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DOPING Doc, jetzt mach mal was

Die Enthüllungen des ehemaligen Telekom-Masseurs Jef D'hont treffen besonders die Sportabteilung der Freiburger Uni-Klinik. Wissenschaftler befürchten einen großen Schaden für die deutsche Sportmedizin. Die Staatsanwaltschaft und eine unabhängige Kommission sollen aufklären.
aus DER SPIEGEL 19/2007

Im Oktober will die Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg Elite-Uni werden. Sie muss sich durchsetzen gegen sieben konkurrierende Universitäten aus ganz Deutschland. Es geht um viel. Um staatliche Fördermittel in Millionenhöhe, um Forschungsgelder aus der Industrie, und natürlich geht es auch ums Image.

550 Jahre alt ist die Universität, sie hat eine große Tradition und einen hervorragenden Ruf. Als vergangene Woche im SPIEGEL ein ehemaliger Betreuer von Radprofis enthüllte, dass Freiburger Ärzte angeblich ins Dopingsystem des Teams Telekom eingespannt waren, reagierte die Leitung der Klinik schnell.

Sie beschloss, eine externe Untersuchungskommission einzurichten. Das hatte es an der Lehranstalt zuletzt vor sieben Jahren gegeben. Damals musste die Universität den Fall eines Mediziners untersuchen, der in Verdacht stand, im gro- ßen Stil Forschungsarbeiten gefälscht zu haben.

In seiner Not bat jetzt Matthias Brandis, der Leitende Ärztliche Direktor des Klinikums, auch noch den Heidelberger Molekularbiologen Werner Franke um Rat. Ausgerechnet Franke.

Franke ist einer der großen Dopingexperten des Landes und bekannt für sein Temperament. Als die Dopingvorwürfe publik wurden, erstattete er vergangenen Montag gegen die beiden betroffenen Sportmediziner Andreas Schmid und Lothar Heinrich bei der Staatsanwaltschaft Freiburg Anzeige. Sein Vorwurf: systematische Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz, Rezeptbetrug und Beihilfe zur Körperverletzung.

Nun soll Franke dem Freiburger Klinikdirektor dabei helfen, geeignete Kandidaten für die Untersuchungskommission zu finden. Deren Besetzung ist inzwischen zu einem Politikum in Baden-Württemberg geworden. Die SPD-Fraktion des Landtags hat den CDU-Wissenschaftsminister Peter Frankenberg wegen der Schwere des Falls aufgefordert, den Vorsitz der Kommission zu übernehmen.

Jahrzehntelang betreuten Freiburger Sportmediziner alles, was im deutschen Sport Rang und Namen hat. Die Ärzte saßen an der Linie, wenn die Tennisstars Steffi Graf und Boris Becker spielten. Sie waren dabei, als Jan Ullrich und Erik Zabel die Alpenpässe bezwangen. Sie trugen dafür Sorge, dass Leichtathleten, Ruderer und Schwimmer bei Olympischen Spielen Medaillen gewannen. Die sportmedizinische Abteilung war das, was die Gesamt-Uni erst noch werden will: eine Elite-Anstalt.

Sogar die gesamte deutsche Sportwissenschaft muss sich vor möglichen Folgen fürchten. Freiburger Mediziner sitzen an vielen Schaltstellen der Sportbürokratie und bestimmen wesentlich mit, wohin Forschungsgelder des Bundes fließen.

So wurde viel geredet und getuschelt, als sich am vergangenen Dienstag die Radfahrer zum Profirennen »Rund um den

Henninger Turm« in Frankfurt am Main trafen. Schon da hieß es, die neue Teamleitung von T-Mobile werde sich von den belasteten Ärzten Andreas Schmid und Lothar Heinrich trennen, denen der belgische Masseur Jef D'hont vorwirft, das Team Telekom in den neunziger Jahren mit Dopingmitteln versorgt zu haben.

Und dann die Gerüchte. Besonders Gerüchte über Radfahrer, die nun auspacken wollen. Es scheint, als würde die Omertà, die Schweigepflicht im Radsport, bröckeln. In mehreren Gesprächen bestätigten ehemalige Mitglieder des Teams Telekom in der vergangenen Woche den Inhalt von D'honts Enthüllungsbuch. Doch an die Öffentlichkeit will jetzt noch niemand - oder aber gegen viel Geld.

Was auch immer noch herauskommen wird - der Radsport muss sich wieder einmal neu erfinden. Am vergangenen Donnerstag suspendierte das Team T-Mobile seine Ärzte Schmid und Heinrich offiziell und nahm auch Kontakt mit dem Masseur Jef D'hont auf. Dopingprozesse könnten folgen, die Staatsanwaltschaft in Freiburg ermittelt gegen die Ärzte Schmid und Heinrich, die weiterhin alle Vorwürfe bestreiten.

