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Leichtathletik »Die Hungrigen gewinnen«

Nicht nur Talent macht die Langstreckenläufer Kenias schnell. Ebenso wichtig ist die Aussicht auf üppige Siegprämien, die in Villen, Geschäften und Hotels angelegt werden. Der offen zur Schau gestellte Reichtum lockt immer neue Talente an - und im Hochland explodieren die Immobilienpreise.
aus DER SPIEGEL 32/1995

Wenn David, 17, und Julius, 16, mittags ihr Training beenden und das Kipchoge-Stadion verlassen, können sie für ihren Heimweg in die Innenstadt von Eldoret unter vielen Routen wählen.

Die eine führt an zwei Häusern mit blauen Giebeln vorbei, der Garten ist durch mannshohe Hecken eingegrenzt. Alle in Eldoret wissen, wer der Hausherr ist: Kipchoge Keino, seit seinen Olympiasiegen von Mexiko und München Kenias Läuferidol, hat sie sich von seinem ersten Preisgeld gekauft.

Die beiden Nachwuchsathleten können auch Richtung Ogina Odinga Road laufen, wo Händler am Wegesrand Maiskolben, Schuhe, Bananen und Zigaretten verkaufen. Gleich nachdem sie Bahnlinie und Straße, die nach Uganda führen, überquert haben, stehen sie vor einem Sport- und Buchladen - auch den hat sich Kip Keino laufend verdient.

Einen kleinen Umweg nur bedeutet für David und Julius die Route durch »Elgon View«, das beste Viertel der Provinzhauptstadt im Nordwesten Kenias. Dort, mit reizvollem Blick auf den Mount Elgon, hat sich 3000-Meter-Hindernis-Weltmeister Moses Kiptanui, 23, eine pompöse Villa hingestellt. Ein mächtiges Eisentor schirmt das Anwesen von der Außenwelt ab.

In seiner Nachbarschaft, anschließend an den palastähnlichen Bungalow eines Präsidentensohnes, besitzt der ehemalige Marathonläufer Ibrahim Hussein eine ganze Häuserreihe. Und einen Dauerlauf weiter wurde soeben das schneeweiß gestrichene Eigenheim von William Segei, dem Ex-Weltrekordler über 10 000 Meter, bezugsfertig.

Nirgendwo sonst auf dem Globus haben so viele Weltmeister, Olympiasieger und Weltrekordler ihre Heimat wie in der Umgebung von Eldoret. In der Industrie- und Handelsstadt, gut 2000 Meter über dem Meer in den Nandi-Bergen, ist das kenianische Läuferwunder zu Hause.

Die übliche Erklärung für die kenianischen Siege lautet: Das überdurchschnittliche Talent der schlanken, leichtgewichtigen Männer vom Stamme der Nandi kann sich im ganzjährig milden Klima und in der leistungssteigernden Höhenlage nahezu ideal entfalten.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die andere handelt von Villen und Kühen, von teuren Autos und Ackerland. Männer wie Kipchoge Keino haben eine Art kenianisches Perpetuum mobile in Gang gesetzt, das immer neue Erfolge, immer größere Villen und immer mehr Talente produziert.

Wer rennt, hat es früher in Kenia geheißen, ist entweder ein Dieb oder soeben bestohlen worden. Heute sind die Läufer die jungen Lords des Landes. Unter den Nachbarn ist die Elite mit den schnellen Beinen hoch angesehen: Sie ist weit gereist, sie hat gut verdient, und sie macht aus ihrem Reichtum keinen Hehl.

Der schnelle Wohlstand der neuen Bourgeoisie übt besonders auf junge Leute einen starken Reiz aus. Selbst wer nur ein bescheidenes Talent hat, ist hoch motiviert, sich bis an die Grenzen zu quälen. In immer kürzeren Abständen gehen deshalb neue Läufergenerationen aus Kenia an den Start, die schnell als fast unschlagbar gelten - so lange, bis sich noch Schnellere im eigenen Land finden.

Keino, der »Vater des Laufphänomens« (Newsweek), ist inzwischen so etwas wie der Uwe Seeler des kenianischen Sports. Immer wieder kommen die jungen Lauftalente zu ihm ins Sportgeschäft. Er, der als Jugendlicher Gruben für Brunnen und Toiletten aushob, soll erzählen von seinem Treffen mit Ronald Reagan, von seinen Reisen in die ganze Welt, von »Tokio, New York, Koblenz«.

Trotz seiner Häuser und Geschäfte in Eldoret ist Keino vor allem Bauer geblieben. Ihm gehören drei Farmen mit über 1800 Hektar Land und über 50 Angestellten. Seinen Ruf als »mzee«, als angesehener alter Mann, mehrt Keino, indem er einen Großteil des verdienten Geldes in die Jugendbildung steckt. Ein Anwesen beherbergt »Keino''s Children''s Farm« - zusammen mit seiner Frau Phyllis zieht er dort derzeit 68 Waisen groß.

