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»Die Jungs haben alle Angst«

aus DER SPIEGEL 51/1990

Kein Mann der Welt läßt so viele Hollywoodstars laufen wie Alex Olmedo. Weder für Regisseure noch für Produzenten quälen sie sich wie für ihn. Sie nehmen Schweißausbrüche, Muskelkater und Blasen an den manikürten Händen hin, ja sogar einen Sonnenstich.

Seit einem Vierteljahrhundert steht der Tennislehrer auf Court one der zwei grünen Zementplätze des Beverly Hills Hotel in Los Angeles, für 90 Dollar die Stunde, Platzmiete und geviertelte Orangen eingeschlossen. Bei diesem Preis verliert er auch schon mal einen Satz gegen die Snobs unter seinen Schülern.

Olmedo, der 1959 im Finale von Wimbledon Rod Laver besiegte, weiß, was seiner eitlen Kundschaft hilft: »Der Triumph über einen Wimbledonsieger hebt vielleicht ihr Selbstwertgefühl.«

Dennoch empfindet der stets braungebrannte Olmedo, 54, das Tennislehrer-Dasein »nicht als Qual, sondern Spaß«. Denn wegen seiner materiellen Zukunft muß er »keine Sekunde Schlaf verlieren«.

Dabei war es nur »Kleingeld«, das er »im Vergleich mit den Jungs von heute« im Tennis zusammenspielte: 500 Pfund Spesen brachte ihm der Wimbledonsieg, einige hundert Dollar überwies ihm Fred Perry, damit er dessen Tennishemden trug; im ersten Profi-Jahr kassierte er 100 000 Dollar.

Einmal ist der gebürtige Peruaner mit seinen drei Kindern nach Wimbledon gereist, um ihnen zu zeigen, wo ihr Vater »an einem Tag seines Lebens ein ganz Großer war«. Doch längst lockt Olmedo kein Turnier mehr, nur noch selten schaltet er das Fernsehen ein, wenn Tennis übertragen wird.

Was heute als Tennis verkauft wird, ist nicht mehr jener Sport, den Alex Olmedo einst ausübte und den er heute noch lehrt. »Irgendwie« tun ihm die Jungs sogar leid, die nun »hinter den Dollars herhetzen und die Freude an ihrem Sport verlieren« - ein Eindruck, den viele Stars vergangener, längst vergessener Jahre teilen, gleich ob sie Pancho Gonzales oder Wilhelm Bungert, Wojtek Fibak, John Newcombe, Vitas Gerulaitis oder Rod Laver heißen.

Profitennis, weiß Wilhelm Bungert, 51, der 1967 im Wimbledonfinale gegen den Australier John Newcombe verlor, danach mit dem Bus ins Hotel, mit dem Zug an den Kanal und von dort mit der Fähre nach Ostende reiste, »ist zu einem brutalen Geschäft geworden«.

Nichts, sagen die Stars, sei mehr von der Kameradschaft alter Tage zu spüren, als die Endspielgegner vor und nach dem Spiel ihr Preisgeld versoffen. Der Druck der Sponsoren laste auf ihren Nachfolgern, Neid, sogar Feindseligkeit begleite die Jungunternehmer in kurzen Hosen.

In den Umkleidekabinen beobachtete US-Altstar Gerulaitis, 36, dessen Freude am Nachtleben ihn in die Niederungen der Kokain-Society führte, in jüngster Zeit »eine furchterfüllte Atmosphäre - die Jungs haben alle Angst«.

Sie klagen über Übermüdung, überlastete Knie und Knöchel. Aber letztlich treten sie wieder an - wie in der letzten Woche in München beim Grand Slam Cup, bei dem kein Ranglistenplatz ausgespielt, keine Meisterschaft entschieden wurde. Allein um Dollar ging''s - um sechs Millionen.

