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BUNDESLIGA Die Macht der Leidenschaft

Wie in einem modernen Wirtschaftsunternehmen glauben die Manager des Hamburger SV, den Erfolg planen zu können. Aber der Fußball hat ihnen eine Lektion erteilt. Die Mannschaft spielt gegen den Abstieg, der Verein droht außer Kontrolle zu geraten.
aus DER SPIEGEL 4/2007

In der Winterpause sind die Fußballer des Hamburger SV nach Dubai gereist, um sich dort auf die Rückrunde der Bundesliga vorzubereiten. Das Emirat am Persischen Golf ist eine beliebte Destination für Vereine, die sich für etwas Besseres halten. Man wohnt in Luxushotels, die so groß sind wie Kreuzfahrtschiffe. Beim Training ist es nie kälter als 22 Grad. Und es scheint immer die Sonne.

Auch der FC Bayern war wieder in Dubai. Die Hamburger hatten die Reise vorigen Sommer gebucht, als sie dachten, schon zu den Größen der Branche aufgeschlossen zu haben.

Doch seither ist viel passiert.

Der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann ist auch für ein paar Tage in die Wüste gekommen, um zu sehen, ob alle ordentlich arbeiten. Sein Verein war mal ein Erfolgsmodell. Man schlug die Bayern, man stieß vor bis in die Champions League. Jetzt ist das Team von Trainer Thomas Doll mit nur 13 Punkten Vorletzter. Man gewann bislang nur ein Spiel in dieser Saison. Wenn in der Rückrunde, die am Wochenende beginnt, keine Siegesserie gelingt, wird der einzige Club, der seit Gründung der Bundesliga immer erstklassig spielte, absteigen. Ein Desaster.

Hoffmann sitzt zum Frühstück in der Senator Lounge im 14. Stock des Mannschaftshotels Al Murooj. Er hat von hier oben einen schönen Blick auf die Skyline Dubais.

Er hat gute Nachrichten. »Wir haben ein besseres Weihnachtsgeschäft gemacht als im Vorjahr, als wir Zweiter waren.« Aber unten läuft gerade der Verteidiger Thimothée Atouba mit gepackten Koffern zur Hoteltür hinaus. Er wurde suspendiert, weil er nur rumgemeckert hat. In den nächsten Tagen werden die Zeitungen wieder voll sein, wie im Dezember, als der Spieler aus Kamerun den Fans nach einer Auswechslung den Stinkefinger zeigte. Es wird wieder heißen, beim HSV herrsche nur noch Chaos.

Kein Mensch interessiert sich für das tolle Weihnachtsgeschäft.

Katja Kraus ist in die Senator Lounge gekommen. Sie gehört auch zum Vorstand des HSV. Sie ist eine elegante Frau, sehr analytisch, sehr oft am Handy. Hoffmann brachte sie mit von seinem vorigen Arbeitgeber, dem Sportvermarkter Sportfive. Kraus ist seine Chefdiplomatin.

Die Politologin, die früher mal Torhüterin der Frauen-Nationalmannschaft war, sondiert ständig die Stimmung im Verein.

Manchmal lässt sie sich die Beschwerde-Mails einer ganzen Woche schicken, um sich ein Bild zu machen, was die Leute so bewegt. In letzter Zeit sind die Leute ziemlich gereizt.

Wenn es nicht läuft, entstehe eine Erregungskette, sagt Kraus. »Ein Kunde geht in den Fanshop, er findet kein passendes Trikot, weil die Größe M gerade ausgegangen ist, dann heißt es gleich, in diesem Verein funktioniert nichts - und schuld ist der unfähige Vorstand.«

Wundert sie das?

Na ja, meint Kraus.

»Manches, was hier passiert, ist irrational«, sagt Hoffmann.

Bernd Hoffmann ist ein Mann der Wirtschaft. Er glaubt an die Macht des Geldes und an Marketing und daran, dass Erfolg auch im Fußball planbar ist. Als er beim HSV anfing, fand er einen in sich erstarrten Club vor. Das Team war Mittelmaß. Aber es gab eine Idee. Sie wollten den Verein nach dem Vorbild von Arsenal London umbauen, ein Unternehmen erschaffen, das auf Professionalität und Kontinuität setzt.

