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»Die Lawine rollt«

Alessandro Donati, Italiens führender Anti-Doping-Fachmann, über flächendeckenden Betrug im Sport, die Mentalität der Athleten, Lücken im deutschen Kontrollsystem und die Ermittlungen der italienischen Justiz
aus DER SPIEGEL 4/2000

SPIEGEL: Signore Donati, Ende Dezember hat die Staatsanwaltschaft in Bologna den Sportmediziner Michele Ferrari wegen der Vergabe von Dopingmitteln angeklagt. Die Blutanalysen zahlreicher Athleten werden demnächst bekannt. Muss die Sportgeschichte der neunziger Jahre danach neu geschrieben werden?

Donati: Nein, weil wir immer nur einen Teil der Wahrheit erfahren werden. Die unregelmäßigen Blutwerte, die von den Richtern gesammelt worden sind, dienen als schwerwiegende Indizien, nicht als Beweise. Wir werden also kaum Sportler verurteilen; aber wir werden die Verantwortlichkeit vieler Funktionäre, Ärzte und Trainer aufdecken.

SPIEGEL: Enttäuscht fragte der »Corriere dello Sport": »Wen haben wir da angebetet?« Wie stark hat die Leidenschaft der Tifosi durch den Dopingbetrug gelitten?

Donati: Das Problem ist schlimmer: Die Tifosi begeistern sich nur für die großen Spitzensportler und die großen Ereignisse, anstatt den menschlichen, normalen Sport zu lieben. Es ist, als ob das Publikum immer steigende Dosen von Emotionen bräuchte - wie eine Droge.

SPIEGEL: Zur Kundschaft des Mediziners Ferrari und seines Lehrmeisters Francesco Conconi zählten Sportler aus ganz Europa. Müssen auch deutsche Athleten weitere Enthüllungen fürchten?

Donati: Ich glaube ja. Auch mancher Deutsche könnte unter Conconis Kunden sein.

SPIEGEL: Wie sind Sie zu Ihren Detailkenntnissen gekommen, die zu den Ermittlungen der italienischen Staatsanwaltschaft beigetragen haben?

Donati: Alles begann 1993 damit, dass ich Statistiken der Dopingkontrollen aus der Kategorie »Nationale Wettkämpfe mit internationaler Beteiligung« untersuchte. Im internationalen Durchschnitt gab es 1,45 Prozent positive Fälle, in Italien aber nur 0,04 Prozent - weniger als in Peking, obwohl bei uns ja internationale Sportler mitmachten. Wie war dieses Ergebnis möglich?

SPIEGEL: Verraten Sie es.

Donati: Es gab drei Möglichkeiten. Erstens: Die Labors fanden nicht alle Dopingmittel. Zweitens: Sie erkannten nicht, wenn die Analysegeräte etwas gefunden hatten. Drittens: Sie fanden etwas, aber die Ergebnisse verschwanden. Ich glaube, dass bei uns alle drei Möglichkeiten zusammenkamen. Und vor allem: Wir haben nie positive Fälle unter Athleten beliebter Sportarten gefunden.

SPIEGEL: Das müssen Sie genauer erklären.

Donati: 1993 hatten wir 25 positive Football-Spieler, das sind in Italien Amateure, aber wir hatten keine Leichtathleten, Tennisspieler oder Fußballer. Sie haben halt das Geld für bessere Drogen. Dann habe ich eine Studie im Radsport gemacht und allen befragten Sportlern, Ärzten und Technikern Anonymität zugesichert. Es kam heraus, dass die Athleten Hormone nehmen, also Epo, Gonadotropin und Wachstumshormone, die nachzuweisen nur sehr schwer möglich sind. Die Sportler sagten mir, dass diese Mittel in allen Teams genommen werden - und dass jeder Fahrer sie nimmt. Sie gaben mir die Namen der Ärzte: Professor Conconi und seine Mitarbeiter waren immer dabei.

SPIEGEL: Was war Conconis Rolle?

