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Durch die Wüste

Quer durch die Sahara rollen Räder für eine Horror-Schau. Wahrscheinlich erreicht nur jeder zehnte Starter bei der Rallye Paris-Dakar das Ziel. Gewinner ist immer der Veranstalter. *
aus DER SPIEGEL 3/1985

Kopf und Oberkörper des Citroen-Fahrers Jean-Luc Therier steckten in Mull und Gips. Vor Schmerz röchelnd berichtete der Teilnehmer der Rallye Paris-Dakar: »Als wir über einen Hügel fuhren, hob das Auto ab.«

Bei Tempo 140 landete Theriers Wagen mit dem Bug im Sand und überschlug sich fünfmal. Theriers letzte Erinnerung: »Mein Sicherheitsgurt riß.« Stunden später wachte er im Krankenbett auf.

Er blieb im Feldlazarett Tamanrasset nicht lange allein. Stöhnende, eingegipste und fluchende Konkurrenten füllten stündlich mehr Betten.

Auch der deutsche BMW-Motorradfahrer Eddy Hau landete im Spital. Sein Bericht: »Ich mußte eine Hand vom Lenker nehmen, um meine Brille vom Sandstaub zu reinigen.« Er prallte gegen einen Stein, überschlug sich mehrmals und meinte: »Ich bin froh, daß ich nicht von meinem Motorrad erschlagen worden bin.«

Tote gab es bei den bisherigen sechs Paris-Dakar-Torturen auch, registriert wurden aber nur eingetragene Teilnehmer. Opfer unter den Zuschauern zählte keiner. Insider behaupten, daß Eltern sogar absichtlich Kinder vor Autos gestoßen und hinterher Schadensersatz gefordert hätten. Wochenlang weigerte sich diesmal die algerische Regierung, die todesträchtige Rallye zum siebtenmal passieren zu lassen.

Doch Organisator Thierry Sabine, Werbemanager in Paris, machte die Straße frei für die Horror-Rallye. Denn die Wettfahrt über Eis und Stein, durch Sandstürme und über den breiten Niger hinweg, mit Nachtfahrten nach dem Kompaß, bringt dem Veranstalter, und das ist Sabine allein, Millionengewinn.

Jeder der 568 Starter mußte eine Teilnahmegebühr zahlen, 12 000 Mark für einen Lkw, 10 000 für jeden Pkw und 6000 pro Motorrad. Allein die Startgebühren brachten Sabine fast 5,5 Millionen Mark ein.

Sogar Servicewagen großer Werke waren kostenpflichtig, natürlich in der teuersten Gruppe der Lkw. Viele Teams verzichteten auf den Servicewagen.

Der Deutsche Gerhard Hey empfand das nicht als Nachteil: »Letztes Jahr hatte unser Fahrer die Kiste stehengelassen, die Ersatzteile verkauft und war nach Hause gefahren.« Jetzt versucht Hey statt mit dem Motorrad mit einem VW Golf Dakar zu erreichen.

Diesmal verlängerte Sabine die Gesamtstrecke um 2000 auf mehr als 14 000 Kilometer. Außer durch die Staaten Algerien und Niger ließ er seine Steuerzahler das Endziel Dakar im Senegal durch Mali und Mauretanien anfahren. Guinea und Elfenbeinküste verweigerten die Passage.

»Afrika muß nicht der Spielplatz der Europäer sein«, kritisierte die Zeitung »Fraternite-Matin« in Abidjan. »Es dauert nicht lange, dann wird die Sahara ein Schrottplatz sein.«

Doch weder Kritik noch schauerliche Berichte stören den Organisator Sabine, im Gegenteil, er bedankt sich, wenn Frankreichs »L'Equipe« die Schlagzeile »Erbarmungslose Sahara« auf der ersten Seite bringt.

Werbefachmann Sabine fördert sogar die mit Schauergeschichten und Schreckensbildern gewürzte Rallye-Berichterstattung. Von ihm selbst stammt der Slogan: »Wenn dein Leben langweilig wird, dann riskiere es.« Zu Sabines Einfällen gehörte es, auf jeden Motorradtank die Blutgruppe des Fahrers malen zu lassen.

Sein bester Werbegag zerplatzte früh: Prinzessin Caroline von Monaco mit ihrem Ehemann Stefano Casiraghi am

Steuer eines 16tonners geriet ins Schleudern. Das gepanzerte Fahrzeug kippte um.

Doch die täglichen Ausfälle liefern weiterhin neuen Stoff für die Medien. Schon nach dem sechsten Tag der dreiwöchigen Fahrt durch die Wüste, Ankunft 22. Januar, befanden sich nur noch knapp 400 der 568 gestarteten Fahrzeuge im Rennen. Der zu jenem Zeitpunkt führende belgische Opel-Fahrer Guy Colsoul mutmaßte: »Dakar erreichen höchstens 50 Teilnehmer.«

Sogar Hilfsbereitschaft kann das vorzeitige Aus herbeiführen. 1984 harrten die beiden Gespannfahrer Gerhard Hey und Jean-Paul Martin drei Tage lang in der Sahara bei zwei gestürzten Franzosen aus, bis ein »Lumpensammler« vorbeikam, der Verletzte und Verirrte aufnahm. In Dakar schieden die Nachzügler aus, wegen Zeitüberschreitung.

Auf einem Opel Manta hielt sich diesmal sogar ein Neuling erstaunlich gut, zeitweilig nahm Erwin Weber in der Pkw-Wertung unter 350 Teams den dritten Platz ein. »Richtig in der Wüste war ich noch nie«, gab er zu. »Aber ich habe in der Nähe von Malaga das Fahren im tiefen Sand geübt.«

Falls Weber überlebt und unverletzt in Dakar ankommt, will er seine Diplomarbeit beenden. Das Thema: »Abgasminimierung ohne Katalysator.« Nach seiner Meinung ist »totales und wahnsinniges Autofahren nur noch in der Wüste zu verantworten«.

Organisator Sabine schätzt Rennfahrer dieses Schlages. Dennoch glauben immer mehr Teilnehmer, daß es eine achte Rallye Paris-Dakar 1986 nicht mehr geben werde. Deshalb schwebt Sabine schon ein anderes Projekt vor: das Durchschwimmen des Atlantiks.

[Grafiktext]

Rallye Paris - Dakar 1985 Paris Algier SENE-GAL ALGERIEN Dakar MAURE-TANIEN Tamanrasset MALI NIGER 1000 Kilometer

[GrafiktextEnde]

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