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FUSSBALL Ein Handtuch für die Liga

Auf Weisung seiner Berater nahm der teuerste Spieler der Bundesliga, Tomás Rosický, seine Eltern und ein bisschen Heimat nach Dortmund mit. Nun erhofft sich das Management von dem schüchternen Tschechen rasche Rendite. Zum Plan gehört, dass er nicht lange bei Borussia bleibt.
Von Jörg Kramer
aus DER SPIEGEL 12/2001

Drei Fußbälle liegen zwischen Trainingsrasen und Umkleidekabine unwiderstehlich am Wegesrand, und jeden von ihnen muss der schmale Knabe nach Dienstschluss noch schnell berühren. Zwei tippt er mit der Fußspitze an, den dritten hätschelt er mit der Ferse. Dabei blickt er verstohlen, als habe er unter Missachtung des Fütterungsverbots den Ponys im Streichelzoo heimlich Karotten spendiert.

Dann setzt sich Tomás Rosický, der aussieht wie der Lehrling der Dortmunder Fußball-Belegschaft, vor die Kabinentür und streift artig die Arbeitsschuhe von den Socken. Während er mit kräftigen Hieben auf den Steinboden den Dreck von den Stollen schlägt, überholen ihn etablierte Profis wie Jens Lehmann und Fredi Bobic. Die trampeln, weniger rücksichtsvoll, mitsamt dem Schmutz in den Kabinenflur.

Im Schatten des Westfalenstadions wirkt der grazile Neuling aus Tschechien exotisch. Mal kommt seine Verspieltheit Alteingesessenen bei Borussia Dortmund böhmisch vor, mal erscheint seine Korrektheit übertrieben. Oder sind es die Kollegen, die seltsam ticken? Einer der ersten deutschen Sätze, die Rosický beim so leidenschaftslos durch die Saison staksenden BVB-Ensemble lernte, heißt: »Es ist mir egal.«

Auf den ersten Blick sieht Tomás Rosický, 20, gar nicht so aus, als sei er selbst ein Star. Den Saum seiner Ärmel hält er umklammert wie einer, der in sein Trikot noch hineinwachsen muss.

Ob der Novize »vielleicht zu schmächtig für die knallharte Bundesliga« sei, fragte »Bild« entsprechend besorgt nach seiner Ankunft, und es schien, als sollte Fußball-Deutschland auf seinen zerbrechlich wirkenden Debütanten aufpassen wie auf einen Pflegefall. Aber dass ein guter Fußballer von kräftiger Statur sein müsse, ist wohl ein typisch deutscher Irrtum.

Inzwischen, nur ein paar Aufführungen im Dortmunder Mittelfeld später, hat Tomás Rosický gezeigt, wer hier besondere Betreuung braucht. Mit der Zehn auf dem Rücken päppelt er die in Sachen Spielkultur recht schüttere Bundesliga auf. Was das Tempo bei den Ballkombinationen betrifft, hat er auf den Rasenplätzen eine neue Richtgeschwindigkeit eingeführt. Wenn die Kameraden die Züge nur halb so schnell ausführen würden, wie der Neue sie plant, wird der BVB womöglich noch Deutscher Meister.

Gelegentlich wird Borussias jüngste Anschaffung, mit 25 Millionen Mark Ablöse teuerster Einkauf der Bundesliga-Geschichte, wie ein Schoßkind behandelt, etwa wenn er die Eckbälle tritt. »Guter Ball«, ruft Trainer Matthias Sammer nach jedem gelungenen Exemplar. Dabei erledigt der Bengel diese Aufträge dermaßen routiniert, dass er nun wirklich keinen Beifall braucht.

Es hat ein paar Wochen gedauert, bis die Experten erkannten, dass die in Spanien oder Italien als eher minder bemittelt belächelte Bundesliga das derzeit größte Talent Europas an Bord gezogen hat. Es dauerte auch so lange, bis seine Mitspieler bemerkten, dass ihnen das nicht schadet.

In den ersten Testpartien haben futterneidische Teamgefährten Rosický bei der Ballzirkulation noch dreist übergangen. Coach Sammer ortete nach der Ankunft des Schnelldenkers von der Moldau Missgunst und »beleidigte Spieler im Kader«.

Doch dann holte sich der Tscheche die Bälle, die sich Spielmacher seiner Preisklasse gewöhnlich von schmucklos schuftenden Zuträgern anschleppen lassen, in den Niederungen des Nahkampfs einfach selbst. Rosický, beobachtete konsterniert das vier Jahre ältere Dauertalent Lars Ricken, »denkt sich überhaupt nichts dabei, auch zu grätschen«. Es ist, als würde Michael Schumacher eigenhändig Luft in seine Reifen pumpen.