Yannick Noah, Frankreichs verbleichender Star, machte sogar seinen Vater zum Kronzeugen dafür, daß keineswegs Raffgier in München mit im Spiel gewesen sei. Als er angedeutet habe, womöglich auf den Grand Slam Cup verzichten zu wollen, obwohl ihm 100 000 Dollar sozusagen als Startgeld garantiert seien, habe der alte Noah fürs Kassieren plädiert: »Das kannst du dir nicht entgehen lassen - soviel verdiene ich in vier Jahren.«

»Irgendwann wird die Preisgeldspirale fürchterlich zusammenbrechen«, prophezeit Hans-Jürgen Pohmann, 43. Die jetzt bei den Turnieren ausgespielten Prämien betrachtet der 20malige Deutsche Meister und Wimbledonhalbfinalist im Doppel, der in seiner Karriere insgesamt 150 000 Dollar an Preisgeld kassierte, als »Wahnsinn, Schwachsinn«, schlicht als »Kasperletheater«.

Der inzwischen zum ARD-Tennisexperten umgeschulte Pohmann, der seine Karriere 1977 wegen einer Rückenoperation beenden mußte, glaubt sogar: »Der Zuschauer wird ausgebeutet.« Sein Doppelpartner Jürgen Faßbender, 42, inzwischen Besitzer eines Sportparks, befürchtet deshalb: »Langfristig lassen sich keine Sponsoren mehr finden.«

Die Altstars treibt die Sorge um, daß die Profis von heute dabei sind, nicht nur ihre eigene Zukunft zu zerstören, sondern vielleicht sogar die der gesamten Branche. Dann würde auch jenen geschadet, die in den preisgeldlosen Jahrzehnten die Profitennis-Fundamente setzten und nun ein bißchen am großen Geschäft teilhaben wollen.

Denn die Mehrheit der Tennisprofis, weiß John Newcombe, 46, der 1967 in Wimbledon erstmals siegte und seit 22 Jahren unweit des texanischen San Antonio ein Tenniscamp betreibt, »kommt von der Droge Tennis nicht mehr los«. Die Rückkehr in ein »stinknormales Leben«, bestätigt Kollege Ilie Nastase, 44, »ist ein Horrortrip«.

Der Rumäne, Genie und Clown seiner Tage, ist zwar zum zweitenmal verheiratet und Familienvater (zwei Kinder), gleichwohl tingelt er für ein paar tausend Dollar von Veteranenturnier zu Veteranenturnier. Er schlägt auf beim »Vöslauer Visa Cup«, irgendwo im Österreichischen, oder in Dijon, in Frankreich, wo er eine Veranstaltung der Altmeister organisiert.

Fred Stolle, 52, einst eine der Berühmtheiten Australiens, verstärkte sogar - gegen ein angemessenes Honorar - die Jungseniorenmannschaft des TC Bendestorf in der Lüneburger Heide. Ex-Profis wie Tony Roche, Brian Gottfried oder Stan Smith arbeiten als Trainer und geben ihren Namen für theoretischen Tennisunterricht in Fachzeitschriften. Billie Jean King und Arthur Ashe sind als Tenniskommentatoren bei amerikanischen Fernsehsendern verpflichtet.

Rod Laver, 52, das Grand-Slam-Genie, ist beim Lebensmittelkonzern Nabisco unter Vertrag. Rund 60 Tage im Jahr tritt er bei Cocktailpartys auf - als »lebende Legende der Tennisgeschichte« wird er unter den Keksvertretern herumgereicht, lächelt für ihre Polaroidkameras und spielt hin und wieder auch noch mal mit, etwa bei einer _(* Mit Ehefrau Ewa und den Töchtern ) _(Agnieszka und Paulina in seinem Pariser ) _(Haus. ) Wohltätigkeitsveranstaltung zugunsten eines Kinderkrankenhauses.

»Ein schönes Rentnerdasein fristen« nennt es der Altstar, der sich im kalifornischen Wüstenörtchen Rancho Mirage niedergelassen hat. Wenn sich die Helden des australischen Tennis am Rande eines Turniers treffen, sagt John Newcombe, »treibt das die Aktien der Bierbrauereien dramatisch in die Höhe«. Und Fred Stolle zeigt dann auf den goldenen Verschluß einer Bierdose, den er an einer Kette um den Hals trägt: »Eine Brauerei hat mich damit für den Verzehr von 100 000 Dosen Bier ausgezeichnet.«

Keiner dieser Tennishelden, weiß Newcombe, wird »je wieder auf trockenem Brot kauen«. Die Tennisspieler dieser Generation seien mit ihren Geldern »behutsam« umgegangen, denn schließlich habe es »lange gedauert, bis etwas auf unserem Konto war«.

