Zur Ausgabe
Artikel 134 / 153
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Eine Grenze ist gefallen«

Ottmar Hitzfeld, Trainer bei Bayern München, über den Stress in seinem Beruf und die Folgen des Falls Daum für den Fußball
aus DER SPIEGEL 44/2000

SPIEGEL: Herr Hitzfeld, es gibt Fußballtrainer, die sind über ihren Job an die Flasche geraten, andere sind mit einem Herzinfarkt auf der Bank zusammengebrochen. Christoph Daum hat offenbar Kokain genommen, um den Druck zu bewältigen. Was ist so extrem an Ihrem Beruf?

Hitzfeld: Wenn ich mir einen Manager im zivilen Berufsleben vorstelle, dann unterstelle ich einmal, dass auch der besonderen Druck hat. Er hat schwierige Sitzungen zu überstehen, aber dann holt er einen großen Auftrag an Land und hat ein Vierteljahr lang Ruhe. Ein Bundesligatrainer hat permanenten Druck. Ich kann mittwochs einen großen Sieg gegen Real Madrid feiern, und samstags muss ich, sagen wir mal, nach Magdeburg. Da muss ich aber auch gewinnen - unter anderem deshalb, weil über ein solches Spiel inzwischen genauso umfangreich berichtet wird. Man wird ständig gefordert. Man kann nie sagen: Jetzt habe ich es geschafft.

SPIEGEL: Welche Situationen bereiten Ihnen Stress?

Hitzfeld: Ich glaube, Stress ist das, was ich vor dem Spiel empfinde. Ich habe dann immer ein komisches Gefühl - vielleicht ist sogar Angst das richtige Wort dafür. Ich beobachte mich dann immer sehr genau und werde stutzig, wenn ich einmal feststellen sollte, dass ich locker bin. Wenn ich locker bin, besteht die Gefahr, dass ich die Gefahr nicht erkenne. Deshalb ist ein bisschen Angst vor jedem Gegner wichtig. Ich muss ständig im Kopf haben: Ich kann da gleich verlieren, und wenn ich verliere, habe ich Ärger. Dann kommen drei, vier Tage, in denen ich keine Argumente habe. Denn als Verlierer hat man keine Argumente. Einem Verlierer glaubt man nichts.

SPIEGEL: Die Zeit vor einem Spiel ist schlimmer als das Spiel selbst?

Hitzfeld: Ja, ich glaube schon. Allerdings: Wenn das Spiel läuft, muss ich versuchen, einen zusätzlichen Adrenalinstoß zu bekommen, damit ich ständig hoch konzentriert bin. Ich muss manchmal innerhalb von Sekunden Entscheidungen treffen, ich bin Situationen ausgeliefert, die ich vorher gedanklich nicht durchspielen konnte. Und wenn ich dann meine Entscheidung getroffen habe, muss ich sie auch hinterher noch als richtig vertreten können. Wenn mir das nicht gelänge, würde meine Kompetenz als Trainer sofort leiden.

SPIEGEL: Steigt der Druck, wenn Sie daran denken, dass Ihnen ständig ein paar Millionen Menschen bei der Arbeit zusehen?

Hitzfeld: Inzwischen nicht mehr. Aber ich bin jetzt 51 Jahre alt und lebe in einer komfortablen Situation. Wenn ich in München entlassen würde, dann wüsste ich, dass ich jederzeit andere Angebote bekäme. Aber ich weiß auch, wie es in einem aussieht, der noch am Anfang seiner Karriere steht. Man lebt ständig in einem Umfeld der Spannung. Ein Trainer von 40, 45 Jahren bekommt leicht Existenzangst, wenn er verliert. Ich hatte solche Gedanken, als ich bei Borussia Dortmund anfing, mir in Deutschland als Trainer einen Namen zu machen. Dass ich solche Ängste inzwischen nicht mehr habe, liegt auch daran, dass ich eine Frau habe, die den Stress aushält.

SPIEGEL: Gibt es Situationen, in denen Sie denken: Von dem, was ich gleich entscheide, hängt ab, ob mein Verein einen Millionengewinn oder Millionenverlust macht?

Hitzfeld: Nein. Nie. Ich will immer nur gewinnen. Ich leide, wenn ich verliere. Ich gratuliere zwar dem Sieger, aber es tut mir sehr weh. Bloß: Bei all dem denke ich zum Glück nie an irgendwelche Konsequenzen.

SPIEGEL: In Dortmund hatten Sie einen Darmdurchbruch. Hatte der nichts mit Ihrem Beruf zu tun?

Hitzfeld: Jedenfalls nicht direkt. Es war die Folge einer medizinischen Behandlung, die ich nicht vertragen habe. Trotzdem war diese Operation ein Zeichen, dass sich etwas ändern muss in meinem Leben. Ich sitze seitdem abends nicht mehr so oft am Schreibtisch, sondern gehe häufiger mit meiner Frau essen.

