Zur Ausgabe
Artikel 110 / 128
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

OLYMPIA 2008 »Ein Meer der Freude«

Mit der Wahl Pekings zur Stadt der Sommerspiele 2008 hat sich der scheidende IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch ein letztes Mal durchgesetzt. Das gigantische Sportspektakel soll angeblich helfen, die diktatorische Weltmacht aufzuweichen.
Von Jörg Kramer, Jürgen Kremb, Andreas Lorenz und Thilo Thielke
aus DER SPIEGEL 29/2001

Chinas Hauptstadt hatte sich herausgeputzt wie sonst nur am 1. Mai oder am 10. Oktober, dem Nationalfeiertag: Rote Fahnen wehten, Scheinwerfer setzten das Revolutionsmuseum und die Große Halle des Volkes in majestätisches Licht, Hunderte Polizisten in Uniform und Zivil umlagerten den Platz des Himmlischen Friedens.

Die choreografische Mühe des Propagandaministeriums war nicht umsonst: Als um 22.10 Uhr Ortszeit die Nachricht vom Sieg Pekings als Olympiastadt 2008 durchdrang, füllten auf Bestellung Drachentänzer, Fahnenschwenker und Musikanten das Areal. Transparente wurden entrollt, aus den Lautsprechern krächzten patriotische Weisen: »Ich liebe China.«

Wenn die Fröhlichkeit im Herzen Pekings angesichts der in Bussen herangekarrten Jubler und der zahlreichen Sicherheitskräfte auch reichlich inszeniert wirkte - in anderen Teilen versank die Stadt in Begeisterung. Autofahrer hupten, Kneipiers schenkten Freibier aus, das Mobilfunknetz brach zusammen, und die »Volkszeitung« titelte in großen roten Lettern: »Peking ist ein Meer der Freude.«

Einen solch deutlichen Sieg der chinesischen Metropole hatte dann doch keiner erwartet am vorigen Freitag in Moskau. Kaum hatte IOC-Chef Juan Antonio Samaranch das Ergebnis verlesen, waberten erste Analysen über die Flure des Meschdunarodnaja Hotels.

Der Präsidentschaftskandidat Jacques Rogge meinte »eine Art Konsens der IOC-Mitglieder« registriert zu haben: »Olympia für ein Fünftel der Menschheit zu öffnen«. Dabei machte der Belgier ein Gesicht, als gehöre er dieser Mehrheit nicht an.

Noch einmal hatte die IOC-Vollversammlung vor dem scheidenden Regenten strammgestanden. Das Votum pro Peking soll als Vermächtnis des spanischen Marques in die Geschichte eingehen - der finale Triumph des Patriarchen.

Unverhohlen hatte Samaranch seine letzte Weisung an die IOCler über die Öffentlichkeit transportiert. Olympische Spiele, wurde er nicht müde zu behaupten, könnten eine Stadt »oder sogar ein Land« verändern. So habe schon Olympia in Seoul 1988 im Demokratisierungsprozess des Ausrichterlandes »einen Wendepunkt« dargestellt.

Das Argument dürfte seinen Getreuen gefallen haben. Wer wollte nicht helfen, wenn es gilt, am Rad der Weltgeschichte mitzudrehen? Hatte bei der feierlichen Sessionseröffnung im Moskauer Bolschoi-Theater nicht auch Russlands Präsident Wladimir Putin die IOC-Arbeit »für den Weltfrieden« gewürdigt?

In Moskau gerierte sich die Mehrheit des IOC, das früher gern die strikte Trennung von Sport und Politik proklamierte, so offen und überheblich wie noch nie als politische Instanz. Während Reformer wie Jacques Rogge unmittelbar nach der Wahl Zweifel anmeldeten ("Das IOC sollte einfach seine Rolle als Sportorganisation spielen"), sandte Samaranch in der ihm eigenen Mischung aus Ambition und Anmaßung eine diplomatische Order nach Fernost: Das Thema Menschenrechte sei auf dem Tisch, ließ er über seinen Generaldirektor François Carrard verkünden, »wir bauen aber darauf, dass es in den kommenden sieben Jahren viele Veränderungen« in China gebe.

