E-Sport-Profi "N0tail" "Viele in unserer Szene wissen nicht mal, was sie mit ihrem Geld anstellen sollen"

Durch zwei Dota-2-WM-Titel in Folge hat Johan Sundstein mehr Preisgeld verdient als jeder E-Sportler vor ihm. Wie sieht das Leben aus, wenn man mit 26 Jahren durchs Gaming zum Multimillionär geworden ist?
Ein Interview von Eike Kühl
Johan "N0tail" Sundstein ist der bislang erfolgreichste Dota-2-Spieler

Johan "N0tail" Sundstein ist der bislang erfolgreichste Dota-2-Spieler

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Team OG

Johan "N0tail" Sundstein ist ein Superstar der E-Sport-Szene. Der 26-jährige Däne spielt seit acht Jahren professionell das Onlinespiel "Dota 2", bei dem zwei Teams mit je fünf Spielern mit dem Ziel gegeneinander antreten, die jeweils gegnerische Basis zu zerstören. Den Spielern steht dabei eine Auswahl von über 100 virtuellen Helden zur Verfügung.

Als Kapitän des Teams OG hat Sundstein zweimal in Folge The International (TI) gewonnen, die Dota-2-Weltmeisterschaft. Das war zuvor noch keinem anderen Team gelungen. Mit 31 Millionen Euro Preisgeld war es das höchstdotierte Turnier im E-Sport, die Sieger bekamen davon rund 14 Millionen. Sundstein hat durch den erneuten Erfolg mehr Preisgeld gewonnen  als jeder andere E-Sportler.

Eine neue Episode der E-Sport-Dokumentationsreihe „True Sight“ zeigt den Weg des Teams OG zur Titelverteidigung. Vor der Premiere in Berlin haben wir Sundstein zum Gespräch getroffen.

SPIEGEL: Herr Sundstein, Sie haben bislang allein an Preisgeldern mehr als sechs Millionen Euro verdient. Haben Sie einen Anlageberater?

Sundstein: Den habe ich. Vor etwa vier Jahren explodierten in Dota 2 die Preisgelder, seitdem ist die finanzielle Sicherheit ein Thema. Früher mussten wir selbst zahlen, um überhaupt auf Turniere fahren zu können. Ich schlief auf einer Couch und verdiente 200 Euro im Monat. Ich kenne sowohl die erfolgreiche als auch die nicht so erfolgreiche Seite des E-Sport.

SPIEGEL: Ist das Spiel für Sie noch immer ein Hobby?

Sundstein Es ging nie darum, reich zu werden oder es als Job zu sehen. Es geht darum, besser zu werden und, auch wenn es abgedroschen klingt, um die Liebe zum Spiel. Niemand hat einen ausschweifenden Lebensstil. Viele in unserer Szene wissen nicht mal, was sie mit ihrem Geld anstellen sollen.

SPIEGEL: Im vergangenen Sommer konnten Sie und Ihr Team als erste überhaupt das weltweit höchstdotierte E-Sport-Turnier, The International, zum zweiten Mal in Folge gewinnen. Welcher der beiden Siege war Ihnen persönlich wichtiger?

Sundstein: 2018 hat mir das Gefühl gegeben, wirklich etwas erreicht zu haben. Am Ziel zu sein, denn jeder Dota-2-Spieler will irgendwann dieses Turnier gewinnen. 2019 hatte ich kurzzeitig ein wenig das Selbstvertrauen verloren, doch mein Team hat mich wieder aufgebaut und wir haben ein zweites Mal gewonnen. Beide Siege waren gleich wichtig, aber ich glaube, der erste ist immer derjenige, an den man sich am liebsten erinnert.

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SPIEGEL: Nach Ihrem zweiten Erfolg haben Sie und Ihr Team eine Pause von Turnieren eingelegt. Was haben Sie stattdessen getan?

