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FUSSBALL »Die Schmerzgrenze erreicht«

Interview mit Sat-1-Programmdirektor Reinhold Beckmann über den Egoismus der Bundesligaklubs, lustlose Profis und das Vorbild Amerika
aus DER SPIEGEL 8/1997

SPIEGEL: Herr Beckmann, unter den Fußballprofis ist es in, Ihre Sendung »ran« doof zu finden; Borussia Mönchengladbach wirft Ihren Reporter aus dem Trainingslager, um endlich Ruhe zu haben. Und Bundestrainer Berti Vogts hält Ihnen Schönfärberei vor. Was ist los mit der Liaison zwischen Sat 1 und der Bundesliga?

BECKMANN: Vogts ist Europameister. Das hat er nicht mit Spielern einer schöngefärbten Liga geschafft. Gutes, erfolgreiches Programm muß polarisieren, und Journalismus besteht nicht aus Gefälligkeiten.

SPIEGEL: Es ist unstrittig, daß die hübschen Bilder von »ran« der Liga einen Boom beschert haben. Sie vermissen Dankbarkeit?

BECKMANN: Die brauchen wir nicht. Aber wie läuft das System eigentlich? Wir kaufen die rohe Ware für viel Geld. Damit sind die Kassen der Bundesliga voll. Dann betreiben wir großen Aufwand, um die Ware wunderbar zu präsentieren, und dafür kriegen wir von unserem Lieferanten auf die Mütze. »Fair play« schreibt man anders, die Schmerzgrenze ist erreicht.

SPIEGEL: Ein Vorwurf lautet, Sat 1 zeige mehr Werbung als Fußball.

BECKMANN: Wenn uns Manager wie Uli Hoeneß und Willi Lemke vorwerfen, zuviel Werbung zwischen die Berichte zu packen, so ist das scheinheilig. Wir machen mit der Bundesliga keine Mark Gewinn; sollen wir uns binnen eines Jahres wirtschaftlich zugrunde richten - aus nackter Dankbarkeit, Fußball übertragen zu dürfen?

SPIEGEL: Hoeneß denkt bereits daran, die Bayern-Spiele nicht mehr zentral über den DFB, sondern in Eigenregie zu vermarkten.

BECKMANN: Ich bin sicher: Wenn Uli Hoeneß die Spiele selbst vermarkten dürfte, würde er sofort Auszeiten einführen und alle zehn Minuten Werbung für seine eigene Wurstfabrik einblenden. Er spielt die Rolle des Meckermeisters perfekt - und hinterher hat er alles gar nicht so gemeint.

SPIEGEL: Aber auch Michael Meier, Hoeneß' Dortmunder Rivale, verurteilte die Vorverlegung eines kompletten Spieltages um eine Stunde wegen einer Party bei Sat 1 als eine der »enttäuschendsten Erscheinungen« der Hinrunde.

BECKMANN: Michael Meier hat wie jeder andere Verein vorher zugestimmt. Die Fuxx-Gala war eine Veranstaltung des DFB und der Liga und wurde von Sat 1 nur übertragen. Offenbar ist das Spielern und Öffentlichkeit nicht vermittelt worden.

SPIEGEL: Also lümmelten sich Profis wie Mario Basler lustlos vor der Kamera.

BECKMANN: Das Publikum macht Spieler und Klubs reich und hat bei so einer Veranstaltung ein Lächeln verdient. Was wir für empörte Anrufe und Briefe erhalten haben, ist unbeschreiblich. Wir hatten irre viel Arbeit und wurden im Stich gelassen.

SPIEGEL: Und zur gleichen Zeit gab Jürgen Klinsmann ein vielbeachtetes Interview im ZDF-»Sport-Studio«.

BECKMANN: Berti Vogts und Jürgen Klinsmann spielen gern den Doppelpaß. Beide waren nicht auf der Fuxx-Gala, denn DFB-Veranstaltungen gehören für die zwei offenbar nicht zum Pflichtprogramm.

SPIEGEL: Beide haben nun mal eine Abneigung gegen Auswüchse des Kommerzes.