Donati: Damals, 1993, wurde Epo nur direkt vom Hersteller an die Kliniken verkauft, in Apotheken war es nicht erhältlich. Von den Kliniken ging es an die Sportärzte und weiter an die Fahrer. Also habe ich einen Bericht an den Präsidenten des Italienischen Nationalen Olympischen Komitees (Coni) geschrieben mit dem Fazit: Jeder Radsportler nimmt Epo, einige nehmen Wachstumshormone; Professor Conconi steht im Zentrum der Aktionen.

SPIEGEL: Warum begannen die Ermittlungen erst sehr viel später?

Donati: Die Ergebnisse waren nicht willkommen; auch bei uns wollen Funktionäre, Trainer und Ärzte solche Dossiers nicht lesen. Conconi arbeitete schließlich offiziell für die Verbände, als Präsident der Medizinischen Kommission des Radsport-Weltverbandes UCI und auch als Mitglied der Medizinischen Kommission des IOC. Sie müssen sich diese Doppelrolle vorstellen: Er wird beschuldigt, Epo an Radfahrer ausgegeben zu haben, er war Anfang der neunziger Jahre der Erste, der es verwendet hat. Und er war es, der der UCI einen sehr, sehr hohen Hämatokritgrenzwert - nämlich 50 - vorgeschlagen hat.

SPIEGEL: Er soll sogar einen Wert von 54 verlangt haben, bei dem nur erwischt würde, wer randvoll mit Drogen ist.

Donati: Ich will nicht ausschließen, dass er auch das getan hat.

SPIEGEL: Conconi hat seine Verwicklungen in den Dopingsumpf bestritten. Die Gabe von Epo begründet er mit wissenschaftlichen Forschungen. Ihre Erfahrungsberichte fanden nicht so recht Gehör?

Donati: Wissen Sie, Professor Conconi hat sehr viel Geld vom Nationalen Olympischen Komitee bekommen, er ist mit EU-Kommissionspräsident Romano Prodi befreundet. Und was seine Epo-Forschung angeht: Sie ist nicht glaubwürdig, und ich verstehe nicht, warum die Sportwissenschaftler das noch nicht bemerkt haben.

SPIEGEL: Wieso wurden die Staatsanwälte dennoch aktiv?

Donati: Die Staatsanwaltschaft von Ferrara hat Ende 1996 von meinem Epo-Dossier erfahren und Ermittlungen angestellt. Der Präsident von Coni hingegen sagte, er habe mein Dossier nie bekommen. Ich sollte entlassen werden. Dann klagte der Trainer von AS Rom, Zdenek Zeman, über Doping im Fußball. Darauf stiegen die Staatsanwälte in Turin ein. Ich habe sie über Unregelmäßigkeiten bei den Fußball-Dopingproben informiert. Das hatte die Schließung des römischen Dopinglabors zur Folge. Und auf einmal wurden Blutkontrollen im Radsport beschlossen, plötzlich war alles möglich.

SPIEGEL: Wieso sind Ihnen nur italienische Sportler ins Netz gegangen?

Donati: Zur Zeit dürfen wir nur Italiener testen. Aber wir kennen Dokumente aus der Vergangenheit, die von Conconi nie angezweifelt worden sind. Darin steht zum Beispiel, dass der Däne Bjarne Riis, als er für das italienische Team Gewiss-Ballan fuhr, einen Hämatokritwert von 56,3 hatte. Wenige Monate später wechselte Riis zum Team Telekom.

SPIEGEL: Sein persönlicher Betreuer war zunächst Ilario Casoni, ein Mitarbeiter Conconis; dann wurde Luigi Cecchini sein Arzt, gegen beide wurde ermittelt.

Donati: So ist es. Die Unterlagen sagen aus, dass Riis ein durchschnittlicher Fahrer war - aber man kann ein exzellenter werden mit einer sehr hohen Dosis Epo. Doch das wird von den Richtern in Ferrara bestätigt werden müssen.

SPIEGEL: Gibt es Fahrer, die besonders gut auf Epo ansprechen?

