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»Die sind froh, mich zu haben«

aus DER SPIEGEL 42/1992

In der »Punta Begona«, einer feinen Wohnanlage nördlich von Bilbao, geht dem Fußballtrainer Jupp Heynckes das Leben leicht von der Hand.

Die Toreinfahrt schwingt, wenn er mittags von der Arbeit heimkommt, mittels einer Fernbedienung auf, ein Lift trägt ihn von der Tiefgarage hoch bis vor die Pforte seiner Dachwohnung. Festen Schritts tritt er vom Wohnzimmer auf eine Terrasse, schaut auf den Strand und das Meer, und irgendwie wirkt das, als habe er einen Pauschalurlaub mit Rundum-Sorglos-Paket gebucht. »Das ist nicht so schlecht hier, oder?« fragt Heynckes, 47, kokett.

Auf »sieben- oder achttausend Mark im Monat« taxiert der Hausherr das Anwesen. So genau weiß er das nicht. Die Miete zahlt sein neuer Arbeitgeber, der Athletic Club Bilbao, wo Heynckes seit drei Monaten einen beträchtlichen Schub an »Lebensqualität« erfährt.

Ist es nicht einfach wunderbar, will er bestätigt hören, daß er hier zumeist im kurzen Hemd »zur Arbeit, wie ich immer sage«, gehen kann? Wenn ihm Manuel, der Kellner in der »MarisquerIa TXO-2«, Köstlichkeiten vom hauchfein geschnittenen Schinken bis zum butterzarten Meerestier serviert und dabei über Fußball palavert, dann fühlt sich der »Dschuup«, wie sie ihn hier rufen, »wirklich sehr wohl«. Und doch widerspricht die Umsiedlung ins Baskenland im Grunde den Ansprüchen, denen sich der Rheinländer verpflichtet hat.

Beflissen strickte der frühere Nationalstürmer, mit 220 Bundesligatreffern nach Gerd Müller und Klaus Fischer erfolgreichster Torschütze in Deutschland, stets an einem geradlinigen Karrierefortgang. Seinen finanziell schwachbrüstigen Heimatklub Borussia Mönchengladbach führte er in acht Trainerjahren fünfmal ins internationale Geschäft, danach feierte Heynckes mit dem FC Bayern München zwei deutsche Meistertitel.

Als er dort vor einem Jahr wegen plötzlicher Erfolglosigkeit entlassen wurde, lernte er eilig Italienisch, um sich der ultimativen Herausforderung etwa in Rom oder Mailand zu stellen.

Die Bundesliga war für ihn, der in München schon auf dem Olymp des deutschen Fußballs angekommen war, ausgereizt. Da nervte ihn die »Monotonie«, da wußte er, »über welchen Zeh« jeder einzelne Kicker »abrollt«, und überhaupt: »Was soll ich zum Beispiel beim Hamburger SV? Ja, bin ich denn verrückt?« Nur das Engagement »bei einem internationalen Spitzenklub« erschien Heynckes als schlüssiger Schritt.

Aber was will er da in Bilbao, wo allenfalls die Bomben der Eta für Schlagzeilen sorgen? Den letzten seiner 31 Titel gewann der Fußballklub vor acht Jahren, seither lebt er von welkem Ruhm. Die Trophäen im »Palacio Ibaigane«, dem mondänen Vereinssitz aus der Jahrhunderwende, werden von einer Klimaanlage frischgehalten, damit das Silber nicht anläuft.

Daß ihn nicht zuletzt die außerordentlich gute Bezahlung von angeblich einer Million Mark im Jahr gelockt hat, will der deutsche Gastarbeiter »gar nicht erst leugnen«. Doch Jupp Heynckes, geboren als neuntes von zehn Kindern in Mönchengladbach am linken Niederrhein, wo sich die Menschen gern bürgerlich einrichten, ist viel zu sehr von deutschen Tugenden geprägt, als daß er sich allein um des Geldes willen ans Werk machen würde.

»Seriosität, Solidität, Kontinuität« sind Werte, die der Fußballehrer für sich gewahrt wissen möchte. Bei allen Zufälligkeiten des Spiels gilt ihm »Fleiß« als Grundlage für den Erfolg, von seinen Profis fordert er zuallererst »Disziplin« ein.

