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»Die Welt bleibt stehen«

Die Eiskunstläuferin Katarina Witt über den Reiz Olympischer Spiele, ihren Erfolg in den USA und ihr Spiel mit der Stasi
aus DER SPIEGEL 7/1998

SPIEGEL: Frau Witt, zum erstenmal seit 1984 erleben Sie Winterspiele nur im Fernsehen. Keine Sehnsucht mehr nach dem olympischen Zauber?

Witt: Ich denke, man kommt irgendwann an einen Punkt, da ist Olympias Medaillenglanz ausgereizt. Aus bestimmten Sachen wächst man einfach raus. Und außerdem habe ich etwas Besseres zu tun, als nach Japan zu düsen: In diesen Tagen drehe ich in Paris einen Film mit Robert De Niro.

SPIEGEL: Romantisch?

Witt: Bei einer solchen Besetzung sagt man erst mal sofort ja. Ich spiele eine russische Mätresse, die auf dem Eis laufen wird.

SPIEGEL: Wenn Sie bei Olympischen Spielen aufgetreten sind, konnten Sie zumindest davon ausgehen, daß man Ihnen zuguckt.

Witt: Wer bei Olympia auftritt, ist eigentlich weniger wichtig. Das Ereignis allein hat eine unglaubliche Kraft. Man hat das Gefühl, daß während dieser zwei Wochen die Welt stehenbleibt und jeder sich dafür interessiert. Olympische Spiele sind das einzige Ereignis, das so etwas schafft.

SPIEGEL: Es kommt darauf an, wie Olympia inszeniert wird. Der US-Fernsehsender ABC hatte 1988 rund 65 Millionen Dollar Verlust erlitten, weil er Eishockey zum Programmschwerpunkt machte. Seitdem überträgt CBS - und die setzen mit Erfolg auf Eiskunstlauf.

Witt: Sie haben einfach gemerkt, daß sie mit Eiskunstlauf die höchsten Einschaltquoten haben, und deshalb heizen sie jetzt das Geschäft besonders an. Dahinter steckt kühle Berechnung, zumal die heißesten Medaillenanwärter aus dem eigenen Lande sind. An 13 Tagen wird zur Prime time Eiskunstlauf übertragen.

SPIEGEL: Warum sind die Amerikaner so verrückt danach?

Witt: Ein Eiskunstläufer ist nicht nur ein Athlet, er steht nicht nur für Schweiß und Tränen, sondern auch für Glamour und Tragödie. Crossover von Sport und Unterhaltung. Da waren uns die Amis immer ein paar Jahre voraus. Außerdem darf man nicht vergessen, daß in Amerika eben auch mal die Frauen die Fernbedienung in der Hand haben. So gibt''s nachmittags nicht nur American Football und Eishockey, sondern eben auch Eiskunstlauf. Und die Männer haben ganz nebenbei gemerkt, daß das irgendwie auch sexy ist.

SPIEGEL: Müssen Eiskunstläufer immer eine Geschichte zu erzählen haben, die Stoff für ein modernes Märchen liefert?

Witt: Klar, wenn das heutzutage sogar US-Präsidenten müssen. Daß zum Beispiel die Chinesin Lu Chen, die Weltmeisterin von 1995, lange verletzt war, in den USA trainierte, sich dort mit ihrer Trainerin verkrachte und wieder zurück nach China mußte, oder daß Paare sich miteinander streiten, interessiert halt das Publikum.

SPIEGEL: Die beste Geschichte ist immer noch die von der schönen Nancy Kerrigan, der von Freunden der bösen Tonya Harding mit einer Eisenstange vors Knie geknüppelt wurde.

Witt: Für uns Sportler eine obertriviale Soap-opera. Besonders weil das Thema selbst vier Jahre danach immer noch beste Quoten verspricht. Der US-Sender Fox hatte die beiden gerade zum erstenmal seit dem Attentat gemeinsam vor der Kamera. Eigentlich wollte Tonya dort die Nancy um Verzeihung bitten, aber die beiden Damen hatten sich nicht viel zu sagen.

SPIEGEL: Konnte dem Eiskunstlauf etwas Besseres passieren als diese Geschichte?

Witt: Objektiv vielleicht, aber zynisch ist das trotzdem. Doch es stimmt: Die Story hat einen gewaltigen Boom ausgelöst. Nur den beiden hat sie im nachhinein wenig gebracht. Tonya hat keine Chance mehr bekommen, als Profi zu arbeiten - alle Läufer haben sich dagegen gesträubt, mit ihr gemeinsam aufzutreten. Und Nancy hat die Sache leider nicht so ausgenutzt, wie sie es hätte tun können. Sie wollte einfach nicht. Und so sind die meisten Werbeverträge schnell ausgelaufen.