Dass sich die Führung in Peking von derlei Mahnungen beeinflussen lässt, ist zweifelhaft. Wenn die Regierenden, so Dirk Pleiter, China-Experte von Amnesty International, unmittelbar vor der Olympia-Wahl so viele Todesurteile vollstreckten wie schon lange nicht mehr (1781 Exekutionen in den letzten drei Monaten), warum sollten sie sich nach dem Zuschlag zurücknehmen? Im Gegenteil: Bevor die Jugend der Welt in Peking ihre Aufwartung mache, glaubt Pleiter, sei damit zu rechnen, »dass die Kriminalität besonders hart bekämpft wird und Oppositionelle weggeschlossen oder hingerichtet werden«.

Ob eine Absage an Peking freilich dem Wohlergehen der Bevölkerung genutzt hätte, ist sogar unter Dissidenten umstritten. Das hätte »den konservativen Führern erlaubt, antiwestliche Gefühle auszubeuten und ihre eigene Legitimation zu steigern«. Der Oppositionelle, der das sagt, hat sich den Decknamen Zhang Liang zugelegt und voriges Jahr die so genannten Tiananmen-Papiere an die internationale Öffentlichkeit gebracht.

An solcher Argumentation perlten letztlich die Proteste aller Menschenrechtsgruppen ab. »Mehr als 1000 E-Mails und Zuschriften« seien auf die Wahlmänner niedergegangen, berichtet ein IOC-Mitglied. Chinesische Dissidenten, Exil-Tibeter oder Vertreter der ostturkmenischen Minderheit in China hatten in den letzten Tagen und Wochen vergebens versucht, auf die Moskauer Runde einzuwirken.

Bis zu 90 Prozent der Wahlmänner seien schon mit einer unerschütterlicher Meinung angereist, schätzten Sitzungsteilnehmer. Zwei Tage vor dem Votum machte der deutsche IOC-Vize Thomas Bach dann bereits die »Tendenz zu Peking« öffentlich.

Viel Kraft mussten die Chinesen am Entscheidungstag nicht mehr aufwenden. Bei ihrer steifen Präsentation vor den IOC-Mitgliedern wurde auf präzise Information kaum noch Wert gelegt. Dass im stickigen Peking, wo noch im Februar zur Besichtigung durch die Prüfungskommission die verdorrten Rasenflächen grün gespritzt worden waren, die meisten Wettbewerbe auf einem Gelände namens »Olympic Green« stattfinden sollen, nahm das Auditorium ebenso ungerührt zur Kenntnis wie die Botschaft, dass den Athleten im olympischen Dorf die größten Schlafzimmer in der Geschichte der Spiele zur Verfügung gestellt würden.

In den kritischen Nachfragen erkannten die höflichen Bittsteller willkommene Steilvorlagen. So konnte der unterhaltsame Bewerbungssekretär Tu Mingde, der die olympische Familie mit seinem Dauerlächeln umgarnte, frohgemut bekannt geben, dass Chinas »Kampf gegen Doping fortgesetzt« werde.

Dagegen wirkten die überzeugten Peking-Gegner beinahe sprachlos. Irritiert verfolgten sie die Winkelzüge, machtlos vermuteten sie unheilige Allianzen. Schon wurde Russlands Präsident Putin hinter vorgehaltener Hand als Pekings Steigbügelhalter beschimpft, weil die Moskauer Behörden zweimal Demonstrationen von Bürgerrechtlern untersagt hatten. Als das Ergebnis russisch-chinesischer Absprache wurde auch das Einreiseverbot für den bekannten Dissidenten Wei Jingsheng, 51, gewertet.