So gesehen ist Jupp Heynckes in Bilbao genau richtig. Spürbar abgekühlt ist hier die vollblütige spanische Lebensart, der Baske mag es preußisch; er ist zäh, strebsam und unabhängig. Wenn der »entrenador teuton« zum Beispiel festlegt, daß der Mannschaftsbus um punkt acht abfahren soll, »dann fährt der auch um punkt acht«. Heynckes schnippt einen Krümel vom dunkelblauen Zweireiher und kommt zu dem Schluß: »Die Mentalität hier ist gut.«

Gewiß, seine Ansprüche auf Titel und internationale Reputation muß der Trainer erst mal gehörig »zurückschrauben«. Die Mannschaft sei schon deshalb »limitiert«, weil Athletic aus Gründen der Tradition nur solche Profis unter Vertrag nimmt, die im Baskenland groß geworden sind. Daran gemessen hat Heynckes bisher mit dem Meisterschafts-Fünfzehnten der letzten Saison verblüffenden Erfolg - vorletzten Sonntag schlug Bilbao den FC Sevilla, die Mannschaft um den argentinischen Wunderkicker Diego Maradona.

Schon nach wenigen Wochen schlägt Heynckes bei den Herren vom Klubvorstand die schiere Bewunderung entgegen. Beglückt kündete die Vereinszeitschrift nach der Ankunft des Deutschen von der »TecnologIa alemana«, so als hätte Mercedes-Benz jetzt auch noch die Produktion baskischer Lastkraftwagen übernommen. Ihr Traditionsverein, findet zum Beispiel der PR-Chef Borja Bilbao, brauche vornehmlich einen Mann, »der arbeiten kann«.

Während etwa der weltgewandte John Toshack, Trainer beim baskischen Nachbarn San Sebastian, an seinem freien Tag bei einer Runde Golf Entspannung suche, sei der Jupp auch in der Freizeit ständig im Einsatz - der studiere entweder ein Video vom nächsten Gegner, berichtet der Klubsprecher, oder lerne fleißig spanische Vokabeln.

Daß Heynckes, der auch in deutscher Rede zuweilen ein »sI, sI, sI« einstreut, in Bilbao in Ruhe seine »Hausaufgaben erledigen kann«, wie er es nennt, kommt dem Charakter des gelernten Stukkateurs äußerst zupaß. Es gefällt ihm, daß er in der Pyrenäenprovinz absolut »unspektakulär« auftreten darf; so treten die Defizite zurück, die er als Repräsentant des Unterhaltungsgewerbes Fußball-Bundesliga stets aufwies.

Besonders in München, wo die Schickeria gern ihre Feste mit Bayern-Profis aufpeppt, standen dem öffentlich immer etwas schwergängigen Rheinländer seine ehrbaren Prinzipien im Weg. Man sieht ihn noch, wie er sich, mit geschwollenen Schläfen und mitunter steifnackig nach Worten ringend, mit den Herren von der Boulevardpresse hakte - wenn die aus dem Chefbetreuer bunte Ware herauspulen wollten, konterte Heynckes häufig mit dem Charme eines Stockfischs.

Seinen Konflikt, sich einerseits den Usancen des Geschäfts anpassen zu müssen, andererseits dem nivellierenden Zeitgeist durch »eigene Konturen« entgegenwirken zu wollen, konnte der Trainer in Deutschland nicht lösen. Kurz vor der Münchner Demission befand er vor laufender Fernsehkamera, »einigen Journalisten« habe man »ins Hirn geschissen«. Öffentlich entzog er einem Reporter beleidigt das Du.

Wenn Jupp Heynckes heute über diese turbulenten Zeiten sinniert, wirkt er so entspannt, als erinnere er sich an Übertretungen aus seinen Jugendjahren. Ganz klar, da hatte er sich verirrt: »Das darf man nicht machen, so etwas.«

Inzwischen, preist der Coach seine Lernfähigkeit, lasse er sich sogar auf Aktionen ein, »die meiner Natur widersprechen« - etwa dann, wenn er sich auf dem Marktplatz von Bilbao mit Baskenmütze zum Foto stellt. Heynckes bewahrt sich seine neue Gelassenheit sogar, wenn ihm Journalisten während einer Pressekonferenz den scharfen Qualm von »Ducados«-Zigaretten ins Gesicht pusten. Nichts scheint den Kopfmenschen bei seinem ersten Auslandsjob aus der Fassung zu bringen; alles hat er »minutiös durchgeplant«.