Donati: Ich will nicht über Riis speziell reden, da er sich von vielen anderen nicht unterscheidet. Der Italiener Francesco Frattini hatte einen Wert von 58,9. Es gibt inzwischen mehr als 400 Namen auf Conconis Listen. Seit 1994 arbeiten sehr viele Ärzte mit Epo. Die Staatsanwälte müssen das stoppen.

SPIEGEL: Gibt es eine Chance, die Tour de France ohne Doping zu gewinnen?

Donati: Das kann ich mir nicht vorstellen. Der Unterschied ist zu groß. Das lehrt schon die Physik: Der Luftwiderstand nimmt mit der Geschwindigkeit nicht linear, sondern proportional zum Quadrat zu, also um ein Vielfaches. Was ich sagen will: Ein Radfahrer braucht eine Unmenge mehr Kraft, wenn er nicht 45, sondern 50 Kilometer in der Stunde fahren will. Du brauchst sehr viel Sauerstoff und sehr viel Kraft.

SPIEGEL: Und im Spitzensport entscheiden nicht mehr der Körper und das Trainingsniveau über Sieg und Niederlage?

Donati: Jedenfalls nicht nur. Ein ungedopter Spitzensportler hat gegen einen fachkundig gedopten in Disziplinen wie dem Radsport kaum eine Chance.

SPIEGEL: Wie wird nach Ihren Erfahrungen gedopt?

Donati: Die Fahrer nehmen Drogen für den Muskelaufbau, also das Steroid Nandrolon oder Wachstumshormone; danach nehmen sie Epo, das die Anzahl der roten Blutkörperchen steigert. Also erreicht eine größere Menge Sauerstoff die Muskeln. Die Leistungssteigerung resultiert normalerweise zu 60 Prozent aus der Einnahme von Steroiden, zu 40 Prozent aus Epo. Das hängt jeweils von der Muskulatur ab: Muskulöse Sportler nehmen vielleicht 40 Prozent Epo, zarte Typen 60 Prozent. Es ist die perfekte Lösung: Stärke durch Steroide, Energie durch Epo.

SPIEGEL: Es dopen nicht nur die Besten?

Donati: Natürlich nicht. Die Besten haben Helfer, die sie die Berge hochbegleiten; dafür brauchen die Helfer genauso Stärke und Energie.

SPIEGEL: Wenn Sie all das zu wissen glauben, warum werden so wenige erwischt?

Donati: Weil diese Sportler und ihre Ärzte wissen, was wir wissen. Vor den Rad-Weltmeisterschaften haben wir viele Profis kontrolliert; sie hatten einen Hämatokritwert von 47, 48, 49, und das ist zu hoch, um natürlich zu sein - aber der Grenzwert ist nun einmal 50. Man kann heute sehr exakt dopen und zwei Stunden vor einem Wettkampf den Wert durch Flüssigkeitszufuhr drastisch senken.

SPIEGEL: Trotzdem wurde Italiens Radsportlegende Marco Pantani im vergangenen Jahr aus dem Rennen genommen. Er leugnet bis heute, Epo eingenommen zu haben.

Donati: Wegen der aktuellen Ermittlungen kann ich zum Fall Pantani wenig sagen. Nur so viel: Nach den Werten, die ich kenne, wird es sehr schwierig für Pantani zu beweisen, dass er kein Epo genommen hat.

SPIEGEL: Welche Möglichkeiten hat die Justiz, solche Fälle aufzuklären?

Donati: Alle. Die Unregelmäßigkeiten der Blutwerte stehen in Zusammenhang mit dem Wettkampfkalender: Die Fahrer haben niedrige Blutwerte im Winter und hohe im Sommer. Die Athleten tun sich schwer, das zu erklären, denn eigentlich müsste es genau umgekehrt sein. Wenn demnächst zum Beispiel Bjarne Riis von der Staatsanwaltschaft als Zeuge vorgeladen wird, muss er aussagen, oder er wird angeklagt. Es gibt ja schon einen Berg von Beweisen, es gibt auch Zeugenaussagen. Die Lawine rollt.

SPIEGEL: Die Sportminister der Europäischen Union haben im vergangenen Jahr eine stärkere Zusammenarbeit beschlossen. Sehen Sie Fortschritte?

