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Fußball DIE GETEILTE MACHT

Schüttelt Berti Vogts alten Kleingeist ab, oder versucht er nur den taktischen Befreiungsschlag? Der Bundestrainer will bei der Weltmeisterschaft in den USA »alles nicht so ernst nehmen«. Seinen Spielern hat er Verantwortung übertragen, Probleme sollen sie untereinander lösen. Der Chef heißt Lothar Matthäus.
aus DER SPIEGEL 24/1994

Sie übten ein wenig das Pressing, das frühzeitige Unterdrucksetzen des Gegners. Da grätschten zwei aus dem Troß, der von morgens bis abends »die Harmonie untereinander« beschwört, ihre aufgestaute Wut heraus.

Karlheinz Riedle und Matthias Sammer, sonst bei Borussia Dortmund in einem Team vereint, waren nicht nur Trainingsgegner: Einer von ihnen, so hatte sich in den letzten Übungstagen herausgestellt, würde bei der Weltmeisterschaft - je nach taktischer Ausrichtung - nur Ersatzmann der deutschen Fußballnationalelf sein.

Riedle griff an, Sammer verteidigte. Dreimal blieb Sammer Sieger, da fuhr der Mittelstürmer beim vierten Angriff das Bein knapp über der Grasnarbe aus und traf Sammer am Knöchel. Dessen hilfesuchender Blick zum Bundestrainer fand bei Berti Vogts jedoch kein Echo.

Da nahm der Sachse, der nach eigenem Bekunden lange gebraucht hatte, westliches Denken zu verstehen, seine Sache selbst in die Hand - für sein Revanchefoul hätte es in der Bundesliga mindestens die gelbe Karte gegeben. Jetzt wand sich Riedle am Boden, doch Vogts forderte nur lakonisch zum »Weiterspielen« auf.

Er habe erkannt, sagt Vogts, daß seine Mannschaft »viele Freiheiten« brauche, also habe er sie aufgefordert, »Probleme untereinander zu lösen«. Sammer spielte am vorigen Mittwoch beim letzten Test gegen Kanada (2:0) von Beginn an - und so wird es wohl auch bei der WM-Eröffnung am Freitag gegen Bolivien sein.

Obwohl schon immer ein Anhänger der These, daß einem gesunden Körper auch ein außerordentlicher Ehrgeiz innezuwohnen hat, hätte Vogts noch vor zwei Jahren für den Unterlegenen Partei ergriffen. Unter anderem auch deshalb bei der Europameisterschaft heftig als »Oberlehrer« gezaust, ist der praktizierende Katholik inzwischen zu der Überzeugung gelangt, man müsse für den Erfolg »auch mal die Ellenbogen gebrauchen«.

Das Planstellentreten - in der Bundesliga auch als »Methode Augenthaler« bekannt, weil der ehemalige Libero des FC Bayern ehrgeizigen Emporkömmlingen so lange »was auf die Socken« gab, bis sie von seinem Stammplatz abließen - zeigt, auf welch schmalem Grat Bertis neue Ellenbogengesellschaft lebt. Die Mannschaft hat Macht - Vogts nennt es »Verantwortung« - übernommen. Und nun weiß niemand mehr so recht, wieviel davon beim Bundestrainer geblieben ist.

»Im Ernstfall alle Macht«, beteuert Vogts. Doch der Ernstfall, dem der Coach geradezu beschwörend entgegenstrebt ("Abgerechnet wird vom 17. Juni an"), ist bislang nicht geprobt.

Noch wirkt sein WM-Team stabiler als jene Mannschaft, die Vogts vor zwei Jahren für die Europameisterschaft vorbereitete. Bei seinem ersten Turnier als Bundestrainer hatten Vogts' lebensferne Entscheidungen maßgeblich dazu beigetragen, daß seine Mannschaft in Schweden wie der leibhaftige Spagat zwischen der Jungschar St. Pankratius Korschenbroich und dem Bundesverband Junger Unternehmer auftrat.

Und hatte Vogts-Vorgänger Franz Beckenbauer vor vier Jahren bei der WM in Italien wie der Inhaber einer Familienfirma die Nationalelf zu einem weltmeisterlichen Gesamtbeckenbauer geformt, so wirkt Vogts nun in Amerika eher wie ein Aufsichtsratschef. Dessen fachliche Direktiven sind für die Jungmanager um Kapitän Lothar Matthäus zwar verbindlich, können aber eben auch weitgehend nach eigenem Gusto umgesetzt werden.

Das Wort führt Matthäus, was eine stolze Karriere bedeutet. Denn noch vor zweieinhalb Jahren eruierten DFB-Abgesandte, angeblich mit Wissen des Bundestrainers, in deutschen Medienstuben, warum es denn niemand wage, den großmäuligen aber leistungsschwachen Springer-Kolumnisten Matthäus aus der Nationalelf zu schreiben.

Jetzt sind die beiden eine Allianz eingegangen: Vogts läßt seinem Kapitän die mitunter kindischen Machtattitüden durchgehen, Matthäus leiht seinem Trainer dafür ein wenig von der Autorität des Erfolgsmenschen.

Als solcher gilt der Libero unbestritten, seitdem er nach der schweren Knieverletzung nicht nur ein Comeback in der Bundesliga schaffte, sondern den FC Bayern zum Meister machte. Und was noch wichtiger ist: Er ist als einziger deutscher Fußballer mit seinen Werbeverträgen in Tennisdimensionen vorgestoßen. In den Einkommenstabellen der Sportler wird er mit rund sechs Millionen Mark jährlich geführt, so etwas hat Gewicht beim neureichen Kicker-Geldadel. Auch seines Verdienstes wegen haben die Profis vor vier Jahren dem damaligen Werbekaiser Beckenbauer jedes Wort geglaubt.