BECKMANN: O ja, das hatte ich ganz vergessen: Klinsmann ist ja für seine Selbstlosigkeit bekannt. Auf der einen Seite läßt er keine Einnahmequelle aus, auf der anderen spielt er gern den großen Moralisten. Und Berti Vogts ignoriert verständlicherweise ein paar Rahmenbedingungen: Bundesligafußball hat viel mit Wirtschaft zu tun. Vogts als Bundestrainer hat nichts mit Wirtschaft zu tun. Er muß ja keine Spieler kaufen, er muß sie nicht bezahlen, und niemand kann seine Spieler abwerben. Wir sind offenbar in einer Phase, in der keiner an das Ganze denkt.

SPIEGEL: Sie waren mal kritischer Journalist beim WDR. Nun fordern Sie die Allesitzen-in-einem-Boot-Mentalität ein?

BECKMANN: Man kann mit einem Partner in einem Boot sitzen und trotzdem kritischen Umgang pflegen. Einer steuert, andere rudern, wir hinterfragen den Kurs. Schauen Sie sich den amerikanischen Sport an. Da ist es jedem einzelnen klar - ob Trainern, den bösen Buben wie Dennis Rodman oder dem Programmdirektor von NBC -, daß Fernsehen und Sport eine gemeinsame Geschichte sind. Dafür kriegen alle viel Geld; und trotzdem ist eine gewisse Leichtigkeit und Selbstironie im Spiel.

SPIEGEL: In den USA erleben Sie aber auch das Ende des Sportjournalismus.

BECKMANN: Im Football, ja. Da müssen Drogen und Doping totgeschwiegen werden; es gab Kollegen, die da etwas herausgekriegt haben, und die sind jetzt draußen. Aber in anderen Sportarten ist Kritik dennoch möglich, wenn nicht sogar erwünscht.

SPIEGEL: Ihrem Chef Fred Kogel schwebt nicht unbedingt mehr Journalismus vor: Der würde Fußballspiele gern dritteln, um mehr Werbezeiten rauszuschlagen.

BECKMANN: Fred Kogels Aussage war leichterhand geäußert und hat im Land beinahe einen Glaubenskrieg ausgelöst. Fred Kogel und übrigens schon vorher Helmut Thoma von RTL haben sich nur gefragt, wie lange Fußball noch im Free-TV zu halten ist. Der Gedanke, daß alle Fußball sehen können, ist doch ehrenvoll. Kein Grund, die Macher zu erschlagen.

SPIEGEL: Werden die Fußballrechte schon bald so teuer sein, daß sie sich nur noch durch Pay-per-view refinanzieren lassen?

BECKMANN: Einfache Rechnung: Wenn die Fußballer immer mehr verdienen wollen, muß der Zuschauer mehr zahlen. Bald wollen die Vereine von jedem 20 oder 30 Mark haben - im Stadion oder zu Hause.

SPIEGEL: Für Hoeneß ist Pay-per-view schon beschlossene Sache.

BECKMANN: Man sollte aufpassen, daß dieses Gefühl des Dabeiseins nicht zerstört wird, daß wirklich alle Fußball sehen und darüber reden können. Samstag um 18 Uhr ist Bundesliga, das ist ein Ritual. Wenn sich nur noch ein ausgewählter Kreis Fußball leisten kann, dann geht von der sozialen Bedeutung des Fußballs viel verloren. Denn die Bundesliga ist vor allem da zu Hause, wo eben nicht das große Geld sitzt.

SPIEGEL: Bremens Manager Lemke hat anläßlich der umstrittenen Aufstockung der Champions League erklärt, im Zweifel müßten die Ligen halt auf Geld verzichten.

BECKMANN: Willi Lemke würde sich anders äußern, stünde Werder Bremen an der Tabellenspitze. In der Bundesliga sind zu viele Einzelkämpfer unterwegs. Bayern und Dortmund würden sich am liebsten selbst vermarkten, am besten in einer Europaliga. Aber was wäre dann? Sie hätten zwar supertolle Mannschaften, aber keine Gegner mehr. Dann spielen die beiden bald 20mal im Jahr gegeneinander.