So verflog die Skepsis bei Kumpanen wie Stürmer Giuseppe Reina, der zunächst »wirklich erschrocken« war und wohl insgeheim mit der »Berliner Morgenpost« fragte: »Darf so ein Handtuch überhaupt 25 Millionen kosten?«

Warum nicht. Die 66 Kilo, verteilt auf 1,75 Höhenmeter, waren zum Zeitpunkt der Umsiedlung schon zweimal Meister geworden und hatten im Trikot von Sparta Prag 18 Partien in der Champions League sowie 8 Länderspiele hinter sich. Die Fans nannten ihn »Rosa«, was auf Tschechisch »der Tau« heißt. Die Deutschen, sagt Vater Jirí Rosický, als Verteidiger selbst einmal Meister mit Sparta, »glaubten nicht, was wir in Tschechien schon wussten«.

Sein Jüngster kickte bereits mit 17 in der ersten Liga. Als früh Entdeckter war Tomás Nutznießer des Überhangs an bestens ausgebildeten Trainern, die Arbeit oft nur noch bei den Jugendabteilungen finden. Braucht so einer zur Vollkommenheit lediglich »mal richtig was auf die Rippen«, wie es »Bild« verlangt?

Da hüstelt Mutter Eva widerspenstig und fühlt sich in ihrer Ehre als Köchin gekränkt. Die frühere Erstliga-Tischtennisspielerin kann beschwören, was noch niemand weiß: »Tomás isst manchmal einen Teller Suppe, acht Knödel, zwei Scheiben Lendenbraten, danach noch drei Stück Kuchen.« Als Kind, sagt sie, »war er sogar dick!« Der drei Jahre ältere Bruder Jirí, wegen einer Knieverletzung bei Atletico Madrid nicht zum Zuge gekommen und jetzt beim österreichischen Erstliga-Club SW Bregenz unter Vertrag, war damals so etwas wie Tomás' Mentor. Auf dem Bolzplatz der Siedlung Prosek von Spähern des CKD Kompresory angeworben, nahm Jirí das schüchterne Anhängsel zum Training mit.

Bald kickten beide Brüder beim Renommierverein Sparta. Tomás wurde mit zehn Jahren zum besten Spieler der Republikmeisterschaft gekürt. Doch zu grelles Rampenlicht machte ihn immer verlegen. Als er mit elf bei einem Turnier in Sumperk einen Eid sprechen sollte, weinte er im Stadion-Innenraum. Rosický, der sich wegen mangelnder Deutschkenntnisse noch geniert, verriet kürzlich einem Landsmann, wie er es mit Dortmunder Reportern hält: »Wenn ich sie sehe, verdufte ich.«

Auf dem Platz war er nie so verkrampft. Manchmal fragt sich der Vater, vom »perfekten peripheren Sehen« des Jüngsten beeindruckt: »Wieso kann er das alles, was mir nie erfüllt wurde?«

Der Senior, eine zuverlässig rustikale Abwehrkraft, trug einst einen Arbeitsstempel des örtlichen Maschinenbaubetriebs im Ausweis, in dem er als Sparta-Spieler aber in Wahrheit keinen Tag antreten musste. Später trainierte er die zweite Mannschaft des Clubs. Es war die Zeit, als die Sportlerfamilie Rosický einen Lada Samara besaß, während die Nachbarn ausschließlich Skoda fuhren. Sie konnte jährlich urlaubshalber nach Jugoslawien reisen. Wenn die Briefträgerin die entsprechende Devisenzusage brachte, die andere nur einmal in fünf Jahren erhielten, war es Eva Rosický ein bisschen peinlich.

Den Söhnen, das war das Wichtigste, ging es gut. Dem Ältesten wäre die Mama fast nach Madrid gefolgt, weil sie glaubte, er müsse verhungern: »Ich dachte, er könne nicht mal allein einen Pfirsich waschen.« Tomás, der oft unter Mandelentzündungen litt, verbot sie bei leisesten Anzeichen eines Hustens das Fußballspielen. »Die Trainer lachten mich aus.«

Das behütete Talent war 14, als Pavel Paska es erstmals auf einem Nebenplatz hinter der Tribüne des Sparta-Stadions sah. »Kann ich erinnern: Sporthose reichte ihm bis auf Knechel. Dachte ich, hat gar keine Beine«, sagt der Spieleragent mit Büros in Langenzenn bei Nürnberg und in Prag. Seine Firma International Sport Management berät rund 60 tschechische Kicker. Der gelernte Elektrotechniker ("Bin ich studierter Mensch") hat für Hochbegabte einen geschulten Blick: »Fir mich ist erste Stelle die sportliche Top-Qualität. Dann kommt Top-Geld automatisch.«

Vor zwei Jahren - da hatte er schon Patrik Berger zum FC Liverpool und Karel Poborský zu Manchester United verkauft - prophezeite Paska einem prominenten Besucher, Rosický werde bald 20 Millionen Mark wert sein. Der Gast war Günter Netzer und als Emissär seines Arbeitgebers, der Marketingfirma CWL, gekommen. Das Schweizer Unternehmen plante seinerzeit, den mit knapp 50 Millionen Mark verschuldeten Club Sparta Prag zu erwerben.

