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»Die größte Ära geht zu Ende«

Der neunmalige Olympiasieger Carl Lewis über seine Karriere und die Krise der Leichtathletik
aus DER SPIEGEL 37/1997

SPIEGEL: Mr. Lewis, am kommenden Sonnabend laufen Sie in Ihrer Heimatstadt Houston Ihr letztes Rennen. Wird das einer der traurigsten Momente Ihres Lebens?

Lewis: Es wird sicherlich sehr emotional, aber nicht traurig. Ein Schüler der High-School hat auch Angst vor der letzten Klausur und denkt sich: Uh, ich will nicht hinaus in die Welt. Dann kommt er aufs College und merkt: Das ist das Leben. Ich bin jetzt reif für das College des Lebens. Meine Karriere war die beste Sache der Weltgeschichte, aber sie ist ganz einfach vorbei.

SPIEGEL: Sie können mit den Jungen nicht mehr mithalten?

Lewis: Körperlich gesehen könnte ich durchaus noch zwei Jahre laufen. Aber mein Kopf kann keine zehn Sekunden mehr durchstehen.

SPIEGEL: Welche Fehler haben Sie während Ihrer Laufbahn gemacht?

Lewis: Keinen einzigen. Ich bin mit allem sehr zufrieden, worüber ich die Kontrolle hatte. Ich habe mir sehr früh die richtigen Leute ausgesucht, die sich um mich gekümmert haben. Ich kenne keinen zweiten Sportler, der eine 18 Jahre lange Karriere hatte und immer mit demselben Trainer am selben Ort für denselben Club gearbeitet hat und immer vom selben Manager betreut wurde. Ein amerikanisches Sprichwort sagt: Manchmal ist es besser,

Glück zu haben als Intelligenz. Ich war sicher

kein Genie, aber ich hatte großes Glück.

SPIEGEL: Sie haben bei vier Olympischen Spielen insgesamt neun Goldmedaillen gewonnen. Woran erinnern Sie sich am liebsten?

Lewis: Die erste Goldmedaille, 1984 in Los Angeles über 100 Meter, war etwas Besonderes - und natürlich die letzte, 1996 im Weitsprung in Atlanta. Das war mein Abschied aus der Weltspitze, und alle Leute, die mich jemals unterstützt haben, waren dabei. Dort mußte ich zum ersten Mal wirklich kämpfen.

SPIEGEL: Sie haben immer diszipliniert und verschlossen gewirkt. Konnten Sie loslassen und Erfolge feiern?

Lewis: Nie wirklich. Nach jedem Weitsprung kam der nächste 100-Meter-Lauf, nach Olympia kamen die Sportfeste in Europa. Es hat mich immer weitergetrieben.

SPIEGEL: Was war Ihre größte Niederlage?

Lewis: Es gab keine.

SPIEGEL: Nicht einmal der Weitsprung-Wettbewerb bei der Weltmeisterschaft 1991, als Mike Powell den legendären Weltrekord von Bob Beamon brach?

Lewis: Nein, denn das war ja auch für mich der beste Wettkampf meiner Karriere. Mike hat den Weltrekord gebrochen, den ich gerne gebrochen hätte - na und?

SPIEGEL: Was haben Sie 1988 in Seoul empfunden, als Ben Johnson fünf Meter vor Ihnen ins Ziel kam?

Lewis: Sorry, fünf Meter waren es nicht, es war höchstens einer. Ich wußte, was er tat ...

SPIEGEL: ... daß er gedopt war ...

Lewis: ... ja, und er wurde disqualifiziert, und ich hatte gewonnen. Ich war sauber, ich hatte es verdient, fertig.

SPIEGEL: Was haben Sie und Johnson sich heute zu sagen?

Lewis: Nichts. Ich bin 1991 noch einmal gegen ihn gelaufen; aber für mich war das nicht mehr als ein gutes Geschäft. Er hatte eine Entscheidung für sein Leben getroffen und mußte die Konsequenzen tragen. Ich denke nicht an ihn, weil er nie ein Teil meines Lebens war.

SPIEGEL: Er war Ihr größter Rivale.

