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Eine Nummer kleiner

Länder der Dritten Welt werben als Organisatoren von Weltmeisterschaften um Sympathie und Touristen. Dem Sport kann es nur nützen.
aus DER SPIEGEL 30/1982

Den wohlhabenden kalifornischen Gemeinden Santa Clara und Concord erschien die Weltmeisterschaft zu kostspielig. Da übernahm Ecuador die WM, ein Entwicklungsland mit einem Bruttosozialprodukt pro Jahr und Einwohner von etwa 1200 Dollar, zehnmal so niedrig wie in den USA.

Die IV. Schwimm-Weltmeisterschaften finden nun vom 29. Juli bis zum 8. August in Guayaquil (1,2 Millionen Einwohner) statt. »Das Schwimmfest erlaubt es Ecuador, seinen Namen in der Welt zu verbreiten«, schrieb die Zeitung »Hoy«, »seine Werte, Gebräuche und Kultur bekannt zu machen.«

Für etwa 22,6 Millionen Mark hat die Hafenstadt, auch mit bundesdeutscher Hilfe, das Schwimmstadion Alberto Vallarino (10 000 Zuschauer Fassungsvermögen) gebaut und drei weitere Anlagen renoviert. TV-Lizenzgebühren und Werbung sollen die Kosten decken.

Das Schwimmereignis in Ecuador unterstreicht die Tendenz von Ländern der Dritten Welt, zunehmend sportliche Großereignisse zu organisieren.

Den ersten Durchbruch schaffte Mexiko. Das Land, auf der Schwelle vom Entwicklungsland zum industrialisierten Staat, verschaffte sich 1968 weltweit Respekt und Sympathie mit den farbigsten und temperamentvollsten Olympischen Spielen seit dem Zweiten Weltkrieg.

Durch das Azteken-Fußballstadion, in der Form einer Annäherung von Ellipse an den Kreis, das die Kurvenbesucher näher an den Ball bringt, schufen die Mexikaner ein Modell für den modernen Stadionbau. Die Fußball-WM 1970 untermauerte Mexikos Anspruch und erschloß das Land auch dem Tourismus aus Europa.

Das Beispiel Mexiko ermutigte andere Länder, Prestigepunkte auch auf Kosten dringender Sozialinvestitionen zu sammeln. Zaires Staatschef Mobutu lockte die Box-Großverdiener Muhammad Ali und George Foreman 1974 zum Weltmeisterschaftskampf in seine Hauptstadt Kinshasa. »Vertraut Mobutu«, schlachtete er das Ereignis auch innenpolitisch aus, »wie Ali und Foreman Mobutu vertrauen.«

Ein Jahr später trafen sich Ali und Joe Frazier zum Titelkampf, dem »Thrilla von Manilla« (Ali), auf den Philippinen. 1978 kaufte der Inselstaat für fünf Millionen Dollar die Schach-Weltmeisterschaft zwischen dem regimetreuen Sowjetrussen Anatolij Karpow und dem emigrierten Wiktor Kortschnoi.

Kuba, die erfolgreichste Sportmacht der Dritten Welt, organisierte 1974 in Havanna die Amateur-Boxweltmeisterschaften. Das einstige Havanna-Hilton erklärten die Organisatoren zum »Olympischen Dorf« für die Boxer. Im selben Jahr sollten in Angolas Hauptstadt die weltbesten Rollhockey-Equipen um den Titel spielen. Doch da griff der Bürgerkrieg auf Luanda über. Angereiste Mannschaften wurden ausgeflogen, das Turnier fand in Lissabon statt.

Als sportfreudigste Stadt Südamerikas tat sich Cali (950 000 Einwohner) in Kolumbien hervor. 1975 kämpften dort die Schwimmer und die erfolgreichsten Frauen-Basketball-Nationalmannschaften um ihre Welttitel. »Wir legen besonderen Wert auf die Berichterstattung durch die internationale Presse«, begründete Calis WM-Koordinator Alfredo Cajiao. Für 1982 hat Cali die Basketball-WM der Männer übernommen.

Ob sich Kolumbien - auch Cali ist als Spielort vorgesehen - mit der Fußball-WM 1986 übernimmt, will eine Kommission des Weltverbandes Fifa im Herbst prüfen: Staatspräsident Belisario Betancurt verweigert wegen der drängenden sozialen Probleme Steuergelder. Aber die Privatwirtschaft versprach, das Unternehmen zu finanzieren.

Die Weltorganisationen des Sports, in denen Funktionäre aus Drittweltländern ihren Einfluß ständig vergrößern, fördern Weltmeisterschaften in ärmeren Ländern wegen verschiedener Vorteile: Sie propagieren ihren Sport dort, wo ein größerer Zuwachs noch möglich ist.

Die Verbände bestehen zwar darauf, daß überall rekordfähige Wettkampfanlagen entstehen. Was jedoch Pannen bei der Unterbringung, beim Transport oder bei der Kommunikation anbelangt, halten sie sich mit offizieller Kritik zurück: Bescheidenere Titelkämpfe stutzen den unnötigen Gigantismus endlich zurück.

Schließlich verursachen Drittwelt-Länder weniger politischen Zank als Staaten des Westens und des kommunistischen Blocks. Kanadas Regierung hatte 1976 seine Garantie gebrochen und Taiwan von den Olympischen Spielen in Montreal ausgeschlossen. Als sich Montreal um die Schwimm-WM 1982 bewarb, konnte es abermals nicht garantieren, alle Sportler einreisen zu lassen. Guayaquil bot alle Garantien - und zusätzlich 60 Blazer für die Funktionäre des Weltschwimmverbandes.

»Die Mittel des Staates reichen nicht immer aus zur Lösung der gesellschaftlichen Probleme«, erklärte Ecuadors Staatspräsident Osvaldo Hurtado. »Wie enttäuschend ist es, oft zu sehen, wie die Gelder des Volkes versickern und die besten Initiativen zunichte werden. Das trifft auf die sportlichen Einrichtungen und die Organisation der Schwimm-Weltmeisterschaft zweifellos nicht zu.«

Die neue Welle bewegte schon das Internationale Olympische Komitee: Das IOC wählte die südkoreanische Hauptstadt Seoul für das Olympia 1988.

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