Frauen in der "Fifa"-Szene Im Abseits

Im virtuellen Fußball treten beide Geschlechter unter gleichen Voraussetzungen an. Dennoch besteht die "Fifa"-Weltspitze ausschließlich aus Männern. Woran liegt das?
Frauen verheimlichen in der E-Sport-Szene oft lieber ihr Geschlecht, um sich dem Hass der männlich dominierten Community nicht auszusetzen

Frauen verheimlichen in der E-Sport-Szene oft lieber ihr Geschlecht, um sich dem Hass der männlich dominierten Community nicht auszusetzen

Foto: Marco_Piunti/ Getty Images

Um sich vor Hass und Sexismus zu schützen, spielte Stephanie "Teca" Luana lange unter einem Pseudonym. Sie nannte sich "Boy Rebelde". Ihre Gegner sollten sie für einen Jungen halten. 

Luana, 23 Jahre, ist professionelle "Fifa"-Spielerin. Für Frauen wie sie kann es unangenehm werden, wenn sie sich beim Spielen als solche zu erkennen geben. Sie sei ständig Kommentaren ausgesetzt, die sie auf ihr Geschlecht reduzieren, sagt Luana. Oder dass sie sich doch lieber um den Abwasch kümmern möge als sich für Fußball zu interessieren. Schließlich sei das Männersache. "Da viele nicht akzeptieren oder es für möglich halten wollten, dass sie gegen ein Mädchen verlieren, bekam ich viel Frust ab", sagt sie.

Die Brasilianerin ist so etwas wie eine Rarität. Denn die Profiszene rund um das Fußballgame "Fifa" ist dominiert von Jungs und Männern.

Stephanie "Teca" Luana: "Ich bekam viel Frust ab"

Stephanie "Teca" Luana: "Ich bekam viel Frust ab"

Foto: Astralis Group

Frauen sind in der E-Sport-Weltspitze grundsätzlich selten. Bei Titeln wie "League of Legends", "Counter Strike" oder "Starcraft II" gibt es nur vereinzelt prominente Spielerinnen. Und wenn, finden sie sich zumeist in reinen Frauenteams wieder.

Bei "Fifa" ist es noch extremer. Der "Fifa eWorld-Cup", die WM im "Fifa"-Spielen, ist Jahr aufs Jahr eine rein männliche Veranstaltung. Auch in der Virtuellen Bundesliga (VBL) liegt die Zahl der Spielerinnen in 22 Vereinskadern bei: null.

Warum?

"Fifa" zu spielen, hieß jahrelang, virtuelle Fußballer zu steuern und nicht Fußballerinnen. Frauenteams wurden in "Fifa 16" eingeführt, mehr als zwei Jahrzehnte nach Erscheinen des ersten "Fifa"-Titels. Der mit Abstand beliebteste Spielmodus aber, "Fifa Ultimate Team", auf dem auch die wichtigsten E-Sportturniere basieren, funktioniert bis heute ganz ohne Spielerinnen.

"Es braucht eine Vorreiterin"

Gewiss können Männerteams reizvoll für Spielerinnen sein, umgekehrt gilt das natürlich auch. In den realen Fußballstadien dieser Welt finden sich schließlich etliche Zuschauerinnen. Aber wäre nicht gerade für Mädchen das Identifikationspotenzial um vieles höher gewesen, wenn sie auch Spielerinnen steuern könnten? Das gilt insbesondere auch für die Profibranche. Wo keine erfolgreichen Spielerinnen zu sehen sind, fehlen die Vorbilder.

Das Interesse der Vereine an einer Spielerin sei da, sagt Joshua Begehr. Er ist Geschäftsführer der Berateragentur eSportsReputation. Doch sobald es ernst werde, würden die Bemühungen scheitern. Aktuell gebe es zwar noch keine Spielerin, die mit der Weltspitze mithalten könne - aber durchaus einige, die Profis aus der VBL schlagen könnten. Begehr sagt, die Vereine hätten Angst, bei einer Verpflichtung von der "Fifa"-Community belächelt zu werden.

Ist das so?