SPIEGEL: Was hat sie falsch gemacht?

Witt: Sie ist vielleicht keine Person, die es genießt, im Rampenlicht zu stehen. Die Medien haben unheimlich gepuscht und gepuscht und sicherlich auch ein bißchen an ihr vorbeigepuscht. So wurden Erwartungen aufgebaut, die Nancy nicht ganz erfüllen konnte und wollte. Dann waren die Medien enttäuscht und haben sie fallenlassen.

SPIEGEL: Hätten Sie einen Rat für die Kollegin gehabt?

Witt: Das ist nicht meine Aufgabe. Aber wenn man die Gelegenheit hat, sich ein positives Image aufzubauen, dann muß man heutzutage leider direkt zupacken. Wer da nicht sofort gewinnt, verliert. Das gleiche gilt im übrigen heute für Tanja Szewczenko.

SPIEGEL: Die Düsseldorferin gilt als Läuferin von eher matter Strahlkraft. Wo liegt ihre Chance?

Witt: Tanja ist zwei Jahre lang schwer krank gewesen und war nicht mehr auf der Bildfläche. Und aus dieser Krankheit ist sie wieder als Weltklasseathletin hervorgegangen. Bewundernswert. Das muß sie jetzt nutzen, denn die Geschichte ihres Kampfs mit dem Virus ist in einem Jahr vergessen.

SPIEGEL: Was gab den Ausschlag dafür, daß Sie in den USA so populär wurden - von Ihrem Image als »schönstes Gesicht des Sozialismus« mal abgesehen?

Witt: Ich war immer die Katarina, die aus dem Osten kommt und die ein ganz anderes Bild abgibt als das, was Amerikaner von DDR-Sportlerinnen hatten. Die galten ungerechterweise als Sportlerweiber, breit wie Schränke und maulfaul. Ich dagegen versuchte publikumsnah und aufgeschlossen zu sein. Plötzlich war ich in einer Umfrage des Magazins »People« die bekannteste lebende Deutsche und so was wie ein mystisches Geschöpf.

SPIEGEL: Ihre westdeutsche Konkurrentin Marina Kielmann hat anläßlich Ihres Comebacks 1994 gesagt: »Die Kati wird einen Vertrag mit einer Autofirma abschließen. Zwei Tage vor der Meisterschaft wird sie sich von einem Wagen dieser Marke anfahren lassen und dann die Meisterschaft absagen.«

Witt: Ich habe die Qualifikation für meine letzten Olympischen Spiele auf gerechtem Wege geschafft und bin allen Autos aus dem Weg gegangen, egal, welcher Marke.

SPIEGEL: Dennoch: Der Verdacht, daß Sie in erster Linie Selbstdarstellerin sind, hat sich bis heute gehalten.

Witt: Eisläufer sind ein bißchen wie Schauspieler. Die gehen auch auf die Bühne, um vom Publikum geliebt zu werden. Du marschierst jeden Abend da raus und spielst dir die Seele aus dem Leib, um Anerkennung und Applaus zu bekommen. Und wenn dir das verweigert wird, dann fängst du an, an deiner Arbeit zu zweifeln. Du zerbröckelst und gehst kaputt.

SPIEGEL: Im Vergleich zu den hetzenden Springmäusen der heutigen Generation wirkt Ihre elegante Show wie aus fernen Zeiten.

Witt: Es ist schon irre, was die machen. Sieben Dreifachsprünge in viereinhalb Minuten. Aber ich denke, daß der Zuschauer so etwas einfach nicht mehr verarbeiten kann. Regeln - komplizierter als beim Schach. Heute sind die Darbietungen für einen normalen Konsumenten derart unverständlich geworden, daß er nur noch rätselt, wie so etwas gehen kann, und darüber manchmal das Interesse an der Ästhetik verliert.

SPIEGEL: Die Kampfrichter allerdings sind nachhaltig beeindruckt.

Witt: Das kann man auch sein. Aber ob dies der richtige Weg ist, ist hier die Frage. 17jährige bekommen - wie es der Chinesin Lu Chen passiert ist - Ermüdungsbrüche von der vielen Springerei.

SPIEGEL: Und deshalb gibt es jedes Jahr eine neue Weltmeisterin und alle vier Jahre eine neue Olympiasiegerin?