Lewis: Aber ich habe sein Leben stärker beeinflußt als umgekehrt. Er war derjenige, der besessen war. Er nahm die Drogen. Ich habe vorher mein Leben gelebt, während unserer Wettkämpfe und lange danach.

SPIEGEL: Hassen Sie Gegner wie ihn?

Lewis: Wettkämpfe sind für mich nie persönliche Auseinandersetzungen. Sie sind einfach nur Business.

SPIEGEL: Viele Athleten motivieren sich durch Wut auf ihre Gegner.

Lewis: Das ist ihre Sache, ich mache es anders. Es geht darum, der Beste zu sein, der man sein kann - und der Allerbeste gewinnt. Leroy Burrell und ich waren große Rivalen, aber wir sind dicke Freunde.

SPIEGEL: Sport verkauft sich über Duelle zwischen Charakteren, über persönliche Triumphe und Niederlagen.

Lewis: Jeder Boxer weiß, daß es die Show verlangt, vor dem Kampf schlimme Dinge über den Gegner zu sagen - dann schlagen sie sich, und anschließend gehen sie zusammen feiern. Haß ist die falsche Botschaft. Liebe und Unterstützung sorgen für Erfolg.

SPIEGEL: Sie stellen sich gern als uneingeschränkt positiver Mensch dar - ohne irgendeinen bösen Gedanken.

Lewis: Ich stelle mich gar nicht dar, ich bin so. Ich bin 36 Jahre alt und noch nie in eine Schlägerei geraten: Wenn mich einer verletzen will, ist das sein Problem - meines ist es nicht.

SPIEGEL: Sie sind religiös, Ihre Eltern haben sich für Martin Luther King engagiert ...

Lewis: ... und sie haben mir immer gesagt: Mach das, was du für richtig hältst, und zieh weiter. Ich bin sehr stolz auf sie: Sie waren beide Lehrer, gingen zu Demonstrationen, und während der Streiks haben sie fremde Menschen mit ihrem Auto herumgefahren. Sie haben gekämpft, und sie haben immer an eine Sache geglaubt: Gewaltlosigkeit.

SPIEGEL: Und darum verzeihen Sie heute jedem, der Ihnen wehtut?

Lewis: Menschen versuchen mich aus einem Grund zu verletzen: weil sie eifersüchtig sind. Sollen sie doch den ganzen Tag an mich denken, weil sie gerne Carl Lewis wären. Das ärgert mich nicht, das macht mir eher Spaß. Doch einen Platz in meinem Gedächtnis muß man sich verdienen - und dafür, daß Leute böse Dinge über mich verbreiten, gibt es keine Punkte.

SPIEGEL: Sind das die gleichen Leute, die vor ein paar Jahren das Gerücht in die Welt gesetzt haben, daß Carl Lewis sich mit Wachstumshormonen dope?

Lewis: Ich weiß, daß ich sauber bin und immer sauber war. Ich bin nie in Versuchung geraten, weil es für mich darum ging, meine persönlichen Grenzen kennenzulernen. Das Gerede hat den Geschäften geschadet, aber die gingen immer noch gut genug.

SPIEGEL: Wie gut?

Lewis: Ein paar Millionen sind hereingekommen. Das Geld wurde mir gegeben, weil ich das liebe, was ich tue. Das haben die Menschen gemerkt.

SPIEGEL: Schmerzt es Sie, daß Sie in Ihrer Heimat nur alle vier Jahre aufgefallen sind - wenn Olympische Spiele waren?

Lewis: Leichtathletik ist nicht Basketball, aber das weiß jeder von uns vorher. Man muß sich damit abfinden. Man kann den Footballspieler Joe Montana oder den Basketballer Michael Jordan einfach nicht mit mir vergleichen. Das ist schon deshalb okay so, weil ich den Ruhm nicht will. Ich verwende ja sogar mein Geld, um so privat wie möglich zu leben. Viele Leute sagen mir: Ich wußte nicht, daß Sie in Houston leben - und ich lebe dort seit 18 Jahren.

SPIEGEL: Was ist das Problem der amerikanischen Leichtathletik?

Lewis: Eine Million Dinge. Es gibt keine Organisation und keine Führung. Die Funktionäre wissen nicht, was sie machen, und darum machen sie nichts richtig. Es ist absurd: In unserem Land leben die besten Athleten der Welt, aber wir haben keinen Sport. Die Leichtathletik stirbt in Amerika.