Hoffmann machte aus der AOL-Arena eine Gewinnzone mit VIP-Logen und Edelgastronomie. Vorstandskollege Dietmar Beiersdorfer, der Sportliche Leiter, holte Ballkünstler wie Rafael van der Vaart an die Elbe. Fast 50 Millionen Euro investierte der HSV in den vergangenen drei Jahren in neue Spieler. Die Fans im Stadion sahen plötzlich schnelles Kurzpassspiel, und in der Champions League traten die Hamburger gegen das große Vorbild Arsenal London an. Der Masterplan schien zu funktionieren.

Dann erteilte der Fußball ihnen eine Lektion.

Wer es mit einem Kraftakt an die Spitze Europas geschafft hat, befindet sich in einer Todeszone. Denn dort oben stehen Gegner, die mehr Geld haben. Bayern München kaufte dem HSV Abwehrchef Daniel van Buyten ab. Chelsea London holte Innenverteidiger Khalid Boulahrouz zu Anfang der Saison.

Die Spieler, die Beiersdorfer als Ersatz besorgte, funktionierten nicht. Und plötzlich fehlte einer, der alles zusammenhält. Einer wie Sergej Barbarez, den sie nach Leverkusen abgegeben hatten, weil sie dachten, der Bosnier könne dort, wo der HSV hinwollte, nicht mehr mithalten.

Das Team kollabierte, stürzte ab. Vielleicht ist das Projekt Arsenal bald vorbei.

Denn nun machen sie in Hamburg mit einer Kraft Bekanntschaft, die bislang keiner auf der Rechnung hatte. Sie lässt sich nicht von guten Bilanzen beeindrucken. Es ist die Macht der Leidenschaft.

Emotionen sind die Grundlage für das Geschäft mit dem Fußball. Sie treiben Fans in die Stadien, auch wenn die Mannschaft miserabel kickt. Aber sie können auch einen Sturm entfachen, der alles niederreißt.

Profi-Clubs verstehen sich als modernes Theater. Fans sind die Kulisse. Sie liefern die Atmosphäre und bezahlen dafür noch Eintritt. Es ist ein eigenartiger Deal, aber der ist für jeden Anhänger in Ordnung, wenn die Darbietung stimmt.

Beim HSV stimmt die Darbietung nicht. Der letzte Heimsieg in der Bundesliga liegt über neun Monate zurück. Die Spieler benehmen sich wie Gangster. Nach der dritten Niederlage im dritten Spiel der Champions League erschienen einige in der Geschäftsstelle. Sie hatten in der Zeitung gelesen, dass der Club für jeden Sieg 600 000 Euro von der Uefa bekommt. Sie wollten einen Anteil. »Sonst sind wir nicht motiviert.«

Fans spüren, wenn der Charakter einer Mannschaft kaputt ist. Im Champions-League-Spiel gegen ZSKA Moskau erteilten die HSV-Anhänger dem Team deshalb eine Abreibung.

Zuerst wurde die Mannschaft nicht angefeuert. Die AOL-Arena war plötzlich kein Theater mehr, sondern eine leblose Schüssel. Hamburg gewann 3:2. Nach dem Abpfiff gingen die Spieler routinemäßig zu den Anhängern in der Nordkurve. Die hatten sich hingesetzt, also setzten sich auch die Kicker hin. Plötzlich sprangen die Fans wie auf Kommando auf. Sie sangen: »Steht auf, wenn ihr für Hamburg seid.« Die Spieler brauchten einen Moment, um zu begreifen. Für einen Augenblick waren die Verhältnisse umgekehrt. Die Kunden waren die Könige, die Idole auf dem Rasen waren die Deppen.

Der Vorstand des HSV hat kein Problem mit Leidenschaft. Er hat sie selbst geschürt. Früher war die Mannschaft unnahbar, das Trainingsgelände lag draußen in Norderstedt, vor der Stadt. Jetzt übt das Team neben der AOL-Arena. Es gibt kaum Zäune, sondern Fußballer zum Anfassen.

