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FUSSBALL Ein Unfall der Geschichte

Die Front gegen Teamchef Erich Ribbeck wächst. Ehemalige wie aktive Profis, Werbepartner wie Clubmanager sorgen sich um den Ruf des deutschen Fußballs. Statt für Reformen steht Ribbeck für Rückschritt. Der nötige Neuaufbau wird versäumt.
Von Jörg Kramer und Michael Wulzinger
aus DER SPIEGEL 7/1999

Dem Fußball, sagt der kleine Mann, verdankt er ein Leben in Fülle und Wohlstand. Er hat die Dinge seines Sports immer sehr gewissenhaft betrieben, nie ging ihm irgend etwas durch, und dann das: Kommt Samstag nach Hause, parkt das Auto vor der bepflanzten Schubkarre im Vorgarten seines Eigenheims in Kleinenbroich am Niederrhein, knipst den Fernseher ein, USA gegen Deutschland - und da ist das Spiel schon fast vorbei.

Berti Vogts hat doch glatt den Anpfiff verpennt. So was ist ihm noch nie passiert. Bei näherem Nachdenken über diesen Vorgang erschließt sich ihm allerdings auch ein tiefer Symbolgehalt: Berti steht jetzt drüber. Nationalmannschaft? Nicht mehr sein Thema, sagt der vor fünf Monaten abgetretene Bundestrainer nach dem 0:3 gegen die USA - »fragen Sie das Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes«.

Es ist nur so, daß das Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in einer der trübsten Wochen seines Bestehens immer genau da war, wo es eher nicht vermutet wurde: Egidius Braun gestattete sich nur einen Auftritt, als er am vergangenen Montag bei einer Informationsveranstaltung des Fußball-Verbandes Mittelrhein vorstellig wurde. In der Cafeteria des Aachener Tivoli, der Heimstatt des Regionalligaclubs Alemannia, sprach er zum Pilotprojekt »Jugendfußball an Schulen in Stadt und Kreis Aachen«. Dann ging der Präsident heim und zog den Kopf ein.

Statt dessen legte die versammelte, noch lebende Ahnengalerie des deutschen Fußballs die Stirn in Falten. Günter Netzer erlebte als Beobachter dieses 0:3 in Jacksonville, einem Ort, der nun für alle Zeit befleckt sein wird wie das argentinische Córdoba (2:3 gegen Österreich, 1978), »das Schlimmste, was ich im Fußball jemals gesehen habe«. Und Wolfgang Overath fürchtete: »Die Spieler riskieren, daß sich die Menschen vom Fußball abwenden.« Im Footballstadion, in dem die Deutschen untergingen, wurde ein Verirrter gesichtet, der ein Transparent hochhielt; auf dem stand: »Wir wollen Berti«. Und die »FAZ« notierte kühn: »3:0 für Berti Vogts«.

Die wachsende Sehnsucht im Volk nach Vogts, der fleischgewordenen Fußballpleite, zeigt: Unter der führenden Hand des Teamchefs Erich Ribbeck sind die deutschen Fußballnationalen da angekommen, wo sie nicht mal Jupp Derwall, ein ausgewiesener Sachkenner deutscher Brau- und Sangeskunst, hingekriegt hat.

Viel fehlte nicht, und ZDF-Mann Dieter Kürten wäre an der Seite von Erich Ribbeck durchs Studio geschunkelt, bloß weil sich elf Deutsche drei Tage nach ihrem USA-Schrecken zu einem 3:3 gegen zehn Kolumbianer stolperten. Es ist, als hätte Kanzler Gerhard Schröder seinen kongenialen Partner im Fußballstadion gefunden: Unter Ribbeck geht zwar das meiste schief, aber das Amt macht ihm mächtig Spaß.

Endgültig passé jene Tage, in denen Berti Vogts, untergehakt vom Männerkumpel Helmut Kohl, alte Werte in einer neuen Spaßgesellschaft zum Funkeln bringen wollte. Die deutschen Nationalkicker, meinte Kohl einmal, gäben, »grob gesagt, schon etwas wieder vom Nationalcharakter unseres Volkes«.

