Zur Ausgabe
Artikel 53 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Durchbeißen, kämpfen

Die Sportplaner in der DDR haben Nachwuchssorgen. Deshalb billigen sie jungen Athleten mehr individuelle Freiheiten zu. *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Umstellt vom Klassenfeind, kamen der langbeinigen jungen Frau mit den blonden Locken leichte Zweifel. Sie sei doch wohl, vergewisserte sich Heike Drechsler lächelnd, »in Leipzig, oder?«

Die einheimischen Fans der 22jährigen Weltrekordlerin im 200-Meter-Lauf und im Weitsprung fanden die Interview-Wünsche ausschließlich westlicher Journalisten nach dem Internationalen Leichtathletiksportfest im Zentralstadion der sächsischen Metropole überhaupt nicht lustig. Als nach ARD und ZDF, nach Deutschlandfunk, ORF und Rias Berlin auch noch ein Reporter aus Hamburg Fragen zur Person stellte, schnitt ihm ein DDR-Bürger das Wort ab. Die Heike, befand er verärgert, »gehört uns und nicht dem NDR«.

Funktionäre des Deutschen Turn- und Sportbundes der DDR (DTSB) freute soviel Nationalstolz. Ihnen galt die Reaktion als Beweis für »die hohe Identifikation der DDR-Bürger« mit den Spitzensportlern der Republik. Überdies sei die in Ost und West gleichermaßen beliebte Heike Drechsler das wahre Prachtstück eines sozialistischen Menschen. Erfolgreich, dennoch bescheiden und natürlich, gelte sie zahllosen Kindern im Lande als Vorbild.

Die Propagandisten der DDR-Sportführung ließen es sich nicht nehmen, das Produkt ihrer Talentsichtung und »weltweit einzigartiger Trainingsmethodik« in gleißendem Licht zu präsentieren. Stellvertretend für die rund 50000 Teilnehmer des VIII. Turn- und Sportfestes sowie der XI. Kinder- und Jugendspartakiade gelobte Heike Drechsler in Leipzig, »stets mit allen Kräften einzutreten für die großen Ideale des Sozialismus«. Es gelte »mit sportlichen Übungen« und »mit unserem Kampf um höchste Ziele« sich würdig zu zeigen des »Vertrauens der Partei der Arbeiterklasse«.

Derart bombastische, von Fanfaren und Feuerwerk begleitete Bekenntnisse gehörten von jeher zum Zeremoniell massensportlicher Veranstaltungen der DDR. Doch der Staats- und Parteiführung erscheinen sie neuerdings um so notwendiger, als die meisten Sport-Enthusiasten des Landes der eigenen Betätigung das Studium der Ereignisse auf dem Fernsehschirm vorziehen.

Obwohl 3,6 Millionen Bürger der DDR mittlerweile im DTSB organisiert sind, stellte der Gesellschaftswissenschaftler Professor Helmut Hanke fest, daß bisher lediglich »aktive Minderheiten unter den Erwachsenen regelmäßig gesundheitsfördernden Ausgleichssport« betrieben. Der größte Reichtum der Nation aber, so Hanke in einem Beitrag für die sportwissenschaftliche _(Am 29. Juli beim Leichtathletiksportfest ) _(im Leipziger Zentralstadion. )

Zeitschrift »Theorie und Praxis der Körperkultur«, seien »gesunde und leistungsfähige Produzenten«. Mit langweiligen, trägen Menschen sei »nichts zu gewinnen«.

Den Massen und keineswegs der hochgezüchteten Elite galt deshalb die Botschaft Erich Honeckers, in der er die »Entwicklung des Freizeit- und Erholungssports« zur Herzensangelegenheit der SED erklärte. Lebensfreude und Optimismus, daran ließen die beschwörenden Parolen an Brücken und Häusern in Leipzig keinen Zweifel, seien unabdingbar verknüpft, mit der Forderung der Partei: »Treibt alle Sport.«

Die Zielsetzung der Staatsanimateure beschert den DDR-Bürgern eine noch vor Jahren undenkbare Freizügigkeit. So gut wie jede sportliche Betätigung ist erwünscht. Man wolle, so Klaus Eichler, 1. Vizepräsident des DTSB, den »individuellen Neigungen« der Bevölkerung entgegenkommen. Das Sporttreiben unterliege »Veränderungen, und wir sind offen für alle Formen«.