Donati: Noch nicht, nur in Frankreich gibt es ein Gesetz gegen Doping, in Italien ist eines in Vorbereitung. In diesen beiden Ländern machen wir Blutkontrollen, wer macht das noch? Andere Länder haben weder Anti-Doping-Gesetze noch Blutkontrollen. Ein zivilisiertes Land müsste dem Sport helfen, sauber zu bleiben.

SPIEGEL: Die Erfahrung lehrt: Appelle nützen gar nichts. Sogar über Fußballstars wie Alessandro Del Piero oder Gianluca Vialli gab es Dopinggerüchte.

Donati: Juventus Turin wollte zwei Ärzte einstellen, die ich in einem früheren Buch als Doping-freundlich enttarnt hatte. Immer mehr Radsportärzte mit schlechtem Ruf drängten in den Fußball. Doch dann begannen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, und die Vereine bekamen Angst. Heute ist der Fußball Epofrei.

SPIEGEL: Italien wäre das erste Land, in dem Gesundheit vor Medaillen geht.

Donati: Wir machen das gegen unser Land, aber für den Sport. In Mailand haben neulich Carabinieri 35 Kilogramm Testosteron

beschlagnahmt; das würde zehn Tage lang

für 60 000 Menschen oder 1000 Tage lang für 600 Leute reichen. Was passiert in Deutschland?

SPIEGEL: In Deutschland feiern sich Funktionäre für ihr angeblich vorbildliches Kontrollsystem.

Donati: Ich weiß, aber sie kontrollieren nur Urin und kein Blut. Und es gibt keine weitergehenden Ermittlungen der Justiz. Das Problem ist immer die Regierung: Sie könnte Kommissionen gründen, Blutproben erlauben, den Verkauf von Epo kontrollieren, die Verschreibung nur noch Spezialisten erlauben und Gesetze gegen Doping auf den Weg bringen. Warum konnten deutsche Radfahrer gegen Konkurrenz gewinnen, die nachweislich gedopt war? Heißt das, dass deutsche Fahrer stärker sind als alle anderen auf der Welt?

SPIEGEL: Fachleute aus dem Sport sagen seit Jahren, es gebe kein Rezept gegen Drogen wie Epo.

Donati: Wenn man wollte, könnte man das Blut von Athleten jeden Monat kontrollieren; dann erhielte man einen Regelwert von, sagen wir, 39, und dann könnte man zukünftig vergleichen. Es wäre ganz einfach. Statt nur den Hämatokrit zu messen, werten wir in Italien jetzt fünf Parameter der Blutproben aus. So haben wir noch mehr Mittel gegen Doping und können Athleten mit anormalen Blutwerten aus dem Verkehr ziehen.

SPIEGEL: Spüren italienische Sportler schon Schadenfreude oder Häme bei ausländischen Kollegen?

Donati: Alle freuen sich über das, was Franzosen und Italiener machen. Bei uns laufen in fast zehn Städten Ermittlungsverfahren - und andere Länder sammeln nun mehr Medaillen ein. In Nikosia wurden im vergangenen Mai vier Millionen Ampullen Epo gestohlen; die Polizei geht davon aus, dass diese Fläschchen sofort auf dem Schwarzmarkt gelandet sind. Es steht definitiv fest, dass dieses Epo in Europa im Umlauf ist. Epo ist, gemessen am Umsatz, unnatürlich weit vorn in der Liste der verkauften Medikamente. Und das hat nichts mit den wenigen Kranken zu tun, die Epo brauchen.

SPIEGEL: Sehen Sie sich noch Sportveranstaltungen an?

Donati: Selten. Diese Art Sport ist wie Theater, aber da bevorzuge ich das wirkliche Theater - auf der Bühne liegen am Ende keine Toten.

SPIEGEL: Herr Donati, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Beim Giro d''Italia am 5. Juni 1999 in Madonna di Campiglio.Das Gespräch führten die Redakteure Klaus Brinkbäumer und UdoLudwig.* Bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta.

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