Es war die Zeit, in der - wenn nicht gerade Weltmeisterschaft war - meistens stimmte, was der englische Fußballprofi Gary Lineker einmal so formulierte: »Fußball ist ein einfaches Spiel, bei dem 22 Männer gegeneinander spielen, und zuletzt gewinnen immer die Deutschen.« Unter Erich Ribbeck, der größten Fehlbesetzung auf dem Posten des Cheftrainers in der deutschen Geschichte, gewinnen am Ende sogar die Amerikaner.

Inzwischen ist die Sache außerordentlich ernst. Der Bund der Steuerzahler moniert, ARD und ZDF würden öffentliche Gelder in eine »Lusche« investieren. Und Matthias Kleinert, Sprecher des Hauptsponsors DaimlerChrysler, deutet dräuendes Ungemach an: Auftritte wie der gegen die USA »können das Ansehen des deutschen Fußballs in Frage stellen - und damit auch das Ansehen des Werbepartners«.

Die Verantwortung für dieses Absetzmanöver liegt im Chefbüro des DFB. Nach Vogts' Abtreten hat es nicht mal ein halbes Jahr gedauert, bis sich erwies, daß Egidius Braun für den deutschen Fußball zu einem Sicherheitsrisiko geworden ist. Der 73jährige Präsident hatte Ribbeck mit der unwiderstehlichen Kraft des Alterstrotzes ins Amt des Chefbetreuers berufen. Statt seinem Laden eine Grundsanierung zu gönnen, war dem DFB nur am kurzfristigen Erfolg gelegen, der Qualifikation für die Europameisterschaft im Jahr 2000.

Die Nachfolge des spröden Vogts, dem Braun einmal bescheinigte, er sei eben »kein Thomas Gottschalk«, trat ein älterer Herr an, der noch immer weiß, wie man heutzutage die Krawatte bindet. Ribbeck, 61, ist darüber hinaus in der Lage, Subjekt, Prädikat und Objekt so aneinanderzureihen, daß er zwischendurch nicht verunglückt. Aber er hatte schon zu seinen Zeiten als Übungsleiter in der Bundesliga nie vermitteln können, wie beispielsweise eine Viererkette in der Abwehr funktioniert. Als Trainer war Erich Ribbeck immer so etwas wie ein Montagsauto.

Und deshalb war es schon ganz richtig, daß er sich vor Jahren ins Retiro nach Teneriffa verabschiedet hatte, wo er seine Zeit sinnvoll nutzte: Er ließ den großen Fußball liegen und übte lieber mit dem kleinen Golfball. Als puttender Rentner war Ribbeck gut aufgehoben - bis zu jenem Tag, als ihn der Anruf von Egidius Braun erreichte. Der Berliner Professor für Philosophie des Sports, Gunter Gebauer, erkennt darin »das Prinzip des Honoratiorensystems - so hat man sich früher seine Doppelkopfpartner für die Partie am Freitagabend ausgesucht«.

Offenkundig wird der Irrtum dadurch, daß der DFB-Spitze auch bei der Besetzung des zweiten Mannes ein schwerer Konstruktionsfehler unterlief. Auf dem Posten des Assistenten, der vom DFB aus alter Tradition an Handlanger vergeben wird und deshalb zuletzt mit Rainer Bonhof idealbesetzt war, wirkt jetzt mit Uli Stielike ein selbstbewußter Trainer, der im Gegensatz zu seinem Chef eine Idee vom Fußball hat. Das moderne Spiel funktioniert nach seinem Verständnis nur mit feingliedrigen taktischen Konzepten - eine Überzeugung, die er seinem Vorgesetzten partout nicht zu vermitteln vermag. »Konzepte sind Kokolores, weil allein das nächste Spiel zählt«, findet Ribbeck.

Kein Wunder, daß sich die Kollisionen häufen. Wenn Stielike mit der Viererkette arbeiten will, hat Ribbeck eine entgegengesetzte Vision, wenngleich dem Anschein nach noch nicht bis in die letzte Nuance zu Ende gedacht: »Wir spielen mit Libero, zwei Mann davor, dazwischen oder dahinter.« Wenn Stielike nölt, Matthäus habe die Abwehr verwaisen lassen, zischelt Ribbeck, Matthäus habe im Mittelfeld »die Löcher gestopft«, und gibt seinem Helfer noch gleich eins hinter die Ohren, als handle es sich um einen Spätpubertierenden: »Der Uli ist 17 Jahre jünger als ich, da sagt man schon mal etwas, was man nicht sagen sollte.«