Der neue Trend paßt längst nicht allen altgedienten Funktionären. In zahllosen Kellern der Republik plustern mittlerweile 10000 Frauen und Männer mit Gewichttraining ihre Muskeln auf. Ihr Training, berichten Athleten eines Ost-Berliner Muskelstudios, sei auch »ein ganz wesentlicher Beitrag zur Wehrfähigkeit«. Bodybuilding, offiziell Kraftsport genannt, »schieße«, wie der Trainer einer Gewichtheber-Sportgemeinschaft beobachtete, »dolle in die Breite«. Es sei nahezu unmöglich, »genug Hantelmaterial« zu besorgen.

»Acht - neun - zehn - Klasse«, feierten Zuschauer die narzißtischen Posen muskelbepackter Mitglieder einer Sportwerbegruppe, die während des Sportfestes täglich in Leipzig auftrat. Die akrobatischen Fahrradkunststücke kleiner Mädchen bedachte das Publikum dagegen nur mit spärlichem Applaus.

Eine ideologische Gratwanderung bescherte den Deutschen Ost vor allem der Aufstieg des Wunderknaben der Deutschen West - Boris Becker. Der 19jährige Leimener, vom SED-Zentralorgan »Neues Deutschland« als wahre »Galionsfigur des Konservatismus« ausgemacht, ist in der DDR kaum weniger populär als hierzulande. Seine Erfolge, behaupten Sportkenner, seien ausschlaggebend für die neue Tennisbegeisterung der sozialistischen Bürger. Millionen verfolgten Beckers Spiele live im West-Fernsehen.

Die Sportplaner in den Ost-Berliner Amtsstuben haben es längst aufgegeben, gegen den Boom des »kapitalistischen Luxussports« anzugehen. Es bringe nichts, erkannte Horst Kahstein, Leiter der Abteilung Aus- und Weiterbildung im Staatssekretariat für Körperkultur und Sport, sich gegen einen Trend zu stellen. Der setze sich ohnehin durch, also »entscheiden wir progressiv«.

In Gemeinden und Bezirken häufen sich die Anträge auf Erstellung von Tennisplätzen. Bei Bewilligung liefert der Staat die Materialien, gebaut wird in Eigeninitiative. Es gelte, konstatierte unlängst Karl-Heinz Sturm, Tennis-Präsident der DDR, »mindestens 15 Jahre aufzuholen«. Seine Verbandsstatistik weist gegenwärtig rund 1200 Plätze, 45000 Mitglieder und einen Rekordmeister aus - den 44fachen DDR-Champion Thomas Emmrich, 34.

Wirtschaftliche Engpässe setzen der Tennisbegeisterung jedoch Grenzen. Zwar wurde erst kürzlich die Produktion von Tennisbällen wiederaufgenommen, doch langfristig, betont Klaus Eichler »sehen wir Grenzen«. Ohnehin gelte es im Sportstättenbau Prioritäten zu setzen, und der »Tennisplatz steht dabei nicht an erster Stelle«.

Anti-Becker-Propaganda ist allenthalben in der DDR-Presse zu lesen. »Während sich die einen - Sportler für den Frieden - wichtigen Lebensfragen zuwenden« schrieb das FDJ-Organ »Junge Welt«, seien von den anderen »nur hohle Werbespots zu hören.«

Die Funktionäre geben sich indes weiter konziliant. Anläßlich des Turn- und Sportfestes wurde in Leipzig ein Bowlingzentrum mit Fitneßstudio eingeweiht. Die ersten Übungsleiter unterrichten auf dem Berliner Müggelsee Windsurfen, in ländlichen Regionen wird wieder der Reitsport gefördert, »in Übereinstimmung mit gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Notwendigkeiten« ("Deutsches Sportecho"). Nur mit sportlichen Attraktionen, berichtet Horst Kahstein, gelinge es, die Dorfjugend auch »auf dem Dorf zu halten«. Zehntausende Frauen trimmen sich überdies nach heißen westlichen Rhythmen - sie betreiben Pop-Gymnastik, wie Aerobic in der DDR genannt wird.

Taktik der Sportführung ist es allerdings - trotz freimütiger Bekenntnisse zum individuell betriebenen Sport -, die Massen zu organisieren. Zwar lasse sich die Mitgliedschaft in einer Betriebssportgemeinschaft nicht zur Bedingung machen, aber, so Eichler, »oft ist dann das Sporttreiben in einer Gemeinschaft schnell erwünscht«. Ohnehin seien die DDR-Bürger noch daran gewöhnt, »etwas vorgesetzt zu bekommen«, behauptet Ullrich Zempel, Fußball-Dozent an der Leipziger Deutschen Hochschule für Körperkultur.

