Whistleblower Edward Snowden unterstützt Football-Leaks-Informant Rui Pinto

Kann nur ein Whistleblower sein, wer sich strikt an alle Gesetze hält? Nein, findet Edward Snowden. Diese Einschätzung könnte im Gerichtsprozess gegen den Kopf von Football Leaks eine Rolle spielen.
US-Whistleblower Edward Snowden

US-Whistleblower Edward Snowden

Foto: Armando Franca / AP

Der US-Whistleblower Edward Snowden hat sich zum Strafprozess gegen Rui Pinto, den Urheber der Football Leaks und Luanda Leaks, geäußert. In einem Videostatement , das die Organisation Signals Network am Donnerstag veröffentlichte, wandte sich Snowden an das Lissabonner Gericht, das über eine mögliche Verurteilung Rui Pintos entscheiden muss. »Ich glaube, im Fall von Rui Pinto steht außer Frage, dass die aufgedeckten Geschichten im öffentlichen Interesse waren«, sagte Snowden, der selbst vor acht Jahren ein weitreichendes Spähprogramm des US-Geheimdienstes NSA enthüllt hatte.

Der Portugiese Pinto muss sich seit vergangenem Jahr vor Gericht verantworten, weil ihm insgesamt 89 Fälle von Cyberkriminalität sowie eine versuchte Erpressung vorgeworfen werden. Der heute 32-Jährige hatte dem SPIEGEL sowie zwei internationalen Recherchenetzwerken Datenmaterial zur Verfügung gestellt, auf dessen Basis mehr als 1000 Artikel veröffentlicht wurden.

Pinto vertritt den Standpunkt, dass diese Enthüllungen gravierende Missstände aufgedeckt haben und darum dem Gemeinwohl dienten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Server gehackt und sensible Daten abgesaugt zu haben. Pinto gibt seit Beginn des Football-Leaks-Projekts an, dass er sich nicht als Hacker sehe, sondern als Whistleblower.

Eine Untersuchungsrichterin hatte dies im Januar 2020 zurückgewiesen: Sie halte ihn nicht für einen Whistleblower, weil er nicht Mitarbeiter einer Firma war, deren Daten geleakt wurden, und weil der Erpressungsvorwurf gegen ihn ein schlechtes Licht auf seine Motive werfen würde. Von der Entscheidung, ob Pinto als Whistleblower im Dienste des Gemeinwohls anerkannt wird, dürfte auch ein mögliches Strafmaß maßgeblich abhängen.

»Das letzte Mittel zum Schutz der Demokratie«

In seiner Video-Stellungnahme verteidigte Snowden nun den Portugiesen und zog Parallelen zu sich selbst: »Meine Regierung würde argumentieren, dass die Veröffentlichung ihrer illegalen und unmoralischen Aktivitäten ein Verbrechen war, und das stimmt vielleicht auch.« Allerdings qualifiziere sich eine Person nicht erst dadurch als Whistleblower, wenn sie sich an alle Gesetze halte, so Snowden. Für die Öffentlichkeit komme es darauf an, ob die enthüllten Sachverhalte wahr und relevant seien. »Weit weniger wichtig« sei die Frage, wie genau diese Informationen erworben worden seien. Tatsächlich sei als Whistleblower »eine strikte Einhaltung aller Gesetze in vielen Fällen unmöglich«. In manchen Fällen sei ein Gesetzesverstoß schlicht notwendig, um die Macht von Institutionen und einflussreichen Personen zu brechen und ihr Fehlverhalten offenzulegen.

»Whistleblowing ist für mich das letzte Mittel zum Schutz der Demokratie«, sagte Snowden. Es sei ein außergewöhnlicher und kostspieliger Schritt, der in vielen Fällen auch zu großen Opfern des Whistleblowers führe. Er selbst habe auch gravierende Konsequenzen für seine Leaks aus dem US-Geheimdienstapparat getragen, schildert Snowden. Nach seinen Enthüllungen war er aus den USA geflohen, er wohnt im Exil in Russland. Rui Pinto saß über ein Jahr im portugiesischen Gefängnis, davon allein rund sieben Monate in Einzelhaft. Aktuell lebt er in einem Zeugenschutzprogramm der portugiesischen Behörden. Strafermittler und Polizisten gehen davon aus, dass ihm wegen seiner Enthüllungen akute Gefahr droht.

