.

Am vergangenen Wochenende wollte er für die Europa-Auswahl beim World-Cup in Australien antreten, als einziger bundesdeutscher Athlet mit Siegeschancen neben Hürdenläufer Harald Schmid, und mußte sich wieder einmal am Fernsehen die Acht-Minuten-Jagd der Konkurrenten über 28 Hürden und 7 Wassergräben ansehen. Sein linkes Sprunggelenk machte nicht mit. Es schmerzt seit Wochen: »Schon in Moskau habe ich mich nur durchgebissen. Aber dann ging es absolut nicht mehr.«

Im vergangenen Jahr schwächte ein rätselhafter Virus den Olympia-Favoriten Ilg monatelang so sehr, daß er von sich aus auf einen Start in Los Angeles verzichtete. Und in den Jahren vorher waren es hartnäckige Erkältungen oder langwierige Muskelzerrungen, die den Siegläufer immer wieder daran hinderten, auch schön in Folge zu siegen.

Das ist die stille Tragik des stillen Athleten Ilg: Niemand kann ihn so leicht schlagen - es sei denn sein eigener Körper.

Der ist ein höchst leistungsfähiges Instrument: eine Lunge, die soviel Sauerstoff schlucken kann, wie sonst kaum eine, ein Herz, das auch bei Pulsschlag 200 noch nicht streikt, muskulöse Oberschenkel, die ihn ohne große Anstrengungen über die Hindernisse hinwegsetzen lassen - Ilg war als Schüler Geräteturner.

Aber ein anfälliges Instrument ist dieser Körper eben auch, hochgezüchtet, ausgereizt und schon bei leisen Erschütterungen enorm störungsanfällig:

»Rennpferd«, meint Ilg als Selbstcharakteristik. Letzte Woche hat er sich im Garten beim Umgraben des steinigen, harten Albbodens die Sehnen im rechten Bein überreizt und mußte damit in ärztliche Behandlung. Ein Rennpferd ist kein Ackergaul.

»Bei all den Mißgeschicken der Vergangenheit kann das Glück gar nicht an mir vorbeigehen«, sagt Ilg, wenn man ihn nach seinen Aussichten für die nächsten Jahre fragt, »das kann es einfach nicht.« Es klingt wie eine Beschwörung.

Noch mehr als andere Leistungssportler horcht der 1,72 Meter große Athlet, der austrainiert 62 Kilo wiegt, im Training und auch sonst in sich hinein. Fängt es irgendwo an, zu zwicken und zu zwacken? Warum komme ich heute an meinem Haushang so unerklärlich schnell außer Puste? Sind das Vorzeichen einer ernsthaften Verletzung, erste Vorboten einer schleichenden Infektion und damit, wieder einmal, einer verkorksten Saison?

»Heute morgen bin ich zum ersten Mal seit langem ohne Schmerzen aufgestanden«, sagt Ilg. Bei ihm hört sich das fast wie eine Siegesmeldung an.

Nächstes Jahr will er fit sein, muß er fit sein. 1986 finden in Stuttgart die Leichtathletik-Europameisterschaften statt. Daheim möchte es der Schwabe Ilg der Welt unbedingt zeigen: »Alles andere als der 1. Platz wäre für mich eine Enttäuschung.« Und zwei Jahre später, für die Olympischen Spiele von Seoul - da ist er dann schon dreißig -, gilt das gleiche: »Dort will ich Maßstäbe setzen.«

Es ist ein eigenartiger Kontrast, so selbstverständlich über Medaillen und Rekorde reden zu hören, hier in Hüttlingen auf der Ostalb, wo die Strukturschwäche zu Hause ist und die Raiffeisenbank mit dem obligaten Betonklotz aus den frühen siebziger Jahren, der die spitzgiebeligen Häuschen rund um den Dorfplatz erschlägt.

Wenn er trainiert, dann hetzt er ganz für sich allein täglich runde 15 Kilometer über steile Waldpfade, weitab von jeder Tartanbahn, bleibt schon mal stehen, sobald ein Fuchs am Wiesenrand auftaucht, und erzählt zu Hause seiner Frau, einer Kindergärtnerin, daß die Buche an der langen Steigung jetzt auch schon was vom Waldsterben abgekriegt hat.

Andererseits kennt er den schnellsten Weg von seinem Haus zum Stuttgarter Flughafen ("über Göppingen, nicht über Fellbach"), jettet nach Kenia, um dort die Bedingungen für ein paar Trainingswochen in 2000 Meter Höhe zu testen und hat sich im Frühsommer entschieden, die kommenden drei Jahre ausschließlich Läufer, nicht Lehrer zu sein.

»Leichtathletik-Profi« nannten ihn die Medien daraufhin. Das sei er nicht, meint Ilg. Als Schwabe hat er sich rückversichert: »Ich bin inzwischen Beamter auf Lebenszeit und lediglich für drei Jahre beurlaubt. Anschließend kann ich wieder in den Schuldienst zurück.«

Professionell nutzen aber will er diese schulfreien Jahre schon. Vor allem hofft er, daß er so seinem Körper mehr Zeit geben kann, die hohen Belastungen besser zu verdauen: »Wenn andere nach einem harten Training sich in der Badewanne rekeln konnten, sprang ich ins Auto und hetzte in die Schule.«

Jetzt kann er ausschnaufen, kann sich pflegen, kann endlich einmal testen, »wo meine Grenzen wirklich sind«. Er definiert sie irgendwo um die 8:05,40 Minuten des Weltrekords, ganz sicher aber jenseits der deutschen Bestmarke von 8:11,93.

