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SCHWIMMEN Effektives Schwänzeln

Drei Titel will Ian Thorpe bei den Weltmeisterschaften holen. Deutsche Wissenschaftler glauben, das Erfolgsgeheimnis des Australiers entschlüsselt zu haben.
aus DER SPIEGEL 29/2001

Worüber hat die Weltgemeinschaft der Schwimmexperten nicht alles debattiert, um dem Phänomen des fünffachen Weltrekordhalters Ian Thorpe, 18, auf die Spur zu kommen: Er liege höher im Wasser, was den Widerstand reduziere; er habe mit sieben Prozent einen für sein Alter extrem niedrigen Körperfettanteil; er stehe jeden Morgen Viertel nach vier auf, um ab Punkt fünf seine Bahnen im Sydney Aquatic Center zu ziehen; er nutze bei 193 Zentimetern Körpergröße seine enorme Spannweite und, vor allem, er habe Füße wie Flossen: Schuhgröße 52.

Falsch ist das alles nicht. Den Schlüssel für die Überlegenheit des Australiers glaubt jedoch der deutsche Biomechaniker Dieter Kliche gefunden zu haben: Thorpe, der bei den diese Woche beginnenden Weltmeisterschaften im japanischen Fukuoka drei Einzeltitel gewinnen will, habe eine Beintechnik entwickelt, die dem Flossenschlag von Meerestieren verblüffend nahe kommt.

Kliches Arbeitsplatz ist der Strömungskanal am Hamburger Olympiastützpunkt. Mit einem Wust an Messgeräten analysiert der Sportwissenschaftler internationale Spitzenathleten, am Rechner zerlegt er deren Bewegungsabläufe bis ins kleinste Detail. Mehr als 70 Weltklasseschwimmer hat Kliche, 61, in seiner Datenbank gesammelt. Oft genügt ihm schon ein kurzer Blick auf den Bildschirm, um zu wissen, wen er vor sich hat. Bei Thorpe gerät Kliche ins Schwärmen: »Das ist es, so muss ein perfekter Beinschlag aussehen.«

Lange Zeit galt beim Freistilschwimmen die Arbeit hüftabwärts als bloßes Beiwerk. Da drei Viertel des Vortriebs mit den Armen erzielt würden, so lautete ein hartnäckiges Dogma, dienten die Beine im Wesentlichen nur zur Stabilisierung der Körperlage.

Doch seit Thorpe aufgetaucht ist, vollzieht sich in der Weltelite ein Paradigmenwechsel. Stars wie Pieter van den Hoogenband oder Michael Klim haben durch intensives Training mit Taucherflossen ihre Beinarbeit deutlich verbessert. »Ohne richtigen Einsatz der Beine«, urteilt Falk Hildebrand vom Institut für Angewandte Trainingswissenschaft in Leipzig, »kann heute keiner mehr gewinnen.«

Und Ian Thorpes Technik ist derzeit das Maß allen Vortriebs. Während viele der Konkurrenten ihre Beine stocksteif auf- und niederrammen, gleichen die Bewegungen des dreimaligen Olympiasiegers Peitschenschlägen. Sie beginnen im Bereich der Lenden und durchzucken Thorpes Körper bis hinab zu den extrem überstreckten Füßen - Hüftschwünge, so kraftvoll, dass wohl selbst Elvis Presley erblasst wäre.

Was indes zählt, so die Wissenschaftler, sei nicht etwa der größtmögliche Hub des Beckens - einfach nur abzuknicken wie ein Nussknacker würde zu wenig Schub bringen: »Entscheidend ist der Fluss der Bewegung«, sagt Kliche. Einem Aal ähnlich schlängele sich der Schwimmer »wellenförmig durch das Wasser hindurch«.

Fachleute wie der Groninger Meeresbiologe John Videler nennen diese unter Wassertieren verbreitete Art der Fortbewegung »Undulation«. Je schneller ein Schwimmer unduliert, desto mehr Vortrieb erzeugt er. Allerdings kostet es viel Kraft, um so effektiv zu schwänzeln wie Thorpe - der schafft mehr als zwei Schläge pro Sekunde.

Besonders anschaulich wird die Fisch-Technik an den legendären Wenden des Australiers. In der knapp neun Meter langen Tauchphase, in der ein Athlet im Vergleich zum Schwimmen an der Wasseroberfläche nur ein Fünftel der Energie benötigt, verlässt sich »Thorpedo« komplett auf seinen Heckantrieb - mit zwei bis drei mächtigen Delfinbewegungen. Kurz vor dem Auftauchen geht er dann von dem symmetrischen Delfinschlag in den gegenläufigen Beinschlag des Kraulschwimmens über - eine hoch komplexe Bewegung, bei der das motorische Talent noch ungleich stärker gefordert wird.

Zu Hilfe kommen dem Wunderknaben indes auch orthopädische Veranlagungen: Im Stehen kann Thorpe seine Beine wie Säbel durchdrücken, die Fußgelenke vermag er abzuknicken, als hätten sich Innen- und Außenbänder für immer verabschiedet. »Genau das verschafft ihm seine unnachahmliche Beweglichkeit im Beinschlag«, betont Biomechaniker Kliche.

Seine groteske Gelenkigkeit dürfte Thorpe davor schützen, von Nachahmern alsbald eingeholt zu werden. Große und muskulöse Typen mag es immer wieder geben, aber dass einer gleichzeitig auch so biegsam wie der Australier ist, scheint Kliche eher unwahrscheinlich: »Bei Thorpe stimmt einfach alles.« ANSGAR MERTIN

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