Ehemaliger Weltklasse-Wasserspringer wirft Trainer Vergewaltigung vor »Am Ende ließ man das über sich ergehen«

Er gewann Silber und Bronze bei Olympischen Spielen, nun hat der Ex-Wasserspringer Jan Hempel gravierende Vorwürfe erhoben. Sein früherer Trainer soll ihn sexuell missbraucht haben – sogar unmittelbar vor einem Wettkampf.
Wasserspringer Hempel bei der EM 1997 in Sevilla

Wasserspringer Hempel bei der EM 1997 in Sevilla

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Laci Perenyi / IMAGO

Der ehemalige Weltklasse-Wasserspringer Jan Hempel hat massive Missbrauchsvorwürfe gegen einen früheren Trainer erhoben. »Ich bin von meinem Trainer missbraucht worden. Er hat eigentlich keinen Zeitpunkt ausgelassen, um nicht seinen Wünschen und Bedürfnissen freien Lauf zu lassen«, sagte Hempel in der ARD-Dokumentation »Missbraucht – Sexualisierte Gewalt im deutschen Schwimmsport«, die am Samstag gesendet wird (22.40 Uhr, hier gibt es die Doku bereits zu sehen ).

Hempel holte in seiner Karriere vier Europameistertitel und zahlreiche weitere Medaillen. Bei den Olympischen Spielen in Sydney 2000 gewann er Bronze, in Atlanta 1996 Silber. Bei Olympia 1992 in Barcelona soll es laut Hempel zu einem besonders schockierenden Übergriff gekommen sein. Unmittelbar vor dem Wettkampf habe sein Trainer ihn auf einer Toilette am Wettkampfort vergewaltigt.

Der Beschuldigte kann sich zu den Vorwürfen nicht mehr äußern, er beging 2001 Suizid. In der Dokumentation werden keine Beweise für die Vorwürfe vorgelegt, allerdings berichtet ein anonymer Zeuge von Übergriffsversuchen des Coaches. Hempel selbst ist mittlerweile an Alzheimer erkrankt. »Ich merke, dass immer mehr aus meinem Kopf verschwindet. Jetzt kann ich mich noch daran erinnern, und ich weiß nicht, wie lange das noch der Fall ist.«

»Alle haben geschwiegen«

Hempel berichtet, dass sich der Missbrauch von 1982 bis 1996 hingezogen habe. Zu Beginn sei er von seinem Trainer angefasst worden, später folgten dann oraler Missbrauch und Vergewaltigungen. »Anfangs war es einmal im Monat, später dann fast täglich«, sagt Hempel. »Am Ende ließ man das über sich ergehen.«

Hempel bei seiner Verabschiedung 2003

Hempel bei seiner Verabschiedung 2003

Foto: via www.imago-images.de / C3 Pictures / IMAGO

Ein Dreivierteljahr nach seinem Silbermedaillengewinn in Atlanta, so schildert es Hempel, habe er den Verband über den Missbrauch informiert. Der DSV habe sich daraufhin zwar von dem Trainer getrennt, allerdings nicht den wahren Grund für diesen Schritt veröffentlicht. Es sei laut Hempel keine Anzeige erstattet worden.

»Alle haben geschwiegen«, so Hempel. »Dem DSV ist nur der sportliche Erfolg wichtig«, sagt er. »Es wird einfach über Leichen gegangen.« Auch der heutige Chef-Bundestrainer Lutz Buschkow war laut Hempel über die Vorwürfe informiert, habe aber nichts dazu beigetragen, diese aufzuarbeiten.

Der DSV hat auf eine Bitte des SPIEGEL um Stellungnahme angesichts der Vorwürfe noch nicht reagiert. Auch Buschkow reagierte auf eine E-Mail bislang noch nicht. Der ARD hatte der Verband laut Dokumentation mitgeteilt, der derzeitige Vorstand habe davon bislang nichts gewusst.

Weitere Missbrauchsfälle

In der Dokumentation wird von weiteren Missbrauchsvorfällen im Schwimmsport berichtet. Ein ehemaliger Leistungsschwimmer aus Berlin beschreibt, wie ein Vereinsverantwortlicher sich als eine französische Schwimmerin ausgab und ihm anzügliche Nachrichten schrieb. Er erstattete Anzeige, aber das Verfahren wurde eingestellt.

Hempel bei den Olympischen Spielen in Atlanta 1996

Hempel bei den Olympischen Spielen in Atlanta 1996

Foto: Ruediger Fessel / Bongarts / Getty Images

Ebenfalls keine Konsequenzen gab es für einen Nachwuchscoach aus NRW, der mehrere Schwimmerinnen belästigt haben soll. Bei einem Fall eines Trainers aus Bayern, den drei Frauen anonym vortragen, gab es hingegen ein Urteil: vier Jahre Haft und ein fünfjähriges Berufsverbot.

Der deutsche Schwimmsport steht wegen Missbrauchsfällen schon länger im Fokus. Der SPIEGEL hatte 2021 Vorwürfe gegen den ehemaligen Freiwasser-Bundestrainer Stefan Lurz öffentlich gemacht. Bei den Anschuldigungen ging es um Übergriffe sexueller Natur, um psychische Manipulation und Mobbing gegen Schwimmerinnen. Im Februar dieses Jahres wurde Lurz wegen sexuellen Missbrauchs zu sechs Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt und musste eine Geldstrafe zahlen.

Lurz darf während einer dreijährigen Bewährungszeit weder beruflich noch ehrenamtlich im Schwimmsport tätig sein. Die ARD berichtete nun, dass Lurz beim Schwimmverein Würzburg 05, wo sein Bruder Thomas Lurz Präsident ist, als kaufmännischer Angestellter arbeite. Das bestätigte der Verein dem SPIEGEL auf Anfrage.

Lurz sei demnach für die gewerblichen Bereiche des Vereines tätig: »Er koordiniert den Wareneinkauf des Biergartens und ist für den Abenteuer Golfpark zuständig.« Lurz plane demnach das entsprechende Personal, stelle Finanzpläne auf, verbuche Belege, prüfe Lohnabrechnungen und vermarkte diesen Bereich.

Diese Anstellung bestehe seit Anfang Februar. »Kontakt zu Sportlerinnen oder Sportlern besteht absolut keiner. Herr Stefan Lurz hat keinerlei Kompetenzen bezüglich des Sports im Verein«, heißt es. Seine berufliche Tätigkeit sei zudem mit der Bewährungshilfe abgestimmt.

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