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»Ein bißchen wie auf einer Wolke«

SPIEGEL-Interview mit dem französischen Favoriten Laurent Fignon über den Heldenmythos der Radprofis
aus DER SPIEGEL 29/1989

SPIEGEL: Laurent Fignon, sind Sie ein Masochist?

FIGNON: Nein, das glaube ich nicht. Radsport ist hart und macht auch Spaß. Aber wenn es ohne Leiden ginge, wäre es mir jedenfalls lieber.

SPIEGEL: Wie treiben Sie sich an, wenn Sie - wie letzte Woche in den Pyrenäen und jetzt in den Alpen - an den Punkt kommen, an dem die Beine zu versagen drohen und die Lunge pfeift?

FIGNON: Ich male mir aus, daß ich die ganze Tour verliere. Dann sage ich mir, daß ich durchhalten muß.

SPIEGEL: Führen Sie Selbstgespräche?

FIGNON: Ja, man redet ein bißchen auf sich ein, macht sich Mut, schimpft auch schon mal.

SPIEGEL: Ständig an der eigenen Leistungsgrenze entlang zu fahren, kann das zu einer Ersatzdroge werden?

FIGNON: Ja, ich denke schon. Zunächst überlagert die Müdigkeit alle anderen Gefühle. Aber dann ist es auch wieder ein bißchen wie auf einer Wolke. Das Gefühl, die Beine unter Kontrolle zu bringen, läßt mich immer noch schneller fahren.

SPIEGEL: Als Sie noch zur Universität gingen, konnten Sie sich nicht entscheiden, ob Sie lieber einen Beruf ergreifen sollten, der den Kopf beansprucht, oder einen, der in die Beine geht. Warum haben Sie sich gegen den Kopf entschieden?

FIGNON: Ich war auf einer mathematisch-technischen Universität, das war einfach nicht das Richtige für mich. Wenn ich auf der Schule eine bessere berufliche Orientierung gehabt hätte, hätte ich mich nicht für das Fahrrad entschieden.

SPIEGEL: In der französischen Öffentlichkeit gelten Sie als Intellektueller. Gefällt Ihnen dieses Image?

FIGNON: Nein, ich ziehe das Bild vom Abenteurer vor. Es gibt mehrere Radfahrer, die studiert haben. Weil sie nicht an der Spitze fahren, weiß das niemand.

SPIEGEL: Radrennfahrer werden von ihren Fans als die letzten großen Helden unserer Zeit gesehen. Sind Sie ein Held?

FIGNON: Ich habe es schon ganz gern, wenn man uns so sieht. Es ist so ein hartes Leben . . .

SPIEGEL: . . . so richtig nur für harte Männer?

FIGNON: Es gibt ja inzwischen auch eine Tour de France für Frauen. Die Vorstellung, Rennfahren sei nur was für wahre Männer, die ist mir zu macho. Und was sind das: wahre Männer? Man muß einen guten Charakter haben, Mann oder kein Mann.

SPIEGEL: Welche Eigenschaften muß man mitbringen, um ein französischer Nationalheld zu werden?

FIGNON: Es stimmt, die Franzosen sind chauvinistisch, aber es hält sich noch im Rahmen. Sie wollen ihre Helden auch leiden sehen. Erst wenn sie Widrigkeiten und Pechsträhnen überstanden haben, verlangen die Franzosen einen Sieg bei einem großen Rennen. So gesehen, habe ich ganz gute Karten.

SPIEGEL: Dennoch ist eine Distanz zwischen Ihnen und den Fans zu spüren.

FIGNON: Ich möchte das so. Ich brauche meine Ruhe. Ich lerne gern neue Menschen kennen, die möglichst nichts mit Radfahren zu tun haben sollten. Aber ich schätze es nicht sonderlich, wenn man mir auf die Schultern schlägt. Ich hätte es lieber, wenn man etwas mehr Respekt vor uns hätte.

SPIEGEL: Wenn Sie Einfluß auf das Bild hätten, das einmal von Ihnen in Erinnerung bleiben wird, wie sollte das aussehen?

FIGNON: Ich möchte, daß die Leute am Ende meiner Karriere wissen, ob ich ein guter oder großer Rennfahrer war. Mein Beruf ist mir wichtig, auch wenn andere das oft nicht so sehen. Ich möchte, daß die verstehen, daß ich nicht immer gleich nett sein konnte. Aber die vergessen sowieso sehr schnell. Da kannst du sogar fünfmal die Tour gewinnen.

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