Schwer verletzter Radstar Bernal Der härteste Kampf des Giro-Siegers

Der 105. Giro d'Italia startet ohne den Titelverteidiger. Egan Bernal arbeitet nach einem fürchterlichen Trainingsunfall im Januar noch an seinem Comeback. Dass er nach 20 Knochenbrüchen schon so weit ist, grenzt an ein Wunder.
Ein Bild aus besseren Tagen: Egan Bernal als Giro-Sieger 2021

Ein Bild aus besseren Tagen: Egan Bernal als Giro-Sieger 2021

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Fabio Ferrari /LaPresse / imago images/LaPresse

Die Höchstschwierigkeiten beim Giro d'Italia sind in diesem Jahr der Anstieg zum Ätna in Sizilien, das Klettern auf den Abruzzen-Gipfel mit dem schönen Namen Monte Blockhaus und die Fahrt über den Passo Fedaia in den Dolomiten. Es wird wieder eine Quälerei werden, ein Kampf mit sich selbst und gegen den Berg. Es wird hart.

Egan Bernal hat in den vergangenen Monaten einen viel härteren Kampf bestritten. Über die Plackerei seiner Kollegen über den Dolomitenpass kann er vermutlich nur milde lächeln. Er wird froh sein, dass er überhaupt wieder lächeln kann.

Der Giro d'Italia 2022 beginnt am Freitag in Ungarns Hauptstadt Budapest, es ist die 105. Auflage der Italienrundfahrt, und der Titelverteidiger wird nicht dabei sein. Weil Egan Bernal, der Superstar aus Kolumbien, Gewinner der Tour de France 2019 und Giro-Sieger 2021, stattdessen alle Kraft und seinen Willen dazu aufwendet, sich in sein altes Leben zurückzukämpfen. Ein Leben, das am 24. Januar fast beendet worden wäre.

Tagelang auf der Intensivstation

An diesem Tag prallt Bernal bei einer Trainingsfahrt in seiner Heimat in vollem Tempo mit einem an einer Haltestelle wartenden Bus zusammen. Er bricht sich elf Rippen, zwei Wirbel, darunter den Teil eines Halswirbels, einen Oberschenkel, einen Mittelhandknochen, den Daumen und die Kniescheibe. Beide Lungenflügel werden perforiert; dass er sich auch noch einen Zahn ausgeschlagen hat, ist angesichts der übrigen Verletzungen fast nicht der Rede wert. Der 25-Jährige liegt tagelang auf der Intensivstation, ob er überhaupt überleben wird, ist anfangs unsicher. Zudem heißt es, die Chance für ihn, nicht querschnittsgelähmt zu sein, liege bei gerade einmal fünf Prozent. Fünf Prozent, das ist nicht viel.

Bernal zeigte sich im Februar bereits wieder optimistisch

Bernal zeigte sich im Februar bereits wieder optimistisch

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HANDOUT / AFP

Fünf Monate später sagt sein Arzt Gustavo Uriza, Bernal könne Ende Mai wieder an Wettbewerben teilnehmen.

Man muss mit solchen Worten zurückhaltend umgehen, aber es ist schon ein kleines Wunder: Bernal selbst hat im Februar noch davon gesprochen, es sei »wie eine Wiedergeburt«, nun sitzt er bereits seit März auf dem Heimtrainer. Kämpfen, das hat Bernal sehr früh gelernt, er ist in einem Armenviertel in Zipaquirá bei Bogotá aufgewachsen, für Bernal konnte es nur nach oben gehen.

Er plane, noch in diesem Monat nach Europa zu kommen, um sich wieder ins Training zu stürzen, sagte Uriza bei einer Videokonferenz der nationalen Akademie der Medizin in Bogota. Das geht selbst seinem Team Ineos zu schnell. Teamchef Rod Ellingworth nannte die Ankündigungen des Arztes »extrem verfrüht«. Auch wenn Bernal nach Europa kommen werde, werde der Fokus erst einmal auf der Rehabilitation liegen, von Wettkampfvorbereitung sei noch keine Rede.

Ineos hat anderen Topfavoriten am Start

Ineos kann sich erlauben, den Druck auf seinen Vorzeigesportler niedrig zu halten. Beim Giro geht der britische Rennstall auch ohne Bernal mit einem Topfavoriten an den Start: Richard Carapaz gilt als erster Sieganwärter in diesem Jahr, der Mann aus Ecuador hat die Italien-Schleife ebenfalls bereits einmal gewonnen. Die beiden Superstars aus Slowenien, Tadej Pogačar und Primož Roglič, sind beim Giro nicht am Start, sie konzentrieren sich auf die Tour de France im Juli.

Auch die Frankreichrundfahrt käme für Bernal noch zu früh, es gibt aber schon die Ersten, die darauf spekulieren, dass der Kolumbianer bei der dritten großen Rundfahrt der Szene, der Vuelta in Spanien, im September tatsächlich auf dem Rad sitzen kann. Es sei für Bernal wichtig, baldmöglichst eine große Rundfahrt durchzustehen, um im kommenden Jahr wieder auf Sieg zu fahren, glaubt zum Beispiel der ehemalige deutsche Radprofi Jens Voigt.

Bernal als Toursieger 2019

Bernal als Toursieger 2019

Foto: Christian Hartmann/ REUTERS

»Ein gestandener Profi und Tour-Sieger wie Egan wird nicht besser, wenn er bei Rund um den Kirchturm, Rund um das Kloster oder Rund um den Dorfplatz startet«, sagte Voigt dem TV-Sender Eurosport. Die Platzierung sei letztlich egal, »wichtig ist, dass er die Belastung über drei Wochen und den mentalen Stress, sich dabei im Feld zu behaupten, wieder erlebt«.

Erinnerungen an Froomes Sturz

Welche Folgen so ein schwerer Trainingssturz haben kann, weiß man bei Ineos am besten: 2019 krachte Christopher Froome, der vierfache Toursieger, bei einer Streckenbesichtigungsfahrt zum Criterium de Dauphiné gegen eine Hauswand, weil ihn in dem Moment, als er sich die Nase putzen wollte, eine Windböe erfasste. Froome brach sich die Hüfte, mehrere Rippen, Ellbogen und Oberschenkel. Er ist danach nie mehr zur alten Form zurückgekehrt.

Froome war zu diesem Zeitpunkt allerdings auch schon 34, knapp zehn Jahre älter als Bernal. Für einen Radprofi ist das zwar noch ein akzeptables Alter, aber ein Comeback mit 34 ist erheblich mühsamer als mit 25. Dass die Fachwelt schon wieder so weit ist, sich darüber Gedanken zu machen, ist ohnehin erstaunlich genug. Es ist die Wiedergeburt des Egan Bernal.

Der Kolumbianer hat im April zumindest schon wieder einen Trainingserfolg verkündet. Bei seinen ersten Versuchen auf dem Rad habe er zu zweit Ausfahrten gemacht – und dabei mit dem Tempo seiner Trainingskollegin mithalten können. Das war seine Mutter.