Bestärkt durch den Rat des in Barcelona tätigen Kollegen Johan Cruyff ("Mach das, Jupp, das Leben ist so schön hier") reiste Heynckes vor Vertragsunterschrift sechsmal nach Spanien, um den Zustand seiner künftigen Mannschaft zu prüfen. Er ließ sich über das gepflegte Trainingsgelände mit seinen sieben Übungsplätzen führen, er las ein Buch über das Wesen des Basken, und schließlich wußte er sogar, daß es in Bilbao auch über den Sommer nicht wärmer als »24 bis 28 Grad« wird: »Das ist angenehm.«

Natürlich hätte sich der Meistertrainer auch gern in Fußballbetrieben mit klangvolleren Namen wie Real Madrid oder FC Barcelona gesehen. Daß da die Positionen besetzt waren, ist für ihn womöglich ganz gut so. Hätte er bei diesen flirrenden Unternehmen nicht wieder den Verkäufer in eigener Sache mimen müssen? Und wäre er dort nicht beim spanischen FC Bayern gelandet?

In seinem Kern versteht sich Heynckes als »Fußballehrer«, der eine populäre Disziplin unterrichtet wie andere Naturwissenschaften. Fachkompetenz mußten ihm selbst seine Kritiker immer attestieren. Aber das Zusammenwirken mit kapriziösen Stars, »Leuten, die meinen, fertig zu sein«, hat ihm zuletzt in München ganz einfach »keinen Spaß mehr gemacht«.

Wenn er jetzt auf dem Rasen steht und seinen staunenden Spielern armrudernd den Fußball moderner Prägung nahebringt, erfährt Heynckes eine Anerkennung wie einst sein Ziehvater Hennes Weisweiler ("Der war ja ähnlich") als Trainer der Mönchengladbacher »Fohlenelf«. Mit satter Zufriedenheit kommt es ihm über die Lippen: »Die sind froh, daß sie mich haben.«

So wie ehedem am Niederrhein, wo er sich sonntags vom Stadion »Am Bökelberg« aufmachte, um in der deutschen Provinz Jugendliche zu beobachten und einen späteren Weltstar wie Lothar Matthäus zu entdecken, kann Heynckes auch in Bilbao endlich wieder »im Detail arbeiten«.

Es stört ihn, wenn die Brote im Lunchpaket seiner Spieler dick, die Wurst dafür dünn geschnitten ist - »das haben wir ein bißchen geschmacklicher gemacht«. Es bringt ihn in Wallung, wenn die medizinische Abteilung hinterherhinkt - neuerdings liegt im Trainingscamp eine Liste mit Massageterminen aus. Es verletzt seinen Ordnungssinn, wenn die Gummischlappen nicht an ihrem Platz stehen - da muß dann auch schon mal der Dolmetscher laufen ("Ja, Jupp, ich hol' sie dir").

Und begreifen seine Spieler die Taktik nicht gleich, setzt er sie eben wieder vor die Tafel, »dann machen wir es eben noch mal ganz von vorn": variabler Libero, Raumdeckung, Tempo rausnehmen. Wenn der Libero trotzdem im Spiel dasteht, als sei er angefroren, wenn hinten »hart Mann gegen Mann gedeckt« und vorn das Tempo verschärft wird, dann schickt Heynckes zunächst ein paar Brunftschreie über den Rasen, blickt ratsuchend mal zu seinem Assistenten, mal zu einem Helfer vom Roten Kreuz und läßt sich schließlich matt zurückfallen, um die Socken strammzuziehen.

Was soll der Ärger? Sein Präsident, ein ergrauter Investitionsberater, hat ihm neulich nach einer Niederlage noch bescheinigt, die Mannschaft spiele »kultivierten Fußball wie noch nie«.

In München ist ihm solcher Zuspruch kaum widerfahren. »Man lebt behüteter hier«, sagt Jupp Heynckes. In Bilbao ist er an den Mönchengladbacher Bökelberg zurückgekehrt.

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