SPIEGEL: Wie Dynamo Berlin und Dynamo Weißwasser im einstigen DDR-Eishockey.

BECKMANN: Und Düsseldorf gegen Duisburg läuft dienstags bei Arte. Die großen Vereine müssen sich die kleinen leisten, und die Bundesliga braucht eine Kontrollinstanz wie den DFB. Der leistet im Moment immense Schlichtungsarbeiten.

SPIEGEL: Und mittendrin Reinhold Beckmann, der missionarische Bewahrer der konservativen Fußball-Lehre?

BECKMANN: Unsinn, ich bin kein Heiliger. Aber die Macher müßten sich an einen Tisch setzen und Perspektiven entwickeln. Es muß gemeinsame Initiativen geben.

SPIEGEL: Haben Sie Vorschläge?

BECKMANN: Ein Beispiel: Warum verlängert man nicht die Halbzeitpause um fünf bis zehn Minuten? Das ist auch für den Stadionbesucher besser, denn die Bratwurst ist länger, als man glaubt. Und als Zuschauer möchte ich ohne Druck dorthin, wo auch der Kaiser zu Fuß hingeht. Das Fernsehen hätte dadurch bei Live-Sendungen keinen Streß mehr und könnte die verkaufte Werbung auch zeigen. In Amerika ist das Vertragsbestandteil. Wenn dort die Stadionuhr rückwärts läuft, ist klar, wie lange auf NBC noch die Werbespots laufen. Die Basketballer kooperieren eben.

SPIEGEL: Im Jahr 2000 laufen die Fernsehverträge aus. Tritt Sat 1 wieder an?

BECKMANN: Ja. Schon 1998 wird, glaube ich, wieder gezockt werden. Es könnte nach 2000 dazu kommen, daß einzelne Spiele gesondert vermarktet werden ...

SPIEGEL: ... zum Beispiel München gegen Dortmund im Pay-per-view für 20 Mark?

BECKMANN: Ja, aber ich bin überzeugt, daß es die Liga im freien Fernsehen dennoch geben wird, und zwar samstags um 18 Uhr.

SPIEGEL: Obwohl sich die Bundesliga für Sat 1 nicht einmal lohnt.

BECKMANN: »ran« hat eine nicht zu beziffernde Image-Bedeutung. Da gibt es Synergie-Effekte, und Werbekunden, die noch nie bei dem Sender waren, die kommen wegen der Bundesliga zu uns. Und »ran« beweist, daß Sat 1 in der Lage ist, handwerklich gutes Fernsehen zu machen.

SPIEGEL: Demnächst beginnt Ihr Abendprogramm wieder um 20.15 Uhr. Heißt das: Noch länger »ran«, noch mehr Werbung?

BECKMANN: Zunächst mal bin ich froh, daß wir wieder auf 20.15 Uhr gehen. Sie glauben ja nicht, wie das Frühstück schmeckt, wenn man sich morgens im Videotext die Sat-1-Quoten anschaut. Nach fünf Jahren Arbeit hat man eine emotionale Beziehung zu Sat 1 aufgebaut. Kurz gesagt: Ich leide. 1995 hatten wir 14,7 Prozent Marktanteil und im Januar '97 noch 11,9. Sat 1 muß aufhören, sich Mißerfolge schönzureden. Besser, man gesteht sich Fehler ein und vermeidet sie in Zukunft, als zu sagen: In der Zielgruppe der Drei- bis Sechsjährigen haben wir enorm zugelegt.

SPIEGEL: Das Konzept »Volle Stunde, volles Programm« war Fred Kogels Idee ...

BECKMANN: Es war eine mutige Entscheidung. Aber als Einzelkämpfer ist man verloren. Nach der Umstellung auf 20.15 Uhr werden wir sofort 0,5 Prozent mehr haben.

SPIEGEL: Was servieren Sie dem erschöpften »ran«-Publikum in der Verlängerung?

