Prozess gegen Doping-Arzt Auf eine milde Strafe kann er nicht hoffen

Zeugen weigern sich, vor Gericht auszusagen – nun geht das Verfahren gegen den Erfurter Mediziner Mark Schmidt wohl schneller zu Ende als gedacht.
Von Matthias Fiedler, München
Doping-Arzt Schmidt (2.v.l.) vor dem Münchner Landgericht

Doping-Arzt Schmidt (2.v.l.) vor dem Münchner Landgericht

Foto:

PETER KNEFFEL / AFP

Dem bislang größten deutschen Dopingprozess um den Erfurter Sportmediziner Mark Schmidt und vier Komplizen geht auf der Zielgeraden etwas die Luft aus. Am Freitag verkündete die Vorsitzende Richterin Marion Tischler, das Landgericht München plane, die Beweisaufnahme bis zum 21. Dezember abzuschließen. Die Plädoyers der Staatsanwaltschaft und Verteidigung könnten dann schon am 8. Januar folgen, das Urteil eine Woche später. 

Warum es nun auf einmal so schnell geht, liegt vor allem am mangelnden Kooperationswillen der Zeugen aus Österreich und Estland. Neun weitere Sportler, mitunter auch deren Lebensgefährten, hatte die Kammer nach München beordert, um sich den Fragen des Gerichts zu stellen. Sie sollten berichten, wie der Mediziner Schmidt, 42, beim Dopen von Winter- und Radsportlern mit Eigenblut vorgegangen war – und welche Helfer oder Kunden er möglicherweise noch hatte.

Doch die Geladenen lehnten ab. Die Gründe waren vielfältig: das Coronavirus, die schlechten Flugverbindungen, private Verpflichtungen. Zumindest einige von ihnen stimmten einer Video-Einvernahme zu. Dazu wird es jetzt nicht mehr kommen. In zwei Treffen hatten sich Kammer und Verteidiger diese Woche auf eine Verschlankung des Prozesses geeinigt. Einzig Zeugenprotokolle sollen noch verlesen und zwei Sachverständige gehört werden. 

Einer Abkürzung des Prozesses zuzustimmen, sei für ihn »Abwägungssache« gewesen, sagt Peter Helkenberg, der einen von Schmidts wichtigsten Helfern vertritt. Denn ob die Zeugen im Sinne seines Mandanten ausgesagt hätten, sei unsicher gewesen, ebenso der Zeitpunkt. »Bis dahin hätte mein Mandat in Untersuchungshaft bleiben müssen.« Jetzt könnte der Erfurter Bauunternehmer, der seit März 2019 in Haft ist, womöglich vor Weihnachten freikommen.

»Bei der Menge wäre er nicht mehr aufgestanden«

Für die Verteidiger des Mediziners Schmidt sind die jüngsten Entwicklungen ein Rückschlag – hatten sie doch gehofft, dass noch mehr Zeugen dem Gericht schildern würden, wie dopingdurchtränkt der Ausdauer-Profisport in Wahrheit wäre. Mit wie viel Expertise ihr Mandant bei der Leistungsmanipulation zu Werke ging – in einem globalen Markt, der so viele Pfuscher kennt.

Und so fühlte sich Schmidt am Freitagvormittag selbst gefordert, das Wort zu ergreifen, nachdem der frühere österreichische Skilangläufer Max Hauke in einem verlesenen Protokoll behauptet hatte, der Sportarzt habe ihm zur Gewinnung roter Blutkörperchen zwei Liter Blut abgezapft. »Das stimmt so nicht«, sagte Schmidt. »Bei der Menge wäre er nicht mehr aufgestanden.« 

Erst vergangene Woche hatte Schmidt eingeräumt, der früheren Mountainbikerin Christina Kollmann-Forstner statt eines Dopingmittels fälschlicherweise Methämoglobin injiziert zu haben. Die Forschungschemikalie, die gar keine leistungssteigernde Wirkung hat, ist für Menschen nicht zugelassen. Bei der Sportlerin führte sie zu Schüttelfrost und rot gefärbtem Urin.

Schmidts Liebe zu den Dopinggerätschaften

Vor Gericht sprach Schmidt von »ein paar schlechten Stunden«, gab zu, das Emblem auf der Verpackung nicht richtig gelesen zu haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm deshalb Körperverletzung vor. Bei einer Verurteilung drohen Schmidt zwischen viereinhalb und fünfeinhalb Jahren Gefängnis, seit Februar 2019 sitzt er in Untersuchungshaft. Auch wird er aller Voraussicht nach seine Zulassung als Arzt verlieren.

Der Mediziner hatte sich im Verlauf des Verfahrens immer wieder um Aufklärung bemüht. Mit viel Elan hatte er dem Gericht die Funktionsweisen seiner geliebten Maschinen vorgeführt - den Blutzellenseparator Alyx, die ACP 215, eine Art Blutwaschmaschine. 

Doch der Vorsitzenden Richterin genügt all das nicht. Ihr fehle noch ein nachvollziehbares Motiv für seine Handlungen, ließ sie am Freitag durchblicken. Dass er Athleten nur »aus Liebe zum Sport« beim Betrügen half, wie er behauptet, nimmt sie ihm offenbar nicht ab.

Man darf davon ausgehen, dass Schmidt dem Gericht längst nicht alle Details über sein Dopingnetzwerk erzählt hat, sondern nur das, was sich nicht mehr leugnen ließ. Auch deshalb wiegt das Fernbleiben und die fehlende Möglichkeit zur Befragung vieler Zeugen schwer. 

»Irgendwann erwischt es jeden«

Die jetzt vorgetragenen Vernehmungsprotokolle wirken noch einmal wie ein Ritt durch die abenteuerliche Welt des Leistungstunings. In der Athleten dem Arzt aus Thüringen »blind« vertrauten, wie es der frühere Skilangläufer Dominik Baldauf formulierte. Und in der sie schluckten, was immer Schmidt besorgte. Auch wenn es sich dabei um TB 500 oder TB 1000 handelte – ein Wachstumshormon für Pferde, das an Menschen noch nie klinisch getestet wurde. 

Klar ist inzwischen, dass es Schmidt keinesfalls nur darum ging, »kostendeckend zu arbeiten«. Je mehr Athleten verdienten, desto mehr knöpfte er ihnen für sein Komplettpaket ab – zwischen 5000 und 25.000 Euro jährlich. Für Kuren mit Eigenblut, Epo und Humanalbumin – ein Präparat zur Verschleierung des Blutdopings.

Das alles funktionierte so gut, dass Schmidt einige Athleten sogar noch bei der nordischen Ski-WM im Februar 2019 in Seefeld bediente – obwohl er zu dem Zeitpunkt bereits wusste, dass einer seiner Kunden, der frühere österreichische Langläufer Johannes Dürr, in einem Fernsehinterview jüngst über Dopingpraktiken ausgepackt hatte. Wenig später flogen Schmidt und sein Dopingzirkel bei einer Razzia in dem österreichischen Ort auf. 

Warum der Mediziner darauf vertraute, dass Dürr kein Wort über seine Machenschaften verlieren würde? Warum er Seefeld nicht absagte? Der ermittelnde Staatsanwalt Kai Gräber kann sich das nur mit einem Gefühl der eigenen Unantastbarkeit erklären. »Mark Schmidt war all die Jahre zuvor davongekommen. Offenbar war er überzeugt, dass es auch diesmal wieder klappen würde. Aber irgendwann erwischt es jeden einmal.« 

Mehr lesen über