Der Australier erinnert sich an seine ersten Monate in Europa, als der Verband ihm täglich fünf Dollar Spesen zugestand und er und die Kollegen nach den Spielen auf den roten Aschenplätzen bekleidet unter die Duschen traten, um das Geld für die Wäscherei zu sparen - »fürs Bier«.

Noch 1967 - damals hatte er Wimbledon und die US-Meisterschaften gewonnen und eben 15 000 Dollar verdient - sorgte sich Newcombe um seine materielle Zukunft: »Der Gedanke, eines Tages irgendwo in einem gottverlassenen Ort als Sportartikel-Vertreter zu enden, schreckte mich.«

Doch dann wurde 1968 Tennis offiziell zum Profisport. Seine ersten Preisgelder, es waren in diesem Jahr rund 60 000 Dollar, legte Newcombe in Immobilien an. Inzwischen stecken 80 Prozent seines Vermögens in Grundstücken und Häusern. Und der Wimbledonsieger tut nur noch, »wozu ich wirklich Lust habe«. So arbeitet er zehn Wochen im Jahr als Reporter für Australiens TV-Sender »Channel 9«.

Das Geld, das die Profis heute verdienen können, »neidet ihnen keiner von uns«, sagt Newcombe. Ihn bekümmere nur, daß seine Nachfolger bei ihrer Preisgeldjagd völlig übersehen, daß es »auch ein Leben außerhalb des Tennis« gibt.

Der Erfolg auf dem Tennisplatz war einst noch nicht unbedingt Voraussetzung für berufliches Fortkommen. Der Wohlhabendste unter den Altstars - Becker-Manager Ion Tiriac vielleicht ausgenommen - ist in seinen 20 Karriere-Jahren nur zweimal unter die ersten zehn der Weltrangliste geraten: Wojtek Fibak. Erst mit 23 Jahren war der Pole Profi geworden, eigentlich hatten ihn Literatur, Theater, »Kunst in allen Formen« viel mehr interessiert. Fibak wurde Multimillionär, weil er es glänzend verstand, Profession und Kunst miteinander zu verbinden.

Auf dem Fibak-Schreibtisch in seinem schloßähnlichen Anwesen unweit des Pariser Stadions Roland Garros liegen Publikationen wie Finance and Investment. An den holzgetäfelten Wänden hängen die Werke alter polnischer Meister. Kein Sammler außerhalb Polens besitzt so viele polnische Kunstwerke aus dem 19. Jahrhundert, keiner so viele aus der Pariser Schule der Polen wie Fibak.

Der Pole hat bereits mit dem Kunstkauf begonnen, als er noch als Profi um die Welt reiste oder für Ivan Lendl, den Tschechen, »halb Bruder, halb Manager, halb Trainer, halb Freund, halb Vater war«. Hier kaufte er einen Picasso, dort einen Matisse, einen Henry Moore in New York, einen DalI in Madrid, vor allem Drucke, aber auch einige Zeichnungen.

Gegen den Rat seiner Freunde und seines Managers erwarb er 1977 in Manhattan für 300 000 Dollar eine Wohnung, erfüllte sich damit einen »Lebenstraum«. Drei Jahre später - die Immobilie war inzwischen eine Million Dollar wert - entdeckte Fibak in Greenwich (US-Staat Connecticut) ein _(* In seinem Haus in Kalifornien. ) Anwesen, das er »unbedingt« besitzen wollte: Den Profit aus dem Verkauf der New Yorker Wohnung nutzte er für die Anzahlung. Nach und nach kauften sich andere Tennisstars in die feine Nachbarschaft ein: Fibak-Intimus Lendl, Wilander, Connors. Die Preise stiegen - und der Pole dealt noch immer.