Der volksnahe Trainer Thomas Doll, den Hoffmann von den Amateuren zu den Profis holte, wurde zur großen Identifikationsfigur. Er gilt als der beliebteste Coach seit Ernst Happel.

Doch nun, wo sich die Emotionen gegen das Team und die Führung richten, fühlen sich Hoffmann und seine Kollegen bedroht. Sie beklagen sich über allzu kritische Fans und die negative Presse.

Für Hoffmann, Kraus und Beiersdorfer ist der HSV die erste große Station im Fußballgeschäft. Das muss nichts Schlechtes heißen. Sie wundern sich noch über das Abgründige dieser Branche. Wer in diesem Geschäft arbeitet, muss aber auch in der Lage sein, die Dinge manchmal laufen zu lassen. Man kann nicht alles steuern. Schon gar nicht bei einem Verein wie dem HSV.

Eine Krise legt immer die Anatomie eines Vereins frei. Der HSV ist ein ziemlich kompliziertes Gebilde. Es gibt viele ehemalige Helden, deren Meinung in Hamburg

großes Gewicht hat. Es gibt viele Gremien, in denen auch Leute sitzen, die den HSV als Profilierungsfläche nutzen.

In schwierigen Zeiten verwandelt sich der Verein in einen Quatschclub. Für die Presse sind solche Tage ein Fest. Man muss nur an die richtige Stelle tippen, schon geht ein Sprengsatz hoch.

Jürgen Hunke ist auf dem Sprung. Es geht in den Urlaub. »Mit der roten Mütze auf dem Kopf durch Vietnam, haha.«

Hunke ist prominent in Hamburg. Er hat viel Geld. Er war schon alles. Versicherungsmakler, Politiker, Theaterbesitzer, Autor und Verleger und Anfang der Neunziger HSV-Präsident. Jetzt sitzt er im Aufsichtsrat. Er gehört zu denen, die glauben, man müsse mit Spielern nur mal richtig einen saufen, dann geht es schon.

Hunke sitzt in seinem Büro in einer Villa nahe der Alster. Man nennt sie das »Wohlfühlhaus«. Überall steht asiatischer Kram. An einer Wand hängt ein Transparent mit einem Sprichwort: »Lass nie zu, dass Du jemandem begegnest, der nicht nach der Begegnung mit Dir glücklicher ist.«

»Man kann einen Verein nicht führen wie eine Bank, sondern nur wie einen Verein«, sagt Hunke. In kurzer Abfolge fallen im Zusammenhang mit dem HSV Begriffe wie Diktatur und Gleichschaltung. Kein Satz darf zitiert werden. Unterm Strich lässt sich wohl sagen, dass Hunke meint, Herr Hoffmann müsse sofort weg.

Soll man so etwas ernst nehmen? In Hamburg gibt es einige, die das tun. Ein wirkungsvoller Auftritt gelang zum Beispiel Aufsichtsrat Willi Schulz. Er ist auch prominent, er stand als Verteidiger 1966 im WM-Finale in Wembley, man nennt ihn deshalb auch »World-Cup-Willi«. In zwei Zeitungen durfte er sinngemäß erklären, dass es Trainer Doll und Beiersdorfer nicht draufhätten.

Die Luft ist seither vergiftet. Hoffmann hat einen besonders schweren Stand. Er stammt aus Leverkusen. Manche Fans sagen, er trage die Raute, das Vereinsemblem, nicht im Herzen. Und als er neulich mal nach neun Uhr in einem Eppendorfer Café beim Frühstück gesehen wurde, beschwerte sich tags darauf ein Aufsichtsrat: »Und was macht der sonst? Golf spielen?«

Sein Verein ist ein neurotischer Haufen. Bei der Jahreshauptversammlung musste sich Vorstandskollege Beiersdorfer anpöbeln lassen, weil die Würstchen ausgegangen waren. Hunke lief als Letzter in den Saal ein wie ein Matador, flankiert von zwei Herren in grauem Anzug. Dann beschloss die Versammlung überraschend, die Medien auszuschließen. Die werteten den Akt als Putschversuch. Der »Mob« und der »Pöbel« hätten vor, den Verein zu übernehmen.