Diesen Winter hat Ilg zum ersten Mal die Zeit, sich südliche Sonne auf die empfindlichen Muskeln scheinen zu lassen. Erst trainiert er in Gran Canaria, ab Januar dann an der Algarve. Und für 1987 ist ein ausgiebiges Höhentraining in Kenia geplant. »So was machen der Mahmoud und der Marsh schon lange.«

Freilich, seine »Achterbahn«, so nennt er wegen des dauernden Bergauf und Bergab die Übungstrecke zu Hause, werde ihm schon fehlen. »Aber im Winter ist das wirklich brutal. Ich bin hier schon bei 20, 25 Grad minus gerannt. Das schneidet dir in die Lungen, da stirbst du fast.«

Auch seine Schüler werden ihm fehlen, denen er nach seinen Siegen immer haarklein berichten mußte und mit denen er am liebsten Fußball spielte. Vor allem wird er seine Blumen vermissen,

die aus dem Wintergarten des Ilgschen Einfamilienhauses mit steuersparender Einliegerwohnung beinahe eine tropische Idylle machen. »Um die muß sich dann meine Mutter kümmern.« Die Eltern Ilg wohnen direkt um die Ecke.

Gleichzeitig wie ihr Mann hat auch Frau Ilg ihren Posten im Kindergarten gekündigt. Sie steigt mit ein ins Profi-Leben und begleitet ihren Patriz ins Wintertraining. Nein, mitjoggen würde sie nie, heiligs Herrgöttle, da wäre sein Tempo einfach zu hoch. Dafür packt sie die Spanisch- und Portugiesisch-Sprachführer ein und steht zur Massage bereit, sollte einmal Not am Mann sein.

Außerdem kocht sie für ihn draußen in der Welt: heimatlich schwäbisch. Ausgeklügelte und ausgewogene Diäten sind Nichtraucher Ilgs Sache sowieso nicht. Er ißt, was auf den Tisch kommt. Und hin und wieder schüttet er auch ein Glas Trollinger hinterher. Natürlich muß er zusätzlich Aufbaustoffe schlucken wie Magnesium, Eisen, Spurenelemente und Vitamine. Er tut es in der Form von »Biovital« und ist damit Werbeträger. Gegen Entgelt tritt er bei Podiumsdiskussionen und ähnlichen PR-Veranstaltungen auf, sozusagen als »running gag« einer vitalen Biologie.

Seine Haupteinnahmen aber sind die Überweisungen der Fördergesellschaft Deutsche Sporthilfe, die an ihm durchexerziert, wie sich deutsche Sportfunktionäre den Wettkämpfer der Zukunft vorstellen, der mit den sozialistischen Staatsamateuren mithalten kann. Die Sporthilfe ersetzt dem beurlaubten Beamten das Gehalt, plus der Beiträge zur Altersvorsorge. Auf dieses Plus hat Lehrer Ilg großen Wert gelegt.

Zu diesem Grundgehalt kommen Zuwendungen der Leichtathletik-Gemeinschaft des Großversandhauses »Quelle« in Fürth, für die Ilg seit Jahren startet und in deren Katalogen er strahlend zum Kauf per Nachnahme animiert. Außerdem gibt er Autogrammstunden - »aber höchstens fünf oder sechs pro Jahr« - und hat einen Vertrag mit einer großen Sportartikelfirma. Sein Polohemd ziert der dezente Schriftzug »adidas«, die Segeltuchstühle im Wintergarten tragen ihn und auch Frau Uschi trägt ihn über dem Herzen auf der Freizeitjacke.

An Einnahmen alles in allem 300 000 Mark im Jahr, das käme schon so hin bei einem Spitzenathleten. Wobei er natürlich nicht »sich persönlich« meine! Draußen in der selbstgemauerten Garage steht ein Audi 100 und ein ordentlicher Mittelklassewagen für seine Frau.

Schläfrige, sonnige Mittagsruhe liegt über Hüttlingen und dem langsam welkenden Herbstwald. Niemand scheint Weltmeister Ilg zu beachten, der locker antrabt, Kurs Trainigsstrecke am Hang. »Wia gahts, Patriz«, ruft im harten Alb-Dialekt plötzlich eine Stimme, und ein vorbeikommender Radfahrer winkt dem Champion aufmunternd zu. Ein Grad von Aufmerksamkeit, wie ihn auch der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr erhält. »Manchmal ist es sehr schön, erkannt zu werden«, sagt Ilg, »aber prominent zu sein wie Boris Becker, nicht für 100 000 Mark.«

Heute will er nicht trainieren, sich nur ein bißchen bewegen, soweit es das Ziehen im Bein erlaubt. Morgen muß er zu »Doc Holiday«, dem Freiburger Professor Klümper, der ihm anfangs wegen seiner vielen Spritzen ein wenig unheimlich war. Aber ohne dessen Betreuung könne er gar nicht mehr laufen, sagt er. »Der bringt mich auch diesmal wieder hin, der muß mich einfach hinbringen.«

Teja Fiedler
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