Zur Ausgabe
Artikel 62 / 114
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

SCHWIMMEN Die Deutsche und die Diva

Britta Steffen und Laure Manaudou sind derzeit die besten Schwimmerinnen Europas. Bei der WM in Melbourne wollen sie die Konkurrenz aus den USA und Australien besiegen. Ansonsten leben sie in unterschiedlichen Welten: Die Französin inszeniert sich wie ein Popstar, die Berlinerin grübelt.
aus DER SPIEGEL 12/2007

Über Nacht ist es kalt geworden auf Gran Canaria. Britta Steffen steht mit Mütze und dicker Jacke neben dem Trainingsbecken des Wassersportclubs Natación Metropole in Las Palmas. Es ist sieben Uhr am Morgen. Ein paar Kollegen, die sich hier mit ihr auf die Weltmeisterschaft in Melbourne vorbereiten, ziehen bereits ihre Bahnen. Sie streckt die Hand in den Pool und schüttelt den Kopf.

Die Wassertemperatur ist auf 24 Grad abgesackt. Das ist wenig für ein zweistündiges Trainingsprogramm. Steffen guckt aufs Wasser und überlegt.

Australische Wissenschaftler haben in einer Langzeitstudie ermittelt, was eine Erkältung kurz vor einem wichtigen Wettkampf bei einem Leistungsschwimmer bewirkt: Er verliert dadurch genau einen Rang.

Silber statt Gold. Steffen packt ihre Tasche und geht in den Fitnessraum im Hotel. Sie steigt aufs Laufband, aufs Trimmrad, stemmt Hanteln und bearbeitet sämtliche Kraftmaschinen. Alles in allem trainiert sie fast drei Stunden lang. Ein paar Hausfrauen, die längst aufgegeben haben, gucken sie verblüfft an. So dünn und doch so kräftig.

Es sind bewundernde Blicke. Steffen mag sie nicht. Sie will sich nicht bewundern lassen. Sie verschwindet, ohne sich den Schweiß abzutrocknen.

Würden Sportler nach Trainingsleistung bezahlt, müsste Britta Steffen dreimal so viel verdienen wie ein Profi-Fußballer. Die Weltrekordhalterin über 100 Meter Freistil trainiert täglich fünf bis sechs Stunden lang. Pro Woche schwimmt sie mindestens 60 Kilometer. Sie hat im Jahr nur zwei Wochen Urlaub. Es ist ein Leben, das man nur führen kann, wenn man Erfolge hat, an denen man sich immer weiterhangeln kann bis zum nächsten Ziel.

Bei Steffen ist die Kette einmal gerissen. Bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen blieb sie weit hinter ihren Erwartungen zurück. Sie hörte mit dem Sport auf. Doch nach acht Monaten war auch das wilde Studentenleben nicht das Richtige. Mit der Hilfe einer Psychologin schaffte sie einen Neustart.

Bei der Europameisterschaft voriges Jahr in Budapest gewann die Berlinerin dann überraschend vier Goldmedaillen.

Steffen war genauso erfolgreich wie die französische Wunderschwimmerin Laure Manaudou. Manche nannten sie schon die neue Franziska van Almsick. Nun tritt Steffen ein weiteres Mal an. Sie ist jetzt 23 Jahre alt. Es ist also noch nicht zu spät. Diesmal kämpft sie in Melbourne um die Fortsetzung ihrer verspäteten Karriere - und darum, dass man ihr endlich glaubt.

Großereignisse sind für Sportler wie eine Börse. Sie wissen danach ziemlich genau, welchen Marktwert sie haben. Die WM in Melbourne ist eine ganz besondere Leistungsschau. Schwimmer sind in Australien Helden. 20 000 Zuschauer werden bei den Wettkämpfen in der umgebauten Rod-Laver-Tennis-Arena täglich erwartet. Die Medien werden ein mächtiges Spektakel veranstalten. Es ist eine ideale Bühne für Selbstdarsteller. Man kann mit einem Schlag groß rauskommen.

»Oder man säuft ab«, sagt die französische Olympiasiegerin Laure Manaudou. Sie grinst.

Manaudou sitzt, umringt von Kameras, am Beckenrand im Leistungszentrum in Lyon. Sie tritt hier bei der Coupe de France an, einer Wettkampfserie, die wegen des frühen WM-Termins in Australien abgekürzt wurde.

Der Hallensprecher ruft ihren Finallauf über 400 Meter auf. Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie tippt eine SMS an ihren Freund in ihr Handy. Erst als die Kolleginnen schon bereitstehen, erhebt sich Manaudou. Sie ist groß und schlank. Sie küsst die Linse einer Fernsehkamera, eine von vielen, die auf sie gerichtet sind, dann steigt sie auf den Startblock. Gut vier Minuten später kommt sie als Siegerin des Rennens zurück. Sie posiert vor den Fotografen, zeigt ihnen den grünen Schmetterling, den sie sich aufs Schulterblatt tätowieren ließ.