Sundstein: Mein Mannschaftskamerad Sébastien "Ceb" Debs und ich haben vor allem versucht, die OG-Marke organisatorisch weiterzubringen. Aber ich habe auch versucht, mich persönlich weiterzuentwickeln. Wenn man wie ich in Dänemark aufwächst, findet man es etwa normal, dass man dreimal am Tag, sieben Tage in der Woche Fleisch isst. Dann schaut man sich andere Kulturen an und stellt fest, dass das dort komplett anders ist. Also probiert man andere Diäten aus und hat plötzlich mehr Energie, schläft besser. Ich habe angefangen, Dinge infrage zu stellen, die ich lange Zeit für selbstverständlich gehalten habe.

SPIEGEL: Wie sieht Ihr durchschnittlicher Arbeitstag während der Saison aus?

Sundstein: Wir haben vor Turnieren ein intensives Boot-Camp-System. Wir spielen etwa sechs Partien, unterbrochen von Pausen und einem gemeinsamen Mittagessen. Das ist eigentlich nicht so viel, aber wir besprechen laufend die Matches, die Strategien, was gut und was schlecht war. Insgesamt kommen wir auf etwa acht bis zwölf Stunden pro Tag.

SPIEGEL: Ihr Kollege Jesse "Jerax" Vainikka gab gerade seinen Rücktritt bekannt. Zwei weitere Ihrer Teamkollegen haben sich entschieden, eine Pause einzulegen. Wie groß ist die Gefahr, als Profispieler auszubrennen?

Sundstein: Wenn man nicht zu 100 Prozent begeistert und motiviert ist, ist es fast unmöglich, auf höchstem Niveau zu spielen. Viele Spieler erfahren früher oder später eine körperliche und mentale Ermüdung. Der körperliche Verschleiß kommt von den vielen Reisen, dem schlechten Schlaf, dem vielen Sitzen und vielleicht auch von der Ernährung. Zudem können sich Spieler, ob Profis oder nicht, prima niedermachen, wenn sie verlieren. Was sie nicht so gut können: Sich nach einem Sieg auf die Schulter klopfen. Früher oder später führt das zu Motivationsproblemen und Frustration. Deshalb ist es besonders wichtig, dass man auch immer Spaß hat, es als Hobby sieht. Es gibt Tage, an denen man keine Lust hat zu spielen. Manchmal fühlt man sich nicht selbstbewusst genug - ein anderes Mal vielleicht zu selbstbewusst, und wenn man dann verliert, trifft einen das noch härter. Wenn man ein wichtiges Spiel verliert, fühlt man sich manchmal innerlich tot.

SPIEGEL: Wie kommen Sie da wieder raus?

Sundstein: Jeder hat seinen eigenen Weg. Ich spreche entweder mit jemandem und wenn niemand da ist, dann muss ich meine Denkweise eben selbst anpassen: Ich sage mir, dass ich mich nicht in diese Abwärtsspirale begeben will. Man muss einfach ein gewisses Bewusstsein für die Momente entwickeln, in denen die Dinge nicht wie geplant laufen.

OG feiern die erfolgreiche Titelverteidigung

OG feiern die erfolgreiche Titelverteidigung

Foto: STR/ AFP

SPIEGEL: Sie sind jetzt 26 Jahre alt, für E-Sport ist das ein fortgeschrittenes Alter. Haben Sie schon ans Aufhören gedacht?

Sundstein: Mehrmals, ich hätte es sogar 2016 schon fast getan. Aber derzeit ist das kein Thema, im Gegenteil: Zum ersten Mal schaue ich nicht nur auf das kommende TI, sondern auch auf das Event im nächsten Jahr. Ich weiß nicht, wie lange ich noch professionell spielen werde. Wenn ich im Alter von 35 Jahren noch spiele, wäre das vielleicht grenzwertig. Aber selbst das könnte ich rocken, wenn ich wollte.

SPIEGEL: Sie könnten der Roger Federer des Dota werden.

Sundstein: Genau! Wir sprechen intern immer wieder über diese traditionellen Athleten und wundern uns, wie sie trotz fortschreitenden Alters immer noch die Favoriten sind und Titel gewinnen. Im Ernst: Wie geht das?

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