Auch Jan Ullrich wird sich bald einem deutschen Zivilgericht stellen müssen. Dopingexperte Franke hatte öffentlich behauptet, dass Ullrich einst 35 000 Euro für Dopingpräparate an den spanischen Arzt Fuentes gezahlt habe, Ullrich ging gegen diese Behauptung vor. Franke geht inzwischen sogar von 120 000 Euro aus. Nun wird der Streit in einer Hauptverhandlung geklärt, der Prozess beginnt vermutlich schon im Sommer. Alle wichtigen Betroffenen sollen auf Antrag von Frankes Anwalt geladen werden: Ullrich, Fuentes, Schmid, Heinrich. Es wird wohl der spektakulärste Dopingprozess in der Geschichte des deutschen Sports.

Auch da wird es um die Rolle der angesehenen Freiburger Abteilung gehen, die lange Jahre von dem umstrittenen Professor Joseph Keul geführt wurde. »Kaum wurde in der Dopingszene auch nur ansatzweise etwas offengelegt, hat sich«, so sagt es der Heidelberger Sportpädagogik-Professor Gerhard Treutlein, »Keul zu Wort gemeldet und die Folgen verharmlost.«

Anabolika? »Jeder, der einen muskulösen Körper haben und männlicher wirken möchte, kann Anabolika nehmen.«

Testosteron? »Keinerlei Nebenwirkung.«

Epo? »Bei richtiger Anwendung ungefährlich.«

Oft standen Keuls Aussagen diametral zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, trotzdem blieb er so etwas wie der Elder Statesman der deutschen Sportmedizin. Über Jahrzehnte war er Chefarzt der deutschen Olympiamannschaft. Nur einmal geriet seine Position in Gefahr, als er sich mit dem Sportmediziner Armin Klümper, einem alten Widersacher an der Uni-Klinik, überworfen hatte. Der ebenfalls berüchtigte Klümper wechselte an die private Mooswaldklinik, die bald auch eine Pilgerstätte für deutsche Sportler wurde.

Klümper warf 1991 seinem Kollegen vor, bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal Athleten gedopt zu haben. Keul zerrte Klümper vor die Ärztekammer, der daraufhin deutsche Leichtathleten der Spitzenklasse, Gewichtheber und Turner bezeugen ließ, von Keul illegale leistungsfördernde Mittel bekommen zu haben. Auch das blieb in Freiburg ohne Folgen.

Klinikdirektor Brandis sagt, dass es schon seit 20 Jahren Vermutungen über Keuls Abteilung gebe. Unternommen haben er und seine Vorgänger nichts. So gab es dort wohl einen Geist in der Maschine, einen Geist, der dafür sorgte, dass bei der umfassenden Betreuung von Spitzensportlern in Freiburg Doping wie selbstverständlich dazugehörte.

Als Professor Hans-Hermann Dickhuth 2002 die Nachfolge Keuls antrat, sagte er, die Sportmedizin habe eine Katalysatorwirkung für die Dopingentwicklung gehabt. Das wollte er jedoch ausdrücklich auf die siebziger Jahre beschränkt wissen. Wohl ein Irrtum - wie sich jetzt herausstellt.

Wilfried Kindermann ist der Chefarzt der deutschen Olympiamannschaft, die nächstes Jahr in Peking antreten wird. Er war Teamarzt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, seine Karriere begann als Assistenzarzt in Freiburg. Kindermann weiß, wie leicht es für junge Kollegen ist, in die Dopingwelt zu rutschen. Je näher ein Arzt mit seinen Sportlern verbunden sei, sagt der jetzige Leiter der Sportmedizin der Uni-Klinik Saarbrücken, »desto höher ist das Risiko, in Versuchung zu geraten, weil man nicht mehr nein sagen kann,

wenn ein Sportler sagt: Doc, jetzt mach mal was.« Und natürlich freue sich ein Arzt, wenn sein Athlet erfolgreich sei - ein Beweis seiner guten Arbeit.

Die umfassende Betreuung fängt ganz harmlos an. Mit Spritzen und Pillen, um verbrauchte Mineralien und Vitamine zu ersetzen. Bald bereitet ein Arzt Pharma-Cocktails, die oft schon den Tatbestand des Medikamentenmissbrauchs erfüllen. Irgendwann wird die Grenze zum Doping überschritten.

Der hannoversche Orthopäde Uwe Wegner hat das selbst erfahren. Bei den Leichtathletik-Europameisterschaften 1998 in Budapest spritzte der Mediziner dem Hindernisläufer Damian Kallabis auf dessen Wunsch das Blutverdünnungsmittel HES. Das Mittel lässt das Blut besser fließen und hilft dabei, durch Epo verdicktes Blut zu verdünnen.