Man muss sich wohl keine Sorgen machen um Laure Manaudou in Melbourne.

Steffen und Manaudou sind derzeit die besten Schwimmerinnen Europas. Bei der WM werden sie die großen Herausforderer der Stars aus Australien und den USA sein. Ansonsten leben sie in unterschiedlichen Welten.

Laure Manaudou, die als 17-Jährige in Athen Olympiasiegerin wurde, ist ein Beispiel dafür, was passiert, wenn sich ein Land Hals über Kopf in eine Sportlerin verliebt. Sie verdient rund eine Million Euro im Jahr nur durch Sponsorengelder. Sie bekommt Angebote von Plattenfirmen. Bei den Filmfestspielen in Cannes wurde sie in Kleidern von Dior und Gaultier abgelichtet.

Britta Steffen hat jetzt einen Ausrüstervertrag mit Adidas. Ansonsten ist sie vorwiegend damit beschäftigt, darum zu kämpfen, dass ihr die Leute in Deutschland endlich vertrauen.

Der Erfolg von Britta Steffen bei der EM in Budapest war eine Überraschung. Sie hatte vorher nie etwas Großes gewonnen, sie tauchte auf wie aus dem Nichts.

Es war ein schlechter Zeitpunkt für ein Sportwunder. In Deutschland kursierte gerade der Verdacht gegen Jan Ullrich, auch so ein vermeintliches Supertalent. Immer wenn Steffen aus dem Wasser stieg, beobachtete man sie skeptisch. So dünn und so kräftig. Geht das? Nach ihrem vierten Sieg fragte ein Reporter: »Und was haben Sie genommen?«

Es regnet auf Gran Canaria. Steffen kann wieder nur im Kraftraum trainieren. Aber es ist trotzdem ein guter Tag. Sie krempelt den Ärmel ihres rechten Arms hoch. »Hier«, sagt sie und deutet auf einen Einstich in der Armbeuge.

Am Morgen war eine Frau von der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) aus Bonn im Hotel und bat zum Dopingtest. »Blut und Pipi«, sagt Steffen. Sie ist total aufgedreht.

Doping ist für Sportler eigentlich ein unangenehmes Thema. Es macht ihnen Angst, selbst wenn sie sich nichts vorzuwerfen haben. Britta Steffen hat kein Problem,

darüber zu reden. Auch das gehört zu ihrem Karriereplan.

Als Steffen nach der EM in Budapest nach Hause kam und jeder nur nach Doping fragte, reagierte sie wütend. Ihre Managerin Regine Eichhorn erklärte ihr dann, dass dies keinen Sinn mache in Zeiten des Generalverdachts.

Steffen startete eine Gegenoffensive. Sie gab Blut ab für ein DNA-Profil, sie ließ Blut einfrieren, damit auch nach dem Ende ihrer Karriere Proben zur Verfügung stehen, die mit neuesten Testverfahren untersucht werden können. Sie bemühte sich bei einschlägigen Kontrolllaboren um private Tests, was die hiesigen Regularien jedoch untersagen. Ständig lag sie der Nada in den Ohren, man solle sie bitte häufiger kontrollieren.

Steffen kann jetzt behaupten, zu den am besten überwachten Sportlern in Deutschland zu zählen. In den vergangenen vier Monaten wurde sie sechsmal auf Doping getestet. Manchmal wirkt ihre Offenheit skurril. Steffen rutscht auf dem Stuhl nach vorn und sagt: »Ich habe übrigens starke Akne.« Dann erklärt sie, dass die Hautkrankheit unter Dopingexperten als Indiz für Anabolikamissbrauch gilt. »Habe ich jetzt wieder ein Problem?«

Laure Manaudou redet nicht so viel über Doping. Sie erklärte vor einiger Zeit einmal, ein Blutgerinnungsfaktor sei bei ihr extrem hoch, sie könne deshalb gar nicht dopen, das wäre in ihrem Fall nämlich lebensgefährlich. Nun fragt niemand mehr. Es gibt auch sonst genug zu besprechen.

Nach dem ersten Wettkampftag in Lyon sitzt Manaudou im überfüllten Pressezimmer vor zwei Dutzend Journalisten. Es ist stickig und heiß. Die erste Frage lautet: »Laure, wen fürchtest du in Australien am meisten?« Sie sagt: »Die Haie.« Alle lachen.

Neben Manaudou sitzt ihr Trainer Philippe Lucas. Er ist ein großer Fan von Johnny Hallyday. Er hat lange blond-graue Haare, trägt ein knallrotes Tank-Top mit der Aufschrift »Warning«, an jedem Handgelenk klimpern ein Dutzend Silberreifen. Er könnte auch der Präsident einer Harley-Clique sein.

Lucas und Manaudou sind ein seltsames Team. Während sie spricht, rollt er mit den Augen und zieht die ganze Zeit Grimassen, es sieht aus wie bei Jack Nicholson. Nach einer Viertelstunde meldet sich Lucas zu Wort.

