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MEISTERSCHAFTEN Doppelte Deutsche

aus DER SPIEGEL 38/1966

Zwölf Jahre lang drohten und drängten die Sowjets, bis ihre DDR Freunde mit eigenen Mannschaften bei allen internationalen Meisterschaften auftreten durften. Erstes Opfer der emsigen Sowjet-Funktionäre wurden in der vorletzten Woche die russischen Leichtathleten. Die durch die Trennung erstmals verdoppelten deutschen Athleten überflügelten sie bei den Europameisterschaften in Budapest.

Getrennt waren die Deutschen unbesiegbar: Sie erkämpften zehn Europa -Titel und insgesamt 38 von 108 möglichen Medaillen. Die Russen, die 1962 in Belgrad bei 13 Siegen noch 29 Medaillen errungen hatten (Gesamtdeutsche Mannschaft: 23), siegten in Budapest nur sechsmal und mußten sich mit 20 Medaillen zufriedengeben.

Vor allem aus Furcht vor der doppelten deutschen Teilnehmerschar hatten sich die internationalen Sportverbände lange gegen zwei deutsche Mannschaften gesträubt. Sie folgten dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC), das seit 1952 nur eine gemeinsame deutsche Olympiamannschaft zuließ, und luden auch zu Welt- und Europameisterschaften zunächst nur eine deutsche Equipe ein.

Doch Ulbrichts Funktionäre betrieben zielstrebig die DDR-Anerkennung im Schwimm-Bassin und auf der Aschenbahn. Unterstützt vom großen Bruder in Moskau, belästigten die kommunistischen Berufsfunktionäre die fast durchweg unentgeltlich wirkenden westlichen Sportrepräsentanten ständig mit zeitraubenden Protokoll- und Detailfragen. Bei jeder Gelegenheit provozierten sie Zwischenfälle und boykottierten Veranstaltungen, wenn ihre politischen Forderungen nicht erfüllt worden waren.

»Die deutsche Frage muß vom Tisch«, beschloß 1964 der Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), David George Brownlow, (6.) Marquess of Exeter, Baron Burghley. Kurz nachdem er bei der Wahl zum IOC Präsidenten durchgefallen war, trennte die IAAF, wie Lord Burghley empfohlen hatte, die bis dahin gesamtdeutsche Leichtathletik-Mannschaft auf. Bis zum Ende des vergangenen Jahres drängten sich Zonen-Funktiönäre als zeichnungsberechtigte Teilhaber in alle bedeutenden internationalen Sport-Fachverbände. 1965 billigte auch das IOC den Ulbricht-Deutschen von 1968 an eine eigene Olympiamannschaft zu. »Die ewigen deutschen Streitereien«, schrieb der »Sport« aus Zürich, »haben die Olympier mürbe und müde gemacht.« Seither durften die Deutschen doppelt so viele Teilnehmer stellen wie andere Nationen.

Vorahnend äußerte die französische Sportzeitung »L'Equipe": »Die Teilnahme an den Olympischen Spielen kann nicht auf Deutsche beschränkt werden.« Tatsächlich hatten sich die Sportfunktionäre nun eine wachsende deutsche Konkurrenz bei internationalen Meisterschaften aufgehalst.

Denn die deutschen Sportler brauchten sich nicht mehr in zermürbenden Ausscheidungen für gemeinsame Mannschaften aufzureiben. Besonders die DDR-Athleten waren von der nervlichen Belastung befreit, in den Qualifikations-Wettkämpfen siegen zu müssen (Zonen-Jargon: SOS - Sieg oder Sibirien), um für die prestigehungrigen Funktionäre das Planziel einer Mehrheit innerhalb der Equipe zu erreichen.

So trumpfen in diesem Jahr die doppelten Deutschen bei fast jeder internationalen Meisterschaft auf. Im Februar placierten sich sechs deutsche Eiskunstlauf-Paare bei den, Europameisterschaften unter den ersten neun, bei der Weltmeisterschaft zwei Wochen darauf waren es fünf Paare. Noch Im selben Monat klagte das Osloer »Arbeiterbladet": »Deutscher Festtag - blauer Montag der Norweger.« Der westdeutsche Olympiasieger Georg Thoma und Franz Keller hatten bei der Ski-Weltmeisterschaft in Oslo in der Nordischen Kombination - Skispringen und Langlauf - gewonnen. Der Ostdeutsche Ralph Poehland war vierter geworden. Die in diesem Wettbewerb vorher traditionell erfolgreichen Norweger und Russen endeten abgeschlagen.

