Zur Ausgabe
Artikel 30 / 74

RALLYE Durch die Wüste

aus DER SPIEGEL 52/1966

Auf ungewohnte Aufgaben rüsten sich 22 Segler, die im Januar erstmals zu einer 3000-Kilometer-Regatta starten. Sie rechnen damit, ihre Jachten schieben oder gar tragen zu müssen.

Während des Rennens warten sie nicht nur auf Flauten, sondern auch auf Sandstürme. Die Ausschreibung rät ihnen, sich gegen derlei Widernisse mit der stoischen Ruhe eines Dromedars« zu wappnen. Tagsüber werden die Teilnehmer bis zu zehn Stunden lang bei 40 Grad Hitze segeln, nachts bei Temperaturen unter null Grad im Freien kampieren.

Denn ihr neues Regattarevier ist die Wüste Sahara, und ihre Jachten rumpeln auf jeweils drei Gummirädern: Zum erstenmal starten Strandsegler zu einem Langstrecken-Wettbewerb im Sandsegeln. Ihre Route führt von Colomb -Béchar in Algerien durch die nordafrikanische Wüste nach Nouakchott in Mauretanien.

Auf afrikanischem Wüstensand, so erforschten Historiker, hatten frühgeschichtliche Konstrukteure zum erstenmal rollende Segelboote eingesetzt: Nach dem Muster des See-Segelns nutzten die Ägypter um 1500 vor Christus, etwa 100 Jahre nach der Erfindung des Speichenrades, die Windstärke auch auf ebenem Land als Antriebskraft für Sandsegler.

Den Chinesen aus der Zeit der Liang -Dynastie (500 nach Christus) wird die erste Verwendung von Segel-Wagen als Luft-Taxis zugeschrieben: In einem Fahrboot vermochten sie 30 Passagiere an einem Tag mehr als 160 Kilometer weit zu schaffen. Ein belgischer Ingenieur namens Simon Stevin entwickelte um 1600 sogar Zweimast-Wagen, die bis zu 28 Personen beförderten.

Voraussetzung zum Sandsegeln sind möglichst lange, ebene und harte Strände. In Ostpreußen, Belgien und an den französischen Küsten bauten Strandfahrer die ersten segelnden Sportwagen und organisierten Wettkämpfe mit den neuartigen Fahrzeugen. Nach dem Zweiten Weltkrieg breitete sich die neue Sportsparte bis nach Kalifornien aus. Etwa 2500 Strandsegler sind in einem internationalen Verband organisiert. Dem einzigen deutschen Ableger, dem 1960 gegründeten »Yachtclub St. Peter-Ording«, gehören 100 Mitglieder mit 25 Strandjachten an.

Alle deutschen Strandjachten sind selbstgebastelt. Denn bisher waren die Verkaufs-Chancen zu gering, um einen Produzenten zur Serienfertigung anreizen zu können. So setzen die Strandsportler ihre Jachten (Gestehungskosten: bis zu 4000 Mark) großenteils aus Autoteilen zusammen. Sie sind durch eine elastische Achse und Schwingarme an den Rädern besonders gut gefedert. Sturzhelme gehören zur Standardausrüstung. Oft genug enden Fahrten mit Schiffbruch in einem Priel.

Die Segelwagen (Gewicht: bis zu 150 Kilogramm) sind erheblich schneller als See-Jachten: Sie erreichen Geschwindigkeiten von 120 Stundenkilometer. Wie ein Auto werden sie mit einem Steuerrad gelenkt und durch Öldruck oder Schleifbretter, die auf den Boden gedrückt werden, gebremst. Je nach Windstärke setzen die Strandsegler sieben bis 15 Quadratmeter Segel.

An der Nordseeküste vor St. Peter haben die Watt-Segler etwa 35 Kilometer Auslauf. Während ihrer Saison von April bis September kämpfen sie um Siege in Einzel- und Mannschaftswettbewerben. International sammelten die Deutschen bereits die ersten Erfolge. Bei der letzten Europameisterschaft 1966 in England erkämpften sie hinter dem Franzosen Christian Nau die nächsten drei Plätze und siegten somit in der Mannschafts-Wertung.

Bei der bisher längsten Sand-Regatta in der Sahara wird Europameister Nau auch gegen zwei Mitglieder der deutschen Strandfahrer-Gilde segeln: den Kaufmann Rüdiger Grassy, 27, und den Prokuristen Uwe Schröder, 25, beide aus Hamburg. Von Paris aus werden sie mit

ihren Konkurrenten aus Frankreich, England, Holland, Dänemark und den USA »drei Tage vor D-Day« (Ausschreibung) zum Startort Colomb-Béchar geflogen, wo die Rallye zwischen dem 10. und 20. Januar beginnt.

Die Idee zum Wüstenrennen der Windwagen hatte der seit 14 Jahren in der Sahara stationierte französische Oberst und Sandsegler Jean du Boucher. Er hatte als erster 750 Wüstenkilometer in fünf Tagen in einer Strand -Jacht zurückgelegt. Der Oberst gewann Fernsehen und Firmen - allerdings keine deutschen - für seinen Rallye -Plan. Dennoch muß jeder Teilnehmer 4000 Mark zu den Gesamtkosten von 28 000 Mark pro Person beitragen.

»Ich werde wohl eine Unfallversicherung abschließen«, kündigte der deutsche Mitbewerber Grassy an. »Eine Lebensversicherung habe ich schon.«

Während des Rennens werden die Sandsegler nur etwa alle 400 Kilometer auf Militärposten oder Wüstensiedlungen stoßen. Sie müssen zudem von der primitiven Autopiste fünf bis 100 Kilometer weit abweichen, weil die leichten Windwagen auf dem steinigen oder wellblechartigen Untergrund der Sahara-Autospur auseinanderbrechen würden. Zur Pflichtausstattung zählen daher Raketen, Rauchbomben und ein Walkie-Talike-Gerät. Zwei Flugzeuge werden startbereit warten, um verirrte oder verletzte Jacht-Piloten zu retten.

Nur in den Etappenorten Tindouf und Fort Gouraud gibt es Magazine, aus denen die Rallye-Segler ihre Vorräte ergänzen können. Deshalb muß jeder Teilnehmer Wasser und Proviant »für acht Tage unter außergewöhnlichen Bedingungen« mitführen. Unterwegs sollen zwei schwere, wüstengängige Lastwagen für alle Segler genügend Proviant- und Wassernachschub transportieren. Sie begleiten zugleich als fahrende Not-Stationen mit Ersatzteilen - deren Einbau allerdings Strafpunkte einträgt - und Medikamenten das Rennen.

Oberst du Boucher rechnet mit einer Wettkampf-Dauer von ungefähr einem Monat. Doch die genaue Anzahl und Länge der einzelnen Tages-Etappen wird erst während des Rennens entschieden. Denn unvorhergesehene Hindernisse wie »zu starke oder zu schwache Winde«, Behinderung durch lokale Behörden oder »die Einladung in ein Beduinenlager« (Ausschreibung) kalkulierte Sahara-Kenner du Boucher ein.

Die beiden deutschen Sahara-Segler Grassy und Schröder stießen schon vorzeitig auf Mitgefühl. »Seid froh, daß ihr jetzt noch Bier bekommt«, erklärte ihnen jüngst ein Gastwirt. »Meine Frau sagt, ihr seid verrückt.«

Strandsegler Grassy in St. Peter: Im Sandsturm segeln

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 30 / 74
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.