Witt: Gucken Sie sich an, was aus der letzten Olympiasiegerin Oksana Bajul geworden ist. Sie hat mit 16 Gold gewonnen und, zack, war sie auch schon im Profigeschäft. Und es ist einfach traurig, wie solch ein Riesentalent plötzlich emotionslos seinem Beruf nachgeht.

SPIEGEL: Hätten Sie abgelehnt, wenn man Ihnen, so wie Oksana Bajul, einen mit zwei Millionen Dollar im Jahr dotierten Profivertrag angeboten hätte?

Witt: Mit 16 denkst du zwar, das, was du machst, sei schweres Training, aber erst mit Mitte 20 beginnt alles schmerzvoll zu werden. Und irgendwann kommt der Punkt - das muß ja auch gesagt werden -, wo ein Trainer selbst einer Olympiasiegerin mal den berühmten Tritt in den Hintern geben muß. Und das war bei mir genauso.

SPIEGEL: Wir stellen uns gerade vor, wie Ihre ehemalige Trainerin Jutta Müller ausholt.

Witt: Sport ist nun mal Zuckerbrot und Peitsche. Nur bis zu einem gewissen Grad macht man die harte Arbeit freiwillig, und für den Rest braucht man jemanden, der einen über diese Schmerzgrenze hinwegtreibt.

SPIEGEL: Von diesem Getrieze profitieren Sie noch heute.

Witt: Ich habe mir eine Unabhängigkeit geschaffen, mit der ich alle Entscheidungen in meinem Leben selber treffen kann. Klar stehe ich manchmal hinter dem Vorhang und rufe nach der Motivation: Wo bist du? Doch dann gehe ich raus, die Leute klatschen, und sofort habe ich einen Adrenalinschub. Das ist schon irgendwie eine Sucht.

SPIEGEL: Nehmen Sie dafür in Kauf, daß Ihr Name gelegentlich mißbraucht wird?

Witt: Ja, aber da kann man ja drauf achten, inwiefern er mißbraucht wird. Worauf wollen Sie jetzt eigentlich hinaus?

SPIEGEL: Daß zum Beispiel der Milliardär Donald Trump seine Biographie mit der Bemerkung anreichert, Sie hätten sich an ihn rangemacht.

Witt: Was dieser Mann schreibt, interessiert mich heute so, wie wenn in Thüringen eine Bratwurst platzt. Nur im ersten Augenblick ärgert es einen, wenn jemand etwas veröffentlicht, was von vorne bis hinten nicht stimmt.

SPIEGEL: Merken Sie an solchen Beispielen, daß Ihr Name in Amerika von stärkerer Anziehungskraft ist als in Deutschland?

Witt: In Amerika schreiben die Medien, ich sei »die erfolgreichste Eiskunstläuferin aller Zeiten« - und sehen mich als die Frau, die hinter dem Eisernen Vorhang hervorgekommen ist. Für die westdeutschen Eislauf-Funktionäre bin ich ein notwendiges Übel, das mal ein FDJ-Hemd anhatte.

SPIEGEL: Nach der Wende galten Sie hier als »SED-Ziege«.

Witt: Wie die Presse da auf mich eingehackt hat, hat mich früher getroffen. Um so mehr freut es mich, wie begeistert die Menschen bei meinem Comeback in Lillehammer 1994 im ganzen Land mitgefiebert haben.

SPIEGEL: Ist dieses Hochgefühl nicht getrübt, seit die Berliner Kripo den DDR-Sport auf mögliche Körperverletzung durch Trainer und Ärzte durchforstet?

Witt: Ich habe auch einen Brief bekommen, den habe ich allerdings nie beantwortet. Sie wollten von mir wissen, ob ich Mittel bekommen habe, die sich gesundheitsschädlich ausgewirkt haben. Da kann ich ruhigen Gewissens nein sagen.

SPIEGEL: Daß auch da Anabolika eingesetzt wurden, ist belegt.

Witt: Wenn Sie damit männliche Hormone meinen, müssen die Anabolika bei mir eine Umkehrwirkung gehabt haben. Man hat sich allerdings auf der anderen Seite manchmal gewundert über diese Athletinnen mit den tiefen Stimmen.

SPIEGEL: Geredet haben Sie nie darüber?

Witt: Nein. Ich hätte nie geglaubt, daß dieses Land so verstrickt war in diese ganzen Dopingsachen. Ich dachte immer, daß wir moralisch sauber aufgewachsen sind. Für mich war der Westen das Böse - aber dort hat man auch dafür gesorgt, daß bestimmte Aktenschränke nie geöffnet worden sind.

