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RADRENNEN / TOUR DE FRANCE Eddy 1.

aus DER SPIEGEL 29/1969

Weder König Baudouin noch der Premierminister vermochten die miteinander verfeindeten Flamen und Wallonen zu einen. Nur ein Belgier hat beide Volksstämme hinter sich -- Radstar Edoardo Merckx, 24: Eddy I., wie ihn die Presse titulierte.

»Das Königreich Belgien ist vom Merckxismus befallen«, entdeckte der Züricher »Sport«. Die Veranstalter des bedeutendsten Radrennens der Welt, der Tour de France, richteten ihren Streckenplan nach Belgiens strampelndem Idol: Die ersten drei der 22 Tour-Etappen führten durch Belgien.

In vier Jahren als Berufsfahrer fuhr Merckx zu mehr als 100 Siegen. Die Frankreich-Fahrt rollt er erstmals mit. Seine Eltern, Inhaber eines Kolonialwaren-Ladens bei Brüssel, hatten ihn zum Lehrer ausersehen. Sie gaben ihm 1962 eine Chance: Falls er das Nachwuchsrennen am 1. Mai gewönne dürfe er Rennfahrer werden. Eddy Merckx siegte und wurde ungewöhnlich vorsichtig aufgebaut.

Schon im ersten Jahr als Berufsfahrer (1965) gewann Merckx neunmal, im zweiten sammelte er 19 Erfolge, im dritten 30. Durch den Weltmeisterschafts-Sieg 1967 trieb er seinen Preis pro Rennen auf 3000 bis 3500 Mark. »Merckx gehört zur Jet-Qeneration« schwärmte der italienische Rennfahrer Franco Bitossi. »Als ich mit ihm an der Spitze kurbelte, fühlte ich mich wie ein Schlachtopfer.«

»Merckx, wer sonst«, schrieb die italienische »Gazetta dello Sport« als Vorschau zum Rennen Mailand-San Remo. Der Belgier gewann -- zum drittenmal. Die Rennveranstalter gerieten seinetwegen in ein Dilemma: Fehlte Merckx, blieben die Zuschauer aus, fuhr er, fehlte die Spannung.

Seine Rivalen argwöhnten, Merckx putsche sich mit einer Droge auf, die durch übliche Tests nicht nachzuweisen sei. Doch dagegen zeugte seine Fähigkeit, sich besonders schnell zu erholen. Merckx gab nur psychologisches Doping zu: »Ich stelle mir vor, daß meine Gegner sich noch mehr quälen als ich.« Außerdem strampelte der Belgier nicht wie die meisten Favoriten vorwiegend im Mittelfeld, sondern kontrollierte jede Aktion möglichst von der Spitze.

Seit der Straßenstratege 1968 in der radelnden Werbekolonne der italienischen Kaffeemaschinen-Firma Faema auf die Unterstützung mehrerer Landsleute vertrauen konnte, erhöhte sich sein Jahreseinkommen auf mehr als eine Million Mark. Seine Schwester Michele, Bankangestellte, legt den Gewinn an.

Im Juni stoppten allerdings zwei Ärzte den Seriensieger. Während der Italien-Rundfahrt entdeckten sie in seiner Urinprobe Spuren einer verbotenen Droge. Die Funktionäre mußten Merckx ausschließen. Merckx, der vorher gewußt hatte, daß er als Spitzenreiter überprüft werden würde, bestritt jede Schuld.

Tatsächlich geschehen im Radsport häufig Sabotage-Akte. Favoriten brachen auf angesägten Rädern zusammen, Beruhigungsmittel zähmten die Aktivität gefährlicher Konkurrenten oder vergiftete Erdbeer-Törtchen führten, wie im Falle der Schweizer Fahrer Ferdi Kübler und Paul Egli, zu Magen-Koliken. Bei der Italien-Rundfahrt reichte ein Zuschauer dem Italiener Zilioli ein Schinkenbrötchen. Als er zubiß, zerschnitt er sich Zunge und Lippen an einer Glasscherbe.

Belgiens Fans drohten die Tour de France zu sabotieren, weil die Merckx-Sperre erst vier Tage nach dem Start ablief. Frankreichs Sportzeitung »L'Equipe« -- Organisator des Rennens -- klagte: »Ohne Merckx ist die Tour enthauptet.«

Da suchte der Verband der Berufsfahrer in Brüssel einen Kompromiß. Mehr als 10 000 Merckx-Anhänger setzten die Funktionäre auf dem »Platz der Märtyrer« durch Sprechchöre und Transparente ("Gerechtigkeit für Merckx") unter Druck. Die Sperre wurde verkürzt.

»Ich brauche fünf Tage, um wieder Tritt zu fassen«, kündigte Merckx vor dem Start zur Tour de France an. Am sechsten übernahm er die Führung. Er beschleunigte das Rennen auf die bisher höchste Durchschnitts-Geschwindigkeit. Nur ein unvorhergesehener Zwischenfall -- glauben Fachleute -- könnte ihn stoppen.

Nach acht Etappen überschrieb der Schweizer Fachjournalist Ernst Graf seinen Bericht: »Wer wird Zweiter hinter Eddy Merckx?«

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