BECKMANN: Ich habe der Geschäftsführung gesagt, daß wir das Format »ran« nicht noch weiter ausdehnen dürfen. Für mich reicht 19.45 Uhr. Jetzt haben wir 30 Minuten mehr, die wir klug nutzen müssen.

SPIEGEL: Also?

BECKMANN: Wir machen eine flexible »ran«-Sendung je nach Dramatik des Spieltags. Danach gibt es eine Extra-Sendung: ein News-Magazin mit wichtigen Beiträgen aus anderen Sportarten, mit einem anderen Moderator, ohne Studiopublikum.

SPIEGEL: Auch die »ran«-Inhalte stoßen auf Kritik. Man wirft Ihnen vor, Nebensächlichkeiten aufzublasen.

BECKMANN: Die »ran«-Reporter haben Gott sei Dank den Ehrgeiz, das Besondere zu finden. Die Bundesliga besteht nicht nur aus 90 Minuten Fußball.

SPIEGEL: Sprachlich hält sich die Originalität Ihrer Jungs ebenfalls arg in Grenzen.

BECKMANN: Bitte, wir sind nicht im Germanistik-Seminar. Der Erfolg von »ran« ist auch ein Erfolg der Kommentatoren. Werner Hansch, unser König der Aphorismen, war vor sechs Jahren im Radio ein Star, im TV aber fast unbekannt. Jetzt ist er laut unserer letzten Zuschauerbefragung der beliebteste Fußballreporter.

SPIEGEL: Sind Sie verstärkt um Seriosität bemüht? Ihrer Redaktion haben Sie das Duzen vor der Kamera verboten.

BECKMANN: Seit längerem schon. Duzen vor der Kamera schließt den Zuschauer aus, es riecht nach Kumpanei und Verbrüderung. Das Duzen soll ruhig Waldemar Hartmann von der ARD vorbehalten bleiben.

SPIEGEL: Aber wenn der Karlsruher SC auf Europacup-Reise geht, darf Ihr Reporter Jörg Dahlmann wie in Rom auf der Tartanbahn »La Ola« für die Fans vorturnen?

BECKMANN: Kann er schon. Nur muß er damit rechnen, daß es in der nächsten Redaktionssitzung Backenfutter gibt.

SPIEGEL: Dem Wunsch, ernst genommen zu werden, widerspricht auch der Starkult um die Moderatoren Jörg Wontorra, Johannes B. Kerner und Sie.

BECKMANN: Wegen unserer Sendung wurde ja auch wieder die Frage diskutiert: »Darf Fußball Show sein?« Ich kann nur mit einem schallenden »Ja« antworten. »ran« ist Profifernsehen, fachlich fundiert und ein bißchen entspannter als bei den öffentlich-rechtlichen Kollegen.

SPIEGEL: Sonntags bei »ranissimo« hat der Zuschauer zuweilen den Eindruck, der Präsentator sei wichtiger als die Gäste.

BECKMANN: Künftig kommt kein Moderator mehr die Showtreppe herunter. Wir reden über die Stars, die Fußballer, also sollten wir drei Parterre bleiben.

SPIEGEL: Warum stoppen Sie sich dann nicht öfter mal selbst? Statt dessen posieren Sie auch noch für eine CD.

BECKMANN: Die CD ist eine Sat-1-Idee, entstanden in der Merchandising-Abteilung. Hätte ich gewußt, was das für einen Wirbel verursacht, hätte ich es gelassen.

SPIEGEL: Da hat der eigene Sender den arglosen Programmdirektor hereingelegt?

BECKMANN: Reingelegt ist zuviel gesagt. Ich war blauäugig - eigene Dummheit.

SPIEGEL: Vielleicht war Ihnen nicht klar, daß Ihr Chef Kogel ein Mann der Show ist. Versteht er denn auch etwas vom Sport?

BECKMANN: Er ist sehr gut im Nahkampf, soll sogar einen Schwarzen Gürtel haben. Fußballfreak ist er nicht. Er freut sich nur wahnsinnig, daß wir jetzt wieder auf Sendung sind. Steigende Quoten können wir alle brauchen.

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