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Formel 1 Einbeinige Zwerge

Gerhard Berger, von McLaren für sechs Millionen Dollar Jahresgage verpflichtet, paßt nicht in den engen Rennwagen.
aus DER SPIEGEL 21/1990

In der Formel 1, behauptet Ex-Weltmeister Jackie Stewart, »ist der Erfolg käuflich«. Wer das meiste Geld hat, könne sich die besten Fahrer, die besten Ingenieure, das beste Material leisten - und er wird gewinnen.

Der englische Rennstall McLaren, der in den letzten sechs Jahren fünfmal die Weltmeisterschaft gewann, ist der Krösus der Branche: Rund 200 Millionen Mark hat Teamchef Ron Dennis für seinen High-Tech-Betrieb, der mehr einem medizinischen Labor als einer Autowerkstatt ähnelt, in diesem Jahr zur Verfügung; im südenglischen Woking beschäftigt er 130 Angestellte, weitere 100 Techniker stehen beim Motorenlieferanten Honda im Lohn. Und weil Dennis »immer das Beste auf dem Markt kauft«, verpflichtete er den Formel-1-Piloten Gerhard Berger, 30, für eine Jahresgage von rund sechs Millionen Dollar.

Doch das teure Team und der teure Fahrer passen nicht zusammen: Der Österreicher, 185 Zentimeter lang, ist zu groß für das McLaren-Auto.

Beim ersten Rennen für seinen neuen Arbeitgeber, dem Grand Prix der USA in Phoenix, landete Berger nach einem Fahrfehler in einem Reifenstapel - sein rechter Fuß, gab er zu Protokoll, hatte sich »zwischen Gaspedal und Bremse verhakt«. In Brasilien, zwei Wochen später, kam er zwar als Zweiter ins Ziel. »Schmerzen im Bremsfuß« hinderten ihn jedoch daran, den führenden Ferrari-Piloten Alain Prost zu attackieren.

Auch beim Großen Preis im italienischen Imola am vorletzten Sonntag war der McLaren-Mann außerstande, dem vorauseilenden Williams-Rennwagen von Riccardo Patrese zu folgen. Berger mußte sich wiederum mit Platz zwei bescheiden: »Das Auto«, klagte er im Ziel, »ist für mich unmöglich zu fahren.«

Der Tiroler, längster Pilot im Formel-1-Zirkus, übernahm zum Jahreswechsel ein McLaren-Modell, das für seinen Vorgänger Prost (1,60 Meter) und seinen Teamkollegen Ayrton Senna (1,76 Meter) maßgeschneidert worden war - und für das Berger einige Zentimeter zu groß ist. Ex-Weltmeister Niki Lauda riet seinem Landsmann schlicht, er müsse darauf drängen, »daß McLaren ein geräumigeres Auto baut«.

Doch das Team, das den peinlichen Fehler am liebsten totschweigt, übt sich seit Wochen nur im Basteln: Vor Imola versetzten die Techniker in Bergers Auto die Armaturentafel nach oben, weil dessen Knie dort anstießen. Ungelöst blieb aber die Enge im Fußraum.

Da Formel-1-Wagen über keine servounterstützte Bremsanlage verfügen, erfordert der Tritt aufs Pedal ungleich mehr Kraft als in einem zivilen Automobil. Bislang war es Berger unmöglich, das rechte Bein beim Bremsen durchzustrecken. Er behalf sich, indem er den rechten Fuß nach innen kippte.

Für einige Runden geht das problemlos. Doch bei anderthalb Stunden dauernden Rennen führt die verkrampfte Haltung zu gestörter Blutzirkulation - Bein und Fuß schlafen ein. Am vergangenen Freitag reiste Berger deshalb zu neuerlichen Sitzproben nach Woking. Denn beim nächsten WM-Lauf, am kommenden Sonntag im engen Kurvenlabyrinth des Fürstentums Monaco, kann ein eingeschlafenes Bein fatale Folgen haben. Kleinste Fahrfehler enden dort an Betonmauern oder in Leitplanken. Berger: »Nirgendwo ist das körperliche Wohlbefinden wichtiger als in Monte Carlo.«

Deshalb versuchen McLaren-Techniker nun, die Anordnung der Pedale so zu verschieben, daß Berger das rechte Bein beim Bremsen ausstrecken kann und nur beim weniger kräftezehrenden Gasgeben zur Seite neigen muß.

Bergers Malaise ist beispielhaft für die jüngste Entwicklung im Formel-1-Gewerbe, in dem sich zunehmend der Mensch der Technik unterwirft. Zwar boten die schnellen Einsitzer noch nie hohen Sitzkomfort, doch eine 1988 eingeführte Sicherheitsvorschrift hat die Enge im Cockpit verschärft: Weil die Piloten bei Frontalkollisionen oft Fußbrüche erlitten, muß die Pedalerie jetzt hinter der Vorderachse liegen. Das an sich lobenswerte Reglement hat ein Manko: Der Raum zwischen Rückenlehne und Pedalen wurde kleiner.

Seitdem klagen Fahrer von mehr als 180 Zentimeter Körperlänge über indiskutable Arbeitsbedingungen. Im vorigen Jahr schimpfte der Amerikaner Eddie Cheever, daß er die Pedale kaum bedienen könne, »weil meine Beine so stark angewinkelt sind«.

Zuweilen ist die Physiognomie eines Piloten bei der Vergabe eines Arbeitsplatzes entscheidender als sein fahrerisches Können. So hatte der Münchner Christian Danner vor zwei Jahren bereits einen Vertrag im Ligier-Team unterschrieben.

Bei der Sitzprobe stellte sich jedoch heraus, daß der Deutsche, 186 Zentimeter lang, eine Handbreit zu groß war. Das Problem etwa durch die Verlängerung des Radstandes zu lösen, scheitert stets am Veto der Konstrukteure. Schon zwei Zentimeter mehr können das Auto im Fahrverhalten negativ beeinflussen.

Berger ("Gefragt sind einbeinige Zwerge") will bei Fisa-Präsident Jean-Marie Balestre schnellstmöglich »Mindestmaße im Cockpit« durchsetzen. Experten schätzen die Chancen jedoch gering ein, da der Verband die Formel 1 als eine Klasse mit einem »möglichst freien Reglement« propagiert.

So wird Berger wohl auch in Zukunft die Knie anziehen müssen - selbst wenn McLaren für 1991 ein neues Modell präsentiert. Da der Zehnzylindermotor laut Berger »ausgereizt ist« - die Siege von Ferrari und Williams-Renault bei den letzten beiden Rennen unterstreichen das -, wird Honda im nächsten Jahr einen Zwölfzylinder einbauen. Die zusätzlichen Zylinder, weiß Berger, »brauchen noch mehr Platz und einen größeren Tank«.

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