Er sagt, dass die bisherigen Leistungen seiner Sportlerin bei dem Wettkampf in Lyon »Schrott« gewesen seien. Er sagt, dass sie in dieser Form erst gar nicht nach Australien fahren brauche. Dann schimpft Lucas noch über die französische Sportförderung und das Wetter.

Manaudou sitzt neben ihm und platzt fast vor Lachen. Sie bringt die Aufnahmegeräte der Journalisten besser in Position, damit nichts von der Rede ihres Trainers verlorengeht. Es ist eine tolle Show.

Manaudou und Lucas geben seit Jahren Rätsel auf. Sie verließ mit 14 Jahren das Haus ihrer Eltern nahe Lyon und zog zu ihrem Coach nach Melun bei Paris. Er, so heißt es, benehme sich bisweilen wie ein rüder Dompteur.

Es gibt in Frankreich eine große Sehnsucht nach geheimnisvollen Sporthelden. Jahrelang hing man der 400-Meter-Olympiasiegerin Marie-José Pérec nach, deren Karriere unter mysteriösen Umständen bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney endete. Sie reiste kurz vor dem ersten Rennen einfach ab und verschwand. Nun erfreut man sich an den Mätzchen von Laure Manaudou.

Neulich schaffte sie es in die französischen Gesellschaftsmagazine, nur weil sie mit einer Badekappe der italienischen Nationalmannschaft startete. Es war ein Gruß an ihren Freund, den Schwimmer Luca Marin aus Sizilien.

Britta Steffen hat in den vergangenen Monaten auch ein paar Ausflüge abseits des Schwimmbads unternommen. Sie gewann an der Seite von Reinhold Beckmann 50 000 Euro in der Promi-Rate-Show von Jörg Pilawa, und sie hatte einen Auftritt bei »Wetten, dass ...?«. Sie musste ein Auto auf die Bühne fahren. Aber das Fernsehen ist »nicht meine Welt«, sagt sie.

Sie stellt sich nicht gern aus. Sie fühle sich dabei immer irgendwie ausgeliefert. »Ich weiß ja nicht, was in den Leuten vorgeht, die mich sehen, ich kann nicht reagieren, wenn sie mich falsch einschätzen. Ich bin da also im Nachteil«, sagt sie.

Steffen fühlt sich dort am wohlsten, wo sie sich auskennt: »Im Schwimmbecken.« Ihretwegen müsste sich nichts ändern. Sie wohnt immer noch in ihrer Einraumwohnung im Sport-Internat in Berlin-Hohenschönhausen.

Will sie überhaupt ein Star werden?

Steffen hat darüber oft mit ihrer Psychologin gesprochen. Es kam heraus: Sie kämpft noch mit sich. Prominenz kann für einen sensiblen Menschen die Hölle sein. »Und ich bin nah am Wasser gebaut«, sagt Steffen. Sie ist nicht der Typ, der sich inszeniert, sie ist nicht so extrovertiert wie Manaudou. Sie grübelt.

»Ich merke, dass ich schon ein wenig von meiner Unbefangenheit verloren habe«, sagt sie. »Ich erzähle manchmal gar nichts mehr von mir, aus Angst, die Leute könnten etwas falsch verstehen und dann denken, ich sei arrogant.«

Franziska van Almsick, ihrer einstigen Trainingspartnerin bei der SG Neukölln Berlin, erging es am Anfang ihrer Karriere ähnlich. Als der öffentliche Druck dann zu groß wurde, versuchte sie auszubrechen und begann zu rauchen und zuzunehmen. Steffen sagt, ihr werde so was nicht passieren. Sie liest Motivationsbücher. »Ich habe gelernt, mich abzukoppeln, ich weiß, dass ich ein wertvoller Mensch bin, auch wenn ich nicht gewinne.«

Am Sonntag beginnen in Melbourne die Wettkämpfe. Manaudou und Steffen werden nur in der Staffel direkte Konkurrentinnen sein, weil sie unterschiedliche Strecken schwimmen. Sie sagen, die WM sei nur eine Durchgangsstation zu den Olympischen Spielen kommendes Jahr in Peking.

Aber sie wollen dennoch ihre Titel. Manaudou, weil sie gewohnt ist zu gewinnen. Steffen, damit ihre Geschichte erst mal irgendwie weitergeht.

Denn es gibt Seiten an ihrem neuen Leben, die ihr langsam gefallen. Neulich war sie bei einem Fotoshooting für die Zeitschrift »Vanity Fair«. Es war interessant. Man betrachtete sie nicht nur als Sportlerin, sondern als Frau. Es gibt jetzt schöne Bilder von ihr. Sie ist stolz.

Das Beste an dem Termin aber war, dass ihr alle Komplimente machten. »Die dachten zuerst: Mann, da kommt jetzt so ein Schrank.« Aber es passten sogar die Model-Kleider. GERHARD PFEIL

Zur Ausgabe
Artikel 62 / 114
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.