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»Eine richtige Pferdefabrik«

aus DER SPIEGEL 21/1990

Mit krummem Rücken sitzt der graumelierte Mittvierziger auf dem roten Kinderfahrrad. Mürrisch lenkt Paul Schockemöhle die platten Reifen seines rostigen Rades über den mistbedeckten Boden der Stallungen. Die geduckte Haltung und der gelegentliche Wechsel in den oldenburgischen Dialekt verraten noch seine bäuerliche Herkunft.

Ansonsten gleicht der Kontrollgang des Gestütsbesitzers im niedersächsischen Mühlen der nüchternen Inspektion eines modernen Fabrikherrn. Knappe Sätze bestimmen den Umgangston. Mit geschäftsmäßiger Routine unterhält sich der Chef auch mit Stallarzt Mark Koehne, obwohl es Außergewöhnliches zu bereden gibt.

Wenige Stunden vorher war zum drittenmal innerhalb einer Woche ein Fohlen geboren worden, das aus einer Embryoverpflanzung stammt. Minderwertigen Leihmüttern hatte Koehne die Frucht hochklassiger Stuten eingepflanzt - erstmals hatte diese Methode in einem deutschen Privatstall Erfolg.

Doch die wissenschaftliche Innovation bewegt den größten Züchter Europas genausowenig wie die Geburt irgendeines anderen Lebewesens in seinem Gestüt. Für Paul Schockemöhle, 45, zählt nur die wirtschaftliche Verwertung des Pferdes. Und der merkantile Nutzen der neuen Rösser zeigt sich frühestens in einem Jahr.

Emotionen im Umgang mit den Tieren kennt Schockemöhle nicht. Für den kühlen Rechner war das Nutzvieh stets nur ein probates Mittel zur Erlangung von Anerkennung, Macht und Geld. Nachdem der »Hühnerhof-Onassis« (Branchenspott) Ende der siebziger Jahre seine Eierfarm mit fast zwei Millionen Hühnern abgestoßen hatte, versuchte er zunehmend, Profit aus dem Pferdegeschäft zu ziehen. Inzwischen beherrscht er den deutschen Springsport. Ob Züchter, Händler, Turnierveranstalter oder Springreiter - wer etwas werden will, kommt an Paul Schockemöhle nicht vorbei.

Mittelpunkt des deutschen Springsports ist die Münsterlandstraße in der 700-Seelen-Gemeinde Mühlen. 50 Angestellte kümmern sich im Stall Paul Schockemöhle um 400 Pferde. Zum Personal zählen allein 15 Verkaufsreiter und vier Tierärzte, die in einer gestütseigenen Pferdeklinik beschäftigt werden.

Liebhaber schreckt diese Art der Tierhaltung immer noch. »Eine richtige Pferdefabrik«, entfuhr es Siegfried Boss, einem der Organisatoren des Weltcupfinales in Dortmund, als er im März das Gestüt besichtigte. Das Pferd sei »kein Batterietier«, kritisiert auch der westfälische Landstallmeister Gerd Lehmann die industrielle Aufzucht. Diese Vierbeiner könnten zwar mit medizinischen Mitteln fürs Auge aufgepäppelt werden, doch die Folgen der Massentierhaltung blieben auf Dauer nicht verborgen.

Der erfolgsorientierte Pferdemann Schockemöhle konnte denn auch bisher die großen züchterischen Erfolge nicht vorweisen. Und der Kaufmann Schockemöhle, der mit der Zucht, mit Beteiligungen an einer Spedition, an einer Möbel- und einer Betonfabrik sowie an einer Immobilienfirma jährlich rund 90 Millionen Mark Umsatz macht, hat schon ausgerechnet, daß seine Produktionsstätte bei monatlichen Kosten von 1500 Mark pro Pferd noch nicht genug abwirft.

Immer auf der Suche nach verwertbaren Neuerungen für seinen teuren Stall, stieß Schockemöhle in den USA auf die Vermehrung mittels Reagenzglas. Eigens für den Embryo-Transfer stellte er den Niederländer Mark Koehne ein, der nach Forschungen in Kentucky über dieses Thema an der Tierärztlichen Hochschule Hannover promoviert. Für Tests kaufte Schockemöhle ihm zehn Stuten vom Schlachthof.

Computer, Tiefgefrierautomaten und Elektronenmikroskop zählen nun zum Inventar des Pferdestalls. Inzwischen hat Koehne neun erstklassigen Stuten nach sieben Tagen Trächtigkeit die Embryonen ausgespült und eher schwerfälligen Tieren wieder eingepflanzt, die die Frucht austragen.

Läuft die Aufzucht wie gewünscht, darf sich Schockemöhle bald über bessere Renditen freuen. Die besten Turnierpferde, die bisher wegen ihres Einsatzes im Sport als Mutterstuten ausfielen, können nun Nachkommen am Fließband produzieren. Zudem erwartet der Großzüchter eine breite Qualitätsverbesserung, da erstklassige Vererber-Tiere so bis zu fünf Fohlen im Jahr hervorbringen können.