Dafür sorgen nach bewährtem Muster Partei- und Propagandaapparat. Im Vorfeld der Leipziger Massenveranstaltung wurden 3,6 Millionen Kinder und Jugendliche und 4 Millionen Erwachsene aktiviert. Bis zu drei Jahren feilten Organisatoren und Aktive allein an der traditionellen »Sportschau der DDR«. Das eingedrillte Spektakel aus Schaubildern und massensportlichen Demonstrationen mußte in Leipzig gleich viermal gezeigt werden.

Ohne die disziplinierte, technisch perfekte Sportschau, so die Philosophie der DTSB-Strategen, würde der ganze Massensport in der DDR nicht existieren, die

Auswahl der einzelnen Übungsverbände - Frauen, Fußballjungen oder Lehrlinge - gebe neue Impulse in der Bevölkerung. Die Teilnehmer, so Günther Starke, Leiter des Übungsverbandes Sportstudenten, kehrten, im Rahmen der Vorbereitung zu Übungsleitern oder Wettkampfrichtern ausgebildet, »als Aktivisten zurück an die Basis«.

Naturgemäß nutzt auch die SED die kollektive Großtat zu Agitation und Selbstlob. »Wir lieben unsere DDR«, zauberten die rund 12500 Bildermaler auf die Osttribüne. Unvermeidlich auch das Finale: »Dank Dir, Partei«.

Über den Massensport Akzente für den Leistungssport zu setzen ist erklärtes Ziel der Sportplaner in Ost-Berlin. Trotz lückenloser Talentsichtung hat die DDR in einigen Sportarten Nachwuchssorgen. Zwar kämpften bei der XI. Kinder- und Jugendspartakiade 8000 Athleten in den Altersklassen 10 bis 18 nach dem Motto »Heute Spartakiadesieger - morgen Olympiasieger«, doch immer weniger junge Leute sind auch im Sozialismus bereit, sich auf den Leistungssport, »das Abenteuer mit ungewissem Ausgang« (ein DDR-Funktionär), einzulassen.

Sie ziehen eine bescheidene, aber gesicherte Existenz in normalen Berufen vor. Zunehmend sperren sich auch Eltern gegen die Sportlerlaufbahn ihrer Kinder. Sie wissen um die gesundheitlichen Risiken, fürchten zudem, daß das Talent ihrer Sprößlinge nicht zur ganz großen Karriere reicht. Die sogenannte Ausdelegierung vieler Sportler ohne »Leistungsperspektive« nach mehreren harten Trainingsjahren in den Kinder- und Jugend-Sportschulen ist beim Gros des Nachwuchses gefürchtet. Lediglich die Besten setzen sich durch. Nur ungern geben DDR-Funktionäre zu, daß es »schwere Enttäuschungen« gebe. Der Mensch werde aber »nicht gebrochen«.

Die Erfolgstypen der sozialistischen Kaderschmieden werden dagegen gern vorgeführt. Sie genießen eine vor Jahren noch undenkbare Bewegungsfreiheit bei Auslandsreisen, reden locker und ungeniert über Probleme im eigenen Land.

Fußball-Nationaltorwart Rene Müller wünschte sich beim Gastspiel seines Klubs Lok Leipzig in Stuttgart »ein vernünftiges Transfersystem« in der DDR, klagte, daß die Presse ständig kritisiere, »mit dicken schwarzen Lettern«, und erkundigte sich sogar nach dem Republikflüchtling Frank Lippmann: »Wie geht''s dem?«

Topstar Heike Drechsler, Volkskammer-Abgeordnete der DDR, tituliert zuweilen ihre Parlamentskollegen »als die alten Opas«. Ihre sportlichen Ziele beschreibt sie allerdings linientreu als »Kampfaufträge«.

Nach Abschluß ihrer Sportkarriere will sie sich als Unterstufenlehrerin dem sozialistischen Nachwuchs widmen. Den Kindern wolle sie beibringen, was sie gelernt habe: »Durchbeißen, kämpfen.«

Am 29. Juli beim Leichtathletiksportfest im LeipzigerZentralstadion.

Zur Ausgabe
Artikel 53 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.