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Egal wie

Nicht jedes Galopprennen in Deutschland gewann das beste Pferd im Teilnehmerfeld. Mehrmals bestimmte eine Wettmafia, wer Erster, Zweiter oder Dritter werden durfte.
aus DER SPIEGEL 22/1976

Auf dem Richterturm der Pferderennbahn Grafenberg in Düsseldorf herrschte Aufregung. Durchs Fernglas entdeckte jeder Rennrichter beim Endkampf um den Preis von Derendorf die Schiebung. »Der Peter Remmert rührt sich nicht, der will ja gar nicht gewinnen«, rief einer.

»Sehen Sie mal den Kosman auf der Gitte«, rügte der nächste Rennrichter. »Der reißt der Stute ja den Kopf ab, so hält er sie zurück.« Die Favoriten High Soks mit Jockei Peter Remmert und Gitte unter Manfred Kosman kamen am 30. April 1976 erst als viertes und sechstes von acht Pferden durchs Ziel.

Dennoch brachten die drei ersten Pferde ihren Wettern erstaunlich wenig Geld. Besonders die Dreierwette, bei der die richtige Reihenfolge der ersten drei Pferde getroffen werden mußte, zahlte statt der erwarteten 10 000 Mark Gewinn für zehn Mark Einsatz nur 2612 Mark. Die mißtrauischen Bahnrichter legten den Rennfilm als Beweis für den Wettbetrug vor.

Drei Tage später erschien Jockei Peter Remmert beim Direktorium für Vollblutzucht und Rennen und gab die Wettmanipulation preis: »Die Leute hatten mich schon zum drittenmal aufgefordert mitzumachen, und ich gab nach.«

Remmert nannte auch zehn Namen von Hintermännern und Beteiligten, so auch den von Jockei Kosman. Remmert und Kosman wurden bis auf weiteres gesperrt, die Aussagen der beiden sofort der Kriminalpolizei übermittelt. Inzwischen untersucht eine Sonderkommission der Kripo den Wettskandal. »Auch auf vielen anderen Plätzen scheint gemogelt worden zu sein«, erklärt Staatsanwalt Walter Tapper, »aber es fehlt noch an Beweisen.« Der Düsseldorfer Fahnder könnte jedoch schon am eigenen Platz fündig werden. Zwei Rechtsanwälte laden dort regelmäßig die Wettmafia in ein Lokal an der Graf-Adolf-Straße ein. Geographisch ein idealer Treff, weil sieben der neun umsatzstärksten Pferderennbahnen in Nordrhein-Westfalen liegen. Den größten Aufschwung verzeichnete die Düsseldorfer Rennbahn am Grafenberg: zuletzt fast 72 400 Mark pro Rennen.

»Die jährlich steigenden Totalisator-Umsätze haben natürlich auch die Wetthaie angelockt«, erkannte der Generalsekretär des Renndirektoriums, Hans-Heinrich von Loeper, »es sind fast ausschließlich branchenfremde Leute. und sie arbeiten so verborgen, daß es schwer ist. Beweise zu beschaffen.«

1975 setzten die Wettschalter in Deutschland an den von wachsendem Zuschauerzustrom berieselten Turfwiesen mehr als 117 Millionen Mark um. Mindestens weitere 60 Millionen Mark verwetteten Glücksritter schwarz. Viele der insgesamt 110 konzessionierten Buchmacher, die in bundesdeutschen Großstädten Wettannahmen unterhalten, glauben sogar, daß mehr als eine Milliarde Mark wild verwettet werde. In den letzten drei Jahren schlossen 75 Wettannahmen; die meisten arbeiten lieber illegal weiter.

Schon 1882 hatte die Kaiserin Augusta das Glücksspiel mit Pferdewetten als derart suspekt empfunden, daß sie sämtliche Wettbüros kraft Reichsgerichtsurteil schließen ließ. Doch der Pferderennsport nach Gutsherrenart fast ausnahmslos Adelige unterhielten Rennställe -- kümmerte sichtlich dahin.

Von 1886 an durften die mechanischen Wettmaschinen -- mit Steueraufschlag -- wieder tuckern. Seit 1922 regelt ein Wettgesetz die Arbeit der Buchmacher; inzwischen müssen sie aber 15 Prozent Steuern entrichten, Grund genug, das wilde Wettgeschäft ohne Steuerabzüge zu bevorzugen.

So ehrlich die meisten noch bestehenden Wettannahmen das Glücksspiel betreiben mögen -- »wir sind Familienbetriebe mit Stammkundschaft«, beteuert Buchmacher Peter Hess -, so zielbewußt gehen die wilden Buchmacher nicht nur auf Steuerfreiheit, sondern auch auf betrügerischen Profit aus.

Gelegentlich erhielten einschlägig Vorbestrafte sogar Buchmacher-Konzessionen, so der für Rennen gesperrte ehemalige Jockei Paul Fuchs oder der Stuttgarter Nüßle, dessen Ecarté-Club durch Gerichtsbeschluß geschlossen worden war. Nüßle, der seine Wettgeschäfte größtenteils schwarz betrieben hatte, kassierte binnen fünf Jahren 1,5 Millionen Mark unversteuert« Die fällige Geldstrafe betrug lediglich 10 000 Mark.

Die seit der Jahrhundertwende technisch kaum verbesserten Rennbahnen in der Bundesrepublik gestatten auch nach dem Start eines Rennens noch Wettabschlüsse, sogar auf den Rennbahnen. Die sogenannten Gruppenführer und Einsatzleiter in den Schalterbaracken müssen nur eingeweiht und zur Manipulation bereit sein.