Gute Stimmung gilt dem Teamchef als Wert an sich, Konflikte stören sein Wohlbefinden. So hatte er bis zum Spiel gegen die USA sogar die »Bild«-Zeitung im Arm - einen Gegner, gegen den Vogts immer verloren hatte. Ende letzter Woche noch betätigte sich ein »Bild«-Mann als Postillon d'amour und vermeldete mit heiterer Feder, er habe sich im sonst für den Reporter unzugänglichen Massageraum der Nationalen eine Blessur am Bein behandeln lassen dürfen. Nach dem 0:3 kippte die Tonlage: »Jetzt reicht's, ihr Flaschen!«

Zu wirr ist das Gekicke, als daß sich der nette Erich mit seiner Art auf Dauer vor Angriffen schützen könnte. 71 Prozent der anonym abstimmenden Bundesligaprofis, so das Fachblatt »Kicker«, halten Ribbeck für den falschen Vorsteher; der Münchner Mitwirkende Jens Jeremies bekannte sich sogar öffentlich zu seinen Bedenken: »Wir wissen gar nicht, nach welchem System wir hier spielen sollen.«

Gegenwind? Der strömt an Ribbeck entlang wie an einer Neuentwicklung im aerodynamischen Testkanal. Also, die Stimmung sei schon bombig gewesen, fand er zum Abschluß der Dienstreise nach Florida, wenn nur nicht diese anstrengenden Spiele gewesen wären: »Diesen Fehler dürfen wir nie wieder machen.« So sind sie, die deutschen Profis: Haben immer nur dann Spaß am Fußball, wenn sie ihn nicht gerade spielen müssen.

Wäre er zuvor nicht so lange aus dem Geschäft ausgestiegen, Ribbeck könnte glatt der Erfinder der neuen Generation deutscher Fußballspieler gewesen sein. »Der Fisch stinkt ja immer vom Kopf her«, sagt ein Bundesliga-Manager, der es aus erster Hand weiß: »Ribbeck hatte keine Lust auf diese Reise, wie sollen dann die Spieler Bock haben?«

Es ist ein Unfall der Geschichte, daß ein zur Selbstüberschätzung neigender Fußballehrer jetzt für Spieler verantwortlich ist, die sich, wie Günter Netzer festgestellt hat, »alles, aber auch wirklich alles erlauben«. Mediokre Fußwerker, gegen die, so Netzer, »nach der grenzenlosen Freiheit durch das Bosman-Urteil jedes Druckmittel wirkungslos geworden ist«.

Zwar funktioniere eine Fußballmannschaft heute im Grunde noch so wie zu Hennes Weisweilers Zeiten, sagt Netzer: »Disziplin, Ordnung und Hierarchien - charakterfeste Spieler wollen sich in klaren Vorgaben ihres Trainers bewegen.« Aber Deutschlands Nationalspieler haben weder festen Charakter noch einen Trainer, der in der Lage wäre, Vorgaben zu machen.

»Andere Führung, andere Taktik, andere Vorstellungen vom Trainer«, so erklärt Bayern Münchens Übungsleiter Ottmar Hitzfeld das Phänomen, daß seine Angestellten beim Dienst im Nationaltrikot immer eine Etage unter Normalform antreten. Nach der Rückkehr von Ribbeck würden sich seine Jungs »freuen, daß sie wieder bei uns spielen dürfen«.

Es gibt ein paar Fachkundige der Branche, die sich darin einig sind, daß Erich Ribbeck so schnell, wie er kam, wieder hinfort auf seinen Golfplatz nach Teneriffa geschickt werden sollte, wenn dem deutschen Fußball noch mal aus dem Tal geholfen werden soll. Es ist bloß, wie es immer ist beim Sturz von Autoritäten: »Zitieren Sie mich nicht«, sagt etwa ein Bundesliga-Trainer, »aber wenn wir etwas aufbauen wollen, dann sollten wir den Heynckes noch mal fragen.«

Auf diesen Gedanken war sogar Egidius Braun gekommen - schon einen Tag nach der Demission von Vogts hatte er Jupp Heynckes, der gerade Champions-League-Sieger mit Real Madrid geworden und ohne feste Anstellung war, den Job des Bundestrainers angeboten. Heynckes lehnte ab, weil seine Ehefrau erkrankt war, und Braun entließ ihn mit der Bitte, er möge sich eine Ausstiegsklausel für das Amt des Bundestrainers vorbehalten, falls er bei einem Verein einen Vertrag unterschreibe.