Zwar entspricht die Inhaltsschwere der Matthäus-Sätze immer noch nicht dem raumgreifenden Schritt, den er auf dem Feld vorgibt. Doch die Zeiten, in denen Kollege Rudi Völler den Lotharschen Wortmüll durch die Klobrille schicken wollte, sind vorüber. Irgendwie kommt der Franke diesmal getragener daher.

Matthäus erteilt dem Torwart Bodo Illgner einen Verweis, weil dessen Ehefrau Bianca das Trainingslager zu früh betreten hat, definiert selbstgerecht, was ein »fairer Journalist« ist und wann die Mannschaft »einen so alten Fuchs wie Rudi Völler sicher mal gebrauchen kann«.

Selbst den Weg vom Flughafengate zur Paßkontrolle nutzt der Juniorchef zum demonstrativen Sturmlauf durch die Abteilungen seines 22köpfigen Fußballkonzerns. Hier ein Flachs mit seinem Vertrauten Andreas Brehme; da ein gönnerhaftes »Na Ulf, alles in Ordnung?« für den als Stasi-Mann ins Gerede gekommenen Stürmer Kirsten; schließlich auf der Rolltreppe ein flüchtiger Blick in Stefan Effenbergs Gazzetta dello Sport - als gelte es, fürs Tagesgeschäft noch schnell die neuesten Börsenkurse zu kontrollieren.

An Lothar Matthäus kommt bei dieser WM keiner vorbei. Und wenn es einer versuche, hat der Münchner angekündigt, werde er von Vogts ultimativ dessen Rückführung in die Heimat verlangen: »Entweder der oder ich.«

Er habe, sagt der Bundestrainer, die Gewaltenteilung akzeptiert, sozusagen als Folge einer Läuterung. So sei er in der Lage, »alles nicht so ernst zu nehmen, gelassener zu sein«. Die schon nicht mehr vermutete Lernfähigkeit habe ihn, behauptet Vogts, vor einem Jahr beim US-Cup, der WM-Generalprobe, geradezu überfallen. Lässigkeit und Weite Amerikas hätten ihm schlagartig klargemacht, »daß ich mich in Deutschland manchmal eingeengt fühle«.

Ob Abschütteln alten Kleingeistes oder nur ein taktischer Befreiungsschlag: Die Wochen in Amerika müssen es zeigen. Noch gibt es genügend Anhaltspunkte, hinter der Wandlung lediglich einen ganz pragmatischen Schachzug zum Machterhalt zu vermuten. So hat Vogts offenbar auch begriffen, wie er mit dem von Profis, Journalisten und Interessenvertretern eng geknüpften System spielen kann.

Geradezu genüßlich sieht er zu, wie die Medien versuchen, Völler und Riedle zum Aufstand gegen den Trainer zu treiben, weil der offensichtlich eine Taktik mit nur einem Angreifer bevorzuge. Dann verunsichert Vogts alle mit einem Kurzreferat über den Bedeutungswandel des Wortes »Stürmer« und liefert wenig später gleich »mehrere überzeugende Alternativen« für die strittigen Positionen.

Vogts weiß genau, daß seine verbliebene Macht darin besteht, am Spieltag jene elf Namen zu verkünden, die beim Anpfiff auf dem Rasen stehen sollen. Prompt erkundigen sich gestandene Profis wie Völler erst einmal vorsichtig, was »er« denn heute gesagt hat, ehe sie sich zu ihren Nominierungschancen äußern.

Dazu dämmert einigen Spielern, daß »der Berti« inzwischen durchaus zu kleinen Grausamkeiten fähig ist. Fassungslos schaut etwa Maurizio Gaudino zu, als der Trainer ein Spiel unterbricht und vor aller Augen demonstriert, welch müden Trab der Frankfurter pflegt. Und auch Rudi Völler hat längst begriffen, daß die Überredung zum Comeback weniger eine echte Chance für den Stürmer bedeutet, als mehr eine Art Rechtsschutzversicherung für den Bundestrainer gegen böse Boulevardschlagzeilen.

Um die Probleme beim Toreschießen wissend, hat Vogts nicht nur Völler zurückgeholt, sondern auch dem Torschützenkönig der Bundesliga, Stefan Kuntz, den Vorzug vor dem Münchner Talent Mehmet Scholl gegeben. So kann er stets darauf verweisen, für die Titelverteidigung hätten die Deutschen alles aufgeboten, was sie sind und haben. Unstrittig ist, daß das Personal für dieses hohe Ziel hinreichend qualifiziert ist. Fraglich erscheint, ob die satten Routiniers es auch erreichen wollen.

Nach ganz ähnlichen Kriterien wie Vogts hat vor vier Jahren Beckenbauer seinen Kader zusammengestellt. Doch kaum war Bundes-Berti mit seinen Kickern, die doch fast alle auch Beckenbauers Auserwählte waren, nach Amerika abgeflogen, prophezeite Beckenbauer in kleinem Kreis, sein Nachfolger werde nach der WM »am Ende nicht mal mehr wissen, ob er Männlein oder Weiblein« sei. Y

»Für den Erfolg auch mal die Ellenbogen gebrauchen«

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