Selbst Krüppel wurden wieder kostbar. Der Schweizer Tierarzt Hanns Stihl verpaßte einer beinkranken Stute in einer sechsstündigen Operation eine Prothese, damit sie trotz schwerer Behinderung als Produktionsfaktor fungieren konnte. Das ehemals gute Springpferd wurde so als Embryo-Spender genutzt.

Bei den Züchtern des Landes geht schon die Angst um vor den neuen Aktivitäten des Pferde-Tycoons. Weil der Embryo-Transfer kostenintensiv ist, müssen die kleinen Gestüte weiter beim traditionellen Zuchtverfahren bleiben. »Wir stehen mit dem Rücken zur Wand«, sagt ein bekannter Züchter aus dem westfälischen Steinfurt, »wir werden unsere Pferde immer schlechter los.«

Die Sorgen der bäuerlichen Züchter »interessieren mich nicht«, betont der »Groß-Mogul« (Sport-Bild), schließlich habe man »die freie Marktwirtschaft«. Und im freien Spiel der Kräfte hat der Machtmensch Schockemöhle seine Interessen schon immer durchzusetzen verstanden.

Einen Großteil seiner trächtigen Stuten stellt der Pferdeproduzent in die Ställe von Bauern in der Nachbarschaft. Das Risiko trägt allein der Landmann. Denn Schockemöhle überweist die Futtergebühr nur dann, wenn das Fohlen auch gesund zur Welt kommt.

Das größte Geschäft aber macht Schockemöhle mit den rund 400 Pferden, die er den Bauern abhandelt und bei seinen pompösen Verkaufsveranstaltungen kurz vor Weihnachten in die ganze Welt weiterveräußert. Dann lädt der Pferdemakler zur »Performance Sales International« (PSI) ins oldenburgische Ankum ein. Bei reichlich Champagner wurden im letzten Jahr aus dem Besitz Schockemöhles 31 Pferde zum Preis von insgesamt 6 585 000 Mark versteigert.

Beim teuersten Pferdespektakel der Welt schaukeln sich die Käufer, oft genug lanciert durch Schockemöhle selbst, nach oben. Die Champagner-und-Roß-Gala wird auf diese Weise zu einer wundersamen Geldvermehrung: *___Für 350 000 Mark ersteigerte sich 1987 etwa die ____englische Lady Caroline Inchcape den Holsteiner Wallach ____Merano. Der Schimmel hatte ein halbes Jahr zuvor noch ____im Stall von Ruth Raab gestanden. Die Witwe aus ____Holstenniendorf hatte Merano für 13 000 Mark an den ____Zwischenhändler Maas J. Hell verkauft. *___Im Dezember 1989 erstand der Schweizer Industrielle ____Marc Senn für seine Tochter Suzannah den Rappen Gaston ____für 650 000 Mark. Gezüchtet hatte ihn Günter Pape aus ____Hemmoor bei Stade. Sechs Monate vor der PSI war der ____sechsjährige Hannoveraner für 40 000 Mark an ____Schockemöhle gegangen. *___200 000 Mark gab Schockemöhle im September 1989 dem ____Züchter Richard Dahl aus Wachtberg für die sechsjährige ____Stute Skarlett. Drei Monate später ersteigerte Claus C. ____Cramer, Rentier der Warsteiner Brauerei und ____Reitsport-Mäzen, den Grauschimmel in Ankum für eine ____Million Mark.

Die Züchter klagen zunehmend, daß für sie im boomenden Pferdegeschäft nur noch ein Taschengeld übrigbleibt. »Die Schere zwischen den horrenden Summen bei der PSI und dem, was wir bekommen, wird immer größer«, ärgert sich Erwin Niehues aus Lüdinghausen.

Weil aber schon das Interesse des Verkaufsweltmeisters als züchterischer Erfolg gewertet wird, »stehen die Leute Schlange bei ihm«, sagt Herbert de Baey, Züchter der Dressur-Weltmeister Ahlerich und Rembrandt.

Im Vierbeiner-Geschäft weiß inzwischen jeder, daß sich allein schon der Name Schockemöhle als Preistreiber erweist. In den USA, in England und der Schweiz sind Pferde des Deutschen die Sensation im Stall. »Dürfte Paul den Pferden seine Initialen PS einbrennen lassen«, meint Tierarzt Koehne, »könnte er noch teurer verkaufen.«

Auch so können sich die Zahlen sehen lassen. Während im vergangenen Jahr das deutsche Reitpferd im Mittel für 21 622 Mark verkauft wurde, erzielte Schockemöhle auf der PSI für die von ihm versteigerten Springpferde einen Durchschnittspreis von 212 419 Mark.