So blieb der IOC-Zirkel in Moskau unbehelligt von der bitteren Erkenntnis, die Jingsheng, der Gründer der chinesischen Demokratiebewegung, vorige Woche dem SPIEGEL kundtat: »China verspottet die olympische Bewegung«, befand der Regimekritiker, der 18 Jahre in Haft saß und heute in den USA lebt, »die Leiden des chinesischen Volkes werden unnütz verlängert.« Denn mit dem Glorienschein Olympia versehen, »wird die KP die Spiele zur Stärkung ihrer Herrschaft nutzen.«

Für die amtierende Regierung gilt das mit ziemlicher Sicherheit. Erst jüngst, zum 80. Geburtstag der Partei, lehnte Staatschef Jiang Zemin Reformen wie die Einführung eines Mehrparteiensystems oder der Gewaltenteilung kategorisch ab. Doch in den nächsten zwei Jahren wird er, ebenso wie der Premier und der Vorsitzende des Parlaments, sein Amt niederlegen.

Im Generationswechsel sehen Regimegegner wie Wang Dan, Studentenführer des Pekinger Frühlings 1989, die Chance auf Besserung. Danach könnten Olympische Spiele »das zarte Pflänzlein der zivilen Gesellschaft in China weiter stärken«. Damit liegt Wang Dan über Kreuz mit vielen politischen Institutionen, dem EU-Parlament etwa und dem US-Kongress. Kritische Stimmen waren dem IOC-Konvent auch aus dem britischen Königshaus und der schwedischen Regierung vorausgeeilt.

Vermutlich erwiesen sich diese Einlassungen als kontraproduktiv. Die IOC-Leute, schätzte der Beobachter Manfred von Richthofen, Präsident des Deutschen Sportbundes, hätten sich herausgefordert gefühlt, ihre Unabhängigkeit von den Politikern zu demonstrieren: »Nach dem Motto: Ich wähle die jetzt erst recht.«

Beim Stimmenfang in letzter Minute hatten Pekings Rivalen, anders als Sydney vor acht Jahren, wenig zu bieten. Toronto warb, brav, aber wirkungslos, mit Spielen für die Athleten. Doch diese Zielgruppe ist auch nach den Reformen im IOC noch deutlich in der Minderheit.

Selbst das schicke Paris traf nicht den Geschmack der Olympier. Die Franzosen hatten mit einzigartigen Attraktionen geworben: Marathonläufer auf den Champs-Elysées, Fechter im Grand Palais, Beachvolleyballer unter dem Eiffelturm, Dressurreiter auf der Esplanade des Invalides.

Die angepriesenen Vorzüge erwiesen sich als Nachteil der Bewerbung: Für die Spiele hätte sich Paris nicht groß verändern müssen. Die Olympier setzen jedoch gern Denkmäler - am liebsten sich selbst.

Zum Nachteil von Paris dürften sich noch andere Gedankenspiele der IOC-Granden ausgewirkt haben. Um dem misstrauisch betrachteten »Eurozentrismus« der olympischen Bewegung entgegenzuwirken, wurde in manchen Sitzungsreihen des Kongress-Saals so gerechnet: Man könne nicht montags den belgischen Präsidentschaftskandidaten Jacques Rogge als Samaranch-Nachfolger wählen, wenn man freitags zuvor schon Paris den Zuschlag gegeben habe.

Geopolitisch gesehen steigert die Wahl Pekings nun die Chancen der deutschen Städte und Regionen, die eine Kandidatur für 2012 erwägen. Hätte Paris gewonnen, wäre Europa nach Athen im Sommer 2004 und Turin im Winter 2006 wohl erst einmal draußen gewesen.

Nun wird Deutschlands NOK-Chef Walther Tröger im November dieses Jahres wohl einen der Bewerber - Leipzig, Düsseldorf, Stuttgart, Frankfurt oder sogar Berlin - für 2012 ins Rennen schicken, allerdings mit gedämpften Erwartungen. Man müsse sich, das lehre die Erfahrung von Peking, womöglich mehrmals bewerben. JÖRG KRAMER, JÜRGEN KREMB,

ANDREAS LORENZ, THILO THIELKE

Zur Ausgabe
Artikel 110 / 128
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.