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Du bist an der Reihe

»Praktisch ist Alain Prost schon der Weltmeister von 1983«, erklärte der frühere Automobilweltmeister Jackie Stewart. Das war im August. Seitdem hat sich in der Formel-1-Branche einiges geändert. *
aus DER SPIEGEL 41/1983

In der holperigen Tarzan-Kurve des Autodroms von Zandvoort wagte der Franzose Alain Prost zuviel. Seit 41 Runden kämpfte er gegen den Brasilianer Nelson Carlos Piquet um die Spitze im Großen Preis von Holland.

Plötzlich gab Piquet unvermutet die Innenbahn frei. Prost stieß in die Lücke. Dann knirschte es, als ob zwei Kreissägen gegeneinander wetzten. Dünensand wirbelte auf. Als die Sicht wieder frei war, war Piquets Brabham demoliert. Prost raste eine Minute später gegen die Leitplanken. Die Frontspoiler hatten sich so verbogen, daß sie statt für Bodendruck für Auftrieb sorgten.

Über die Schuldfrage gab es keinen Streit zwischen den Rivalen. Alain Prost erklärte: »Plötzlich blockierten meine Räder, aber es war mein Fehler.« Piquet lehnte eine Stellungnahme ab. Ein Jahr zuvor hatte er noch beim Großen Preis von Deutschland auf dem Hockenheimring den Fahrer, der ihn gerammt hatte, mit Fausthieben und Fußtritten traktiert.

Diesmal begriff Piquet, daß der Franzose Alain Prost trotz Führung im Titelkampf immer nervöser geworden war und so den Unfall in Holland verursacht hatte. Während Piquet die nächsten beiden Formel-1-Rennen in Monza und Brands Hatch gewann, schied Prost auch beim Großen Preis von Italien aus und belegte in England hinter dem Brasilianer nur den zweiten Platz.

Der spannendste Zweikampf in der Formel-1-Weltmeisterschaft seit Jahren muß nun im letzten Rennen, beim Großen Preis von Südafrika am 15. Oktober in Kyalami, über den Titel entscheiden. Auch hier schätzt Piquet seine Lage günstiger ein und erklärt: »Ich war schon 1981 Weltmeister, ich muß es nicht unbedingt wieder werden.«

Alain Prost jedoch würde als erster Franzose in der wichtigsten Automobilrennserie Weltmeister. Noch führt er nach 14 von 15 Rennen mit zwei Punkten. Siegt Piquet auch in Südafrika, wäre der Brasilianer Weltmeister, denn der Sieger erhält in jedem Formel-1-Rennen 9 Punkte, der Zweite nur 6.

»Am liebsten wäre es mir, wir blieben beide am Start stehen«, sagte Prost zu dem früheren Weltmeister und Freund Stewart. »Denn dann bleibe ich vorn.« Doch Stewart widersprach: »So denkt einer, der auf den Feierabend wartet. Fahr auf Sieg, jetzt bist du an der Reihe, der Piquet gewinnt nicht dreimal hintereinander.«

Eine ähnlich spannende Situation hatte sich 1974 ergeben; damals rechneten sich vor dem letzten Rennen drei Fahrer Chancen auf den Titel aus. Der Brasilianer Emerson Fittipaldi und der Schweizer Clay Regazzoni lagen nach Punkten gleichauf, der Südafrikaner Jody Scheckter besaß im Falle eines Sieges auch noch Titelchancen.

Doch das große Finale auf der US-Rennstrecke in Watkins Glen blieb aus. Der Ferrari von Regazzoni wies Mängel an der Steuerung auf und fuhr weit hinterher. Scheckters Tyrrell-007-Ford schied wegen eines Schadens an der Benzinleitung vorzeitig aus. Fittipaldi genügten zum Titel die drei Punkte für den vierten Platz.

Pannen können auch heute alle Rechnungen durchkreuzen. Denn inzwischen benutzen die meisten Formel-1-Rennfahrer Wagen mit Turbo-Aggregaten, die zwar leistungsstärker sind als die Renner mit herkömmlichen Saugmotoren, jedoch noch häufiger ausfallen.