Gelegentlich aber kungeln aus Gefälligkeit die Rennvereine selbst. Besonders politische Prominenz soll, in der stillen Hoffnung, einmal Steuervergünstigungen zu erhalten, für den Galoppsport eingenommen werden.

»Die Leute sind für uns wichtig, die müssen heute beim Wetten gewinnen, egal wie«, instruierte am 27. Juli 1975 ein Vorstandsmitglied des Düsseldorfer Rennvereins einen seiner Wettannahme-Stellenleiter auf der Rennbahn Grafenberg. Die wichtigen Leute waren Bundespräsident Scheel, seit Jahren häufig Gast auf Rennplätzen, und NRW-Landwirtschaftsminister Deneke. Beim »Gruppenführer für die Einlaufwette im Bereich Teehaus« legte der Beauftragte für zehn Mark eine Einlaufwette -- nach dem Rennen. Im Briefumschlag erhielt der ahnungslose Scheel 116 Mark Gewinn zugesteckt.

Minister Deneke hatte für eine Dreierwette-Kombination sogar 150 Mark herausgerückt. Die Wette ging knapp daneben, weil ein Pferd unter »ferner liefen« einkam. Blitzschnell korrigierte der Wettbeauftragte des Rennvereins den Tippzettel des Ministers. Deneke erhielt einen Briefumschlag mit 1491 Mark angeblichem Wett-Ertrag. »Die Herren haben gutgläubig gehandelt, die wußten gar nicht, was läuft«, erklärte der Manipulierer. »So etwas kann ich mir nicht vorstellen«, wiegelt Direktoriums-Leiter von Loeper ab.

Aber die kleinen Gefälligkeiten nutzen die Rennvereine auch zum eigenen Vorteil. Um etwa Quoten künstlich zu senken, werden besonders bei der Dreierwette Nieten' also Wettzettel' die nicht gewonnen haben, als »Gewinntickets« mitgewertet. Denn je mehr Tips auf einen tatsächlichen Sieger, den richtigen Einlauf der ersten beiden oder gar der ersten drei Pferde zusammenkommen, um so tiefer sinkt die auszuzahlende Gewinnquote und um so mehr behält der Veranstalter ein.

Weitaus kräftiger manipulierte die Düsseldorfer Wettmafia unter Führung ihrer juristisch kundigen Anführer. Dreimal riefen sie den Jockei Peter Remmert an, von dem sie wußten, daß er ein Mann sei, der nicht nur zweimal Deutscher Meister der Rennreiter gewesen ist, sondern »auch gerne was erleben möchte«.

Mit 5000 Mark Handgeld' Versprechungen für Urlaubsreisen und auch durch sanften Druck mit Enthüllungen gewann ihn die Mafia zur Schiebung auf High Soks. Manfred Kosman erhielt gleichlautende Angebote und sagte ebenfalls zu. »Wenn das so weitergeht, trauen doch die Besitzer bald keinem Jockei mehr«, rügt W. Krbalek, Trainer von High Soks, die im Besitz von Christian Heinrich, 5. Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein ist. Letzten Mittwoch in Krefeld ging es wieder reell zu. High Soks siegte, Gitte wurde Dritte, diesmal allerdings mit anderen Reitern.

Sein Vertrauen in den gesamten bundesdeutschen Galoppsport büßte ein Frankfurter Pferdebesitzer ein, der einen wilden Buchmacher vor einem Auftritt in Köln beim »Preis von Europa« entlarvte. Tatsächlich wurde der Mann mit kompletter Tageskasse von 20 000 Mark und sogar einem Wettbuch angetroffen und verhaftet. Doch die Kripo stellte bald die Untersuchung ein, der Informant indes wurde in Kreisen wilder Buchmacher bekannt und bedroht. Das Renn-Direktorium schließt deshalb nicht aus, daß die Wettmafia sogar bei der Kripo Kontaktleute hat.

Zur Welt-Manipulation bieten sich kleine Rennen wie der sogenannte Ausgleich IV besonders an. In dieser Rennklasse starten nur leistungsschwache und gewinnarme Pferde. Da das Sieggeld kaum über 4000 Mark hinausgeht, verlieren manipulationswillige Jockeis, die legal mit fünf Prozent am Sieggeld beteiligt sind, bestenfalls 100 bis 200 Mark.

Zur Abwehr der wilden Buchmacher, die für manipulierte Rennen auf den Plätzen Wetten zu privaten Kursen annehmen und anlegen, sandte jetzt das Direktorium Detektive aus. Meist sind es Studenten oder erfahrene Rennbahnbesucher' Leute, die sich den wilden Buchmachern als Wetter ausgeben, Wetten anlegen und später schriftliche Berichte abliefern. Generalsekretär von Loeper: »Auch diese Unterlagen haben wir an die Landeskriminalpolizei in Düsseldorf weitergeleitet.«

Aber am vorletzten Sonntag meldete sich beim Direktorium Eugen Schiller*. Er hatte auf der Rennbahn Gelsenkirchen einen wilden Buchmacher gefragt, warum er nicht tags zuvor auf der Rennbahn in Mülheim/Ruhr gearbeitet habe. Der Buchmacher antwortete: »Ich hatte einen Tip von der Kripo, daß die Sache heiß ist, die wollten mich hochnehmen.«

*Der richtige Name ist der Redaktion bekannt

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