SPIEGEL: Sie könnten ein Amt übernehmen.

Lewis: Ich will keines. Diese Leute kritisieren mich seit 15 Jahren, sobald ich den Mund öffne. Ich will nichts mehr mit ihnen zu tun haben.

SPIEGEL: Warum klappt nichts mehr recht in der Leichtathletik? Bei der Weltmeisterschaft in Athen waren weniger Zuschauer als erwartet, viele Meetings kommen kaum über die Runden, Fernsehsender klagen über die Quoten.

Lewis: Das beste Beispiel ist die Golden-Four-Serie. Wir haben diese Veranstaltungen in Oslo, Zürich, Brüssel und das Finale in Berlin, und sie funktionieren hervorragend - eine Gruppe von Veranstaltern hat vier exzellente Produkte und eine gute Show geschaffen.

SPIEGEL: Aber?

Lewis: Nun kommt der Weltverband IAAF und überlegt, eine Weltserie einzuführen, weil er sich die Golden Four einverleiben will. IAAF-Präsident Primo Nebiolo denkt universell, aber er kann nicht mal Meetings in Kleinstädten verkaufen. Seine Idee ist irrsinnig.

SPIEGEL: Er denkt halt gern groß.

Lewis: Fünf Veranstaltungen sind in diesem Jahr gestorben, aber Primo will eine Serie mit zehn Veranstaltungen einführen. In welcher Welt lebt er?

SPIEGEL: Was sollte er tun?

Lewis: Primo sollte pflegen, was wir haben, und dann an Expansion denken. Er sollte auf die Erde zurückkommen und die Leichtathletik gesunden lassen: die Drogen bekämpfen, die Veranstaltungen verbessern.

SPIEGEL: Wie könnte das gehen?

Lewis: Die Weltmeisterschaft müßte halbiert werden, damit in kürzerer Zeit mehr passiert. Statt dessen wollen sie die WM künftig auf 13 Tage ausdehnen. Es ist lächerlich: Die TV-Sender sind jetzt schon ärgerlich, weil sie manchmal nur drei Entscheidungen pro Tag übertragen können. Ich habe mir aus Athen die 100 Meter angesehen und die 4x400-Meter-Staffel, aber ansonsten hatte ich andere Dinge zu tun. Es war einfach langweilig.

SPIEGEL: Handelt die IAAF wider besseres Wissen?

Lewis: Primo sagt allen, daß es nur einen Weg gibt, und den befiehlt er. Funktionieren könnte es aber nur, wenn eine Gruppe exzellenter Geschäftsleute am Tisch säße und das bestmögliche Konzept erarbeiten würde. Aber Nebiolo erlaubt das nicht. Primo ist ein Diktator. Und keine Diktatur hat je funktioniert.

SPIEGEL: Werden sich Sponsoren wegen Nebiolo abwenden?

Lewis: Konzerne lassen sich ungern von einem arroganten Herrn zu etwas zwingen. Du mußt ihnen schon einen Grund nennen, warum sie Dir ihr Geld geben sollen.

SPIEGEL: Vor ein paar Monaten haben Sie Wirbel verursacht, als Sie den Verbänden wieder einmal vorwarfen, Doping zu fördern. Hat das irgend etwas geändert?

Lewis: Die Athleten haben reagiert.

SPIEGEL: Einige haben Ihnen vorgeworfen, den Sport zu beschädigen.

Lewis: Nun, die Reaktionen waren natürlich abhängig davon, ob die Jungs sauber sind oder nicht. Rund 80, 90 Prozent der Sportler haben sehr positiv geantwortet, denn sie glauben, daß sie selbst so etwas nicht sagen können, weil sie dann von oben bekämpft würden. Olympiasieger Donovan Bailey hat mir gesagt, er habe laut Beifall geklatscht, als er mein Zitat las, in Amerika würden Funktionäre Dopingsünder schützen. Die meisten Athleten sind sauber, aber sie brauchen einen Sprecher.

SPIEGEL: Ist es nicht so, daß Doping in den USA stillschweigend akzeptiert wird - dem Geschäftsgang schadet es ja auch im Football nicht.