SPIEGEL: Sind Sie nicht stutzig geworden, als die Stasi immer öfter den Kontakt zu Ihnen suchte?

Witt: Schon mit acht Jahren bin ich von der Stasi observiert worden. Manchmal ist zu diesen Leuten eine richtig menschliche Verbindung entstanden, die mir sogar oft zugute gekommen ist. Ich wußte ja: Sie

hatten Angst, daß ich abhaue, und das Ministerium für Staatssicherheit hatte die Aufgabe, das in jedem Fall zu verhindern.

SPIEGEL: Also haben Sie mit Mielkes Ministerium zusammengearbeitet?

Witt: Nein, ich habe nie mit dem Ministerium zusammengearbeitet; ich habe aber auch nie gesagt, ich sei ein DDR-Opfer. Jeder Spitzensportler oder Showmensch, der oft im Westen tätig war, mußte mit den MfS-Leuten sprechen. Aber ernst genommen habe ich die nicht.

SPIEGEL: Wollen Sie behaupten, Sie hätten mit der Stasi gespielt?

Witt: Eher so als umgekehrt. Die hatten Macht, und ich war auf USA-Reisen angewiesen. Die Bilanz ist eindeutig: Die gibt es nicht mehr, und ich trete bei »Worldstars on Ice« am 18. April in Oberhausen vor 10 000 Menschen auf.

SPIEGEL: Dafür haben Sie in Kauf genommen, bei einem Quickie belauscht zu werden. Die Stasi notierte, es habe sich einmal alles in allem um einen Akt von sieben Minuten gehandelt.

Witt: Ich habe nix in Kauf genommen. Die haben den Quickie auch nur vermutet. Und zwar deshalb, weil sie ein Problem mit der englischen Sprache hatten. Ich saß bei dieser Gelegenheit mit einem Amerikaner im Hotelzimmer, und für ein paar Minuten war die Unterhaltung unterbrochen. Und daraus haben die Leute, die uns belauscht haben, geschlossen: So, jetzt machen die es gerade.

SPIEGEL: Immerhin war die Verbindung zur Stasi so herzlich, daß man Ihnen zu den Treffs gelegentlich Blumensträuße mitbrachte - und zum Dank beglückten Sie einen MfS-General einmal mit einer Autogrammkarte.

Witt: Ich hoffe, die SPIEGEL-Redaktion verzeiht mir das.

SPIEGEL: Laut Ihrer Opferakte sollen Sie einmal gesagt haben: »Ihr seid die einzigen, die in dieser Art und Weise helfen, auf die immer Verlaß ist.«

Witt: Ob das eine Erfindung ist, um sich bei den Vorgesetzten zu profilieren, oder ob ich das so gesagt habe, wie man »nice to see you« sagt, weiß ich nach zehn Jahren nicht mehr.

SPIEGEL: Sie haben von der Stasi einen VW Golf und Ihre Eltern einen Wartburg bekommen, und das MfS hat Ihre Wohnung eingerichtet ...

Witt: ... na, toll, aber ich wußte beim besten Willen nicht, daß das Ministerium die beiden Autos besorgt hatte. Der zuständige Bezirksleiter war ein großer Eislauffan. Er wollte mich in Sachsen halten und hat dafür alles mögliche organisiert. Ich habe einen Lada bekommen und bezahlt. Im Westen hätte ich ein paar hunderttausend Mark verdienen können.

SPIEGEL: Nicht zuletzt dem System des DDR-Sports haben Sie das zu verdanken, was Sie heute sind. Werden Sie sich von Ihren Schlittschuhen jemals trennen können?

Witt: Schlittschuhe bedeuten zunächst viele Schmerzen. Die Schuhe sind so hart und fest geschnürt, daß wir wie bei Aschenputtel ständig Blut im Schuh haben. Ich will mich von den Dingern aber trotzdem nicht trennen. Das ist wie bei einem Mann, der nicht heiraten will, weil er sagt: Damit ist meine Junggesellenzeit vorbei. Und Junggesellenzeit bedeutet ja auch Jugend, Freiheit und Fliegen.

SPIEGEL: Frau Witt, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteure Matthias Geyer und UdoLudwig.* In Portland (USA) vor ihrer Abreise zu den Winterspielen 1994in Lillehammer.* Bei den Olympischen Spielen in Sarajevo 1984 mit ihrerTrainerin Jutta Müller.

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