Sogar in der Stadt trägt Keino am liebsten ausgetretene Turnschuhe und eine abgetragene Hose, als könne er so den Weg zurück weisen. Früher sei Laufen »Spaß« gewesen, klagt er dann und beißt energisch in das Lammkotelett, daß der Knochen splittert, »heute ist alles nur Geschäft«.

»Wer immer nur ans Geld denkt«, sagt Keino, »der fällt bald runter.« Doch dann zieht er die Ladenkasse auf, die voll ist mit den neuen 20-Shilling-Scheinen. Und jeder Schein trägt Kips Porträt, sozusagen ein millionenfach im ganzen Land verbreitetes Symbol des sozialen Aufstiegs.

Besonders jetzt, da sich die Lebensbedingungen für die arme Bevölkerung Kenias verschlechtern, treibt die Hoffnung die Läufer vorwärts. Colm O''Connell, ein irischer Pater, der seit 19 Jahren in der berühmten St. Patrick''s High School der benachbarten Kleinstadt Iten Lauftalente formt, hat dafür eine kurze Formel: »Die Hungrigen gewinnen.«

Rund 120 Läufer aus Kenia verdingen sich im Sommer auf den europäischen Kunststoffbahnen. Dazu kommen noch mal 300 Langstreckler, die sich bei den Straßenläufen von England bis Italien um die Startplätze drängen.

Auf den Asphaltstrecken gibt es für die Erstplazierten zwar oft nur einige hundert Mark - doch das Geld ist leicht verdient im Vergleich zu jenen umgerechnet 20 Mark, die ein Feldarbeiter in Kenia monatlich erhält; der Durchschnittslohn liegt bei rund 80 Mark.

Weil zudem gute, im Ausland erfolgreiche Läufer auch schneller an einen der begehrten Jobs bei der Armee, der Polizei oder als Gefängniswärter kommen, leiht sich mancher begabte Langstreckler aus der Großfamilie das Geld für ein Flugticket nach Europa zusammen. Seine Beine sind das Kapital, das er in der alten Welt zu Markte trägt.

Bekleidet nur mit T-Shirt, Jeans und Schuhen, dazu sechs Dollar in der Tasche, landete Kipkemboi Kimeli im Januar 1987 auf dem Frankfurter Flughafen. Er kam in der Jugendherberge von Heidelberg unter und startete seine Läuferkarriere - zunächst auf der Straße, dann bei internationalen Sportfesten.

Eineinhalb Jahre später gewann Kimeli bei den Olympischen Spielen in Seoul die Bronzemedaille, inzwischen gilt er in Kenia als gemachter Mann. So wie Yojoel Kipkemboi, der sein Geld als Straßenläufer in England verdient und soeben in Eldoret das »Asis Hotel« eröffnet hat: in bester Gegend, sieben Stockwerke hoch, rot verklinkert.

Von manchen neuen Objekten kennen die Menschen in der 112 000-Einwohner-Stadt nicht den Namen des Eigentümers, sie wissen nur, wo das Geld herkommt: vom Laufen. So haben zwei 24 und 26 _(* Am Schreibtisch in seinem ) _(Buchladen. )

Jahre alte Straßenläufer, die den ganzen Sommer in Europa sind, soeben einen vierstöckigen Gebäudekomplex mit rund 50 Wohnungen am Ostrand Eldorets fertiggestellt.

Die investitionsfreudigen Langstreckler profitierten auch von der Aufbruchstimmung in der Stadt. Eldoret gilt als Boomtown Ostafrikas, seit Präsident Daniel arap Moi beschlossen hat, in seiner Heimatprovinz einen neuen internationalen Flughafen zu bauen. Jetzt fließt reichlich Kapital aus der Hauptstadt Nairobi in den Nordwesten - das verspricht eine exzellente Verzinsung der hier angelegten Siegprämien.

Doch im Läufer-Kapitalismus ist die Nachfrage inzwischen größer als das Angebot; die Immobilien in Eldoret werden 25 bis 50 Prozent über Wert gehandelt. »Die Athleten«, sagt Marathonmann Ibrahim Hussein, »verderben die Grundstückspreise.«

Hussein hält sich deshalb ein wenig abseits. Von der komfortabel ausgebauten Straße von Eldoret nach Kapsabet, der alten Hauptstadt der Nandi, zweigt eine rote Lehmstraße ab. Nach zwei Kilometer Tee- und Weizenfeldern taucht auf der rechten Seite ein massives Steinhaus aus der Ödnis auf, eine seltsame Mischung aus afrikanischer Tradition und modernem Design. Vor der Tür parken zwei Mercedes und ein Landrover. Hier wohnt der Marathonsieger von Boston, New York und Honolulu.