Nur einmal, so scheint es, hat sich der kluge Kopf vertan, damals, als er an diesem »kindlichen, schweren Elefanten dran war«, der Boris Becker hieß und 16 Jahre alt war. Günther Bosch hatte ihm geraten: »Der hat Talent, sieh ihn dir an.«

Als Fibak mit seinem Porsche in Leimen vor dem Haus der Beckers vorfuhr, war Tiriac schon da. Der Pole überließ schließlich dem Rumänen kampflos das Feld. Hätte er geahnt, daß Becker schon 18 Monate später zum erstenmal in Wimbledon siegen würde, hätte Fibak sich »wahrscheinlich intensiver darum bemüht, eine Zusammenarbeit zu erreichen«.

So aber hat der Pole heute zur Tennisszene »absolut keine finanziellen Verbindungen mehr«. Seine Gelder legt er in Gemälden und Immobilien in Südfrankreich an. In Warschau will Fibak ein Zentrum für Nachwuchskünstler und einen Sportkomplex etablieren. Die Parteichefs wollten ihn nach Polen zurückholen, er solle, so argumentierten sie, Politiker werden: In der Phase des Kriegsrechts hatte er »Solidarnosc« und polnische Exil-Zeitungen finanziell unterstützt und offen Kritik an den Generälen geübt. Fibak aber will »frei bleiben«, seine Zeit einteilen, »wie es mir gerade einfällt«.

Gelegentlich pflegt er noch Kontakt zum Holländer Tom Okker, der in Amsterdam eine Kunstgalerie betreibt, er »fühlt sich menschlich tief verbunden« mit dem Deutschen Karl Meiler, der in der Tenniszeit »einer der engsten, anständigsten Freunde überhaupt war« - gemeinsam sind sie Doppelweltmeister geworden. Und im letzten Frühjahr meldete sich Fibak sogar für das Veteranenturnier in Rom: »Ganz kommt man von diesem Sport wohl nicht los.«

Doch wenn Newcombe, Laver, Stolle oder Fibak noch einmal auf den Court zurückkehren, dann hat das eine andere Qualität als etwa bei Björn Borg oder Vitas Gerulaitis. Der Schwede und der Amerikaner markieren die Zeit des Übergangs, sie verdienten Millionen mit dem Tennis - und verloren sie wieder, als ihre Welt nicht mehr von Grundlinie und Netz begrenzt wurde.

Björn Borg, der nach Scheidung, Streit ums Sorgerecht für seinen Sohn Robin, Bankrott, Zwangsversteigerung sowie einem angeblichen Selbstmordversuch nach Meinung der Sunday Times, zu einer »Greta Garbo des Tennis« geworden ist, will auf der Flucht vor sich selbst beim internationalen Turnier in Rom ein Comeback wagen.

Und Gerulaitis ("Ich lebte nachts und schlief am Tage") tingelt wieder: ein Auftritt in Dijon, eine Reise als Sparringspartner von Jimmy Connors, der trotz seiner Millionen den Absprung vom Tennis nicht schafft, ein Engagement als Kommentator in Florida, danach ein Wochenendlehrgang in Texas für zahlungswillige Amateure.

In Las Vegas steht ein großer alter Mann der Tennisgeschichte auf dem Platz des Klubs »Studio 96« - Pancho Gonzales, 62. Er ist mit Alex Olmedo um die Welt gereist, hat Jimmy Connors beraten und eine Schwester des Tennisstars Andre Agassi geheiratet. Im »Caesars Palace«, einem der feinen Hotels und Kasinos am Platz, war er »Director of Tennis«.

Den Job verlor er, die Ehe scheiterte. Pancho Gonzales versucht jetzt, seinen Lebenstraum mit Hilfe seines fünfjährigen Sohnes zu erfüllen: Seit seinem zweiten Lebensjahr wird der Kleine von Papa trainiert.

Aber vor einer »Illusion« will der Senior den Junior später auf jeden Fall warnen: vor dem Irrglauben, angesichts der Millionensummen, die jetzt auf den Tenniscourts verschleudert werden, könne jeder »einfach nur so« kassieren - ohne Qualen, Neid, ohne den Spaß am Spiel zu verlieren.

Pancho Gonzales weiß es besser: »Die Chancen, in Las Vegas beim Roulett zu gewinnen, sind größer.« o

* Mit Ehefrau Ewa und den Töchtern Agnieszka und Paulina in seinemPariser Haus.* In seinem Haus in Kalifornien.

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