SPIEGEL: Die Affäre um Christoph Daum ist auch deshalb entartet, weil sich die Medien daran festgebissen haben, als gelte es, einen Bundeskanzler zu stürzen. Ist der Beruf des Fußballtrainers tatsächlich so wichtig, wie er öffentlich erscheint?

Hitzfeld: Für meine Begriffe nicht. Fußball ist ein Spiel, und ich habe das Glück, dass ich bei diesem Spiel dabei sein kann.

SPIEGEL: Für Daum, der in einfachen Verhältnissen aufgewachsen ist, bedeutete Erfolg in diesem Spiel soziale Anerkennung.

Hitzfeld: Die gesellschaftliche Stellung, die ein Fußballtrainer inzwischen vermeintlich hat, ist ganz klar ein Ergebnis der veränderten Medienwelt. Die Schlagzeilen, die mit Fußball produziert werden, erinnern mich an das, was ich als Kind von Pophelden kannte. Früher hat man gekreischt, wenn die Beatles kamen. Heute kreischt man, wenn Carsten Jancker aus der Umkleidekabine kommt.

SPIEGEL: Daum galt als Idealbesetzung eines Trainers in einer Medienwelt, die den »Big Brother«-Container erfunden hat. Er bediente alle Bedürfnisse, er ließ seine Spieler sogar über Glasscherben laufen. Hat er jetzt die Quittung dafür bekommen, dass er alles mitgemacht hat?

Hitzfeld: Natürlich. Aber das haben auch schon andere Kollegen vor Daum erfahren. Ich bin froh, dass ich nicht Trainer geworden bin, um bekannt zu werden. Ich bin Trainer geworden, um meine Familie ernähren zu können. Deshalb habe ich es vielleicht leichter als andere, die nur an ihre Karriere denken.

SPIEGEL: Haben Sie in den letzten Wochen etwas Neues über Ihren Beruf gelernt?

Hitzfeld: Dass hier von den Medien eine Lawine losgetreten worden ist, hat mich ei-

nerseits nicht überrascht. So etwas hat es in Amerika schon vor Jahren gegeben, als dort die Medienwelt schon so war, wie sie jetzt hier ist. Das Ausmaß dieser Lawine hat mich dann aber doch geschockt. Ein zweiter Schock kam mit dem Ergebnis der positiven Haaranalyse, es war ein Schock über Daum selbst; dass ein Mensch so sehr den Bezug zur Realität verlieren kann; dass er sich einer solchen Untersuchung stellt, obwohl er weiß: Sie kann auch positiv sein. Es war ein Schock darüber, wie sich ein Mensch, wahrscheinlich unter dem Einfluss von Drogen, von jeder Vernunft entfernen kann.

SPIEGEL: Wird diese Affäre bleibende Schäden in Ihrem Metier hinterlassen?

Hitzfeld: Ich befürchte, dass hier eine Grenze gefallen ist. Bis zum Fall Daum hatte die Privatsphäre immer noch einen gewissen Schutz. Jetzt sind wir noch gläserner geworden, als wir es vorher schon waren. Ich glaube, dass der Fall Daum andere Fälle nach sich ziehen wird.

SPIEGEL: Können Sie sich unter solchen Bedingungen eigentlich vorstellen, Bundestrainer zu werden?

Hitzfeld: Ich kann mir schon vorstellen, dass ich einmal Bundestrainer sein könnte. Aber ich kann nicht sagen, wann genau das der Fall wäre.

SPIEGEL: Die Zukunftsplaner des deutschen Fußballs sind da schon weiter: Sie möchten, dass Sie den Job nach der Fußball-WM 2002 von Rudi Völler übernehmen.

Hitzfeld: Das mag schon sein. Ich allerdings kann so nicht planen. Denn ich habe einen Vertrag beim FC Bayern München, der bis 2003 geht. Und ich bin es gewohnt, meine Verträge zu erfüllen.

SPIEGEL: Für Christoph Daum wäre der Job des Bundestrainers der Gipfel eines Lebensentwurfs gewesen. Für Sie auch?

Hitzfeld: Wenn ich einmal Bundestrainer sein sollte, irgendwann, dann mit Sicherheit nicht wegen der gesellschaftlichen Reputation, die damit verbunden ist. Wenn man als Vereinstrainer so viel erlebt hat wie ich, dann kann die Aufgabe als Nationaltrainer noch einmal eine ganz neue Herausforderung darstellen. Ich hätte nicht mehr 60 Spiele im Jahr, sondern vielleicht nur noch 10. Aber jedes von diesen 10 Spielen ist ein entscheidendes Spiel. Ich wäre nicht mehr täglich mit Spielern zusammen, sondern nur noch sporadisch und müsste so arbeiten, dass alles auf den Punkt genau stimmt. Das wäre noch einmal eine ganz andere Aufgabe. Außerdem: 10 Spiele im Jahr reichen, wenn man älter wird. INTERVIEW: MATTHIAS GEYER

* Als Trainer des Hamburger SV beim 2:2 gegen Borussia Dortmundam 19. April 1980.

Zur Ausgabe
Artikel 134 / 153
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.