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TENNIS / DAVIS-CUP Dingsdas Siege

aus DER SPIEGEL 35/1970

Das denkwürdigste Ereignis im deutschen Tennis währte nur 75 Sekunden. Auf einer Großbaustelle und auf Asphalt schmetterte Gerichtsreferendar Christian Kuhnke erstmals ein deutsches Team in das Endspiel um den Davis-Cup« die Weltmeisterschaft für Nationalmannschaften.

»Auf Asche wäre uns das nie gelungen«, rechtfertigte Kuhnkes Spielkamerad Wilhelm Bungert die deutsche Strategie, für den entscheidenden Kampf eigens einen Asphaltplatz im Düsseldorfer Rheinstadion teeren zu lassen, auf dem sich die an Aschenplätze gewöhnten spanischen Rivalen erst umstellen mußten.

Nur ein Aufschlagspiel fehlte dem Deutschen Kuhnke noch, als das Match wegen Regens um einen Tag aufgeschoben werden mußte. Der ungenügend eingespielte Spanier Manuel Orantes vermochte den letzten Kuhnke-Service am vergangenen Montag nicht mehr abzuwehren. »Pitsch« patsch -- bum, da fiel der Spanier um«, bejubelte die »Hamburger Morgenpost« die gelungene Bodenreform.

Das erfolgreiche deutsche Asphalttennis ließ gleichsam die ganze Nation zum Racket greifen. Zehnmal häufiger als bei früheren Tennis-Übertragungen läuteten die Telephone des Deutschen Fernsehens. »Wann spielt der Dingsda gegen den Spanier?« forschten des Tennis und der Spielernamen unkundige Interessenten vor der Live-Sendung des fehlenden Aufschlagspiels. Zum Davis-Cup-Dessert in Düsseldorf fanden sich nahezu 6000 Zuschauer ein. Mit 14 500 zahlenden Besuchern insgesamt verzeichnete der Deutsche Tennis-Bund (DTB) einen Rekord.

»Ein wohlbedachter Trick«, rügte die spanische Zeitung »A. B. C.« »bescherte den Deutschen das Ergebnis, das sie wollten.« Und einen Endspielgegner« der sie seit 33 Jahren nie mehr akzeptiert hatte: den 22fachen Davis-Cup-Gewinner und Pokalverteidiger USA. »Der Erfolg der deutschen Mannschaft muß als anachronistisch erscheinen staunte Frankreichs Tageszeitung »Le Monde«.

Jahrzehntelang hatten nur Amerikaner und Australier, Engländer. und Franzosen die als häßlichsten Pokal der Welt geschmähte Trophäe gewonnen. Die Deutschen drangen zwar In dem seit 1900 ausgetragenen Wettbewerb als Sieger der Europagruppe fünfmal in das Interzonenfinale vor, verpaßten aber jedesmal durch eine Niederlage das Endspiel.

Erst als die besten Australier Berufsspieler wurden und am Davis-Cup nicht mehr teilnehmen durften, drängten Außenseiter wie Spanien und Mexiko in das Finale. So trafen 1969 die Amerikaner auf die Rumänen. Die Außenseiter unterlagen 0:5.

Experten geben auch den Deutschen nur geringe Chancen, am nächsten Wochenende den Davis-Pokal in Amerika zu gewinnen. Der Australier Tony Rache warnte: »Auf eigenem Boden lassen sich die Amerikaner nie und nimmer den Pokal entreißen.« Nur der frühere Wimbledonsieger Fred Perry, für den die Bundesrepublik der beste Absatzmarkt seiner Tenniskleidung ist, versuchte die Deutschen aufzumuntern: »Die Chancen sind gar nicht so schlecht.« Spaniens australischer Trainer Lewis Hoad hält »nicht einmal Ashe für einen sicheren Punkt« der USA,

Der farbige Arthur Ashe, 27, gilt als der stärkste Aufschlagspieler der Welt (Spitzname: As-Ashe). Freilich verstimmte er gelegentlich auch die weißen Tennisfunktionäre mit rassenkämpferischen Bekenntnissen: »Wenn ich gut spiele, helfe ich auch den Farbigen.« Als Ashe vor drei Jahren als Favorit auf die inoffizielle Weltmeisterschaft der Einzelspieler in Wimbledon galt, erhielt er just zum Turnierbeginn den Einberufungsbefehl.

Im letzten Winter verweigerte ihm Südafrikas Regierung die Einreise mit der Begründung, er wolle nur gegen die Apartheid-Politik demonstrieren. Ashe ("Ich hätte Lust, eine Atombombe auf Johannesburg zu werfen") forderte und erreichte Südafrikas Aussperrung aus dem Davis-Cup-Turnier.

Südafrikas Ausschluß erleichterte auch den Weg der Deutschen ins Endspiel, denen so leicht überwindbare Gegner wie Dänemark, Ägypten und Belgien zugelost wurden. Die eigenbrötlerischen Bundesspieler Christian Kuhnke, 31, den die »Stuttgarter Zeitung« einen »Sieger, der nicht lachen kann« nannte, und der Düsseldorfer Sportartikelhändler Wilhelm Bungert, 31, fanden trotz ihres Alters und beruflicher Belastung Zelt genug, sich In Hochform zu spielen.

So gelangen. ihnen schließlich auch Siege über die höher eingeschätzte Sowjet-Union und bei den heimstarken Indern, die zuvor sogar die australischen Tennis-Amateure ausgeschaltet hatten. In Indien hatten sich die Deutschen so gut auf den schneller bespielbaren Grasboden eingestellt, daß sie den DTB für das Interzonen-Finale gegen Spanien um einen ähnlich beschaffenen Untergrund baten.

Den ausgewählten Rasenplatz zerschlissen Kicker bei einem Turnier fünf Tage vor dem ersten Davis-Cup-Aufschlag. Nun ließen die Funktionäre in Düsseldorf binnen 55 Stunden einen Asphaltplatz anlegen. Noch am Morgen des ersten Spieltages verabschiedete sich einer der Bauarbeiter von dem bereits zum Training antretenden Bungert mit der Forderung: »Jetzt siegt aber auch, Wilhelm.«

Die Deutschen erfüllten den Wunsch überraschend klar mit 4:1. Bungert übte auch in den Tagen danach auf dem Asphaltplatz, weil er dem Cleveland-Gelände ähnlich ist. Kuhnke legte auf der Reise nach Amerika Ruhetage auf den Bahamas ein.

Auf der sonst vom Publikumsverkehr unbehelligten Geschäftsstelle des DTB In Hannover klingelte derweil ständig das Telephon. Viele Anrufer erkundigten sich danach, wie und wo das Tennisspiel zu erlernen sei. »Mehr als 100 Leute wollten nach Cleveland mitreisen«, berichtete Generalsekretär Georg Stoves.

Ein deutscher Sieg im Davis-Cup vermag vielleicht den Traum der Funktionäre vom Volkssport Tennis zu verwirklichen. Aber der DTB erwartet auch Profit. Während in Europa bei Davis-Cup-Veranstaltungen die Gastgeber 60 Prozent vom Nettoverdienst einbehalten, begnügen sich die Amerikaner mit 45 Prozent.

Ob Sieg oder Niederlage -- etwa 150 000 Mark sind dem DTB gewiß.

* Spitzenspieler Ashe (l.) mit dem 1969 gewonnenen Davis-Pokal im Weißen Haus bei Präsident Nixon.

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