Der Deal kam nicht zu Stande. Stattdessen kaufte die tschechische Tochter der Verlagsgruppe Passau den sanierungsbedürftigen Verein. Weil die neuen Besitzer Ende Juni einen Kredit über rund zwölf Millionen Mark tilgen müssen, hielt Sparta-Präsident Vlastimil Kostál den Verkauf Rosickýs schon zu Beginn dieses Jahres für »die eleganteste Lösung«. Auch Berater Paska, der eigentlich einen längeren Verbleib seines Klienten in der Heimat im Sinn hatte, lenkte ein: »Hätte ich Prigel bekommen von Sparta, wenn Junge vor Verkauf sich noch schwär verletzt hätte.«

Und weil die Borussia als einziger Interessent zum sofortigen Kauf bereit war, gelangte der Jungstar in den Ruhrpott - inklusive der Eltern, wenngleich Mutter Eva »wegen der Wärme« Italien vorgezogen hätte.

Der Garten des Hauses, das sie im Dortmunder Süden anmieteten, sei »in einem unordentlichen Zustand« gewesen, aber was hilft's: »Tomás möchte nicht einsam sein«, weiß die Mama und auf die gewohnte Küche nicht verzichten. Liwanzen, böhmische Pfannkuchen, esse er am liebsten.

Um den Superstar in spe in die Fremde zu begleiten, hat die Mutter ihren Job beim Finanzamt, der Vater die Stelle im Kundendienst eines Feuerlöscherherstellers aufgegeben. Ganz freiwillig ist dieser Beistand nicht. Die elterliche Obhut gehört zur Karriereplanung, die sich Rosickýs Berater ausgedacht haben.

Bei dem Einstieg ins Ausland orientiert sich Paskas Firma am tschechischen Eishockey-Star Jaromír Jagr, der ebenfalls mit seiner Mutter ein bisschen Nestwärme und Heimat mitgenommen habe, als er 18-jährig nach Pittsburgh in die National Hockey League zog. Besser die Eltern als die Freundin, entschied also Paskas Mitarbeiter, der Agentur-»Sportdirektor« Dalibor Lacina, ein Doktor der Pädagogik.

Zum Leidwesen von Mirka. Dem Mädchen, eineinhalb Jahre lang Tomás' »ernste Bekanntschaft«, wie Mutter Rosický das nennt, empfahl der Fußballstar ritterlich: »Du musst dein eigenes Leben leben.«

Welche Prioritäten ein Rosický setzt, hatte die junge Dame seit dem Abend ihres Abiturballs geahnt, an dem sich der Freund kurzfristig von dem Versprechen entbinden ließ, als Begleiter verfügbar zu sein: Anderntags sei leider ein Trainingslager anberaumt.

»Nichts«, weiß Vater Jirí Rosický, »kann den Jungen von seinen Zielen ablenken.«

Die Beharrlichkeit hat sich offenbar bislang gelohnt. Im November 1999 meinte Manager Paska »den jungen Cruyff« spielen zu sehen, als das dribbelnde Anlageobjekt beim Champions-League-Spiel gegen Spartak Moskau die halbe russische Nationalmannschaft im Alleingang umkurvte und frech das zweite Tor beim 5:2-Sieg schoss. »Sein schönstes Spiel«, findet auch die Mama noch heute.

Jetzt soll er Rendite bringen. Paska öffnet in seinem Büro die eiserne Tür zum Kamin. Dort verbirgt sich der Tresor, und er öffnet auch den Tresor. Der Spielerberater zieht die grüne und die rosafarbene Kladde hervor, auf beiden steht der Name »Rosický«. Jede Menge Anfragen und Angebote für Werbeverträge - »was weiß ich, pfeif ich doch alles«, sagt der Manager. Wer jetzt voreilig abschließe, blockiere sich für die nächsten Jahre. Und der Marktwert des Klienten soll nun erst richtig steigen.

Paska partizipiert an den Einkünften und weiß: »Hängt alles davon, was am Platz er produziert. Wir haben alles gemacht. Jetzt ist er am Zug.« Wenn alles gut geht, kämen bald »Angebote wie für Figo« - den Portugiesen, der Real Madrid rund 120 Millionen Mark Transfergeld wert war. »Und wir sind mitten drin.«

In Dortmund, weiß Paskas »Managing Director« Kamil Rehák, ehemals Manager bei Slavia Prag, werde Rosický seinen Fünf-Jahres-Vertrag daher kaum erfüllen: »Der bleibt nicht so lange.« Einzuwurzeln würde dem Geschäftsgang schaden.

Was sonst könnte den noch blockieren? Hat Rosický nicht den Mobbing-Versuchen in Dortmund getrotzt, indem er kurz mal sein Können aufblitzen ließ? Paska gerät ins Schwärmen. Um sich in der Bundesliga schneller zu akklimatisieren, habe Tomás »gemusst runter von seinem Niveau«, berichtet der Manager.

Und wäre er nicht so schüchtern, hätte man in Deutschland schon Tricks gesehen, wie sie Ivan Hasek, Rosickýs Trainer bei Sparta Prag, von ihm kennt. Zum Beispiel den mit dem Außenrist punktgenau ins Tor gepfefferten Freistoß. Warum er ihn noch nicht zeigte? »Er will nicht wie ein Angeber aussehen.« JÖRG KRAMER

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