Heynckes hat seither mehrere hochdotierte Angebote abgelehnt, die Gattin ist wieder gesund, aber die Vorschläge zur Sanierung der Nationalelf wird er nur über Kolumnen wie in »Bild am Sonntag« los. Seine Kompetenz ist in der Branche unbestritten - der größte Fehler, den er als Manager des FC Bayern München gemacht habe, meinte einmal Uli Hoeneß, sei die Entlassung des Trainers Heynckes gewesen.

Hoeneß, als Fußballmanager der Konkurrenz schon immer einen Gedanken voraus, hat im Sinne eines rigorosen Neuaufbaus schon vorgeschlagen, die Europameisterschaft im Jahr 2000 müsse notfalls ohne die Deutschen stattfinden.

Er mag dabei an das Beispiel der Kollegen aus Frankreich gedacht haben - die fehlten zwar wegen schwindsüchtiger Fertigkeiten am Ball bei den WM-Turnieren in Italien und den USA, nutzten aber die Jahre der Dürre zur Runderneuerung: In Frankreich erhalten die Proficlubs der 1. und 2. Liga ihre Lizenz nur noch dann, wenn sie Jugendliche in vereinseigenen Internaten heranbilden.

Nach der Weltmeisterschaft im vorigen Sommer stellte Frankreichs Fußball-Ikone Michel Platini fest, der Titel sei »das Ergebnis jahrelanger harter Nachwuchsarbeit«. Auch die Niederlande, die bei den WM-Turnieren 1982 und 1986 fehlten, arbeiteten über Jahre im stillen: In der Jugendfußballschule von Ajax Amsterdam wurden Helden wie Frank Rijkaard, Patrick Kluivert oder die Brüder de Boer groß.

Für seine Kleinen hat der DFB kürzlich ein Programm verabschiedet, das er als richtungweisend feiert: Die Nachwuchsarbeit wird in den kommenden fünf Jahren mit jeweils fünf Millionen Mark subventioniert - fünf Millionen Mark weniger, als der DFB künftig aus einem einzigen Heimspiel an Fernsehgeldern erlöst.

Daß man weiter zurückgehen muß, um die Wurzel des Übels zu packen, hat auch DFB-Vizepräsident Gerhard Mayer-Vorfelder schon erkannt, wenngleich mit einem eher eigenwilligen Ansatz. »Hätten wir 1918 die Kolonien nicht verloren«, so trauerte der Mann von Bildung im fernen Florida, »dann hätten wir Spieler aus Deutsch-Südwestafrika in der Nationalelf.«

Hilft nichts, weiß Mayer-Vorfelder, was weg ist, ist weg, deshalb hat er den Blick auch schon wieder stramm nach vorn gerichtet: Ehern beschwört der Funktionär die Rückkehr zu den »deutschen Tugenden«.

Rennen, kämpfen, hecheln? Fleiß, Strebsamkeit, Sauberkeit? Als habe sich Deutschland in seiner Nachkriegszeit nicht geändert, jener Ära, in der Egidius Braun mit einem Kartoffelhandel zu Wohlstand kam. Philosoph Gebauer jedenfalls sieht in Deutschland eher eine Gesellschaft, »die stark hedonistisch orientiert ist«.

Die deutsche Kulturszene, findet er, unterscheide sich schon lange nicht mehr etwa von der in Frankreich. Er erlebt »Frechheit, Provokation und produktive Flegelhaftigkeit«. In welchem Land er gerade ist, merkt Gebauer allerdings immer dann, wenn er auf den Fußballplatz geht. »Bei den Franzosen und den Holländern, da funkt es richtig«, sagt er. »Bei den Deutschen hat man immer das Gefühl, die schleppen die Kartoffelsäcke für den Egidius Braun übern Platz.« MATTHIAS GEYER, JÖRG KRAMER,

MICHAEL WULZINGER

Mathias Geyer
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