Die Ärzte sonnen sich im Glanz ihrer Athleten. Mit nichts kommen sie schneller ins Fernsehen als durch aktive Teilnahme im Hochleistungssport. Lothar Heinrich, einer der nun verdächtigten Ärzte des T-Mobile-Teams, war gerade erst 28 Jahre alt, als er 1995 Teil des Teams Telekom wurde, er war fasziniert vom Radsport und bald auch von den Leistungen seiner Athleten. Heinrich war für die Sportler wohl mehr der Kumpel mit dem Messgerät als ein gewissenhafter Arzt. Und er war in gewisser Weise abhängig vom Radstall, weil das Team der Uni-Klinik Geld für seine Dienste überwies.

Aufgefallen aber ist er trotzdem. Bei einer Razzia 2001 während des Giro d'Italia fanden Ermittler in Heinrichs Gepäck Koffein und Kortikoide - klassische, wenn auch etwas aus der Mode gekommene Dopingmittel. Der Mediziner erklärte, die Mittel seien für den Eigenbedarf und für den Asthmatiker Jan Ullrich bestimmt gewesen.

Auch als 1999 herauskam, dass Fahrer des Teams Telekom während Rundfahrten regelmäßig mit Zentrifugen ihren Hämatokritwert messen, nahmen ihm die Vorgesetzten seine Begründungen umgehend ab. Einen medizinischen Grund für solch regelmäßige Messungen gibt es kaum, da der natürliche Hämatokritwert bei Ausdauerleistungen eher zurückgeht. Aber es war schon damals bekannt, dass Sportler, die mit Epo dopen, ihren Hämatokritwert messen, um nicht über den kritischen Grenzwert von 50 zu gelangen.

Heute hat Heinrich seltsame Erklärungen für die Kontrolle mit Zentrifugen: »Wir haben in gewissen Abständen auch die Hämatokritwerte gemessen. Das liegt einfach daran, dass der Welt-Radsportverband UCI einen Grenzwert hatte und hat, und das ist auch gut so als Schutz für die Sportler und als Schutz im Allgemeinen, dass keine Dopingmittel in extenso angewendet werden. Es wird gemessen, um der Mannschaft die Sicherheit zu geben, dass da keine unerlaubten Mittel angewendet werden.«

Und als der SPIEGEL 1999 über Doping im Team Telekom berichtete, wiegelte Heinrich ebenfalls schnell ab. »Ein Jan Ullrich muss nicht dopen«, da sei er sich sicher. Das alles klingt ganz nach dem im Jahr 2000 verstorbenen Abteilungsleiter Keul, der stets alle Vorwürfe verharmloste oder abstritt.

Wenn D'honts Schilderungen stimmen, dass Freiburger Ärzte die Epo-Kuren der Rennfahrer ausgetüftelt haben, dann bekommt auch eine Anti-Doping-Initiative der Telekom Ende der neunziger Jahre

eine ganz neue Qualität. Jürgen Kinder-

vater, der damalige Kommunikationsdirektor der Telekom, sagt, sein Unternehmen habe nach dem Skandal um den Festina-Rennstall 1998 Gelder für die damalige Anti-Doping-Kommission zur Verfügung gestellt und auch nach Freiburg gegeben - unter anderem sollten die Freiburger helfen, bessere Testverfahren auf Epo zu finden. In unregelmäßigen Abständen habe Freiburg über den Stand der Forschung berichtet. Wenn in Freiburg wirklich Sportler mit dem Ausdauerpräparat schnell gemacht wurden, dürfte die Abteilung kaum Interesse an neuen Kontrollmethoden gehabt haben.

Die Aufarbeitung dieser Ungereimtheiten wird nun die Staatsanwaltschaft in Freiburg und die Untersuchungskommission der Universitätsklinik beschäftigen, und es gibt durchaus Mitarbeiter oder ehemalige Bedienstete der sportmedizinischen Abteilung, die sich zwar nicht freiwillig der Öffentlichkeit stellen wollen, aber bereit wären, den Ermittlern über ihre Erfahrungen zu berichten. Vielleicht werden sie auch Dokumente finden, Rezepte über Epo, oder aber in den vielen Blutbildern, die über Spitzensportler in Freiburg vorhanden sein müssen, verdächtige Profile entdecken, die Aufschluss darüber geben könnten, ob mit Epo gedopt worden ist.

Der ehemalige Freiburg-Schüler Kindermann sagt: »Ich fürchte, da kommt die Sportmedizin nicht ohne Schrammen weg.« Die habe es ohnedies schwer, sich an den Uni-Kliniken zu etablieren. Unter Kollegen gelten Sportmediziner als sonderbare Spezies, weil sie keine Kranken heilen, sondern Gesunde betreuen.

Jetzt werde es auch noch heißen: »Ach, diese Sportmediziner, die dopen doch nur.« UDO LUDWIG, GERHARD PFEIL

* Mit Tennisprofi Michael Stich, 1991.

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