Die Geschäfte gehen glänzend, weil bei Schockemöhle Ambiente und Verpackung stimmen. Die Tiere sind bei der abendlichen Präsentation aufs feinste präpariert. Die Verkaufsreiter, unter ihnen mit Franke Sloothaak einer der stilistisch besten Jockeis der Welt, haben die Pferde hervorragend dressiert, jeder Demonstrationssprung sitzt auf den Millimeter. »Wir haben unser Pferd gar nicht mehr wiedererkannt«, wunderte sich Bernhard Bordieck, nachdem sein Everest Rapier ein Jahr in Mühlener Obhut war.

Weil die geschäftliche Verbindung zur High-Society so profitabel ist, will Schockemöhle den Reitsport nun gründlich vom ländlichen Geruch befreien. Um anderen Veranstaltern »zu zeigen, was man besser machen kann«, aber auch, weil die »Vermarktung von Turnieren die einzige Möglichkeit ist«, noch mehr zu verdienen, stieg er im September ins Turniergeschäft ein. Für die Organisation der »German Classics« in Bremen verbündete er sich mit Tennis-Makler Ion Tiriac - weil »beide gut im Geldscheffeln sind«, wie der Sport (Zürich) vermutete.

Nicht nur die langen Fernsehübertragungen und die Krabbensuppe für zwölf Mark erinnerten beim höchstdotierten europäischen Hallen-Reitturnier an elitäre Tennisveranstaltungen. Schockemöhle mietete gleich das gesamte VIP-Village, das sich der Deutsche Tennis Bund für seine Daviscup-Inszenierungen angeschafft und das auch schon bei der PSI gute Dienste geleistet hatte.

Schockemöhle zieht seine Fäden weltweit, nicht nur weil er ganze National-Equipen anderer Länder mit Pferden ausstattet. Für das Weltcupfinale 1990 stand Amsterdam als Ausrichter eigentlich fest - bis der stellvertretende Aktivensprecher Schockemöhle mit der kurzfristig erarbeiteten Konzeption einer Veranstaltergemeinschaft aus dem Ruhrgebiet in die entscheidende Sitzung ging. Prompt erhielt Dortmund den Zuschlag. Dort fungierte der dreimalige Europameister, der nach dem Ausfall seines Paradepferdes Deister (Gewinnsumme: 1 428 399 Mark) die eigene Karriere beendet hat, am Osterwochenende als sportlicher Berater.

Die Aufstellung der deutschen National-Equipe wird längst in Mühlen entschieden, Schockemöhle setzt seine Reklamereiter Sloothaak, Dirk Hafemeister und Otto Becker bevorzugt ein. Bundestrainer Herbert Meyer darf nur noch die Namen öffentlich verkünden.

Als sich bei den Olympischen Spielen in Seoul das Pferd Landlord verletzte, kam nicht Ersatzmann Karsten Huck zum Zuge. Schockemöhle setzte den damaligen Landlord-Reiter Ludger Beerbaum (er wurde später wegen einer Liaison mit Schockemöhles Ehefrau Barbara aus dem Stall geworfen) kurzfristig auf The Freak, das Ersatzpferd von Hafemeister. Beerbaum hatte vorher nie auf dem Pferd seines Stallkollegen gesessen. Das Experiment glückte.

»Wer will denn in diesem Lande jetzt Paul Schockemöhle noch die Stirn bieten?« fragte das Fachblatt reiten St. Georg anschließend. Und der britische Olympia-Vierte David Broome erkannte: »Wenn Paul nicht selbst reitet, wird er noch gefährlicher.«

So avancierte Irrwisch Schockemöhle zum »echten Sieger« (Bild) von Seoul. Während er tagsüber die deutsche Equipe zum Mannschafts-Gold managte, war Paul-Überall nachts in anderer Sache unterwegs.

Vor den Olympischen Spielen hatten die Koreaner bei der Suche nach Pferden für den Modernen Fünfkampf auch in Mühlen nachgeschaut. Aus der Nachbarschaft hatte Schockemöhle auf die schnelle 24 Pferde zusammengekauft, die von den Klassereitern Sloothaak und Beerbaum so elegant über die Hindernisse geritten wurden, daß die Einkäufer sofort zuschlugen.

In Seoul setzte dann aber ein südkoreanischer General den zweitklassigen Pferden einen Parcours vor, den die als mäßige Reiter bekannten Fünfkämpfer nie bewältigt hätten. Um ein Fiasko zu vermeiden, das seinen internationalen Ruf als Pferdehändler nachhaltig geschädigt hätte, legte Schockemöhle zu nächtlicher Stunde selbst Hand an. Zusammen mit seinem Chef-Verkäufer Ernst Hofschröer hängte er - ohne daß es der General gemerkt hätte - die Hindernisse kurzerhand niedriger.

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