Lewis: Niemand mag Drogen, abgesehen von den Leuten, die sie nehmen.

SPIEGEL: Setzen sich die bekanntesten Leichtathleten zusammen und reden über die Probleme - Sie und Doppel-Olympiasieger Michael Johnson beispielsweise?

Lewis: Michael ist nicht wirklich prominent. Er ist eher die Legende seines eigenen Gehirns. Ich habe vor ein paar Tagen einen der Golden-Four-Veranstalter gefragt, wer die Top-Fünf unseres Sports seien.

SPIEGEL: Und der Herr nannte vermutlich Sie ...

Lewis: ... und dann, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge, Merlene Ottey, Linford Christie, Sergej Bubka und Jackie Joyner-Kersee. Die jüngste Person auf dieser Liste ist 33 Jahre alt. Was sagt uns das?

SPIEGEL: Es sagt uns, daß Sie sich, ähnlich wie Boris Becker, über die junge Generation beklagen.

Lewis: Natürlich, denn es ist überall das Gleiche. Die Jungen haben das Talent, aber es interessiert sie nicht, charismatisch zu sein - sie wollen ihr Rennen laufen, das Geld abholen und nach Hause gehen. Sie geben dem Sport nichts zurück.

SPIEGEL: Die Jungen haben gesehen, wieviel Geld Sie in zehn Sekunden verdienen.

Lewis: Mich macht die Situation traurig: In Amerika geht gerade die größte Ära in der Geschichte des Sports zu Ende. Joe Montana, Michael Jordan, Magic Johnson, ich selbst, John McEnroe und Wayne Gretzky - wir waren alle zur selben Zeit aktiv. Und diese Zeit ist nun vorbei.

SPIEGEL: Können Veranstaltungen wie das 150-Meter-Duell von Bailey und Johnson die Show retten?

Lewis: Das war Michaels Ego-Party, und so sah es auch aus. Michael Johnson wollte zeigen, daß er die Welt dominiert, er hatte nur eine Botschaft: Schaut mich an, ich bin das Größte, was je auf dieser Welt gelebt hat. Dann verletzte er sich, und es wurde sein Desaster.

SPIEGEL: Auch Sie haben schon solche Mann-gegen-Mann-Rennen bestritten.

Lewis: Aber innerhalb eines Meetings. Ich habe immer gewußt, daß unser Sport viele Stars braucht. Ich war nur einer davon. Wer das Scheinwerferlicht nicht teilen kann, ruiniert die Leichtathletik.

SPIEGEL: Sie haben es nun hinter sich. Was werden Sie in Zukunft machen?

Lewis: Entertainment wird ein wichtiger Teil; ich werde vor allem als Schauspieler arbeiten. Außerdem habe ich einen Vertrag mit Nike bis ins Jahr 2003, und das macht mich stolz: Die haben mir den Vertrag in diesem Jahr angeboten, obwohl sie wußten, daß meine Karriere zu Ende ist. Ich werde der Sprecher der neuen Abteilung Nike Sports Entertainment. Was noch? Eine ziemlich elegante Bekleidungsserie, die »Carl Lewis Line«, ein Trainingsfahrrad und Bücher über Fitneß. Dick werde ich sicherlich nie. Und unglücklich auch nicht.

SPIEGEL: Das glauben die meisten Sportler. Viele aber sind dann doch überrascht darüber, wie leer ihr Leben ist.

Lewis: Ja, Mike Powell zum Beispiel tut mir sehr leid: Er hat sich in Atlanta verletzt und aufgehört, und seitdem ist er frustriert und enttäuscht.

SPIEGEL: Vielleicht sollten Sie sein Therapeut werden.

Lewis: Mike war zweimal Weltmeister und hält den Weitsprung-Weltrekord. Warum muß er als verbitterter Mann enden? Er sollte genauso stolz und glücklich sein wie ich.

SPIEGEL: Mr. Lewis, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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Die Erfolgsbilanz von Carl Lewis

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Die Erfolgsbilanz von Carl Lewis

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Das Gespräch führten die Redakteure Klaus Brinkbäumer und UdoLudwig.

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