Das passierte Piquet mit seinem BMW-Turbo-Motor ausgerechnet beim Großen Preis von Deutschland, wo die Bayerischen Motoren Werke besonders auf ein werbewirksames Ergebnis gehofft hatten. »Kaputt ging wieder einmal das berühmte Billigteil«, erklärte BMW-Rennleiter Dieter Stappert. Wegen eines Lecks im Benzinfilter entzündete sich Sprit im heißglühenden Auspuff. Als das Heck des Wagens in Flammen stand, stoppte der an zweiter Stelle liegende Piquet und rettete sich noch rechtzeitig vor dem Feuer.

In Kyalami legten die Rennställe Renault für Prost und Brabham/BMW für Piquet Ersatzteile aller Art bereit. Piquet hatte schon einmal ein Rennen beim Reifenwechseln verloren. Weil

eine Zange abbrach, dehnte sich der Stopp, der üblicherweise elf bis 20 Sekunden dauert, auf fast fünf Minuten aus. BMW verfrachtete deshalb ein so großes Sortiment an Rädern, Motoren und Auspuffanlagen nach Südafrika.

Doch auch Frankreichs Staatsbetrieb Renault stimmt seinen Fahrer Alain Prost optimistisch. Weil der Rennkurs von Kyalami 1800 Meter über dem Meeresspiegel fast Hochlandcharakter aufweist und nicht sehr hügelig ist, fürchten die Franzosen trotz der zur Zeit in Südafrika herrschenden Dürre nicht mit größeren Erhitzungsproblemen als in Europa.

»Mir persönlich liegt der Kurs da unten sehr«, redet sich Prost Zuversicht ein. Ähnlich drückt sich allerdings auch Piquet aus. Wie die meisten Spitzenfahrer in der Formel 1, sind beide Leichtgewichte. Prost mißt nur 1,58 Meter, Piquet ist knapp zehn Zentimeter größer.

Wenn es nach Piquets Vater gegangen wäre, einem Arzt und früheren Gesundheitsminister, wäre der Sohn Tennisprofi statt Autorennfahrer geworden. Doch der junge Nelson legte den Vaternamen Soutomaior ab, nahm den Mutternamen Piquet an und fuhr Autorennen.

Prost hatte zunächst eine Karriere als Fußballprofi einschlagen wollen. Doch wegen seiner geringen Körpergröße ließ er davon ab. »Wenn ich Kopfbälle riskierte, sahen die Abwehrspieler erstaunt auf mich herab, ohne überhaupt springen zu müssen«, erinnerte er.

Dagegen bot ihm Renault in der werkseigenen Fahrerschule kostenlose Unterkunft. Bei seinem ersten Einsatz in einem Formel-1-Rennen belegte er einen sechsten Platz und ergatterte seinen ersten WM-Punkt, beim zweiten Rennen wurde er sogar Fünfter und erhielt zwei Punkte. So erfolgreich hatte noch nie ein Neuling in der Formel 1 debütiert.

Inzwischen, vier Jahre später, wäre der Titel des Weltmeisters das Maß zum Aufstieg unter die Großen des Grand-Prix-Sports. »Nach zwei Rennen ohne Punktgewinn war ich schon fertig«, gibt er zu. »Aber der zweite Platz hinter Nelson Piquet im letzten Rennen gab mir Mut; ich werde die Spitze in Südafrika verteidigen.«

Die Fahrer müssen allerdings beim Kyalami-Rennen im Oktober auf etwas ganz anderes gefaßt sein: Meteorologen sagen für die Monatsmitte starke Regenfälle voraus. Dann entscheiden weniger der Fahrer oder der Motor den Ausgang des Rennens, sondern die Bereifung. Wechseln während der ungefähr 95 Minuten Renndauer Sonne und Regen häufig, wächst auch die Zahl der Reifenwechsel.

Renault und Brabham flogen vorsorglich Berge von Reifen für Sonne und Regen ein. Prost hofft auf möglichst zahlreiche Reifenwechsel im Rennen, weil wir »da schneller sind als die Leute von Brabham«.

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