Wie nahezu alle Kenianer ist der 37jährige nach seinen Siegen im Ausland in die Heimat zurückgekehrt. Hussein hat in New Mexico Wirtschaft studiert. Sein Wissen, wie man das erlaufene Kapital nach der Karriere mehrt, gibt er der neuen Läufergeneration gern weiter. Denn viele seiner Kollegen würden von ihren europäischen Managern oft schlecht beraten: »Die empfehlen überteuerte Anlagen, weil sie sich im Busch nicht auskennen.«

Für Hussein ist es nicht einfach, seinen Landsleuten vom Stamm der Nandi zu helfen. Die einstigen Halbnomaden, die aus dem Norden Afrikas stammen, gelten als schlechte Kaufleute. Die Geschäfte in Eldoret machen noch heute die Inder oder die Kikuyu, die eigentlich im Hochland Kenias, nördlich von Nairobi, zu Hause sind.

Die ersten Nandi-Läufer steckten ihr Geld ausnahmslos in Farmland oder in Vieh, später auch in Traktoren. Jetzt, da viele Läufer nach ihren Trips um die Welt keinen Sinn mehr fürs Bauerndasein haben, investieren sie eben in Bauland.

Nur wenige machen sich die Mühe, nach anderen Anlageobjekten zu forschen. Hussein selbst betreibt in der Geschäftszeile von Kapsabet noch einen Handel mit Autoersatzteilen. Hürdenspezialist Kiptanui, der einmal mit drei Läufen in einer Woche 184 000 Mark verdiente (eine Summe, für die ein Regierungsangestellter fast hundert Jahre arbeiten müßte), hat es in Eldoret zu einem kleinen Konzern gebracht, indem er mit Freunden nach und nach kleinere Firmen aufgekauft hat.

Patrick Sang, 1992 Olympiazweiter über 3000 Meter Hindernis, ist gar einer jener Athleten, die dank eines Stipendiums in den USA studieren konnten und nun zum Symbol für eine selbstbewußte und gut ausgebildete Generation von Kenianern geworden sind. Gewiß, er sei Herr über »einige Häuser« - aber mehr noch mache ihn stolz, »der einzige junge Mann im Eldoret-Club« zu sein. Die Mitgliedschaft in diesem ehrwürdigen Zirkel der Mächtigen ist der sichtbarste Ausdruck für sozialen Aufstieg in Kenia. Zur Klubaufnahme sind zehn Bürgen und 3500 Mark Eintrittsgebühr nötig.

Sang möchte sein Wissen weitergeben. Er hat wie Hussein einen Laufklub gegründet. Diese neuen Organisationen, vergleichbar mit deutschen Spitzenvereinen, werden gefördert von kenianischen Großunternehmen wie Eisenbahn oder Elektrizitätswerken. Hussein und Sang machen auch Front gegen die Willkür der korrupten kenianischen Sportfunktionäre und die Allmacht der europäischen Manager: Beide Gruppen sollen nicht länger über Gebühr bei den Läufern abkassieren dürfen.

Eine Interessenvertretung der kenianischen Läufer hält Mike Boit, 46, für überfällig. Über ein Jahrzehnt war der Nandi über 800 Meter ein Siegläufer, das erspurtete Geld legte er mit sicherer Hand an: in Teeland, Maisfeldern, einer Zuckerrohrfarm, Kühen, Häusern - und in seiner Ausbildung. Boit beendete sein Studium in Eugene/Oregon als Doktor der Erziehungswissenschaft.

Heute trägt Boit den Titel eines »Commissioner of Sport« und dient Kenia als eine Art Sportminister. Zwar verdient er in diesem Amt nicht mal 300 Mark im Jahr. Doch der Mann, der gestreifte Seidenanzüge schätzt, verfügt nun über so viel Macht, daß er den Laufboom in die richtigen Bahnen zu lenken vermag. Schon bald, so Boit, werde es die ersten Leichtathletik-Manager aus Kenia geben - und außerdem will er sich für die weiblichen Talente stark machen.

Denn mit Tegla Loroupe, 22, besitzt das Land bereits einen weiblichen Keino. Im letzten November kassierte sie für ihren Sieg im New-York-Marathon 60 000 Mark. Inzwischen hat sie fünf Autos erlaufen, und die heimatlichen Honoratioren belohnten ihre Leistung zusätzlich mit einem Stück Land, mit 9 Kühen und 16 Schafen.

Die Bilder von Tegla Loroupe am Steuer ihres Mercedes haben ein neues Perpetuum mobile in Gang gesetzt: Mädchen stürmen in einem Ausmaß die Stadien, daß ausländische Experten durch die Kenianerinnen eine »Revolution im Langstreckenlauf« prophezeien. Y

* Am Schreibtisch in seinem Buchladen.

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