Bei der Handball-Weltmeisterschaft teilten sich im Juli die beiden deutschen Equipen wieder die ersten Plätze. Ihre Überlegenheit war so deutlich, daß andere Länder wie etwa die USA oder Israel die Lust am Handball verloren und sich an Weltmeisterschaften nicht mehr beteiligen wollen. Bei der traditionellen Henley-Regatta in England kündigte sich die »deutsche Invasion« ("Daily Express") auch im Rudern an: Ostdeutsche Boote gewannen fünf von sieben Endkämpfen und rückten neben westdeutschen Booten zum Favoritenkreis für die Weltmeisterschafts-Finales am letzten Sonntag auf.

Sogar im Frauenrudern verloren die Russinnen bei der Weltmeisterschaft im August ihre langjährige Vorherrschaft an die Deutschen. Im Doppelzweier ließen ihnen die Boote aus der Zone und aus Westdeutschland nur die Bronzemedaille übrig. Bei der Kanu-Weltmeisterschaft behaupteten die Sowjets zwar noch ihre Spitzenstellung. Aber in elf von 16 Endläufen paddelten die Deutschen jeweils zwei Boote zum Ziel - und zwei erreichten es als Sieger.

Bei den Schwimm-Europameisterschaften im August zeigten sich die Westdeutschen bei der Medaillenjagd zwar zu kurzatmig. Ihre fünf besten Schwimmer fehlten wegen Krankheit oder waren wegen voraufgegangener Unfälle außer Form. Dennoch stellten die Deutschen in zwei Endläufen je vier - mithin die Hälfte - der Finalisten. DDR-Schwimmer errangen fünf Goldmedaillen.

Am auffälligsten stieg der deutsche Medaillenpegel jedoch bei den Leichtathleten. Das DDR-Kollektiv erkämpfte die meisten Europameisterschaften (acht), die Westdeutschen heimsten die meisten Medaillen (21) ein. Bis zu Budapest hatten Sportler aus einem Land nur einmal in einem Wettbewerb alle drei Medaillen gewonnen: Deutschland 1938 im Speerwurf der Frauen. In Budapest dagegen sammelten die Deutschen in vier Disziplinen alles verfügbare Edelmetall, im Diskuswerfen der Männer und Frauen und im 800-Meter-Lauf; im Zehnkampf belegte DDR-Athlet Klauss hinter drei Westdeutschen auch noch den vierten Platz. Das Finale im 80-Meter -Hürdenlauf der Frauen erreichten sogar fünf Deutsche (Höchstteilnehmerzahl pro Land: drei).

Neben den Russen, die in elf von 36 Wettbewerben einen Platz unter den besten sechs verfehlten, wurden vor allem die kleineren Staaten zurückgedrängt: Früher führende Leichtathletik -Nationen wie Finnland und Schweden gewannen erstmals keine Medaille.

Die »wesentliche Verschiebung des Kräfteverhältnisses« (so der Schweizer Sportjournalist Walter Lutz) zwang freilich Ulbrichts Funktionären ein politisches Opfer ab. Sie verzichteten vorerst darauf, eine dritte deutsche Mannschaft für West-Berlin zu fordern.

Während der Europameisterschaften in Budapest änderte die Zonenpresse stillschweigend ihren Medaillenspiegel: Die zunächst getrennt aufgeführte Medaille des Berliner Europameisters Bodo Tümmler im 1500-Meter-Finale rechnete sie zum Schluß Westdeutschland zu.

Deutsche Zehnkampf-Sieger in Budapest*

Getrennt unbesiegbar

* Die vier Erstplacierten der Europameisterschaften: Matheis (2.), von Moltke (1.). Klauss (DDR/4.), Beyer (3.).

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