»Ich habe gelernt, dass die ganze Konstruktion des HSV nicht so stabil ist, wie wir gedacht haben«, sagt Hoffmann. »Ich sah uns in der Entwicklung weiter. Die Strukturen in diesem Verein sind nicht so gefestigt, dass der HSV auch in einer Krise ruhig zu führen ist. Wir müssen aufpassen, dass aus einer sportlichen Krise keine Vereinskrise wird.«

Christian Reichert ist das vierte Hamburger Vorstandsmitglied. Er ist ein kräftiger, gemütlicher Typ. Er wird nicht so oft angegriffen wie Hoffmann. Er hat die Raute im Herzen.

Reichert war mal Fanbeauftragter. Jetzt sitzt er als Vertreter der sogenannten Supporters im Vorstand. Die Supporters bilden das Gros der Mitglieder im HSV, es gibt über 40 000. »Wir sind 'ne Kleinstadt«, sagt Reichert. Seit 1993 sind die Supporters per Satzung ein Teil des HSV, sie haben auch Vertreter im Aufsichtsrat, die Geschäftsstelle liegt in der Nordtribüne der AOL-Arena. Reichert ist eigentlich Sonderschullehrer, seit sechs Jahren ist er im Vorstand, demnächst sind Neuwahlen.

Er gibt nicht vor, viel Ahnung zu haben vom Fußballgeschäft. Wenn der HSV einen Spieler kaufen will, nickt er ab. Wenn Hoffmann die Logen verteuern will, nickt er ab. Aber wenn Hoffmann die Preise für Stehplätze erhöhen will, bekommt er Ärger mit Reichert.

Reichert ist der natürliche Feind Hoffmanns. Der Clubchef will seit langem die Ausgliederung der Profi-Abteilung aus dem Gesamtverein. Es wäre die Voraussetzung zur Gründung einer Kapitalgesellschaft. Reichert sagt, er wolle »kein aalglattes Unternehmen«. Wollen die Supporters den Verein übernehmen?

»Wir haben nicht den Anspruch, die Macht zu übernehmen, wir machen hier keinen Fanverein. Aber mir ist es lieber, wenn ein Supporter in einer wichtigen Position sitzt als jemand von außen. Das gilt auch für Aufsichtsrat und Vorstand.«

Hoffmann fühlt sich von den Supporters in seiner Arbeit behindert. Er traut ihnen alles zu. Ende 2008 läuft sein Vertrag aus.

Wer wird dann noch da sein?

Die Entscheidung fällt bereits in den nächsten Wochen. Beim Spiel in Bielefeld, beim Heimspiel gegen Cottbus. Nur Siege helfen weiter.

Der Zusammenhalt hat schon nachgelassen. Beiersdorfer, den stillen HSV-Architekten, findet Hoffmann neuerdings zu träumerisch. Doll war vor Weihnachten der entlassenste Trainer Deutschlands. Die Hamburger verhandelten bereits mit Nürnbergs Trainer Hans Meyer. Sie hielten nur an Doll fest, weil sie das Projekt Arsenal noch nicht aufgeben wollten.

Es gibt jetzt einen neuen Torwart, Frank Rost, er kam von Schalke 04. Er ist erfahren, ehrgeizig, er staucht die Kollegen auch mal zusammen. So einer fehlte zuletzt. Die Ergebnisse in den Testspielen sagen nichts aus. Was etwas aussagt, ist, dass die Übungspartie gegen den FC Bayern vorigen Samstag ausverkauft war.

Alle haben jetzt noch mal eine Chance bekommen, Beiersdorfer, Doll, die Spieler. Alle wissen, es wird ihre letzte sein.

Am letzten Abend des Trainingslagers in Dubai machte Hoffmann einen Ausflug in die Wüste. Es gab ein Abendessen in einem Beduinenzelt mit scharf gewürztem Fleisch und Bauchtanz. Hoffmann erzählte von einem Traum, den er neulich hatte. »Wir verlieren das erste Spiel der Rückrunde in Bielefeld - und ich finde die Nummer von Peter Neururer nicht.« GERHARD PFEIL

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