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»Eine Art Kriegsersatz«

SPIEGEL-Interview mit Arthur Ashe über den Daviscup-Wettbewerb
aus DER SPIEGEL 29/1989

Arthur Ashe, 46, war von 1981 bis 1985 Kapitän der amerikanischen Daviscup-Mannschaft. Zweimal gewann das US-Team unter der Führung des Wmbledonsiegers von 1975 den Pokal. Nach mehreren Herzinfakten und Bypass-Operationen arbeitet Ashe heute für den amerikanischen Fernsehsender HBO als Tenniskommentator.

SPIEGEL: Wie groß ist der Erwartungsdruck auf das amerikanische Daviscup-Team?

ASHE: Sicher treten die Deutschen, vor allem Boris Becker, unter größerer Belastung an. Wenn Jelen oder Steeb nervös werden und mit den Zähnen klappern, wird man ihnen das nachsehen - aber wehe, wenn der Wimbledonsieger unterliegt.

SPIEGEL: Und wenn die Verlierer Agassi und McEnroe heißen sollten?

ASHE: Für uns ist das sicher kein nationales Unglück. Die Gastgeber mag eine Niederlage anders treffen: Was gibt es in Deutschland in diesen Wochen außer Tennis? Vielleicht noch Fußball. In den USA dagegen konkurrieren zehn weitere Sportereignisse mit dem Daviscup. Folglich steht Tennis in der Beliebtheitsskala auch nur an sechster Stelle.

SPIEGEL: Wie schätzen Sie die Chancen ein?

ASHE: Die Deutschen haben leichte Vorteile. Boris Becker hat schon lange kein Einzel im Daviscup mehr verloren, und Agassi ist derzeit lange nicht mehr so gut, wie er es noch vor einem Jahr war.

SPIEGEL: Kann sich in einem Team, das aus so unterschiedlichen Charakteren wie Agassi und McEnroe besteht, ein Mannschaftsgeist entwickeln?

ASHE: Natürlich nicht wie in einer Football- oder Basketball-Mannschaft, die über Monate zusammen spielt. Die Daviscup-Crew trifft sich vielleicht drei- oder viermal im Jahr jeweils über sechs Tage. Woher also soll die Chemie, die absolute Übereinstimmung, kommen?

SPIEGEL: Läßt sich mit dem Namen McEnroe überhaupt die Vorstellung von Harmonie verbinden?

ASHE: Er würde sicher selbst nicht von sich behaupten, daß er im Umgang immer einfach ist. Aber ganz generell: Tennis-Topstars sind daran gewöhnt, mit den Fingern zu schnippen, und umgehend wird ihnen jeder Wunsch erfüllt. Bei Turnieren fordern die, wie Könige, zumindest wie Mitglieder einer königlichen Familie behandelt zu werden. Die Eingliederung in ein Team ist folglich oft schwierig.

SPIEGEL: Sind junge Hoffnungsträger wie Andre Agassi oder Michael Chang Ausdruck einer grundsätzlichen Erneuerung des US-Tennis oder nur Einzelfälle?

ASHE: Im Moment geht es mit dem US-Tennis wieder bergauf und das nicht allein durch die Anstrengungen des Verbandes. Häufig sind es die Eltern, die mit Hingabe ihre Zöglinge unterstützen. Sehen Sie sich an, woher diese jungen Talente stammen, die jetzt Schlagzeilen machen. Es sind Kinder von Einwanderern . . .

SPIEGEL: . . . für die der Sport das Sprungbrett vom Underdog in die amerikanische Gesellschaft ist?

ASHE: Genau. Changs Mutter zum Beispiel ist eine in Indien geborene Chinesin, sein Vater kommt aus China. Agassis Vater ist Armenier, er hat bei Olympischen Spielen für den Iran geboxt. Der Vater der überaus talentierten Jennifer Capriati ist in Italien geboren.

SPIEGEL: Steht der Tennissport, und damit auch der Davispokal, mehr denn je in der Gefahr, unter den Einfluß von Sponsoren zu geraten?

ASHE: Ganz klar: Je mehr die Sponsoren bezahlen, desto mehr Einfluß wollen sie gewinnen. Gegen diese Tendenzen muß man sich wehren. Wir dürfen die Ideale des Sports nicht verkaufen.

SPIEGEL: Das bevorstehende Daviscup-Duell wird von chauvinistischen Untertönen begleitet, die bisher eher bei Fußballspielen zu erkennen waren.

ASHE: Je kleiner die Länder, das scheint der Trend zu sein, desto ausgeprägter sind die nationalistischen Tendenzen. Für manchen ist das eine Art Kriegsersatz - ein freundlicher Krieg allerdings, der einem die Chance gibt, patriotischen Dampf abzulassen. Und das schadet keinem.

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