Die E-Sport-Abteilung des Hamburger SV hatte im vergangenen Jahr ein Scouting-Event extra für Spielerinnen im Volkspark geplant. Laut eigenen Angaben musste die Veranstaltung abgesagt werden, weil sich keine Teilnehmerinnen fanden. Während männliche Spieler die Initiative ergreifen und sich anbieten, hätte sich noch nie eine Frau mit Interesse gemeldet, sagt HSV-Projektkoordinator Roberto​ Cepeda. "Es braucht eine Vorreiterin, die zeigt, dass Frauen sich auch im E-Sport nicht verstecken müssen", sagt er. Allerdings beschränkt sich der Klub bei der Suche selbst. Obwohl man "Fifa" in der Regel online spielt, will der Verein vor allem Spielende aus der Region verpflichten.

Frauen gegen Männer auf einem Feld - Premiere in "Fifa 20"

Frauen gegen Männer auf einem Feld - Premiere in "Fifa 20"

Foto: EA

Auch beim VfL Bochum habe man sich darum bemüht, eine "Fifa"-Spielerin unter Vertrag zu nehmen. "Wir wollten die erste deutsche E-Sportlerin in einem Verein verpflichten. Doch sie wollte nicht nur als Frau dabei sein, sondern wegen ihren Fähigkeiten, und dafür fand sie sich selbst nicht gut genug", sagt VfL-Teamleiter Michael Fischer. Er sieht die Spielentwickler in der Verantwortung, Turniere speziell für Frauen zu veranstalten oder Frauen in den "FUT"-Modus einzuführen, um mehr Präsenz zu schaffen.

All das klingt, als seien nicht die Vereine in der Pflicht, sondern die Spielerinnen.

"Das schreckt viele ab"

Die Strukturen, die es Frauen in der gesamten E-Sport-Szene nach wie vor schwer machen, bleiben verfestigt. Zwar sei knapp die Hälfte aller Gamer weiblich, wie der Branchenverband Game 2019 in seinem Jahresreport bekannt gab . Doch nur ein Bruchteil von ihnen vollziehe den Schritt in den kompetitiven Bereich.

"Wenn Frauen schon beim Einstieg mit Sexismus zu kämpfen haben, schreckt das viele ab, den Schritt in die Professionalität zu wagen", sagt Kristin Banse. Banse führt ehrenamtlich die Arbeitsgruppe "Frauen im E-Sport", die es seit April 2019 im eSport-Bund Deutschland (ESBD) gibt. Ziel ist es, Frauen in der Szene mehr Sichtbarkeit zu verschaffen.

Sexistische Bemerkungen seien im E-Sport besonders häufig, weil die Spielenden dort zumeist online anonym aufeinandertreffen, sagt Banse. Sie wisse von Frauen, die Stimmenverfremder benutzen, da sonst kaum jemand mit ihnen spielen würde. Auch sie selbst habe sich bereits anhören müssen, dass sie in die Küche gehöre, so wie "Fifa"-Spielerin Luana.

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Zwar sind auch Männer in diesem Bereich Anfeindungen ausgesetzt, doch bei Frauen richten sich die Kommentare oft gegen das Geschlecht. "Es gibt viele Frauen, die am Anfang nicht gesehen werden wollen, weil sie glauben, dass sie allein dastehen", sagt Banse.

Um das zu ändern, hat sich Anfang des Jahres die eSports Player Foundation gebildet. Die Stiftung, die unter anderem vom Land Nordrhein-Westfalen unterstützt wird, ist eine Art Sporthilfe für E-Sportler. Mindestens ein Drittel der geförderten Sportler sollen Frauen sein. "Wir wollen Vorbilder initiieren", sagt Geschäftsführer Jörg Adami.

Stephanie "Teca" Luana ist so ein Vorbild. Längst tritt sie nicht mehr unter Pseudonym an, wenn sie "Fifa" spielt. Sie hat sich behauptet. Im vergangenen November wurde sie von der dänischen E-Sport-Organisation Astralis Group verpflichtet. Sie zog aus ihrer Heimatstadt São Paulo nach Kopenhagen. Heute ist sie die erste Profispielerin in der Geschichte des Future FC.

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