Snowdens Statement wird nun zu den Prozessakten im Fall Pinto aufgenommen. Derzeit ist das Verfahren wegen einer Sommerpause des Gerichts unterbrochen. Danach wolle Pinto sich zu den Vorwürfen gegen ihn einlassen, ließ er mitteilen.

Der Rechtsstaat müsse nicht stumm bleiben

Gegenüber dem SPIEGEL hatte Pinto 2019 erklärt, »dass einige meiner Handlungen aus Sicht der portugiesischen Rechtsordnung möglicherweise als illegal betrachtet werden könnten«. Snowden erklärte dazu, dass Gesetze natürlich nicht bedeutungslos seien und dass der Rechtsstaat bei illegalen Aktivitäten eines Whistleblowers nicht stumm bleiben müsse. Aber wenn ein Gesetzesbruch zur Veröffentlichung oder Verhinderung eines gravierenden Missstands führe, »darf unsere Aufmerksamkeit nicht auf die Frage gerichtet werden, ob das Gesetz gebrochen wurde, sondern ob das fragliche Gesetz gerecht ist«.

Pinto hat dem SPIEGEL und dem Recherchenetzwerk EIC im Lauf mehrerer Jahre 3,4 Terabyte Datenmaterial überlassen, insgesamt über 70 Millionen Dokumente. Mithilfe der Dateien haben Journalisten europaweit über Straftaten und Regelbrüche im Profifußball berichtet. Zudem hatten Reporter des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) mit Pintos Datenmaterial das kleptokratische System rund um die angolanische Ex-Präsidententochter Isabel dos Santos aufgedeckt.

Die Enthüllungen, die sich auf das Datenmaterial von Rui Pinto stützten, haben zu Strafermittlungen in mehreren Ländern geführt. Mithilfe der Football-Leaks-Daten wurde ein System der Steuerhinterziehung offengelegt, durch das Spitzenfußballer Teile ihrer Werberechte in Steueroasen verschoben haben. Infolgedessen wurde unter anderem gegen den Superstar Cristiano Ronaldo ermittelt, er musste anschließend eine zweijährige Bewährungsstrafe und die Zahlung von rund 19 Millionen Euro akzeptieren.

Anzeige

Rafael Buschmann, Michael Wulzinger:
Football Leaks
Die schmutzigen Geschäfte im Profifußball.

Erweiterte und aktualisierte Taschenbuchausgabe.

SPIEGEL-Buch bei Penguin; 352 Seiten; 10,00 Euro.

Buch Rafael Buschmann, Michael Wulzinger "Football Leaks" - Amazon Buch Rafael Buschmann, Michael Wulzinger "Football Leaks" - Thalia Buch Rafael Buschmann, Michael Wulzinger "Football Leaks" - Amazon Hörbuch 

Rafael Buschmann, Michael Wulzinger:
Football Leaks 2
Neue Enthüllungen aus der Welt des Profifußballs.

Erscheinungstermin: 9. September 2019

SPIEGEL-Buch bei DVA; 576 Seiten; 20,00 Euro.

Buch Rafael Buschmann, Michael Wulzinger "Football Leaks 2" - Amazon Buch Rafael Buschmann, Michael Wulzinger "Football Leaks 2" - Thalia 
Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier. 

Die Football Leaks zeigten zudem, wie viel schmutziges Geld in dem Business steckt. Gegen Manchester City, den mit Millionen aus Abu Dhabi gepäppelten englischen Spitzenklub, ermittelte der europäische Fußballverband Uefa. Der Klub hatte offensichtlich mit fingierten Sponsorenverträgen die verbandsinternen Finanzregeln gebrochen. Erst vor dem internationalen Gerichtshof CAS konnte City einen Ausschluss aus der Champions League abwenden.

Rui Pinto machte seine Dokumente im vergangenen Jahr auch den portugiesischen Ermittlern zugängig. Seitdem hilft er der Polizei bei der Auswertung des Datenschatzes.